Strafkommando und KZ-Außenlager Klinkerwerk

Eine Chronik

Bis 1936

Naherholungsgebiet für die Einwohner von Oranienburg und die Lungenheilanstalt am Grabowsee

1936-1938

Errichtung eines 300 Meter langen Schießplatzes durch die SS in der Nähe der Lehnitz-Schleuse durch Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Durch Zeitzeugen ist überliefert, dass beim Bau des Schießplatzes zahlreiche Häftlinge über die Postenkette getrieben wurden, die dann von der SS "auf der Flucht erschossen" wurden.

April 1938

Gründung des SS-eigenen Unternehmens "Deutsche Stein- und Erdwerke G. m. b. H."- (DEST); Planung eines Ziegelwerkes in Oranienburg durch die SS

1939/1940

Errichtung des Klinkerwerks als Außenkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen durch Häftlinge des Kommandos "Klinker", das als Strafkommando galt.

Herbst 1940

Nachdem die Verladearbeiten bisher direkt am Hohenzollernkanal vorgenommen wurden, wird mit dem Bau des Hafens begonnen. Bei der Anlage der beiden Hafenbecken kommen zahlreiche Häftlinge ums Leben, darunter vor allem Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle sowie jüdische und polnische Häftlinge.

1940

Auf Wunsch von Generalbauinspekteur Albert Speer beginnt die SS nördlich der Hafenbecken mit der Errichtung der Steinbearbeitungswerke, wo Material aus SS-eigenen Steinbrüchen durch Häftlinge bearbeitet werden sollte. Die Planungen werden aber nur ansatzweise realisiert. Statt der ursprünglich vorgesehenen großen Hallen entstehen nur Behelfsbauten.

1940-1943

Fehlplanungen bei den technischen Verfahren zur Ziegelherstellung sowie Baumängel an den Produktionsanlagen veranlassen die SS, den gerade fertiggestellten Bau in großen Teilen wieder abzureißen und unter Hinzuziehung eines Fachmannes für die Ziegelherstellung neu zu errichten. Beim Wiederaufbau wird der "Erlengrund", ein Moorgebiet am Stintegraben, teilweise aufgeschüttet. Dabei werden Häftlinge durch die SS in das sumpfige Gelände getrieben, die darin versanken und erstickten. Nicht in immer werden die Leichen geborgen.

Frühjahr 1941

Fertigstellung des Klinkerwerkes, zu dem vor allem die sog. "Große Halle" für Ziegelproduktion, die als Reparaturwerkstatt genutzte "Kleine Halle", Turbinenhalle/Kesselhaus sowie der für die Heranschaffung des Tons angelegte Bahndamm zur Tongrube nach Zehlendorf/Niederbarnim gehören.

April 1941

Fertigstellung des südöstlich der "Großen Halle" gelegenen Häftlingslagers mit zehn Häftlingsbaracken. Das Klinkerwerk wird jetzt ein selbständiges Außenlager mit eigenem Lagerführer. Zum Häftlingslager gehört auch ein Kohlebunker, in dem vorübergehend die Leichen der Häftlinge aufbewahrt werden, bevor man sie ins Krematorium des Hauptlagers transportiert.

1941

Produktionsbeginn in der Brotfabrik, die das Hauptlager und alle Bereiche der SS bis nach Berlin, aber auch zivile Kunden mit Brot und Backwaren beliefert.

1941/1942

Bau des Ziegellaboratoriums

22. Jan. 1942

Umbenennung des von der DEST betriebenen Klinkerwerks in "Großziegelei Oranienburg"

1942

Teilweise Umstellung des Klinkerwerks auf Rüstungsproduktion. Verlegung der Rohstoffrückgewinnung vom KZ Sachsenhausen in das Steinbearbeitungswerk

Juli - Sept. 1942

Bei einer planmäßigen Mordaktion werden im Klinkerwerk rund 200 homosexuelle Häftlinge umgebracht.

Ende 1942

Fertigstellung der Eisenbahnbrücke über den Hohenzollernkanal

1943/1944

In einer neu errichteten Granatengießerei produzierten Häftlinge Wurfgranaten. Mitte 1944 betrug die Tagesproduktion 10.000 Stück.

Mitte 1944

Teile der Heinkel-Werke GmbH werden auf das Gelände des Steinbearbeitungswerkes verlegt

Jan. 1945

Um die Spuren der Verbrechen zu verwischen, lässt der letzte Leiter des Außenlagers Klinkerwerk, Heinrich Fresemann, auf Weisung des Kommandanten acht bis neun Tonnen Menschenasche aus dem Krematorium des Stammlagers beim Klinkerwerk in den Hohenzollernkanal schütten.

10. April 1945

Das Klinkerwerk und die Steinbearbeitungswerke werden bei einem angelo-amerikanischen Bombenangriff fast vollständig zerstört. Dabei kommen mindestens 200 Häftlinge ums Leben. Leichen und Leichenteile werden auch vor Ort in Bombentrichtern verscharrt.

