Vergessene Vernichtung? Polnische und tschechische Intelligenz in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück am Beginn des 2. Weltkriegs
Sonderausstellung im Neuen Musuem (verlängrt bis 31. August 2010)
Nach den Plänen der Nationalsozialisten sollte im Rahmen des Eroberungs- und Vernichtungskrieges in Osteuropa ein Großteil der dortigen kulturellen Trägerschichten ermordet werden. Die Verhaftung der Führungsschichten aus Politik, Kirchen, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft in Polen und Tschechien und deren Deportation in Konzentrationslager setzte mit Kriegsbeginn ein. Vor 70 Jahren, im Spätherbst 1939 wurden 169 polnische Wissenschaftler der Jagiellonen-Universität Krakau sowie 100 katholische Geistliche der Lubliner Kurie in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Ihnen folgten Tausende von Polen, darunter zahlreiche katholische Geistliche. Nach einer Protestaktion gegen die deutsche Besatzung deportierten die Nationalsozialisten ebenfalls im Spätherbst 1939 mehr als 1.000 tschechische Studenten in das KZ Sachsenhausen. Gleichzeitig wurden Frauen aus beiden Ländern, die den intellektuellen und geistlichen Eliten angehörten, in das KZ Ravensbrück verschleppt. Diese Ereignisse, die bis heute in der Erinnerungskultur der betroffenen Länder tief verwurzelt sind, sowie die Lebensgeschichte der Verfolgten stehen im Mittelpunkt einer Sonderausstellung, die in zwei Teilen in der Gedenkstätte Sachsenhausen (600 m²) und in der Gedenkstätte Ravensbrück (120 m²)zu sehen ist.

Stefan W. Frelichowski im Priesterseminar
1931–1937, Privatbesitz
Stefan W. Frelichowski, der aufgrund seiner offenen, fröhlichen und hilfsbereiten Art von seinen Freunden den Spitznamen „Spaßvogel“ erhielt, wurde am 18.10.1939 als Priester in Torún von der Gestapo verhaftet. Am 10.4.1940 erreichte er mit einem Transport aus dem KZ Stutthof das KZ Sachsenhausen. Um ihn vor der SS und den anderen Häftlingen lächerlich zu machen, wurden ihm die Haare in Form einer Priesterkappe rasiert. Er ertrug dies mit Fassung.
Als Ende 1944 im KZ Dachau eine Typhusepidemie ausbrach, pflegte Stefan W. Frelichowski die Todkranken und stand ihnen bei. Darauf aufmerksam gemacht, dass er dabei leicht selbst erkranken könne, entgegnete er: „Wenn mir Gott nicht erlaubt, in meine irdische Heimat zurückzukehren, dann werde ich mich in der himmlischen Heimat freuen.“ Frelichowski starb im Februar 1945 im KZ Dachau.
Paket, in dem die Urne der Asche von Prof. Estreicher nach Krakau verschickt wurde
1940, MJU
Prof. Karol Estreicher war einer der ältesten Gelehrten der Krakauer Jagiellonen Universität, die in das KZ Sachsenhausen verschleppt wurden, wo er nach wenigen Wochen starb.
"Die Angehörigen von Prof. Estreicher bemühten sich um die Überführung des Leichnams nach Krakau. Sie wollten ihm dort eine würdige Bestattung geben. Da die Leichen der im Konzentrationslager Verstorbenen in einem Berliner Krematorium verbrannt wurden, war dies nicht möglich. Nur die sterblichen Überreste, die der Familie vom Krematorium in diesem Paket zugeschickt wurden, durften in Krakau ohne jegliche Feier bestattet werden."
(Bericht von Prof. W. Konopczyski)
Eine Sonderausstellung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Kooperation mit der Jagiellonen-Universität Krakau und der Karls-Universität Prag
Mit Unterstützung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung, des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, des Präsidenten der Republik Polen und der Wojewodschaft Małopolska