Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
7. Dezember 1899 - 10. Juni 1941

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Verhaftungbilder Werner Hirsch.
Quelle: SAPMO Y10-292/81 N.

Verhaftungbilder Werner Hirsch. Quelle: SAPMO Y10-292/81 N.

Werner Hirsch war Journalist, Delegierter des Gründungsparteitages der KPD, Chefredakteur der „Roten Fahne“ in Wien und Berlin sowie „Sekretär“ und enger Mitarbeiter Ernst Thälmanns. 1933 wurde er zusammen mit Thälmann in Berlin verhaftet. Er war anderthalb Jahre in vielen Konzentrationslagern und Zuchthäusern schwerer Folter ausgesetzt. Für viereinhalb Monate war Hirsch im KZ Oranienburg inhaftiert. Nach seiner Freilassung konnte er in die UdSSR emigrieren, wurde dort 1937 im Zuge der stalinistischen Säuberungen verhaftet und kam 1941 im Gefängnis ums Leben.

Von Jana Rahmlow

Der Jude und gebürtige Berliner Werner Daniel Heinrich Hirsch wurde am 7. Dezember 1899 geboren. Seine Mutter Helene Kallmorgen entstammte der Familie von Bismarck. Sein Vater Walter Hirsch war Landgerichtsrat. Hirsch verließ seine Familie bereits mit 16 Jahren. Die Gründe sind nicht bekannt. Er engagierte sich schon während seiner Schulzeit im Gymnasium gegen den Krieg. Während des Ersten Weltkrieges machte Hirsch die Bekanntschaft von Hugo Haase1 (USPD) und Pazifisten des „Bundes Neues Vaterland“, der bedeutendsten deutschen pazifistischen Vereinigung zu dieser Zeit. Im Alter von 18 Jahren trat er der USPD und der Spartakusgruppe bei und wurde ein Jahr später (1918) kurzfristig verhaftet. Hirsch hatte für den Apparat von Leo Jogiches gearbeitet, der ein Jahr später ermordet wurde2. Nach seiner Entlassung, kurz vor Kriegsende, wurde Werner Hrisch zur Marine eingezogen und in Kiel stationiert. Dort war er als bekennender Kriegsgegner an der Novemberrevolution von 1918 beteiligt3. Er engagierte sich während der Revolution als Mitglied des „Arbeiter- und Soldatenrates“ von Hamburg und als Mitbegründer der „Volksmarinedivision“ in Cuxhaven. Für diese fuhr Werner Hirsch als Delegierter von Cuxhaven zum Gründungsparteitag der KPD. Auf der Vorbereitungssitzung des Spartakusbundes hatte er sich zusammen mit Leo Jogiches und Karl Minster4 bereits erfolglos gegen die Gründung einer neuen Partei ausgesprochen. Am 1. Januar 1919 schließlich entstand die Kommunistischen Partei Deutschlands.
Die Führer des Spartakusbundes taten alles, um die Revolution voranzutreiben. Hirsch wurde nach dem Parteitag für kurze Zeit zur Agitation nach Hamburg entsandt und ging noch im Januar 1919 nach Berlin zurück. Er unterstützte dort in Berlin den Aufbau der KPD, wurde jedoch bereits im selben Monat verhaftet.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Berlin ging Hirsch nach Schleswig-Holstein. Anfang 1920 wurde er Funktionär der KPD und während des Kapp-Putsches im März 1920 Mitglied der Bezirksleitung5. Für kurze Zeit gehörte er dem Zentralausschuss der KPD an. Nach der „Märzaktion“ (Mitteldeutscher Aufstand) und dem Ausschluss des Co-Vorsitzenden Paul Levi aus der VKPD (dem Zusammenschluss von KPD und linken Teilen der USPD), trat Hirsch aus der Partei aus6. Er wandte sich von der politischen Arbeit ab und wurde bis 1924 als Seifenstanzer tätig, danach als freier Schriftsteller und ging schließlich als Korrespondent der angesehenen linksliberalen „Vossischen Zeitung“ nach Wien. 1924 erfolgte Hirschs Wiederaufnahme in die KPD. Er begann, als Chefredakteur der „Roten Fahne“ in Wien zu arbeiten. Von September 1924 bis Juni 1925 leitete er die Redaktion des kommunistischen Blattes in Österreich. Als er aus Wien ausgewiesen wurde, ging Hirsch zurück nach Berlin. Dort bekam er ebenfalls einen Posten als Redakteur bei der „Roten Fahne“, später bei der „Sächsischen Arbeiterzeitung“ in Leipzig7. In der Zeit von 1926 bis 1928 arbeitete Hirsch als Redakteur bzw. Chefredakteur bei der KPD-Zeitung „Der Kämpfer“ in Chemnitz. 1927 wurde er erneut für kurze Zeit inhaftiert. Im Jahre 1928 kehrte Hirsch nach Berlin zurück und wurde neben Heinz Neumann zweiter Chefredakteur der „Roten Fahne“. Er behielt den Posten zwei Jahre lang. 1930 stieg er dann zum Chefredakteur des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Deutschlands, der „Roten Fahne“, auf.
Gegen Werner Hirsch waren bis zu diesem Zeitpunkt mehrere Verfahren – wegen Beleidigung, Beamtenbeleidigung oder Abhaltung einer Versammlung unter freiem Himmel – eingeleitet worden. Im April 1930 stand er wieder vor Gericht. Der Vorwurf lautete diesmal „öffentliche Beleidigung“, da Hirsch in einem Artikel der “Roten Fahne” den Berliner Polizeipräsidenten Zörgiebel einen „Massenmörder“ genannt hatte8. Hirsch wurde zu einer Geldstrafe von 1000 Mark bzw. einer Haftstrafe von 50 Tagen Gefängnis verurteilt, des Weiteren mussten alle Exemplare der Ausgabe Nr. 220 vernichtet und die zur Herstellung benutzten Druckplatten eingeschmolzen werden9. Die „Rote Fahne“ übernahm die Kosten der Geldstrafe.

