Sonderausstellung
"Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen. Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten"

Konzentrationslager Sachsenhausen

Im Sommer 1936 begannen die ersten KZ-Häftlinge, ein riesiges Waldgebiet am Stadtrand von Oranienburg abzuholzen. In den folgenden Monaten mussten sie nicht nur das Häftlingslager, sondern auch die Kommandantur, das Lager der SS-Wachtruppen und die Wohnsiedlungen der SS-Leute errichten. Die Arbeit war außerordentlich schwer und erfolgte unter schwierigen und primitiven Bedingungen. Zusätzlich quälte und drangsalierte die SS die Häftlinge. Innerhalb des ersten Jahres stieg die Anzahl der Häftlinge von 900 auf rund 3.000. Bis Juli 1937 starben mindestens 34 von ihnen oder wurden von der SS ermordet. Zu diesem Zeitpunkt verließen der erste KZ Kommandant Karl Otto Koch zusammen mit einigen seiner SS-Leute und einem kleinen Häftlingskommando das KZ Sachsenhausen, um das KZ Buchenwald bei Weimar aufzubauen.


Kanalisationsgräben werden ausgeschachtet, K.[onzentrations] L.[ager] SH. [Sachsenhausen]“
[Originalunterschrift] Herbst 1936

Das Konzentrationslager Sachsenhausen entstand unmittelbar neben der Stadt Oranienburg in der damals selbstständigen Gemeinde Sachsenhausen. Die Häftlinge mussten zunächst einen riesigen Kiefernwald roden und sämtliche Versorgungseinrichtungen bauen. Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis das Gelände über einen Anschluss an die Kanalisation verfügte.

© Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten


Der zweite Barackenring wird ausgebaut
[Originalunterschrift] 1937

© Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Die Häftlinge sind zum Appell angetreten
[Originalunterschrift] 1937

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Dreimal täglich ist Appell. Frühmorgens ist es gewöhnlich noch dunkel, wenn Trompete und Signalpfeife, Rufe durch das ganze Lager und Brüllen der Stubenältesten die Häftlinge zum Appellplatz zusammentreiben. Invaliden sind im voraus gehumpelt, Nachzügler kommen, die Uniformröcke noch nicht zugeknöpft, in eiligem Laufschritt. Drängen, stoßen, SS-Leute dazwischen, die in weitem Bogen umgangen werden, in straffer Haltung, die Mütze an der Hand festgekrampft. Wenn die Kompanien stehen und das Abzählen vorbei ist, erklingt das Kommando ‘Arbeitskommandos formiert’.

Alfred E. Laurence, 1938

Bekanntgabe der Lagerordnung an die Neuzugänge
[Originalunterschrift] 1936/37

Die demütigende Aufnahmeprozedur endete mit einem ersten Appell, bei dem der Kommandant oder der Lagerführer eine kleine Ansprache hielten. Dabei wurden auch Grundsätze der Lagerordnung bekannt gegeben. Die Ansprache endete meist mit wüsten Beschimpfungen, mit denen der SS-Mann die Häftlinge durch Todesdrohungen einzuschüchtern versuchte.

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Arbeitsschluss! Die Häftlinge kehren ins Lager zurück
[Originalunterschrift] 1937

© Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Jeder SS-Mann musste von den Häftlingen gegrüßt werden. Ging ein Häftling an einem SS-Mann vorbei, so musste der Häftling sechs Schritte vorher die linke Hand an die Hosennaht legen, mit der Rechten die Mütze ruckartig vom Kopf reißen und diese dann an die rechte Hosennaht legen. Mit Blickwendung zum SS-Mann musste der Häftling in strammer Haltung an dem SS-Mann vorübergehen. Drei Schritte nachher durfte er die Mütze wieder aufsetzen. Die Mütze musste mit dem Daumen gegen die Innenhand gepresst werden. Die vier Finger lagen auf der Mütze gegen die Hosennaht gepresst. Ging das nicht schnell genug oder nicht ruckartig genug, oder lagen die Finger nicht stramm genug an, oder passte dem SS-Mann sonst irgend etwas nicht, gab es Ohrfeigen, Extrasport oder Meldung.

