Museumskoffer

Lernen, verstanden als Erwerb von Informationen, Kenntnissen und Fähigkeiten, muss, um ertragreich zu sein, Freude machen - auch und gerade bei einem so sensiblen Thema wie der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten. Dabei kann es nicht um Leistungsnachweise und Zensuren gehen - wie auch sollte dieses Thema zu benoten sein? Im Vordergrund muss eine Form des Lernens stehen, die sensibilisiert für Menschen und Entwicklungen, die in die ethische und politische Orientierung einfließt und die Menschen dazu befähigt, Auschwitz - und der Weg nach Auschwitz begann früh mit Stereotypisierungen und Diskriminierungen - kein zweites Mal geschehen zu lassen.

Dies kann am ehesten als didaktische Methode das "Entdeckende Lernen" gewährleisten, eine Form des Lernens, die auf möglichst viel Eigeninitiative und Interesse der Lernenden beruht, Selbstbestätigung und Erfolgserlebnisse zu vermitteln versucht und auf diese Weise - trotz des schweren Inhalts - Freude bereiten kann. Als Arbeitsmittel für "entdeckendes Lernen" hat die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen den "Museumskoffer Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen" entwickelt.

Anhand von Einzelschicksalen wird die Geschichte jüdischer Menschen, die zu verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen im KZ Sachsenhausen inhaftiert waren, erzählt. Manche haben überlebt, viele nicht. Dort, wo es möglich war, erzählen wir den Lebensweg - zumindest kurz - von der Geburt bis zum Tod, bei einigen, die noch heute leben, bis zur Gegenwart. Der Schwerpunkt der Berichte liegt auf der Zeit in Sachsenhausen.
Doch von vielen ehemaligen jüdischen Sachsenhausen-Häftlingen wissen wir nur Bruchstücke über ihr Leben. Diese Situation wird auch beim Museumskoffer deutlich: Manche Schicksale sind gut dokumentiert, andere nur sehr lückenhaft oder aus der Täterperspektive der Gestapo.

Der Museumskoffer bietet verschiedene Medien an: Häftlingsberichte in Textform, als Hörkassette oder als Film; ferner Dokumente, Fotos und Zeichnungen (als Kopien). Mit Hilfe dieser Materialien soll ein Häftling, dessen Persönlichkeit durch die Behandlung der SS in einem KZ zum Verschwinden gebracht wurde und der durch ein Silhouettenbild symbolisiert wird, als individueller Mensch sichtbar werden. Diese Herangehendweise verbindet die kognitive Erarbeitung der Biographie anhand von faktischen Lebensdaten mit einer emotionalen Annäherung an einen KZ-Häftling über die Frage.
Die Schülerinnen und Schüler können selbst entscheiden, auf welcher der beiden Ebenen sie sich dem Thema nähern wollen. Das erarbeitete Wissen, die dabei ausgelösten Gefühle und eventuell bestehende Fragen können in der Ausfüllung des Silhouettenbildes kreativen Ausdruck finden.

Der Museumskoffer dient in erster Linie der Vorbereitung eines Gedenkstättenbesuches in Sachsenhausen, insbesondere des Besuches der Ausstellung "Jüdische Häftlinge im KZ Sachsenhausen" im Museum "Baracke 38". Die Besucher sollten mindestens 15 Jahre alt sein.

Für einen erfolgreichen Einsatz des Museumskoffers sind einige Dinge zu berücksichtigen:

  1. Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler
  2. Zeitaufwand
  3. Nachbereitung
  4. Thematisierung des Gedenkstättenbesuches

1. Damit den Jugendlichen der Zugang zum Thema des Museumskoffers erleichtert wird, ist es notwendig, dass sie vor dessen Einsatz einen Begriff von dem erhalten, was Judentum ist. Zu diesem Zweck befinden sich im Anhang dieser Handreichung einige Materialien zu dem religiösen und kulturellen Hintergrund des Judentums.

2. Die zur Verfügung stehende Zeit sollte mit den Mitarbeitern der Gedenkstätte, die den Museumskoffer im Unterricht vorstellen, genau abgesprochen werden. Absolut benötigtes Minimum sind drei Unterrichtsstunden. Mehr Zeit ist auf jeden Fall besser.

3. Je weniger Zeit für die Beschäftigung mit den Materialien zur Verfügung steht, desto wichtiger wird das nachbereitende Gespräch. Eventuell sollten auch die Arbeitsergebnisse in der Nachbereitung präsentiert werden, um Zeit für die Auseinandersetzung mit den Materialien zu gewinnen. In der Nachbereitung geht es darum, folgende Fragen mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen:
Welche Gefühle hat die von mir bearbeitete Biographie bei mir ausgelöst? Was war für mich das Wichtigste an dieser Biographie?

4. Kurz vor einer Fahrt in die Gedenkstätte sollte nochmals ein Gespräch mit den Jugendlichen stattfinden. Hierbei ist von besonderer Bedeutung, die Gruppe darauf vorzubereiten dass die Gedenkstätte heute anders aussieht, als das Konzentrationslager zu Zeiten des Nationalismus. Mit Hilfe von Fotos kann ein erster Eindruck vom heutigen Aussehen vermittelt werden. Damit der Besuch der Gedenkstätte ein Gewinn für die Jugendlichen ist, sollten vor Beginn der Fahrt Fragen gesammelt werden, deren Antworten in der Gedenkstätte gefunden werden können.

Inhalt des "Museumskoffers Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen"

  • Allgemeines
  • Aufbau und Ausbau des KZ Sachsenhausen
  • Verhaftungsaktion "Arbeitsscheu Reich" 1938
  • Novemberpogrom 1938
  • Die Landra-Fots jüdischer Häftlinge von Dezember 1938
  • Die Verhaftung polnischer Juden im September 1939
  • Inhaftierte Juden 1939-1942
  • Erschießung jüdischer Häftlinge im Mai 1942
  • Widerstand gegen die Deportation: Der "Aufstand der 18"
  • Jüdische Häftlingsfacharbeiter und die Verwertung des letzten jüdischen Besitzes
  • Sachsenhausen als Durchgangslager
  • Die Außenlager
  • Todesmarsch und Befreiung
  • Estrongo und Andreas Nachama

Museumslehrer

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