Baracke 39 - Teilansicht der Ausstellung
Mit der Ausstellung "Der 'Alltag' der Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936 bis 1945" widmet sich erstmals eine KZ-Gedenkstätte speziell dem Thema der Lebensbedingungen von KZ-Häftlingen unter dem totalen Terror der SS. Da dieses komplexe Thema mit klassischen musealen Mitteln nur schwer darstellbar ist, setzt die Ausstellung auf multimediale Präsentationsformen, in deren Mittelpunkt die Erzählung von 20 ehemaligen Häftlingen stehen, die einen annäherungsweisen Querschnitt durch die Häftlingsgesellschaft darstellen.

Die Konzeption der Ausstellung stellt bewusst die subjektive perpektive der ehemaligen Häftlinge in den Mittelpunkt. In jedem Abschnitt werden die Erzählungen der Häftlinge, die der Besucher hören kann, mit persönlichen Exponaten aus dem Lager in Beziehung gesetzt, so dass ein Bild der Lebenswirklichkeit in der Extremsituation des Konzentrationslagers von großer Anschaulichkeit und Eindringlichkeit entsteht. Die bewusste Beschränkung auf wenige Exponate (insgesamt 120) sowie die zurückhaltenden Ausstellungsgestaltung von Prof. H.G. Merz lassen auch die 1961 aus Originalteilen rekonstruierte Häftlingsbaracke als Hauptexponat zur Geltung kommen. Ergänzt wird die auf einer Fläche von 600 m präsentierte Ausstellung von einer CD-Rom, die an zwei PC-Stationen von den Besuchern abgerufen werden kann. Während die nach Themen gegliederte Ausstellung die Kontinuität der Biographie durchbricht, bietet die CD-Rom die Möglichkeit die Lebensläufe der Häftlinge im Zusammenhang zu betrachten. Darüber hinaus hält die CD-Rom wesentlich mehr Material bereit, als innerhalb der Ausstellung präsentiert wird.
Ansicht eines mit den Stationen beschrifteten Essgeschirr
Wege nach Sachsenhausen

Unterschiedliche Verhaftungsgründe und mitunter verschlungene Wege führten die Häftlinge zwischen 1936 und 1945 nach Sachsenhausen. Waren es zunächst politische und weltanschauliche Gegner aus Deutschland, so folgten nach dem Beginn des 2. Weltkriegs Zehntausende von Menschen aus den besetzten europäischen Ländern.

Im Tausch gegen Zigaretten erwarb der Däne Birger Schroller dieses Essgeschirr im KZ Sachsenhausen von einem unbekannten sowjetischen Kriegsgefangenen. Die verschiedenen Besitzer des Essgeschirrs haben die Stationen ihrer Verhaftung in die Außenwand geritzt. Die Namen zahlreicher Lager reihen sich aneinander, so dass der ganze Kosmos des KZ-Systems erscheint
Zeichnung "Brotdieb"
Häftlingsgesellschaft

Die Behandlung der KZ-Häftlinge durch die SS war am rassistischen Weltbild des Nationalsozialismus ausgerichtet. Daher war es für die Überlebenschancen eines KZ-Häftlings von fundamentaler Bedeutung, ob er ein deutscher politischer Häftling war oder beispielsweise ein Jude, ein Russe oder ein Homosexueller. Im Abschnitt "Häftlingsgesellschaft" geht es um die unterschiedliche Behandlung der Häftlingskategorien durch die SS und um die oftmals brutale Hierarchie innerhalb der "extremsten Klassengesellschaft" (Primo Levi) der KZ-Häftlinge mit ihren Privilegien und Strafen.

Ein Beispiel dafür hat der niederländische Häftling Albert Nicolaas in der Zeichnung "Brotdieb" festgehalten.
Foto eines aus Aluminium gefertigten Spielwürfel
Dagegen entwickelten die Häftlinge auch solidarisches und mitmenschliches Verhalten, das sie dem brutalen Regime der SS entgegensetzten. Dies veranschaulicht ein Würfel, mit dem nie gespielt wurde: Ein niederländischer Häftling zerlegte täglich als "Tischältester" das Brot in fünf Teile. Um die immer ungleichen Stücke gerecht verteilen zu können, 'organisierte' er Aluminium und fertigte diesen Würfel an. Jetzt entschied das Los, wer die größte Ration bekam, und niemand musste sich benachteiligt fühlen.
Aquarell "Arbeit in der Gießerei"
Arbeit

Die unterschiedlichen Formen der Zwangsarbeit entschieden oft über Leben und Tod der KZ-Häftlinge. Wer etwa in der Lagerverwaltung eingesetzt war, hatte eine privilegierte Stellung gegenüber denen, die im Strafkommando und Todeslager "Klinkerwerk" unter der brutalen Behandlung durch die SS körperliche Schwerstarbeit verrichten musste.

