Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
28. März 1887 - 20. Juni 1962

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Portrait Kurt Magnus
Quelle: Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Kurt Bethke

Portrait Kurt Magnus Quelle: Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Kurt Bethke

Kurt Magnus studierte Rechtswissenschaften in Göttingen, Oxford und Berlin. Als einer der Pioniere des Rundfunks in Deutschlands geriet er durch sein Streben, die Unabhängigkeit des neuen Mediums zu sichern, 1933 mit den nationalsozialistischen Machthabern in Konflikt. Er wurde festgenommen und zunächst im Konzentrationslager Oranienburg, später im Gefängnis Moabit für insgesamt anderthalb Jahre inhaftiert. Nach dem so genannten „Rundfunkprozess“ stand Magnus ab 1935 unter politischer Bewachung.

Von Jana Rahmlow

Dr. Kurt Magnus (1887 – 1962)
Rundfunkpionier

Familiärer Hintergrund und schulische Bildung (1887-1919)

Kurt Magnus wurde am 28. März 1887 in Kassel geboren. Sein Vater war Landrichter. Die Familie zog nach Berlin, wo Kurt Magnus von 1893 bis 1906 die Volksschule und später das Humanistische Bismarck-Gymnasium besuchte, an dem er sein Abitur ablegte. Magnus entwickelte schon zu dieser Zeit Interesse für Literatur und Musik. In den vier Jahren nach Beendigung der allgemeinen Hochschulreife studierte Magnus Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten in Oxford, Göttingen und Berlin. 1910 bestand er das Erste Juristische Staatsexamen und promovierte zum Dr. iur. in Göttingen1.

Bereits vor Beginn des Ersten Weltkrieges war Magnus Offizier der Reserve bei den Oldenburger Dragonern2. Während des Krieges nahm er als Kompanieoffizier und Kompanie­führer an den Feldzügen im Westen und Osten teil. Ab 1915 war er Ordonnanzoffizier und anschließend für zweieinhalb Jahre, bis Kriegsende, Adjutant bei einer Infanteriebrigade, die ihn auch zu der “großen Schlacht an der Westfront” führte. Er erhielt das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse und den Hohenzollerschen Hausorden.

Die Anfänge in Berlin (1919 – 1933)

Vom Krieg zurückgekehrt, beendete Kurt Magnus bis Mai 1919 sein Referendariat und trat eine Stelle als Gerichts-Assessor bei der Brandenburgischen Provinzialverwaltung in Berlin an. Er unterbrach seine Arbeit als Referendar im März 1919 kurz, um der gerade gebildeten Schutzkompanie „Olympia“ beizutreten. Angaben über seine Zeit in diesem Freikorps liegen nicht vor. Im November 1919 wurde er Landes-Assessor, nachdem er das Zweite Juristische Staatsexamen erfolgreich abgeschlossen hatte. In der brandenburgischen Landesverwaltung leitete er die Abteilung für Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge. Dieses Amt hatte er bis 1922 inne. Nach dem erfolglosen Versuch, als Landrat gewählt zu werden, verließ Magnus die Verwaltung3. Er arbeitete danach in Berlin als Rechtsanwalt, hauptsächlich für Wirtschaftsfragen. Magnus besaß keine eigene Praxis, sondern arbeite als Syndikus für Alfred Stauch, der Anteile des Vox-Konzerns besaß. Er führte als Generalbevollmächtigter Stauchs die Verwaltungsgeschäfte des Konzerns und wurde 1923 in den Vorstand gewählt. Magnus war Mitglied verschiedenster Aufsichtsräte, so auch des Vox-Konzerns. Über diesen Konzern kam er zum Rundfunk.
1923 gründete er in Vertretung von August Stauch die „Radio Stunde“, die später in „Funkstunde“ umbenannt wurde4. Am 29. Oktober 1923 nahm diese ihren Sendebetrieb auf. Magnus war bis 1926 Vorsitzender des Aufsichtsrates der Funkstunde AG sowie zweiter Vorsitzender des Reichsrundfunkverbandes Berlin. 1925 gründete er zusammen mit Dr. Hans Bredow die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH (RRG) in Berlin, die als Dachorganisation für neun selbständige Rundfunkgesellschaften Vorbildliches leistete. Beide Männer galten als „Väter“ der RRG, die in Berlin, Königsberg, Breslau, Leipzig, Hamburg, Köln, München, Stuttgart und Frankfurt am Main Zweigstellen besaß. Magnus war anfangs Geschäftsführer und später Vorsitzender des Vorstandes. Seine zahlreichen Reisen führten ihn ins Ausland und gaben Anlass zu Programmaustauschen zum Beispiel mit den USA. Sein beharrliches Streben, die Unabhängigkeit des neuen großen Massenmedium Rundfunks zu erhalten, führte dazu, dass er ebenso wie Hans Bredow und viele andere 1933 seines Amtes enthoben wurde5.