Zwei Jahre später erhielt Werner Hirsch den einflussreichen Posten des Sekretärs bei Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden des Roten Frontkämpferbundes und der KPD. Am 3. März 1933 wurde er zusammen mit Thälmann – zwei Tage vor den Wahlen in Deutschland und wenige Tage nach dem Reichstagsbrand – in der Wohnung der Familie Kluczinski in der Lützower Straße 9 in Berlin verhaftet und durch das Kriminalgericht Moabit in „Schutzhaft“ genommen. Die beiden KPD-Mitglieder waren von einem Nachbarn aus der Kleingartensiedlung der Kluczinskis verraten worden, der glaubte, durch die Preisgabe eines prominenten Kommunisten sich bereichern zu können10. Für Hirsch und Thälmann begann durch die Inhaftierung ein Leidensweg durch viele Gefängnisse und Konzentrationslager, der von schwerer Folter und Repressalien begleitet war.

Die Etappen seiner anderthalbjährigen „Schutzhaft“ beschrieb Hirsch ins seinem Erlebnisbericht „Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter im Konzentrationslager“ von 1934. Er war mehrere Wochen im Berliner Polizeigefängnis am Alexanderplatz und danach im Gefängnis in der Lehrter Straße inhaftiert. Anschließend wurde er im Karl-Liebknecht-Haus von der Geheimen Staatspolizei gefangen gehalten, um dann in die SA-Kaserne im früheren Vergnügungspark „Ulap“ und schließlich abermals in das Gefängnis in der Lehrter Straße gebracht zu werden. Dort musste Hirsch vier Monate „verweilen“ und kam daraufhin in das Zentralgefängnis Plötzensee. Nach der dortigen Haft wurde er in das Konzentrationslager Brandenburg überführt. Dann war er kurzzeitig im Polizeigefängnis, anschlisßend wiederum im KZ Brandenburg, im Polizeigefängnis in Leipzig , zurück im KZ Brandenburg, – als Strafe für seine Aussage in Leipzig -, am „Alexanderplatz“ und für mehrere Wochen im Columbiahaus, inhaftiert. Am 5. Januar 1934 kam Werner Hirsch ins Konzentrationslager Oranienburg11. Dort wurde er viereinhalb Monate gefangen gehalten und verließ das KZ am 14. Juli 1934. Es folgten Columbiahaus, der Keller der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße zu Berlin und sechs Wochen Konzentrationslager Lichtenburg12.