Nach 1945 malte der ehemalige Häftling Etienne van Ploeg das Aquarell "Arbeit in der Gießerei". 1942 war in den Hallen des "Klinkerwerks" eine Granatengießerei eingerichtet worden, wo KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Eisenmantel für Granaten und Sprengköpfe für Panzerfäuste gießen mussten.
Foto einer Granatenhülle aus Eisen
Diese Granatenhülle aus Eisen wurde 1998 auf dem Gelände des ehemaligen "Klinkerwerks" gefunden
Lagerskizze (vom tatsächlichen Grundriss abweichend)
Raum und Zeit

Ein Merkmal des 'Alltages' der KZ-Häftlinge bestand in der totalen Enteignung ihrer Bewegungsfreiheit in Raum und Zeit. Dagegen versuchten die Häftlinge, sich diese elementaren Orientierungen wieder anzueignen.

Davon zeugt die von einem unbekannten Häftling gezeichnete Skizze des Lagers, die vom tatsächlichen Grundriss abweicht. Da Häftlinge sich im Lager nicht frei bewegen durften, war ihr Wissen um die Grenzen und den Aufbau des Lagers begrenzt.
Foto eines heimlich geführten Kalenders
Um sich gegen die Enteignung ihrer Zeit zu wehren, führten einige Häftlinge wie der Franzose Marcel Barré heimlich einen Kalender
Zeichnung über die Gewalt im Lager
Gewalt, Sterben, Tod

Der 'Alltag' im Konzentrationslager ist eine Perversion dessen, was Alltag eigentlich bedeutet: Der 'Alltag' eines KZ-Häftlings wurde dadurch bestimmt, dass er zu jeder Zeit und an jedem Ort mit Schikanen und brutalen Misshandlungen, ja sogar mit dem Tod rechnen musste.

Diese Allgegenwart tödlicher Brutalität hat der Niederländer Albert Nicolaas, der 1944 nach Sachsenhausen kam, in seinen minimalistischen Zeichnungen eindruckvoll zum Ausdruck gebracht
Miniaturmodell des KZ Sachsenhausen
Leben mit der Erinnerung

Die Erfahrungen der KZ-Haft haben das Leben der ehemaligen Häftlinge auch nach der Befreiung geprägt hat. Sie haben diese Erinnerungen auf sehr unterschiedliche Weise verarbeitet.

Nach 1945 fertigte Etienne van Ploeg, der 1942 aus Belgien in das KZ Sachsenhausen eingeliefert wurde, ein Modell des KZ Sachsenhausen an. Das Musterlager Sachsenhausen als Miniaturmodell in einer Zigarrenkiste – die Erinnerung an die KZ-Haft kann verkleinert und eingeschlossen werden, losgelassen aber nicht.

Häftlinge

In der Gruppe der politischen und weltanschaulichen Gegner berichten ein deutscher Kommunist, ein Gewerkschafter, ein Sozialdemokrat, ein Angehöriger der Bekennenden Kirche und ein Zeuge Jehovas. Die sozial Verfolgten repräsentieren ein "Befristeter Vorbeugehäftling" (BVer), ein "Asozialer" und ein Homosexueller. Aus der Gruppe der rassisch Verfolgten werden ein Sinto und zwei Juden vorgestellt. Schließlich folgt das breite Spektrum des Widerstandes in den besetzten Ländern Europas, für das stellvertretend ein Niederländer, ein Belgier, ein Norweger, ein Franzose, ein tschechischer Student, ein Angehöriger der polnischen Minderheit in Danzig, eine Polin sowie ein sowjetischer Kriegsgefangener und ein Zwangsarbeiter aus der Ukraine berichten

Kurzbiographien

Edmund Braminski (* 1917 in Kiel als Sohn polnischer Eltern) studierte an der Technischen Hochschule Danzig. Im September 1939 wurde er wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen verhaftet, in das Lager Stutthof verbracht und 1941 in das KZ Sachsenhausen überstellt. Nach der Befreiung kehrte er nach Gdansk zurück und war bis zu seiner Pensionierung als Ingenieur auf der Leninwerft tätig.

