Georges Santer, Botschafter des Großherzogtums Luxemburg

Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager Klinkerwerk am 24. April

Ansprache von Georges Santer, Botschafter des Großherzogtums Luxemburg

Der Frühling zeigt aufbegehrendes, aufkeimendes neues Leben und ist vielleicht die schönste Jahreszeit. Aber bei vielen Menschen – darunter den hier versammelten – ist er wohl auch eine Zeit zwiespältiger Gefühle, die die Erinnerung an das Ende einer Periode unsäglichen und inhumanen, von Menschen zugefügten, Leidens weckt. Und in den Herzen der noch wenigen Überlebenden und aller Anverwandten, die ihre Liebsten versehrt oder im Lebenswillen gebrochen in die Arme schließen konnten oder gar nur einen mit falschen Todesangaben gespickten Totenschein in Händen halten konnten, ja in uns allen lebt diese Schreckensperiode einer totalen Verneinung von Menschlichkeit wieder auf. Trauer überkommt uns, es sollte jedoch keine Trauer sein, die uns niederschlägt, sondern vielmehr ein Trauergefühl erwachsen aus dem berechtigten Stolz für den aufrichtigen heldenhaften Mut der gequälten Opfer. Auch ihrem Opfermut, dann ihrem Aufbauwillen für ein besseres Europa verdanken wir die längste Friedensperiode dieses Kontinents. Goethe sagte im „Faust“ diese fast kampflustigen Worte: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“. Ein Appell an uns alle.

Diese Gedenkveranstaltungen an vielen Stätten des Tötens und Quälens im Namen einer totalitären, verbrecherischen Ideologie mahnen uns aber auch gerade in diesen Zeiten, wo grundsätzliche Werte auch auf unserem Kontinent oder in seiner unmittelbaren Nachbarschaft in Frage gestellt werden, wo verbrämter Souveränitätswahn, nationalistische Tendenzen, Kräfte des Autoritarismus wieder hoffähig werden, ja diese unseligen Phänomene mahnen uns zu neuer Achtsamkeit. Sie müssen durch die Empörung, die sie in uns wachrufen, Ansporn sein, aus der Kraft des historischen Sieges über das Böse, den wir heute feiern, uns bedingungslos wo immer wir unseren Einfluss geltend machen können, dafür einzusetzen, dass wir nicht in diesem Zeitalter des rasanten technischen Fortschritts wieder Rückschritte in der Wahrnehmung bitter erkämpfter Freiheitsrechte hinnehmen müssen. Wehren wir kollektiv den Anfängen und bekennen wir uns jeden Tag aufs Neue in Wort und auch öfter in der Tat zu unserer freiheitlichen und friedfertigen Gesellschaftsordnung. Dämonen scheinen einen langen Winterschlaf durchleben zu können, aber dann mit Tatendrang ihre verheerenden Kräfte wieder freisetzen zu können.

In diesen Tagen legen offizielle Vertreter Luxemburgs auf unzähligen Leidensstätten Kränze und Blumengebinde nieder. Sie dürften wohl den kleinsten Staat vertreten, der vom Unbill des Krieges und vom Wahn eines verbrecherischen Systems heimgesucht wurde. Kleiner Staat bedeutet jedoch nicht kleines Ungemach. Am Ende dieses im Namen menschenverachtender Ideologien durchgeführten Eroberungskrieges – der ja wie uns allen bekannt seine nicht weniger grausige Entsprechung auf der anderen Seite der eurasischen Landmasse hatte – waren 2 % der luxemburgischen Bevölkerung tot, die höchste Rate im westlichen Europa nach den Niederlanden, wo die Ausrottung der seit Jahrhunderten zahlreichen ansässigen Juden sowie der seit 1933 geflüchteten Juden die Skala der Grausamkeit noch etwas mehr emporschnellen ließ.

Als Botschafter in Wien stand ich während der sieben Jahre meines Mandats jeden ersten Sonntag im Mai unter meinen Landsleuten, mit damals noch zahlreichen Überlebenden, um der 62 Luxemburger, die in Mauthausen umkamen oder in den oft in der militärischen Produktionskette tätigen Nebenlagern, zu gedenken. Solchermaßen auf diesen Maitermin fixiert, hatte ich hier in Berlin den Gedenktag im April während meines ersten Amtsjahres im Ausland verplant und dies war nicht rückgängig zu machen. Seither gilt mir die Anwesenheit hier in Sachsenhausen/ Oranienburg als heilige Pflicht. Oft verbinde ich dies mit meiner Teilnahme in Ravensbrück, wo so viele luxemburgische Frauen für ihre zähe Widerstandskraft, ihre Hilfsbereitschaft gegenüber den Mithäftlingen, ihr Organisationstalent, die Bewunderung ihrer Lagergenossinnen verdient hatten.