Harry Naujoks, nach 1945

Häftlinge beim Bäumetransport
[Originalunterschrift] 1937

Das Schleppen der Baumwurzeln (Stubben) gehörte zu den schwierigsten und gefährlichsten Arbeiten der Aufbauphase. Die SS ergötzte sich daran, die Häftlinge dabei noch zu schikanieren. Auf dem Bild tragen Häftlinge einen Stubben am Turm A vorbei. Im Hintergrund ist ein SS-Mann zu sehen. Der KZ-Häftling mit der Nummer 618 ist wahrscheinlich Walter H. Der im September 1904 geborene „Schutzhäftling“ wurde am 30.9.1940 in das KZ Neuengamme überführt. Bei dem mit der Nummer 984 gekennzeichneten KZ-Häftling handelt es sich wahrscheinlich um den „Vorbeugungshäftling“ Artur S., der im November 1900 geboren war. Er wurde am 16.3.1937 als Zugang im Konzentrationslager Sachsenhausen registriert.

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Es wurden Wälder abgeholzt. Das Zusammenschleppen der Baumstämme, fünf bis sechs Meter lang, musste im Laufschritt geschehen. Kam der Häftling am SS-Posten vorbei, wurde er zum schnelleren Laufen angetrieben und dann plötzlich sprang ihn der Posten in die hinter ihm am Boden schleifende Baumkrone. Der unerwartete plötzliche Ruck riss mit dem Teil des Baumstammes, den der Häftling trug, ihn zu Boden und schlug ihn dabei gegen den Kopf, so dass er meistens bewusstlos zusammenbrach. Nicht selten wurde der betroffene Häftling solange geschlagen, bis er aus der Betäubung wieder erwachte.

Bruno Strey, 1961

Tagesraum in der Häftlingsbaracke
[Originalunterschrift] 1937

Der Tagesraum war 9 x 8 m groß. Er enthielt sechs Reihen etwa 2 m hoher und 30 cm breiter Spinde, außerdem fünf Tische, Bänke und Schemel. Der Blockälteste hatte auf einen der Flügel und der Stubenälteste auf dem anderen einen eigenen Tisch in einer Ecke, in der auch Spinde für den Kantineneinkauf und für den Friseur standen.

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Kamen wir abends müde von der Arbeit in die Baracke, war alles durcheinandergeworfen. Die Spinde waren umgekippt, Marmelade, Margarine und alle anderen Lebensmittel lagen mit Zahnpflegemittel, Wäsche, Glasscherben usw. auf einem Haufen in der Baracke. Die eisernen Bettgestelle waren alle umgeworfen, die Strohsäcke ausgeschüttet [...]. Lagen wir endlich im Bett, kamen in der Nacht die Blockführer und dann ging es: Raus aus den Betten, auf die Balken, unter die Betten, solange die Blockführer Lust hatten [...]. Viele gingen nachts überhaupt nicht ins Bett, sondern schliefen auf dem Fußboden, damit sie kein Bett bauen mussten. Um bei der Kontrolle durch die Blockführer nicht gesehen zu werden, krochen sie unter die Betten.

Harry Naujoks, nach 1945

Eingang zum Häftlingslager
[Originalunterschrift] 1937

 
Das Bild zeigt Turm A von der Kommandantur aus gesehen. Im Laufe des Jahres 1937 waren die ursprünglichen Torhäuser durch zwei massive Steinbauten ersetzt worden. Am linken Torgebäude sind die Installationen des elektrisch geladenen Stacheldrahtzaunes zu sehen. Eine Mauer um das Schutzhaftlager gab es zu dieser Zeit noch nicht, so dass es frei einsehbar war. Im Laufe des Jahres 1938 wurde der Turm A weiter ausgebaut. Hinter der neuen Fassade verschwand auch die Fachwerkstruktur.

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Vorn am Tor vernimmt der Lagerkommandant eine Anzahl Häftlinge. [...] Man hört Schreien und Wimmern. Schläge. Einmal ganz lautes Aufschreien: ‘Gnade, Herr Kommandant! Gnade! Gnade!’ und dann wieder harte schallende Schläge und Schreien und Wimmern, das plötzlich abbricht.

Alfred E. Laurence, 1938

Blick auf den D-Turm
[Originalunterschrift] 1937

Diese Fotografie wurde von der SS im Statistischen Jahrbuch der Schutzstaffel der NSDAP 1937 veröffentlich. Das zu Propagandazwecken aufgenommene Foto zeigt den an der Ostseite des Lagerdreiecks stehenden Wachturm. Auf dem Foto ist auch der Aufbau der Sicherheitsanlagen zu sehen: Der elektrisch geladene Stacheldrahtzaun, die 'spanischen Reiter', der liegende Stacheldraht, die neutrale Zone mit dem Warnschild sowie der Stolperdraht. Davor befinden sich Blumenbeete, die der Todeszone des Konzentrationslagers ein verharmlosendes, geschöntes Bild geben. Das Muster-KZ Sachsenhausen sollte auf alle Besucher einen gepflegten Eindruck machen.