Gustav Bürchner (*1887 in Ulm/Tübingen + 1939 im KZ Sachsenhausen) war Landwirt und Friseur. 1924 trat er der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas bei, die 1933 von den Nazis verboten wurde. Nach mehrfachen Verhaftungen in den Jahren 1935/36 wurde er 1939 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo er unter ungeklärten Umständen 5 Monate später starb.

Lothar Erdmann (*1888 in Breslau + 1941 im KZ Sachsenhausen) war Offizier im Ersten Weltkrieg. Ab Mitte der 20er Jahre bis zu seiner Entlassung im Mai 1933 war er Chefredakteur einer Gewerkschaftszeitung in Berlin. Am 1.9.1939 – zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – wurde er festgenommen und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Hier starb er zwei Wochen später an den Folgen von Misshandlungen der SS.

Werner Koch (*1910 in Wiesbaden + 1994 in Ermlichheim) schloß sich schon als Theologiestudent der "Bekennenden Kirche" an, einer Oppositionsbewegung innerhalb der evangelischen Kirche. Ende 1936 wurde er aufgrund &Mac226;illegaler Aktivitäten‘ verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Knapp zwei Jahre später erfolgte die Entlassung. Nach 1945 engagierte er sich als Pastor u.a. in der westdeutschen Friedensbewegung und für die deutsch-jüdische Versöhnung.

Janina Krawczyk (*1919 in Vilnius + 1999 in Warschau) wurde während des Warschauer Stadtaufstandes 1944 verhaftet. Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und in das Außenlager des KZ Sachsenhausen bei der AEG Hennigsdorf eingewiesen. Nach der Befreiung kehrte sie nach Warschau zurück, arbeitete zunächst als Lehrerin, später als Buchhalterin.

Friedrich Lohmeyer (*1890 in Hannover + 1945) war SPD-Mitglied und aktiver Gewerkschafter. Als Mitglied der illegalen SPD-Gruppe "Sozialistische Front" wurde er 1936 verhaftet. Nach dem Ende seiner Haftstrafe 1941 überstellte ihn die Gestapo in das KZ Sachsenhausen. Kurz vor Kriegsende wurde Friedrich Lohmeyer nach Mauthausen transportiert. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Albert "Ab" Nicolaas (*1917 in Leiden/Niederlande + 1999 in Noordwyk a. Zee) war Grafiker. Er protestierte gegen die Besetzung seines Landes und versuchte nach England zu fliehen. Im Mai 1944 wurde er verraten und verhaftet in das KZ Sachsenhausen überführt, wo er bis zur Befreiung 1945 inhaftiert war. Wieder in Freiheit, entschied er sich für eine Laufbahn als Clown.

Sergej Owraschko (*1926 in der Nähe von Kiew/Ukraine) wurde 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Wegen Sabotage wurde er im Januar 1943 verhaftet und zunächst nach Buchenwald, anschließend in das KZ Riga/Kaiserwald überstellt. Im August 1943 folgte der Transport nach Sachsenhausen. Nach Kriegsende diente Sergej Owraschko in der Roten Armee; später arbeitete er als Elektromechaniker in Kiew

Richard Przystawik (*1906 in Hannover + 1978 in Hannover) war Gelegenheitsarbeiter und wegen Diebstahl vorbestraft. 1939 wurde er als "Asozialer" in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Später erfolgte eine Umkategorisierung, die ihn nun als "Berufsverbrecher" erfasste. Wenige Monate vor Kriegsende überstellte ihn die SS in das KZ Mauthausen. Über sein Leben nach der Befreiung ist wenig bekannt.

Walter Schwarze (*1914 in Leipzig + 1999 in Leipzig), gelernter Friseur, wurde 1940 verhaftet und als Homosexueller in das KZ Sachsenhausen eingewiesen und bald nach Groß Rosen überstellt. 1944 wurde er in die Wehrmacht entlassen. Danach verbrachte er 5 Jahre in der Sowjetunion als Kriegsgefangener. Walter Schwarze verschwieg später seine KZ-Zeit und erhielt erst 1994 eine Entschädigung.