Chers amis français et de langue française,

Je me réjouis de voir ici une délégation importante pour commémorer la libération de ce camp d’où était dirigé tout le système de la terreur. Pour moi rien d’étonnant, car déjà à Mauthausen les français et le monde francophone étaient toujours fidèles et présents à l’appel. Lorsque j’ai écouté ces derniers jours des témoignages d’anciens détenus luxembourgeois, j’étais ému jusqu’aux larmes d’entendre ces références à la profonde amitié et sympathie qui les liaient aux français qui partageaient leur sort. Leur rapatriement rapide vers le Grand-Duché n’était d’ailleurs dû qu’à leur inscription sur les listes des français et la mise à disposition de matériel roulant organisée par les services français.

My greetings and thanks also to all those who might have difficulties to follow me in the German language. It is important that we use ceremonies like this one to unite behind ideals and to demonstrate for a world of solidarity and high standards in our values.

Mit Prof. Morsch, dem ich die Ehre verdanke, heute zu Ihnen zu sprechen, fühle ich mich freundschaftlich verbunden. Vor allem aber verehre ich ihn für seine Beiträge zur Erforschung eines niederträchtigen Machtapparates und seiner höllischen Auswüchse. Auch der Erhalt der Leidensstätten in Berlin und Brandenburg sähe heute sehr wahrscheinlich anders aus – und damit möchte ich nicht sagen, dass nicht auch weiterhin finanzielle Aufwendungen und materielle Anstrengungen nötig sind. Vor allem aber hat er unermüdlich mitgeholfen, das Bewusstsein seiner Mitmenschen und vor allem der jüngeren Generation zu prägen, dass dieses Regime der Inbegriff eines Unrechtsstaates war.

Letztes Jahr hatte Prof. Morsch bei mir im Kulturinstitut einen Abend mit dem damaligen Präsidenten des Europa-Parlamentes Martin Schulz organisiert. Das Thema lautete: „Erinnerungskultur in Europa oder europäische Erinnerungskultur?“. Natürlich haben alle unsere Staaten und Nationen ihre eigenen Traditionen, wenn sie die historisch-prägenden Meilensteine ihrer Geschichte wachrufen und feiern. Wenn wir jedoch in Majdanek, Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Buchenwald, Bergen-Belsen oder in Sachsenhausen zusammenstehen, dann verlangt dies heute die demütige Erkenntnis der fatalen Irrwege, zu denen Menschen fähig sind. Ja, wir müssen zugeben, dass es auch nach dem Völkermord der Nazis, der willkürlichen und gezielten Peinigung von Hunderttausenden Menschen weiterhin Völkermorde gab und gibt. Heute ist doch wohl so ein Tag, wo wir geschlossen, wenn auch von verschiedenen Horizonten und Ausgangspunkten kommend, einer uns alle verbindenden Erinnerungskultur huldigen sollten. Wir sind es den Toten schuldig, nicht über nationale willkürliche Interpretationen zu stolpern, sondern an diesen Stätten des Schreckens uns zu verpflichten, einen solch ungeheuren Gipfel der Unmenschlichkeit niemals mehr zuzulassen und uns in unseren Demokratien dafür einzusetzen, dass solch ein Gedankengut nicht aufkeimen darf. Goethe gab uns wie schon erwähnt im Faust Anleitung und Ansporn.

Meine Damen und Herren,
Liebe Gäste,

am 10. Mai 1940 wurden meine Heimat sowie die ebenfalls neutralen Staaten Niederlande und Belgien von den deutschen Truppen überrollt. In Luxemburg gab es selbstverständlich keine Möglichkeit Widerstand zu leisten, in den anderen Staaten brach er relativ schnell zusammen. Die großherzgliche Familie und die Regierung konnten im letzten Augenblick flüchten und den Kontinent schließlich über Portugal verlassen, um in Kanada und London eine Exilregierung zu bilden. Sämtliche Bemühungen der neutralen Staaten in den 30er Jahren – vereinigt in der Oslo-Gruppe – diesen Angriff auf ihre Souveränität abzuwehren, waren gescheitert.

