Eingang zur Ausstellung "Medizin und Verbrechen" in der ehemaligen Revierbaracke II





Ausstellungsteil "Zwischen Versorgung und Vernichtung: Alltag im Krankenrevier"





Ausstellungsteil "Zwischen Versorgung und Vernichtung: Alltag im Krankenrevier"





Ausstellungsteil "Sinti und Roma im KZ Sachsenhausen"





Ehemalige "Diätküche" im Keller der Revierbaracke I (Fotos: Friedhelm Hoffmann)

 

Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945

 

Die Ende 2004 eröffnete Dauerausstellung ist in den original erhaltenen Baracken R I und R II untergebracht, die unter der Leitung des Architekten Dr. Günter Hipfel restauriert wurden. Die Authentizität dieser 1936 errichteten Gebäude wird durch die Ausstellungsgestaltung des Büros Frey Aichele Team (Berlin) unterstrichen: Decken und Wände wurden von Installationen und Ausstellungselementen völlig freigehalten, Glasstege, aus denen sich freistehende große Glasvitrinen mit Exponaten und zahlreichen Medienstationen erheben, führen durch die Räume. Der in R II beginnende Rundgang führt durch den unterirdischen Durchgang zwischen beiden Baracken und durch den Keller wieder hinauf in die Baracke R I. Die Räume im Keller wurden original belassen, aber mit Hinweisen auf ihre frühere Funktion versehen.


Mit rund 800 qm Fläche und ca. 1.000 Exponaten ist "Medizin und Verbrechen" die größte Ausstellung in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Ein erster Schwerpunkt ist die "alltägliche" medizinische Versorgung im Konzentrationslager. Nach der Ansicht der SS kamen dem Krankenrevier bestimmte Funktionen im Lager zu, die sich im Laufe der Zeit veränderten. Sollte das Revier zunächst nur eine – auch aus Propagandagründen angezeigte – medizinische Minimalversorgung der Häftlinge gewährleisten, so rückte seit Kriegsbeginn die Seuchenprävention in den Vordergrund, da infolge der sich verschlechternden Lebensbedingungen ansteckenden Krankheiten im Lager grassierten, die auch die SS bedrohten. Ab 1942 bestand die Aufgabe vor allem in der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit erkrankter Häftlinge, die für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet werden sollten. Untrennbar damit verbunden war die Selektion und Ermordung von Kranken, deren Arbeitsfähigkeit die SS für nicht wiederherstellbar hielt. Ab Sommer 1944 diente das Revier zudem als eine Art Haftlazarett der Gestapo-Sonderkommission "20. Juli". Einige Abteilungen wurden zudem als Schauobjekte genutzt, fungierten als besondere Attraktionen bei den mehrfach pro Woche stattfindenden Besucherführungen durchs Lager.


Im zweiten Hauptteil der Ausstellung werden die im KZ Sachsenhausen begangenen medizinischen Verbrechen thematisiert. Hier geht es neben der eugenisch motivierten Zwangssterilisation sowie der Zwangskastration als "homosexuell" klassifizierter Häftlinge vor allem um die Krankenmordaktion "14 f 13". Ein weiteres Schwerpunktthema bilden die anthropometrischen Untersuchungen der "Rassenhygienischen Forschungsstelle Berlin" an Sinti und Roma. Diese "Rassenforschungen" werden in den Kontext der gesamten Verfolgungsgeschichte jener Minderheit gestellt, um die zentrale Rolle der Wissenschaftler beim systematischen Massenmord an den Sinti und Roma vor Augen zu führen. Schließlich widmet sich die Ausstellung dem Thema Menschenexperimente, das anhand von vier Beispielen aus einer großen Vielzahl im KZ Sachsenhausen durchgeführter Versuche beleuchtet wird. Eines der Beispiele, die Geschichte von elf jungen Juden, die im Sommer 1943 für Hepatitis-Experimente von der Rampe in Auschwitz in das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen gebracht worden waren, kann sogar an ihrem authentischen Schauplatz präsentiert werden: in Raum 51 der Baracke R II, wo die Kinder und jungen Männer während der über ein Jahr andauernden Versuche leben mussten.


Am Ende der Ausstellung ist ein "Learning-Center" mit acht Computerarbeitsplätzen untergebracht, in dem eine interaktiv-multimediale Präsentation zum Thema genutzt werden kann. Die in einer deutschen und einer englischen Fassung vorliegende Anwendung umfasst ca. 1.300 Bildschirmseiten. Im ihrem Zentrum stehen zehn "Sprechende Objekte", über die sich der Nutzer wichtige Aspekte der Ausstellung erschließen kann. Ein Lexikon bietet mehr als 500 Artikel zu historischen Themen, medizinischen Fachbegriffen, Tätern und Opfern sowie Hintergrundinformationen zu Voraussetzungen, Spezifika und Folgen der NS-Medizin.