Turm E





Von Häftlingen gefertigte „Troika“, Objekt aus der Ausstellung





Nachbar KZ (um 1941), Objekt aus der Ausstellung




 

Turm E

Die Stadt und das Lager Oranienburg und das KZ Sachsenhausen 1936-1945

 

Die Ausstellung befindet sich im ehemaligen Wachturm E an der nördlichen Spitze des Lagerdreiecks. Sie geht der Frage nach, was die Oranienburger über das Konzentrationslager in ihrer Stadt wussten und wie sie sich gegenüber den Häftlingen und der SS verhielten. Dabei werden Zuschauer und Gleichgültige, Mittäter und Profiteure, aber auch Helfer der Häftlinge und Gegner des Nationalsozialismus vorgestellt.

 

Der Besucher wird über eine Treppe an acht Hör- und Sehstationen entlang geführt. Sie thematisieren u.a. den "Nachbarn SS", die Wege der Häftlinge in der Stadt, die Selbstdarstellung der SS, die Zwangsarbeit, den Tod der Häftlinge sowie den Widerstand der Bekennenden Gemeinde. Ausblicke zu Bezugspunkten in der Umgebung thematisieren die Grenzen zwischen Lager und Stadt und ihre partielle Überschreitung. Die Sanierung des Gebäudes hat der Architekt Dr. Günter Hipfel verantwortet, die Ausstellungsgestaltung wurde von Gerrit Grigoleit entworfen.


Die Ausstellung stützt sich vor allem auf Interviews mit Oranienburger Zeitzeugen. Darüber hinaus werden Fotos, Häftlingszeichnungen und Grafiken sowie mediale Animationen in kurzen Filmsequenzen präsentiert. In zwei Vitrinen sind von Häftlingen gefertigte Gegenstände zu sehen, die diese als Dank für Hilfeleistungen einzelnen Oranienburgern schenkten. Die Ausstellung berichtet von pogromartigen Zuständen in den Straßen Oranienburgs bei der Ankunft jüdischer Häftlinge im September 1939, von der Anwesenheit der KZ-Häftlinge in der Stadt und vom Rauch der Krematorien, der zeitweise über Teilen der Stadt hing.

 

Gezeigt werden die Oranienburger Standesbeamten, die bis Oktober 1942 fast 10.000 Todesfälle im Lager beurkundeten. Danach führte die SS ein eigenes Standesamt, um die steigende Zahl von Toten geheim zu halten. In Oranienburg ansässige Rüstungsunternehmen wie Auer oder Heinkel gehörten ebenso zu den Profiteuren der Häftlingszwangsarbeit wie kleine und mittelständische Betriebe und die Stadt selbst, in deren Auftrag Häftlinge Rohrleitungen verlegten und Straßen bauten.

 

Besonders bemerkenswert sind die Erzählungen des evangelischen Pfarrers der Gemeinde Sachsenhausen und späteren Bischofs von Berlin-Brandenburg, Kurt Scharf. Unter der Gefahr, selber in das KZ eingeliefert zu werden, trat der SS couragiert entgegen. Sehr bald nach der Gründung des KZ Sachsenhausen bemühte er sich um die seelsorgerische Betreuung der KZ-Häftlinge, was durch den Lagerkommandanten Karl Koch brüsk abgelehnt wurde.

 

Später gelang es Kurt Scharf jedoch, den Berliner Pfarrer Martin Niemöller im Lager zu besuchen. Dieser war als führendes Mitglied der Bekennenden Kirche und als „Hitlers persönlicher Gefangener“ am 2. März 1938 in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen eingeliefert worden.

 

Nach der Inhaftierung Niemöllers begann die Bekennende Gemeinde in Sachsenhausen, regelmäßig für die Häftlinge im Konzentrationslager zu beten und die Glocken für sie zu läuten. Im KZ gehörte das Lied „Dorfglocken“, das auf einem russischen Volkslied basiert, zu den beliebtesten Lagerliedern, dessen dritte Strophe vermutlich als Reaktion auf das Glockenläuten von einem deutschen kommunistischen Häftling hinzu gedichtet wurde. Das Lied ist in der Ausstellung ebenfalls zu hören.

 

Die Ausstellung "Die Stadt und das Lager" im Turm E vermeidet einfache Antworten auf die Fragen, die sie stellt. Sie zeigt jedoch an zahlreichen Beispielen, was Menschen gesehen und erfahren haben und wie sie sich konkret verhalten haben - ob sie weggeschaut, sich an Verbrechen beteiligt haben oder ob sie die Handlungsspielräume, die im NS-System bestanden, nutzten. Nicht zuletzt drängt sich dem heutigen Besucher die Frage auf: Wie hätte ich selbst damals gehandelt?