Für Luxemburg war es die 2. Heimsuchung durch seinen östlichen Nachbar in 26 Jahren, jedoch wurden im 1. Weltkrieg unter militärischer deutscher Kontrolle die Institutionen gewahrt. Auch nach dem Überfall vom 10. Mai 1940 wurde zuerst eine Militärverwaltung eingesetzt, doch noch dem Eintreffen von Gauleiter Simon am 31. Juli wurde Luxemburg faktisch wenn auch nicht staatsrechtlich annektiert. Simon war quasi ab diesem Zeitpunkt Chef der Zivilverwaltung (CdZ). Diese Position stand im krassen Widerspruch zu den Aussagen am 10. Mai des deutschen Gesandten von Radowitz, die da lauteten: „Deutschland hat nicht die Absicht durch seine Maßnahmen die territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit des Großherzogtums jetzt oder in Zukunft anzutasten“. Nun ja, Lügen gehörten in diesem System spätestens seit 1933 zum Instrumentarium der Staatsräson.

Für Gauleiter Simon ging es darum, Luxemburg heim ins Reich zu führen: ab 963 bis zu seiner Auflösung 1806 Mitglied des Heiligen Römischen Reiches, auf dessen Thron im Spätmittelalter vier Kaiser und Könige aus dem Hause Luxemburg saßen, Mitglied des Deutschen Bundes von 1815 – 1866 mit einer großen preußischen Garnison in der Bundesfestung Luxemburg, Mitglied des Deutschen Zollvereins von 1842 – 1918, war für Simon klar, dass sich Luxemburg seit langen Jahrzehnten auf einem absoluten Irrweg befand, sich frevelhaft vom Deutschen Reich entfernt hatte und dass Luxemburg nun auf den Pfad der Wahrheit und der Liebe für die wahre und natürliche Heimat zurückgebracht werden musste. Ein ähnliches Schicksal traf das Elsass und das lothringische Mosel-Departement.

Am 6. August wurde die französische Sprache verboten, Namen und Familiennamen auf groteske Weise eingedeutscht, aus dem Französischen abgeleitete Höflichkeitsformeln ausgemerzt. Erster Widerstand keimte auf, als kurz darauf das Denkmal für die auf französischer Seite gefallenen Luxemburger des 1. Weltkriegs zerstört wurde.

Luxemburg war immer ein Land, das gleichzeitig der deutschen und der französischen Kultur teilhaftig war. Bis heute ist dieser Umstand wesenskonstitutiv. Seine Herrscher wurden im Mittelalter am französischen Königshof erzogen, viele Verwaltungstexte waren immer auch schon in französischer Sprache abgefasst und bis 1830 – also dem Jahr, wo sich der größere Westteil des Landes der belgischen Revolution anschloss und abgetrennt wurde – war das Großherzogtum offiziell ein geographisch-linguistisch gesehen gespaltenes Land. Diese Feinheiten gingen selbstverständlich am Gauleiter vorbei; für ihn war klar, dass man der irrigen „Verwelschung“ den Garaus machen müsste, und schon würden die Luxemburger ihren wahren Wurzeln huldigen.

Fast siegessicher organisierte die deutsche Verwaltung am 10. Oktober 1941 eine Volksbefragung oder genauer gesagt „Personenbestandsaufnahme“, die nach Muttersprache, Volkstums- und Staatszugehörigkeit fragte. Im Text war angewiesen worden, dass eine Antwort, die auf „luxemburgisch“ lautete, den zu erfüllenden Kriterien nicht entsprach.
Historiker rechnen, dass etwa 93-98 % der Luxemburger mit „luxemburgisch“ als Antwort auf alle 3 Fragen geantwortet haben. Die Volksbefragung verschwand in der Versenkung und wurde nicht ausgewertet.

Begnügte sich ab Anfang 42 die Reichsregierung mit Appellen zum freiwilligen Dienst in der Wehrmacht – und zwar mit sehr mäßigem Erfolg – so wurde dann am 30. August 42 die Wehrpflicht für etwa 4000 Mann eingeführt. Daraufhin brachen – und das ist einzigartig in den besetzten Gebieten, Massenstreiks aus, über die sogar die amerikanische Presse ausführlich berichtete. Die Antwort des Regimes war brutal: Massenhinrichtungen im Schnellverfahren mit Umsiedlungen in die östlichen Teile des Reiches. Die Foltermethoden im Gestapo-Hauptquartier in Luxemburg liefen auf Hochtouren.

