Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen

Reduktion und Überformung des authentischen Ortes

Auf Initiative ehemaliger Häftlinge beschloss das ZK der SED den Bau der drei Nationalen Mahn- und Gedenkstätten Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen, wobei der Gedenkstätte bei Weimar vor allem aus politischen Gründen Vorrang eingeräumt wurde. Im Gegensatz zu ersten Überlegungen ehemaliger kommunistischer Häftlinge, die den Gesamtkomplex des KZ Sachsenhausen einschließlich der SS-Bauten miteinbezogen, reduzierte ein von der SED-Führung eingesetztes Kuratorium die Gedenkstättenkonzeption auf das Dreieck des Schutzhaftlagers. Nicht einbezogen wurden das nordöstlich gelegene Sonderlager für alliierte Offiziere und Prominente, der nordwestlich gelegene Industriehof, das Todeslager Klinkerwerk an der Schleuse des Hohenzollernkanals sowie die SS-Kasernen und vor allem das "T-Gebäude".

Lediglich die "Station Z" sowie der Erschießungsgraben, ursprünglich Teil des Industriehofs, wurden durch Versetzung der Lagermauer in die Gedenkstätte integriert. So entstand aber der historisch falsche Eindruck, Baracken und Vernichtungsort wären unmittelbar miteinander verbunden gewesen. Da die NVA das ehemalige SS-Truppenlager nutzte, musste der noch heute genutzte Gedenkstätteneingang an der Straße der Nationen eingerichtet werden.

Nach dem Spendenaufruf des Kuratoriums für den Aufbau nationaler Gedenkstätten im Frühjahr 1955 kamen innerhalb weniger Monate zwei Millionen Mark zusammen. So konnte der erste Auftrag für die Gestaltung einer Gedenkstätte in Sachsenhausen an den Landschafts- und Gartenarchitekten Reinhold Lingner vergeben werden. Lingner plädierte angesichts der noch erhaltenen Häftlingsbaracken dafür, dass "von diesen abstoßenden, hässlichen Zweckbauten, mit denen die Erinnerung an Leid, Schmach und Grauen verbunden sind, der Feierplatz sich eindeutig als Kunstwerk lösen muss". Dieser Feierplatz sollte durch eine sechs Meter hohe Mauer vom Turm A, dem zentralen Eingang des ehemaligen Schutzhaftlagers, abgeschirmt werden, Lingners Entwurf wurde zwar verworfen, nahm aber Grundzüge der späteren Gestaltung vorweg.

1956 übernahmen die Architekten Ludwig Deiters, Horst Kutzat und Kurt Tausendschön die Gestaltung der Gedenkstätte Sachsenhausen. Alle drei waren bereits an den Planungen für die Gedenkstätten Buchenwald und Ravensbrück beteiligt. Nach einer Reise zu vergleichbaren Orte in Polen und Westdeutschland hielten sie fest, dass "bei den Lagern auf deutschem Boden (...) die Überwindung der SS-Herrschaft durch Abtragen der Reste und durch eine planmäßige Gestaltung zum Ausdruck zu bringen" ist. Diese "Überlegenheit der künstlerischen Darstellung" bewegte die Gedenkstättenplaner zu einer bewussten Überformung der ursprünglichen KZ-Symmetrie. Dem Turm A als Bezugspunkt stellte sie auf der zentralen Blickachse den wesentlich höheren Obelisken gegenüber, dessen rote Dreiecke lediglich an die gleichfarbigen Winkel der politischen Häftlinge erinnern. Ihm vorgelagert steht die von Renè Graetz geschaffene Plastik "Befreiung". Umgeben von einer Wiese bildeten Obelisk und Plastik die Kulisse für die Massenkundgebungen.

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Gedenken ohne Ort
Reduktion und Überformung des authentischen Ortes
Eröffnung als Staatsakt
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