Förderverein der Gedenkstätte und des Museums
Sachsenhausen e.V.

Am 2. November 1998 gründeten namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur des In- und Auslandes den Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V. Gründungsvorsitzender war der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Dr. h.c. Klaus Schütz, der am 29. November 2012 im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Bis März 2015 hatte der ehemalige brandenburgische Justizminister Dr. Hans Otto Bräutigam den Vorstandsvorsitz des Vereins inne.

Am 21. März 2015 wählten die Mitglieder auf der jährlichen Versammlung den renommierten Historiker Prof. Dr. Jürgen Kocka zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Fördervereins. Dem heutigen Vorstand gehören Prof. Dr. Jürgen Kocka (Berlin), Alice Ströver (Freie Volksbühne Berlin), Dieter Starke (Oranienburg), Rainer E. Klemke (Berlin) und Prof. Dr. Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) an.


Jürgen Kocka
Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V.

Porträt Jürgen Kocka

Jürgen Kocka ist seit dem Jahr 2000 Mitglied des Fördervereins und hat den Vorsitz im März 2015 übernommen. 1941 in Haindorf geboren, studierte er Geschichte und Politikwissenschaft in Marburg, Wien, Chapel Hill und der Freien Universität Berlin. Dort promovierte er 1968 mit seiner Dissertation "Unternehmensverwaltung und Angestelltengesellschaft am Beispiel Siemens 1847–1914. Zum Verhältnis von Kapitalismus und Bürokratie in der deutschen Industrialisierung".

Er habilitierte sich 1972 in Marburg und wurde ein Jahr später Professor für allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld, wo er bis 1988 lehrte. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Hans-Ulrich Wehler gründete er die sogenannte Bielefelder Schule, die dem Historismus eine historische Sozialwissenschaft gegenüberstellte.

Ab 1983 wurde er Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld. 1988 wechselte Kocka an das Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, wo er bis zu seinem Ruhestand 2009 die Professur für die Geschichte der industriellen Welt innehatte. Lehr- und Forschungsaufenthalte führten ihn an viele internationale Universitäten, u.a. an die University of Chicago, die Hebräische Universität Jerusalem, die École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an die Stanford University und die University of Oxford. Zwischen 1992 und 1996 leitete er den Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien in Potsdam, das heutige Zentrum für Zeithistorische Forschung. 1998 wurde er zum Direktor des Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas. Zwischen 2000 und 2005 war er Präsident der Internationalen Historikerorganisation Comité International des Sciences Historiques. Jürgen Kockas Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands des 18.-20. Jahrhunderts, Vergleichende Geschichte, insbesondere Europas, die Geschichte der Arbeiterbewegung, Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums sowie die Geschichte der Industrialisierung und des Kapitalismus.

Für seine Forschungsleistungen erhielt Jürgen Kocka mehrere Preise, unter anderem den Leibniz-Preis, den Bochumer Historikerpreis und den Internationalen Holberg Gedächtnispreis. Er trägt Ehrendoktorwürde der Universitäten Rotterdam, Moskau, Uppsala und Florenz und ist seit 2009 zudem Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V. trauert um sein Gründungsmitglied Roger Bordage (1925-2017)


Roger Bordage
Am 5. August 2017 verstarb der ehemalige KZ-Häftling und Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Roger Bordage, im Alter von 92 Jahren. Der ehemalige UNESCO-Beamte war über Jahrzehnte im Verband der französischen Sachsenhausen-Überlebenden (Amicale) aktiv und seit 2010 Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees. Seitdem war er auch Mitglied im internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Roger Bordage kämpfte als junger Mann in Frankreich gegen die deutsche Besatzung und die Kollaboration mit dem NS-Regime. Beim Grenzübertritt nach Spanien verhafteten ihn französische Polizisten und lieferten ihn an die deutsche Gestapo aus, die ihn 1943 über das Zwischenlager Compiègne nach Sachsenhausen bei Oranienburg verschleppte. Hier kam er zur Zwangsarbeit in das Außenlager Heinkel und musste kurz vor der Befreiung der Häftlinge auch im Außenlager Klinkerwerk arbeiten.

Den Todesmarsch der KZ-Insassen überlebte er trotz einer Fußverletzung. Im Frankreich der Nachkriegszeit schloss Bordage zunächst die Schule ab, begann ein Studium der Erziehungswissenschaften in New York und wurde danach Sachverständiger für die Entwicklung des Erziehungswesens bei der UNESCO.

Roger Bordage war ein großartiger Freund, der die Entwicklung der Gedenkstätte seit den frühen 90-iger Jahren in engem Kontakt begleitete. Als ehemaliger Beamter der UNESCO hat der französische Überlebende wie kaum ein anderer die internationale Bedeutung der Gedenkstätte Sachsenhausen im Besonderen und der deutschen Erinnerungskultur im Allgemeinen unterstützt. Es war hauptsächlich seine Initiative, auf der hin das Europaparlament im Januar 1993 eine für die deutschen KZ-Gedenkstätten wegweisende Resolution beschloss.

Als Mitglied des Internationalen Beirats der Stiftung stand er stets mit Rat und Tat an der Seite der Gedenkstätte Sachsenhausen. Für seine Verdienste wurde der Commandeur de la légion d'honneur 2014 auch mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg ausgezeichnet.

Nach dem Ende seiner Berufslaufbahn engagierte sich der KZ-Überlebende stärker in der französischen Amicale. Seine internationale Erfahrung, seine perfekten Sprachkenntnisse in Spanisch und in Englisch und seine politischen Kenntnisse waren dem Internationalen Sachsenhausen Komitee sehr von Nutzen. Als sein enger Freund Pierre Gouffault verstarb, wurde er von den Präsidenten der unterschiedlichen nationalen Sachsenhausen-Komitees zum Präsidenten des ISK gewählt. Dieses Amt vertrat er bis zuletzt mit all seiner Kraft und Expertise.

Mit Roger Bordage verliert der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V. einen langjährigen Mitstreiter und sehr guten Freund.