Die Verhaftung und der Rundfunkprozess (1933-1945)

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten rückte Magnus zusammen mit anderen engen Mitarbeitern der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft wie Hans Flesch, Alfred Braun und Heinrich Giesecke Anfang August 1933 „ins Visier“ der Nationalsozialisten. Goebbels begann seine politischen Säuberungen im Rundfunk bei der RRG. So wurde am 1. April 1933 der nationalsozialistische Reichsrundfunkkommissar Gustav Krukenberg beauftragt, neben Kurt Magnus die Leitung der RRG zu übernehmen. Magnus reichte daraufhin am 3. April 1933 seinen Rücktritt ein. Im August desselben Jahres nahm die SS Anschuldigungen der Korruption gegen die ehemaligen Rundfunkpersönlichkeiten zum Anlass, diese zu verhaften. Magnus wurde auf Anordnung von Goebbels am 7. August 1933 zusammen mit Braun, Giesecke und Flesch ins KZ Oranienburg „überführt6“. Ein Foto zeigt ihn zusammen mit seinen Mitarbeitern und anderen berühmten Häftlingen wie Ernst Heilmann und Friedrich Ebert Jr. bei der Ankunft im Konzentrationslager. Hans Bredow bat nach der Verhaftung in einem Telegramm an Reichspräsident von Hindenburg und Hitler um die Freilassung seiner Mitarbeiter. Er verlangte im Falle der Ablehnung, ihr Schicksal zu teilen. Daraufhin wurde auch Bredow verhaftet. Nach insgesamt 19 Monaten Haft im KZ Oranienburg und im Untersuchungsgefängnis Moabit, in das er später eingeliefert wurde, kam Magnus in „Freiheit“. Kurze Zeit später (1934) wurde gegen ihn Anklage wegen Untreue vor dem Berliner Landgericht erhoben. Treibende Kraft des “Rundfunkprozesses” war Eugen Hadamovsky, der im Juli 1933 Krukenberg als Geschäftsführer der RRG abgelöst hatte7. Hadamoskys Strategie war es, die ehemaligen Rundfunkleute der Korruption zu beschuldigen und ihnen vorzuwerfen, sich am Rundfunk persönlich bereichert zu haben. Er ließ vermeintliches Beweismaterial zusammentragen, das die Grundlage für den Prozess bildete. Im „Reichs-Rundfunk-Prozeß“, den die Nationalsozialisten gegen alle ehemaligen Mitarbeiter führten, erging gegen Magnus nach siebenmonatigen Verhandlungen 1935 folgendes Urteil:
„Dr. Kurt Magnus, der frühere Direktor der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, ist der aktienrechtlichen Untreue, begangen durch zwei selbständige Handlungen in den Fällen Weiterzahlung des Gehaltes Flesch in Frankfurt a. M. und Trennungsvergütung Flesch schuldig, und wird zu einer Gesamtstrafe von fünf Monaten Gefängnis und zu Geldstrafen von insgesamt 4000 RM verurteilt. Die Freiheitsstrafen und die Geldstrafen sind durch die Untersuchungshaft verbüßt. Im Falle ‘Darlehen und Vorschüsse Flesch in Frankfurt a. Main’ wurde das Verfahren wegen Verjährung eingestellt, im Übrigen wurde der Angeklagte Magnus freigesprochen8.“ Der vom neuen NS-Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky initiierte Schauprozess gegen die Spitzen des Weimarer Rundfunks endete für alle Angeklagten mit geringen Haftstrafen, die bereits durch die Haftzeit abgegolten waren. Den Rundfunkleuten konnte trotz zweifelhafter juristischer Bedingungen keine Schuld nachgewiesen werden.

Ab 1935 arbeitete Kurt Magnus zunächst drei Jahre lang in einem Reisebüro in Berlin und zog dann aufgrund eines Berufswechsels nach Wiesbaden. Er trat 1939 bei der Firma ADOX-Kamera GmbH eine Stelle als Geschäftsführer an. 1940 übernahm er den Posten als Leiter der Export-Abteilung in der Firma Dr. C. Schleussner Fotowerke in Frankfurt am Main, den er bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 innehatte9.