Zahlreiche junge Wehrpflichtige wurden im Lande unter Lebensgefahr für die mutigen Menschen, die ihre Türen öffneten, versteckt. Viele von ihnen gingen in die Resistenz im Lande oder in Frankreich. Aber auch nicht eingezogene Wehrpflichtige verstärkten die Ränge der Resistenz.
Andere wiederum dienten in den Rängen der britischen Armee. Bei der Landung der alliierten Truppen in der Normandie war als einziger Vertreter eines europäischen regierenden Hauses der spätere Großherzog Jean dabei. Auch noch 2014 mit 93 Jahren war er in der Normandie spezieller Ehrengast der Staatschefs der alliierten Nationen, die dort den Jahrestag des D-Day feierten.

Alle diese Fakten kombiniert mit den Fürsprachen der Großherzogin Charlotte bei Präsident Roosevelt in Washington und den politischen Akzenten der Exilregierung (etwa 1944/45 Gründung der Vereinten Nationen und des Benelux-Verbunds), die zahlreichen Opfer auf den Schlachtfeldern und in den KZs, die Vernichtung etwa eines Drittels der jüdischen Bevölkerung, die massive Zerstörung des Nordens Luxemburgs infolge der Rundstedt-Offensive, brachten Luxemburg viel Ansehen und Mitgefühl ein und sicherten ihm nach der 1943 erfolgten Kriegserklärung an Deutschland durch die Exilregierung den Status eines Alliierten Staates, der dann in Berlin nach dem Krieg eine Militärmission unterhielt und bis 1955 im französischen Sektor auch eigene kleine Truppenverbände stationiert hatte.

Die Stadt Luxemburg und der Süden wurden am 10. September von der 3. Army unter General Patton befreit, der nach seinem Unfalltod bei Mainz im Dezember 45 seinem Wunsch gemäß inmitten seiner gefallenen Soldaten der Ardennenschlacht auf dem amerikanischen Militärfriedhof in Luxemburg bestattet wurde, der vielleicht schönsten Ruhestätte dieser Art in Europa.

In den vorhergehenden Abschnitten konnte es nicht darum gehen, Einzelschicksale zu beschreiben; dies hätte den vorgegebenen Rahmen dieser Feier gesprengt. Vielmehr lag mir am Herzen, Ihnen Hintergrundmaterial zu geben, das ein besseres Verständnis für die vielen Opfer unter der luxemburgischen Bevölkerung liefert.

Auf zwei Ereignisse möchte ich noch eingehen, um das Leid, das meinen Landsleuten widerfuhr, erfassbar machen zu können. Ich hatte schon im historischen Abriss der Besatzung Luxemburgs durch Nazi-Deutschland erwähnt, dass die Jahrgänge 1920-24 der Luxemburger, wie auch der Elsässer und der jungen Männer des Mosel-Departements zwangsrekrutiert wurden. Beim Heranrücken der sowjetischen Truppen Ende Januar war eine sehr große Anzahl luxemburgischer Zwangsrekrutierter im Zuchthaus Sonnenburg (Slonć) bei Küstrin unweit der heutigen deutschen Grenze zu Polen inhaftiert. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 wurden 819 Häftlinge selektioniert und erschossen. 91 Luxemburger ließen in diesem größten Massenmord, der an Bürgern des Landes verübt wurde, ihr Leben.

Beenden möchte ich meine Ausführungen mit einigen Schicksalserwähnungen hier im KZ Sachsenhausen und in diesem Außenkommando, dem Klinkerwerk. In Sachsenhausen waren insgesamt 129 Luxemburger inhaftiert, 33 überlebten das Lager nicht. Das bei weitem tragischste Ereignis fand in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1945 statt, wiederum in der Endphase des Krieges, einen Tag nur nach dem Massaker in Sonnenburg. 19 Luxemburger – 15 junge ehemalige Soldaten der Freiwilligenkompanie, 2 Polizisten und 2 Gendarmen - wurden in dieser Nacht aus ihren Baracken gezerrt und im Erschießungsgraben an der Endstation Z hingerichtet. Viele dieser jungen Menschen leisteten Widerstand. Einem der Abzuführenden gelang es, einem SS-Soldaten die Pistole zu entreißen und ihn tödlich zu verletzen. Wir haben uns gestern mit mehreren Schulklassen, Lehrern und Mitgliedern der offiziellen Delegation vor ihrem Andenken verneigt und an den Stellen des Leidens Blumen niedergelegt. Große Genugtuung durfte ich all die Jahre empfinden, so viele junge Leute in Sachsenhausen begrüßen zu können und zu sehen, wie sie nicht nur die Gedenkfeiern mitgestalten, sondern die Tradition nach dem Weggang der Zeitzeugen und die Kultur der Erinnerung weiterführen werden.

