Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen

Einseitiges Geschichtsbild

Mit der Planung der Gedenkstätte ging die Konzeption der musealen Gestaltung einher. So entstand in der ehemaligen Häftlingsküche das Lagermuseum zur Geschichte der Konzentrationslager und des KZ Sachsenhausen. Thematisiert wurden Lageralltag, der Widerstand und die Befreiung. Die Kommentare erklärten den NS-Terror primär als Folge des Widerstandes und die Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge lediglich als Mittel zur Profitmaximierung der Industrie. Letztlich wurde der Genozid an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma aus den Verwertungsinteressen der kapitalistischen Konzerne erklärt, während die Geschichte des Rassismus und des Antisemitismus ausgeblendet blieb. Entsprechend der Schwarz-Weiß-Schablone des Kalten Krieges wurden im Ausgangsbereich die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Nationalsozialismus und die DDR dagegen in einer Leistungsschau als "neues humanistisches Deutschland" präsentiert. Die Ausstellung wird bis zur für 2003/04 vorgesehenen Sanierung des Gebäudes in nahezu unverändertem Zustand im Lagermuseum gezeigt. Damit soll nicht zuletzt der Prozess der Neugestaltung für die Besucher veranschaulicht werden.

Außerhalb des ehemaligen Schutzhaftlagers gestalteten ausländische Häftlingsverbände in einem neu errichteten Gebäude das "Museum des antifaschistischen Freiheitskampfes der europäischen Völker". Die Ausstellung präsentierte in neunzehn nach Ländern gegliederten Abteilungen vor allem den Krieg und den Widerstand gegen Nazideutschland, wobei die Sowjetunion und Deutschland jeweils die doppelte Ausstellungsfläche erhielten. Im deutschen Teil stand der Widerstand im Vordergrund. Zum "anderen Deutschland" zählten der Kommunist Thälmann und der Sozialdemokrat Breitscheid, beide im KZ ermordet, beide in der Ausstellung auch stellvertretend vereinnahmt für die Ideologie der Sozialistischen Einheitspartei. Aber auch Sophie Scholl und Graf von Stauffenberg wurden erwähnt, obwohl das Attentat vom 20. Juli 1944 nicht dem antifaschistischen Widerstand zugeordnet wurde.

Erst nach Protesten der "Union der antifaschistischen Widerstandskämpfer Israels" ließ die Regierung der DDR kurz vor der Eröffnung der Gedenkstätte das "Museum des Widerstandskampfes und der Leiden jüdischer Bürger" in den aus Originalteilen rekonstruierten Baracken 38 und 39 im Bereich des "Kleinen Lagers" einrichten. Über die besondere Situation der jüdischen Häftlinge in Sachsenhausen erhielten die Besucher wenig Informationen. Man erfuhr weder, wie viele Juden in Sachsenhausen inhaftiert noch welchen besonderen Schikanen sie unterworfen waren. Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und andere nicht politische Häftlingsgruppen blieben, wie in westdeutschen Gedenkstätten zumeist auch, unerwähnt.

Weitere Informationen:

Nationale Mahn- und Gedenkstätte
Gedenken ohne Ort
Reduktion und Überformung des authentischen Ortes
Eröffnung als Staatsakt
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