Ende April 1945

Die SS gibt das Klinkerwerk auf, die Überlebenden kommen in das KZ Sachsenhausen, von dort aus treten sie den Todesmarsch Richtung Lübeck an, in dessen Verlauf viele Häftlinge ermordet werden oder an Erschöpfung sterben.

1946

Die Bäckerei wird wieder in Betrieb genommen.

1947

Der Kommandant des Klinkerwerks wird von einem sowjetischen Militärtribunal zu lebenslanger Haft verurteilt.

1948

Die sowjetischen Truppen sprengen die Ruinen und ebnen sie ein.

1951

Übergabe des Geländes an die Stadt Oranienburg

1966-1989

Militärisches Übungsgelände

April 1977

Einweihung einer Gedenktafel der Stadt Oranienburg

Mai 1991

Schließung der Bäckerei

Oktober 1991

Das Gelände "Klinkerhafen" wird Gewerbegebiet

1991

Die Firma Havelbeton erwirbt den Bereich des Hafens

1992

Opferverbände, Überlebende und Historiker machen auf die Geschichte des Geländes aufmerksam und beantragen Denkmalschutz

August 1994

Schließung des Schießstandes

September 1994

Ein Feuer zerstört Teile der Bäckerei

7. Feb. 1996

Das gesamte Gelände des ehemaligen Klinkerwerks, des Steinbearbeitungswerkes sowie die Brotfabrik und der Schießstand werden unter Denkmalschutz gestellt.

7. März 1996

Gründung der Arbeitsgruppe Klinkerwerk, in der Landes-, Kreis und Kommunalbehörden, Denkmalpflege, die Firma Havelbeton, Vertreter der Opferverbände und andere Beteiligte unter Federführung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten über den zukünftigen Umgang mit dem Gelände beraten

Oktober 1996

Ein Workcamp führt Aufräumarbeiten durch und kennzeichnet die noch vorhandenen Fundamente.

18. April 1997

Gedenkveranstaltung am Hafenbecken unter Teilnahme von Vertretern der französischen Organisation Amicale, zu der ehemalige Häftlinge der Außenkommandos "Klinkerwerk" und "Speer" gehören. Gleichzeitig werden vier Informationstafeln zur Geschichte des Ortes als Grundstein des zukünftigen Geschichtsparks "KZ-Außenlager Klinkerwerk" der Öffentlichkeit vorgestellt.

April 1997

Der Landschaftsarchitekt Michael Heurich und die Historikerin Kerstin Engelhardt legen ein von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Auftrag gegebenes Konzept für die Gestaltung des Geschichtsparks vor, das von den Mitgliedern der AG-Klinkerwerk einstimmig verabschiedet wird.

Mai 1997

Die Jugendlichen eines Workcamps kennzeichnen und dokumentieren das ehemalige Häftlingslager des Klinkerwerks.

Januar 1998

Die Stadt Oranienburg beantragt eine Zuwendung gemäß der Förderrichtlinie zur Entwicklung städtebaulich relevanter Brachflächen beim Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr für die Planung des Geschichtsparks Klinkerwerk.

April 1998

Einweihung des von Schülern und Schülerinnen des Oranienburger Runge-Gymnasiums gestalteten Gedenkplatzes am Hafenbecken des Klinkerwerks. Die Firma Havelbeton hatte zuvor auf eigene Kosten den Zugangsweg angelegt und den Gedenkplatz an der Südspitze des Hafenbeckens befestigt.

25. Jan. 1999

Die Stadtverordnetenversammlung von Oranienburg fasst einen Beschluss, in dem die "weitere Realisierung" des Geschichtsparks Klinkerwerk auf der Grundlage des von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vorgelegten Konzepts "angestrebt" wird. Mit den weiteren Planungen wird der Garten- und Landschaftsarchitekt Kai-Uwe John (Marwitz) beauftragt.

20. April 1999

Aufstellung einer Figurengruppe, die von Schülerinnen und Schülern des Oranienburger Runge-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstler Stuart N. R. Wolfe geschaffen worden sind

Februar 2000

Vorstellung einer landschaftsplanerischen Konzeption des Planungsbüros John für den Geschichtspark, die die Grundlage für die Realisierung darstellt

Juli 2000

Der Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung von Oranienburg beschließt die Errichtung des Geschichtsparks "KZ-Außenlager Klinkerwerk"

18. Oktober 2000

Das Verwaltungsgericht Potsdam bestätigt den Denkmalschutz für das Gelände des ehemaligen Klinkerwerks

Weitere Informationen:

SS-Wirtschaftsunternehmen
Pläne für den Umbau Berlins zu "Germania"
Zwangsarbeit im Todeslager "Klinkerwerk"
Die Nutzung des Geländes nach 1945