„Bei meiner Rundreise traf ich mit vielen Genossen aus den Lagern Sonnenburg, Papenburg, Dachau (Bayern), Rosslau (Anhalt), Hohenstein (Sachsen) usw. zusammen, so daß ich auch über die Verhältnisse in diesen Lagern vieles erfuhr. Die insgesamt acht Monate Einzelhaft im Laufe dieser anderthalb Jahre erschwerten naturgemäß das Beobachten und das Kennenlernen der übrigen Gefangenen, machten es aber nicht unmöglich13.“

Hirsch diskutierte mit einem Gefangenen, der Reichsbanner-Mitglied war, im Gefängnis Lehrter Straße längere Zeit über die aus seiner Sicht verfehlte SPD-Politik. In seiner Niederschrift warf er den sozialdemokratischen Funktionären vor, alle Grundsätze des Marxismus aufgegeben und sich selbst „an den Hals der Bourgeoisie geworfen zu haben14“. Den Gefangenen traf er später in Plötzensee und in einem Konzentrationslager wieder. Werner Hirsch wurde während seiner Haft schwer misshandelt. Aber auch die schlimmsten Prügel und der größte Schmerz brachten ihn nicht dazu, gegen seine Genossen auszusagen. Er spürte die Solidarität untereinander, beispielsweise durch ein kleines Drücken der Hände oder durch Botschaften, die zu ihm geschmuggelt wurden. In seiner Solidarität sah er:

„Das große Geheimnis, warum wir Kommunisten imstande sind, Foltern zu ertragen, die jeden der nationalsozialistischen Spießbürger, auf deren Schultern Hitler thront, wahrscheinlich im Laufe weniger Stunden zu einem verzweifelten geistigen Wrack machen würde15.“

Über seine Zeit im Konzentrationslager Oranienburg berichtete Werner Hirsch:

„In Oranienburg empfing mich die gleiche leidenschaftliche und herzliche proletarische Solidarität wie in jenen kurzen Tagen, die ich in Brandenburg unter den Genossen verbracht hatte. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß sogleich ein Dutzend Gefangene, Kommunisten und Sozialdemokraten, die in den verschiedenen Positionen des Lagers ,Einfluss’ hatten, alle möglichen Anstrengungen machten, um mir ein möglichst erträgliches Leben zu verschaffen16.“

Hirsch erhielt Extrarationen Essen und Ratschläge, wie man sich bei der Arbeit am besten anstellen solle; er bekam außerdem gut erhaltene Uniformstücke aus der Bekleidungskammer zugeteilt. Werner Hirsch war nach der monatelangen Folter von der Verbundenheit der sozialdemokratischen und kommunistischen Genossen überwältigt. So hatte sich nach seiner Darstellung eine Gruppe junger Männer der KPD und SPD heimlich zusammengetan, um sein Leben unter allen Umständen zu sichern. Als Begründung zitierte er einen sozialdemokratischen Häftling:

„Wir wissen ja ganz genau, daß wir die führenden Genossen besonders notwendig brauchen, daß sie wichtiger sind als wir. Das habt ihr Kommunisten überhaupt schon lange gesagt. Wenigstens eure Genossen haben es uns immer entgegnet, wenn wir anfangs hier im Lager manchmal behauptet haben: ‚Bei der KPD gibt es ja auch Bonzen. Die haben auch Gehalt bekommen wie unsere Führer.’ Jetzt haben wir viele Erfahrungen hier gehabt im Lager. Es ist doch ein großer Unterschied. Wenn wir euch nicht gehabt hätten, ich meine so manchen höheren Funktionär von der KPD, dann wären wir hier politisch versackt, auch wir Sozialdemokraten17.“

Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Lichtenburg Ende 1934 emigrierte Werner Hirsch in die UdSSR. In Moskau wurde er im Laufe der stalinistischen Säuberungen 1937 verhaftet18. Karlo Stajner berichtete, dass Hirsch 1938 in einem Moskauer Gefängnis in den Hungerstreik trat19.