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Vor dem Blockhaus im Kommandanturbereich
[Originalunterschrift] 1937

Der Teich mit Springbrunnen befand sich unmittelbar vor der Baracke des Kommandanten.

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O.[ber] Stu[rm]ba[nn]f.[ührer] Koch, H.[aupt] St[urm]f.[ührer] Weiseborn, H.[aupt] St[urm]f.[ührer] Happen, Scharf.[ührer] Brumm
[Originalunterschrift] 1937

Einige SS-Führer und -Unterführer des KZ-Sachsenhausen, unter ihnen der Kommandant und der Lagerführer, schauen in typischer Herrenmenschen-Pose auf einen Häftling herab, der ihnen zu Füßen kniet. Karl Brumm war von 1936 bis 1944 in der Kommandantur von Sachsenhausen, u. a. als Chef der Gerätekammer, und später im Kommando Klinkerwerk. Dort galt er als „wüster Schläger“. 1944 wurde er nach Buchenwald versetzt.

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Die SS-Führer dieser Totenkopfverbände waren die brutalsten und sadistischsten Abenteurergestalten, die man sich vorstellen konnte, Eicke, Koch, Weiseborn (bekannt unter Köbes), Dr. Ehrsam (genannt Dr. Grausam), Kraus waren die Spitzen des damaligen Kommandanturstabes des KL. Sachsenhausen.

Berthold Quade, 1945

Der grösste und der kleinste Häftling
[Originalunterschrift] 1937

Die Zusammenstellung des größten und kleinsten Häftlings zu Belustigungs- und Verhöhnungszwecken gab es bereits in der kaiserlichen Reichswehr. Über einen vergleichbaren, späteren Fall schreibt der Lagerälteste Harry Naujoks 1989: „Die Blockführer gaben bald auf und machten dann Jagd im Lager auf bestimmte Häftlinge, die sie für interessante Typen hielten. Da waren z. B. der größte Häftling, mehr als zwei Meter groß, der kleinste Häftling, 1,18 Meter. Auf Einweisung von Baranowski [der spätere Lagerkommandant] mussten die beiden immer zusammen bleiben. Sie schliefen zusammen; wenn der eine zum Klo musste, stand der andere daneben. Wohin sie auch immer gingen, was sie auch immer taten – sie durften sich nicht trennen. Eine Zeitlang beschäftigten sich die SS-Blockführer mit ihnen, bis es ihnen langweilig wurde und die beiden Ruhe hatten.“ Die Identität der beiden Häftlinge lässt sich nicht eindeutig klären, da die Häftlingsnummern in dieser Zeit mehrfach vergeben wurden.

© Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Vertreter der schwedischen Presse besichtigen das Lager
[Originalunterschrift] 1937

KZ-Kommandant Koch hält vor den Vertretern der schwedischen Presse offensichtlich auf dem Appellplatz eine Ansprache. Im Hintergrund sind die Häftlingsbaracken zu sehen.

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Da stehen die Besucher [Vertreter der internationalen Handelskammer 1937] vor der Tür, unter der Führung des Lagerkommandanten. [...] Koch redet von Erziehung, Fleiß und Ordnung, von Befehlen, von Gehorchen, von Sauberkeit.

Harry Naujoks, 1989

O.[ber] Stu[rm]ba[nn]f.[ührer] Koch vor dem Eingang der Kommandantur
[Originalunterschrift] 1937

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Eingang zum Zellenbau, K.[onzentrations] L.[ager] SH.[Sachsenhausen]“
[Originalunterschrift] 1936

Koch posiert hier offenbar absichtlich mit seinem Hund vor dem Zellenbau. Er wirft im wahrsten Sinne des Wortes einen großen Schatten. Koch hatte die Deutsche Dogge bereits aus Esterwegen mitgebracht. Auf vielen Bildern inszeniert er sich zusammen mit ihr als Symbol von Macht und Gewalt.

© Föderaler Sicherheitsdienst Russlands/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Sonderausstellung Hohnstein Sachsenburg Columbia Esterwegen Sachsenhausen
Koch und das Selbstbild der Konzentrationslager-SS