Willem Sel (*1921 in Mechelen/Belgien + 1999 in Mechelen) war Gymnasiast. 1941 wurde wurde er als Mitglied der monarchistischen Widerstandsbewegung verhaftet und ins Reichsgebiet verbracht. Als "Nacht-und Nebel"-Häftling wurde er 1943 in das KZ Sachsenhausen überstellt, 1944 kam er nach Dachau. Nach dem Krieg trat er dem belgischen Kolonialdienst bei; später arbeitete er in einer Schulverwaltung.

Evzen Seycek (*1917 in Znajm/Mähren) nahm im Herbst 1939 an den Prager Studentenprotesten gegen die deutsche Besatzung teil. Mit 1200 anderen tschechischen Studenten wurde er am 17.11.1939 verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Im April 1942 folgte die Entlassung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges beendete er sein Jurastudium, arbeitete danach aber als Karikaturist und Redakteur.

Nikolai Subarew (*1922 in Moskau) war Leutnant der Roten Armee. Im Mai 1942 wurde er als russischer Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit in die Belgischen Kohlegruben verschleppt. Er konnte zu den Partisanen flüchten, wurde im Mai 1944 jedoch verhaftet und in das KZ Sachsenhausen überstellt. Nach dem Krieg arbeitete er u.a. als Ingenieur eines Moskauer Autoherstellers.

Per Svor (*1915 in Hornindal/Norwegen + 1985 in Oslo) arbeitete als Polizist in Oslo. Er wurde Anfang 1942 verhaftet und in das Gefangenenlager Grini eingewiesen, weil er anti-deutsche Flugblätter verteilt hatte. Ein Jahr später kam er auf einen Transport in das KZ Sachsenhausen. Nach Kriegsende kehrte er nach Oslo zurück und trat wieder in den Polizeidienst ein.

Georges Tempier (*1921 in Caudec-les-Elbeuf/Normandie) war als Elektriker bei der Stadtverwaltung in Elbeuf beschäftigt. Er engagierte sich im Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Im September 1942 wurde er verhaftet und einige Monate später in das KZ Sachsenhausen transportiert. Die Befreiung erlebte er in Dachau. Er ging zurück nach Elbeuf und arbeitete wieder in seinem alten Beruf.

Jakov Tsur (*1925 in Ostrava/Mähren als Kurt Cierer) wurde im Juli 1944 zusammen mit 1000 weiteren tschechischen Juden von Auschwitz-Birkenau nach Schwarzheide, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen transportiert. Nach der Befreiung emigrierte er nach Palästina. Er nahm am Unabhängigkeitskrieg teil und arbeitete später bis zu seiner Pensionierung als Lehrer in einem Kibbutz in Israel.

Heinz Wollmann (*1920 in Frankfurt/Oder) wurde während dem "Novemberprogrom" am 9. November 1938 zusammen mit seinem Vater verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Im Februar 1939 wurde er entlassen. Die Familie emigrierte nach Palästina. Heinz Wollmann arbeitete u.a. als Produktionsleiter des Bayerischen Rundfunks in Israel.

 

Walter Winter (*1919 in Wittmund) wurde als deutscher Sinto im März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Im Juli 1944 kam er auf einen Rücktransport nach Ravensbrück, im März 1945 wurde er in das KZ Sachsenhausen überstellt. Nach dem Krieg machte er sich als Schausteller selbständig.

 

Rudolf "Rudi” Wunderlich (*1912 in Leipzig + 1988 in Ost-Berlin) trat als Schriftsetzer der Arbeiterbewegung bei. Wegen seiner Arbeit im Widerstand wurde er inhaftiert und verbrachte vier Jahre im Gefängnis. 1939 wurde er in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Aus dem Außenlager Lichterfelde gelang ihm 1944 die Flucht. In der Nachkriegszeit engagierte er sich u.a. in der Gedenkstättenarbeit der DDR.

Erich Ziebart (*1910 in Landsberg/Warthe + 1974 in West-Berlin) verbüßte bis 1937 verschiedene Gefängnisstrafen. 1940 wurde er als "Berufsverbrecher” in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Nach der Befreiung im KZ Mauthausen zog Erich Ziebarth nach West-Berlin, gründete eine Familie und arbeitete als Anstreicher.