Die luxemburgische Freiwilligenkompanie bestand seit 1881 und ihre etwa 450 Mann wurden im Dezember 1940 nach Weimar überstellt. Sie sollten von nun ab in der deutschen Polizei dienen. 2015 organisierte das thüringische Hauptstaatsarchiv über diese Episode eine Ausstellung in Weimar. Am 5. April dieses Jahres wurde die Ausstellung auch in der Landesvertretung des Freistaats Thüringen eröffnet und gab Anlass zu einem sehr stimulierenden Diskussionsabend. Die Ausstellung dauert noch einen Monat an, ist klein, aber sehenswert.

Ab Mai 1941 wurden die Mitglieder dieser Kompanie aufgeteilt und an verschiedene Orte des Reichs geschickt. Einige ergaben sich dem Zwang, eine verhasste Uniform zu tragen, andere rebellierten offen – erwähnt werden müssen hier solche Episoden im besetzten Jugoslawien – und eine eindrucksvolle Zahl verweigerte sich überhaupt, die deutsche Uniform zu tragen. Diejenigen, die das Glück hatten, aus dem Dienst entlassen zu werden, hatten eine große Chance, den Krieg zu überstehen, die anderen wurden als Dienstverweigerer in verschiedene KZs geschickt. Dort gehörten sie wegen ihrer Ausbildung an den Waffen zu denen, die als ‚gefährliche Elemente‘ unter spezieller Beobachtung standen, denn von ihnen konnte eine latente Gefahr für die SS-Sicherheitskräfte ausgehen. Die 19 in Sachsenhausen erschossenen Landsleute gehörten in diese Kategorie und standen deshalb an prominenter Stelle auf der Selektionsliste derjenigen, die in der Nacht zum 2. Februar ihr Leben lassen mussten.

Alle Versuche des Gauleiters, diese Luxemburger zum Deutschtum zu bekehren und sie zu überzeugen, das sog. „Ehrenkleid“, die Uniform, zu tragen, waren kläglich gescheitert, nicht nur in Sachsenhausen, sondern auch in anderen Lagern. Dieses blutige Schicksal erlitten einige Luxemburger nicht. Sie hatten zwar in der Freiwilligenkompanie gedient, sollten in die deutsche Polizei eingegliedert werden, wurden dann aber wegen Dienstverweigerung etwa in Suhl aus dem Dienst entlassen. Sie waren in KZs als Zivilisten registriert.

Etliche Luxemburger wurden im Kommando „Klinker“ abgestellt. Ich konnte mir diesbezüglich in den letzten Tagen eine Zeitzeugenaussage anhören. Im Text heißt es dort, dass das Klinkerwerk als Todeskommando galt, in dem die Häftlinge „wie Mücken starben“. Zu diesem Zeitpunkt war dieser Ort bekanntlich schon eine Granatenfabrik. Und als Granatenfabrik galt das Lager umso mehr als ein Hauptziel der Alliierten-Bombardements. Und so sehr man sich auch über die Zerstörungen durch amerikanische und englische Geschwader freute – sie kündeten ja vom nahenden Ende des einst für mindestens tausend Jahre angesetzten Reichs – so muss man doch in dieser Befreiungsphase viele Opfer unter den Häftlingen beklagen.

Ich möchte mich nun hier bei den Verantwortlichen dieser Feier ganz herzlich bedanken, dass ich einen kurzen Einblick in die Leidensgeschichte der Luxemburger im 2. Weltkrieg geben konnte. Natürlich gab es auch im Großherzogtum Mitläufer und Kollaborateure. Sieben der wichtigsten Kollaborateure, darunter der Chef der Volksdeutschen Bewegung, wurden im Oktober 1946 in Luxemburg zum Tode verurteilt und hingerichtet. Luxemburg war in dieser Zeit übrigens zeitweilig im Blickwinkel der Weltöffentlichkeit, da die hauptverantwortlichen Naziverbrecher im luxemburgischen Staatsbad Bad Mondorf einquartiert und ersten Befragungen unterworfen wurden, bevor sie von dort nach Nürnberg überführt wurden.

1815 gewährten die europäischen Großmächte Luxemburg die Unabhängigkeit. Wir wurden ein Staat, waren aber keine Nation. Das Schicksal der Kroaten oder Slowaken verlief umgekehrt: sie waren Nationen, hatten aber bis 1992/93 keinen Staat. Ich kenne keinen anderen Staat, der solchermaßen vor allem in der Erfahrung des Leids, in der Schicksalsgemeinschaft, zu einer heute starken Nation erwuchs.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

zurück