Nach dem Nationalsozialismus (1945-1962)

Nach 1945 widmete sich Magnus wieder ausschließlich dem Rundfunk. Dessen Neuaufbau begann er, nachdem er bereits im Mai 1945 die Leitung der Wirtschaftsabteilung beim Regierungspräsidenten in Wiesbaden übernommen hatte. In den folgenden Jahren entwickelte er zusammen mit Hans Bredow die Grundkonzeption für die neuen Rundfunkgesetze in der Bundesrepublik. „Die Form unabhängiger öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten – nicht zuletzt aus den Erfahrungen des Dritten Reiches herrührend – setzt sich überall durch10“. Nach Gründung des Hessischen Rundfunks (HR) 1948 war Magnus von 1949-1951 als Vertreter der Hessischen Staatsregierung Mitglied und Vorsitzender des Rundfunkrats und bekleidete bis zu seinem Tode 1962 die selben Funktionen im HR-Verwaltungsrat. Im Jahre 1952 wurde er Mitbegründer und Vorstandvorsitzender des Goethe-Instituts zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland und war seit 1953 Vorsitzender des Beirats der Deutschen Welle (Köln), Mitglied im Aufsichtsrat der Degeto-Film GmbH (München), der Taunus-Film GmbH (Wiesbaden), der Werbung im Rundfunk GmbH (Frankfurt/M.) und Präsident des Verwaltungsrats des Lautarchivs des Deutschen Rundfunks, Frankfurt/Main11 (später Deutsches Rundfunkarchiv). Im Jahre 1954 erschien das von ihm geschriebene Sachbuch “Eine Million Tonnen Kriegsmaterial für den Frieden”, ein Jahr später “Der Rundfunk in der Bundesrepublik und in West-Berlin”. Zwei Jahre nach dieser Veröffentlichung erschien der kleine Reiseband “Drei Begegnungen”.

Kurt Magnus starb am 20. Juni 1962 im Alter von 75 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Wiesbaden. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Magnus wurde von seinen Kollegen und Freunden als Mann, „der mit universeller Bildung, mit ungewöhnlichem Organisationstalent und unermüdlicher Arbeitskraft begabt“ war, beschrieben12. Um sein Lebenswerk zu würdigen, rief der Hessische Rundfunk bereits am 20. Dezember 1961 die Kurt-Magnus-Stiftung ins Leben, die seit 1963 jährlich Preise zur Förderung von Hörfunk-Nachwuchskräften vergibt. Diese Ehrung wurde nach dem Rundfunkpionier benannt (“Kurt-Magnus-Preis”). Im Jahre 2007 konnten vier Talente den begehrten Preis in den Händen halten.

1 Vgl. Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Fernsehinformationen, Nr. 7/April 1986, Berufsbiografien Nr. 501. 

2 Die Oldenburger Dragoner waren berittene Soldaten mit Infanterieausrüstung, die die Pferde für schnelle Ortswechsel nutzten. 

3 Magnus hatte vermutlich als Kandidat der DVP an den Landratswahlen teilgenommen. In seiner Rundfunktätigkeit, sowohl vor als auch nach 1945, wurde Magnus immer wegen seiner Parteiunabhängigkeit gelobt. 

4 Vgl. Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Berufsbiografien Nr. 501. 

5 Vgl. Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks: Biografische Notizen, „Ein großer alter Mann des Rundfunks starb“, Press Verlags GmbH, Nr. 27/11, Jg. 1962. 

6 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/4, Bl. 22, Schutzhaftbefehl vom 7. August 1933.  

7 Hadamovsky leitete ab 1940 die Rundfunkabteilung im Reichspropagandaministerium. 

8 Urteil des Berliner Landgerichts, zit. nach: „Die Sendung“ Nr. 26 von 1935. 

9 Vgl. Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Berufsbiografien Nr. 501. 

10 Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Lebenslauf Kurt Magnus. 

11 Vgl. Ebd. 

12 Historisches Archiv des Hessischen Rundfunks, Biografische Notizen 1962. 

Siehe auch:
Kurt Magnus Preis online: http://www.hr-online.de/website/radio/home/index.jsp?rubrik=12236.
Rundfunkprozess und Urteil des Landgerichts Berlin, 6. große Strafkammer vom 13.6.1935 online: http://www.radio-praktiker.de/Rundfunkprozess.htm

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn eines Landrichters aus Kassel, aufgewachsen in Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: studierte Rechtswissenschaften in Oxford, Göttingen und Berlin, Anwalt in Berlin

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine Angaben

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: keine Angaben

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: keine Angaben

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1933 KZ Oranienburg, U-Haft im Untersuchungsgefängnis Moabit

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: keine Angaben

Erinnerungskultur/Ehrungen: seit 1962 existiert die Kurt-Magnus-Stiftung, vergibt jährlich den Kurt-Magnus-Preis

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