Die Präsidenten der KZ-Häftlingsverbände überreichen ihr

Präsidenten der KZ-Häftlingsverbände überreichen "Vermächtnis" an die Vizepräsidentin der EU-Kommission sowie an EU-Parlamentarier

Kritik an der europäischen Initiative für einen "Totalitarismus-Gedenktag"

Die Präsidenten der internationalen Häftlingsverbände der ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen haben am 11 November 2011 in Brüssel das von ihnen aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2009 verfasste "Vermächtnis" an die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, sowie an Abgeordnete des Europäischen Parlaments überreicht. Sie appellierten an die EU-Politiker, die Erinnerung an die unvergleichlichen Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer auch in der Zukunft zu bewahren und nicht zu verfälschen.

Zu der Delegation gehörten die KZ-Überlebenden Roger Bordage, Internationales Sachsenhausen Komitee, Annette Chalut, Internationales Ravensbrück Komitee, Henri Goldberg, Internationales Auschwitz Komitee, Dénes György, Internationales Bergen-Belsen Komitee, Bertrand Herz, Internationales Buchenwald Komitee sowie der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland und Leiter des Berliner Büros des European Jewish Congress, Stephan J. Kramer, der Vertreter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Silvio Peritore, und die Generalsekretärin des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Sonja Reichert.


In einem Schreiben der Präsidenten, das zusammen mit dem \"Vermächtnis\" an die EU-Politiker überreicht wurde, zeigen sich die KZ-Überlebenden erfreut darüber, dass nach der Öffnung des \"Eisernen Vorhangs\" durch die friedliche Revolution der Bürger auch das europäische Gedächtnis von ideologischen oder politischen Zwängen befreit worden sei und sich die Erinnerung in ihrer Pluralität frei entfalten könne. \"Auch wir, die Opfer des Nationalsozialismus, unterstützen die Bestrebungen der neuen Mitgliedsländer der EU, ihre Erfahrungen vollständig in das europäische Gedächtnis zu integrieren. Dass die Millionen Opfer des stalinistischen Terrors ebenso wie die Opfer anderer staatlicher Verbrechen in gleichem Maße ein Anrecht auf Gedenken und Erinnerung haben wie die NS-Opfer, wer wollte daran zweifeln\", heißt es in dem Schreiben.


Zugleich kritisieren die Präsidenten gegenwärtige Bemühungen, \"ein einheitliches europäisches Gedächtnis durch politische Beschlüsse von Parlamenten und Regierungen erzwingen zu wollen\". Weiter wenden sie sich \"gegen jegliche Gleichsetzung und jeglichen Zwang zur Vereinheitlichung der unterschiedlichen Erinnerungen. Deshalb lehnen wir die Einführung eines übergreifenden \'Gedenktages für die Opfer aller totalitären und autoritären Diktaturen\' entschieden ab.\" Insbesondere kritisierten die Präsidenten den 23. August, den Tag des Hitler-Stalin-Paktes, als möglichen Gedenktag, wie er von verschiedenen Initiativen gefordert wird und wie ihn das EU-Parlament im April 2009 beschlossen hat: \"Historische Ereignisse werden aus ihren Zusammenhängen gerissen, Ursachen und Wirkungen miteinander vermischt. Dieser Gedenktag führt die unterschiedlichen Erinnerungen an Krieg und Terrorherrschaft nicht im Dialog zusammen. Er vertieft vielmehr Gegensätze, reißt alte Wunden wieder auf und führt zu neuen Auseinandersetzungen und Konfrontationen. Das ist eines Gedenkens an die Millionen Opfer staatlicher Verbrechen in einem freiheitlichen, pluralistischen Europa unwürdig, wie es in unserem \'Vermächtnis\' beschrieben wird\", so die Präsidenten der KZ-Häftlingsverbände.


Sie appellierten an die EU-Politiker, das Gedächtnis Europas an die Opfer staatlicher Verbrechen in seiner Widersprüchlichkeit, in seinen Besonderheiten und in seiner Vielfalt zu akzeptieren und zu fördern. Die Präsidenten regten an, dass das Europäische Parlament den 27. Januar 2012 dazu nutzt, um über die Entwicklung der Erinnerungskultur in Europa und über einen einheitlichen europäischen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus zu diskutieren.



 

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