Die Fälscherwerkstatt

Im Herbst 1942 richtete die SS im Konzentrationslager Sachsenhausen eine geheime Druckerei ein. Hauptaufgabe und erfolgreichstes Unternehmen der Fälscherwerkstatt war die Produktion von falschen englischen Banknoten. Für das Arbeitskommando „Fälscherwerkstatt“ wurden ausschließlich und ganz bewusst Juden eingesetzt. Als Mitwisser dieses geheimen SS-Projektes sollten sie früher oder später ermordet werden - wie es die Nationalsozialisten ohnehin für alle Juden in Europa planten.

Die Fälscherwerkstatt wurde zunächst in der Baracke 19 im „kleinen Lager“ eingerichtet. Anfang 1944 wurde die Werkstatt auch auf die Baracke 18 ausgedehnt. Die Baracken waren mit einem 3 Meter hohen Bretterzaun vom übrigen Gelände abgezäunt und zusätzlich von allen Seiten und auch von oben mit Stacheldraht abgesichert. Die Fenster der Baracken erhielten eine weißen Anstrich, um einen Einblick in das Innere der Baracken zu verhindern. Sowohl im Lager als auch innerhalb des SS-Reichssicherheitshauptamtes wussten tatsächlich nur wenige Eingeweihte von der geheimen Fälscherwerkstatt.

Die ersten 26 Häftlinge, die im September 1942 die Arbeit im Fälscherkommando aufnahmen, stammten aus den Lagern Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen. Bis Ende 1944 wuchs die Gruppe der Fälscher auf etwa 140 Häftlinge an. Die meisten von ihnen wurden in Gruppen aus Auschwitz gebracht. Viele hatten zuvor im graphischen Gewerbe oder im Bankwesen gearbeitet. Die Produktion fand in mehreren Arbeitsbereichen und, nachdem immer mehr Arbeiter eintrafen, auch im Schichtbetrieb statt.

Gefälschte Zehn-Pfund-Note (Archiv Gedenkstätte Sachsenhausen)
Gefälschte Zehn-Pfund-Note (Archiv Gedenkstätte Sachsenhausen) 1945 (nach der Befreiung)

Nach Schätzungen von Häftlingen wurden bis Februar 1945 insgesamt über 134 Millionen Pfund gefälscht, von denen etwa 10 Millionen gut genug waren, um ans Reichssicherheitshauptamt (RSHA) abgeliefert zu werden. Mit den besser gelungenen Fälschungen kaufte das RSHA im Ausland Devisen, Gold etc. und bezahlte seine Agenten. Die schlechteren Exemplare sollten über Großbritannien abgeworfen werden. Neben der Produktion englischer Pfundnoten, wurden falsche Pässe und sogenannte Propagandabriefmarken hergestellt. Die Produktion falscher Dollarnoten, die ab 1944 in Angriff genommen wurde, blieb erfolglos, da keine brauchbaren Dollarnoten hergestellt werden konnten.

Gefälschte Briefmarke (Archiv Gedenkstätte Sachsenhausen)
Gefälschte Briefmarke (Archiv Gedenkstätte Sachsenhausen)

Die Häftlinge befanden sich in einer einzigartigen Situation. Im Unterschied zu den anderen Häftlingen genossen sie große Privilegien. Sie konnten sich unter der engen Stacheldrahteinzäunung relativ frei bewegen, hatten bezogene Betten, eigene Spinde, ausreichend Verpflegung, einen geheizten Arbeitsplatz, mussten nicht stundenlang Appell stehen und durften sich sogar die Haare wachsen lassen. Am arbeitsfreien Sonntag konnten sie lesen, Radio hören, Karten und Schach spielen, zeichnen, sich unterhalten und sogar untereinander sowie mit den SS- Männern Tischtennis spielen. Einmal in der Woche konnten die Häftlinge des Fälscherkommandos für kurze Zeit die vollkommene Isolation verlassen: Streng bewacht wurden sie geschlossen zum Baden geführt. Dennoch ließen die völlige Isolation und Beengtheit in den als „Käfig“ empfundenen Fälscherblocks, vor allem jedoch die Gewissheit, als jüdische Geheimnisträger liquidiert zu werden, das permanente Schwanken zwischen Todesangst und Hoffnung, auch ihren Alltag zur Qual werden. Auch ernsthafte Erkrankungen, die nicht in kurzer Zeit behandelt werden konnten, bedeuteten den Tod. Insgesamt wurden mindestens 5 Mitglieder der Fälscherwerkstatt umgebracht, sei es wegen des Verdachts der Sabotage oder weil sie eine ansteckende Krankheit hatten.

Im Hinblick auf das nahende Kriegsende versuchten die Häftlinge im Bereich der Dollarproduktion unauffällig die Arbeit zu verzögern und zu verlangsamen, um sich so lange wie möglich unentbehrlich zu machen und damit ihre minimalen Überlebenschancen ein wenig zu steigern.

Am 20. Februar 1945 kam der Befehl, die Fälscherwerkstatt aufzulösen. Die SS transportierte sie mit Maschinen und Werkzeugen nach Österreich in das kleine Lager Schlier. In diesem Außenlager des KZ Mauthausen sollte die Produktion der falschen Banknoten wiederaufgenommen werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

Am 6. Mai 1945 wurden 134 Angehörige des Fälscherkommandos von den Amerikanern im KZ Ebensee - einem Außenlager des KZ Mauthausen - befreit.

In der Ausstellung „Jüdische Häftlinge im KZ Sachsenhausen 1936 – 1945“ wird auch die Geschichte der Fälscherwerkstatt dargestellt. Im März finden Sie zum „Fälscherkommando“ im KZ Sachsenhausen eine Online-Präsentation auf dieser Website.