Der norwegigsche Minsiterpräsident Trygve Brattli mit dem deutschen Außenminister Willy Brandt (1967)  
     
   
     
  Der ehemalige norwegische Ministerpräsident Einar Gerhardsen in der Gedenkstätte Sachsenhausen (1980)  
     
   
 

"Hier war das ganze Europa."

Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen in der europäischen Nachkriegspolitik

"Hier war das ganze Europa" - dieses Diktum des polnischen Schriftstellers und Sachsenhausen-Häftlings Andrzej Szczypiorski, gesprochen anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung 1995, beschreibt treffend die Situation nicht nur im KZ Sachsenhausen, wo etwa 90 Prozent der Häftlinge aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern Europas stammten. Die KZ-Haft und die Begegnung mit Menschen vieler anderer Länder unter den Bedingungen des SS-Staates war für alle KZ Häftlinge eine prägende Erfahrung, die sowohl internationale Solidarität wie auch nationale Rivalitäten einschloss.

Der Hinweis Szczypiorskis, der selbst als Abgeordneter der "Solidarnosc" dem ersten Parlament des nachkommunistischen Polen angehörte, auf die europäische Zwangsgemeinschaft des Konzentrationslagers erinnert zugleich an die gemeinsamen kulturellen Grundlagen der von den Nationalsozialisten Verschleppten und die Idee eines vereinten Europa. Unter den Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen finden sich viele, die nach 1945 die Politik in ihren Heimatländern mitgestaltet und zum Teil bedeutende politische Ämter bekleidet haben - diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs.

Die Sonderausstellung "Hier war das ganze Europa" stellt die Lebenswege von 24 ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen und ihr politisches Wirken nach 1945 vor. Unter den Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, Ministern und Parteivorsitzenden aus Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Russland, Tschechien und den beiden deutschen Staaten befindet sich beispielsweise Einar Gerhardsen, der als Ministerpräsident maßgeblich die Nachkriegspolitik in Norwegen prägte, unter seiner Ägide wurde Norwegen 1949 Gründungsmitglied der NATO. Dem Kabinett Gerhardsen gehörten Halvard Lange als Außenminister und Sven Oftedal als Sozialminister an. Alle drei kannten sich aus ihrer Zeit in Sachsenhausen.

Antonin Zapotocky, der Mitgründer der tschechoslowakischen KP war von 1939-1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Als Ministerpräsident (1948-1953) und Staatspräsident (1953-1957) der CSSR war er maßgeblich an der Etablierung eines stalinistisch geprägten kommunistischen Regimes in seinem Land beteiligt. Sein tschechischer Mithäftling aus Sachsenhausen, Karel Svab, war als stellvertretender Minister für Nationale Sicherheit maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung der ersten politischen Parteisäuberung beteiligt, bevor er selber im sog. Slansky-Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Die Biografien werden in die nationalen Formen der Erinnerung und des Gedenkens eingebettet, die sich nach 1945 in den Ländern Europas herausbildeten. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Integrationspolitik in Westeuropa beleuchtet die Ausstellung Facetten der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Die bereits 2003 im Rahmen von Kulturland Brandenburg "Europa" präsentierte Ausstellung wird auf vielfachen Wunsch aus dem Kreis der Überlebenden anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung in einer überarbeiteten und erweiterten Form gezeigt.

Ort: Neues Museum
bis 31. Oktober 2005