Werner Hirsch kam 1941 in einem sowjetischen Lager ums Leben20.

1 Hugo Haase war ein deutscher Jurist, Pazifist und Politiker (USPD), der in mehreren Prozessen politisch verfolgte Sozialdemokraten verteidigte. 

2 Leo Jogiches war neben Franz Mehring, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD. Er lebte während des Ersten Weltkrieges im Untergrund. 

3 Der Matrosenaufstand, der in Wilhelmshaven und Kiel ausbrach, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einer deutschlandweiten Revolution. Sie führte am 9. November 1918 zur Ausrufung der Republik, der wenig später die formelle Abdankung des Deutschen Kaisers Wilhelm II. folgte. 

4 Karl Minster war vor 1896 Vorsitzender der SPD in Edenkoben und wanderte später in die USA aus. Nach seiner Rückkehr war er Journalist und 1923/24 Staatssekretär der SPD

5 Der Kapp-Putsch war ein Putsch gegen die Weimarer Republik, der im Deutschen Reich fast einen Bürgerkrieg auslöste und die Reichsregierung zur Flucht aus Berlin zwang. 

6 Die “Märzaktion” war eine von KPD, KAPD und anderen linken Kräften unterstützte bewaffnete Arbeiterrevolte. Es kamen über 100 Menschen ums Leben und mehrere Tausend Arbeiter verloren ihre Stellung. Die unentschiedene Haltung der Linksparteien führte zur Halbierung ihrer Mitgliederzahl. Innerhalb der VKPD löste die „Offensivtheorie“ bei der „Märzaktion“ sogar heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen aus. 

7 Vgl. Weber, Hermann: Deutsche Kommunisten, biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin, 2004, S. 315.  

8 Auszug aus dem Artikel: „...nochmals entstand das Bild des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Zörgiebel, wie es in den Herzen und Hirnen von Millionen Arbeitern unvergleichbar eingehämmert ist das Bild eines mit kühlem Vorbedacht handelnden sozialdemokratischen Arbeitsschlächters“; Die Rote Fahne online: http://die-rote-fahne.eu/Geschichte.html. 

9 Vgl. LA Berlin, A Rep. 358-01, Nr. 2152, Band 1, 2, 3, Strafsache Hirsch und Flirl. 

10 Vgl. LA Berlin, A PrBr Rep. 30, Tit. 95, Nr. 21631, Verhaftung Thälmanns. 

11 Zur Vernehmung über den Reichstagsbrandprozess. 

12 Vgl. Hirsch, Werner : Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter im Konzentrationslager, Schriftenreihe der proletarischen Einheit Nr. 5, Straßburg, 1934, S. 6.  

13 Ebd. 

14 Ebd., S. 11. 

15 Ebd., S. 18. 

16 Ebd., S. 19. 

17 Ebd., S. 20. 

18 Die stalinistischen Säuberungen erreichten ihren Höhepunkt in der so genannten „Großen Säuberung“ von 1936 bis 1938. Der so genannte “Große Terror”, wie die Säuberungen auch genannt wurden, war der systematische Terror gegen Menschen, die angeblich gegen das Regime Stalins konspirierten. Diese Säuberungsaktionen waren oft als gerichtliche Verfolgung getarnt. Aufgrund erpresster Geständnisse wurden Hunderttausende in Schauprozessen zum Tode verurteilt. 

19 Der Kommunist Karlo Stajner wurde 1936 in der UdSSR verhaftet und war zwanzig Jahre in einem Gefängnis in Sibirien inhaftiert. 

20 Weber, Hermann: „Weiße Flecken“ in der Geschichte, Die KPD-Opfer der Stalinistischen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Berlin, 1989, S. 92.  

Soziale/Regionale Herkunft: Vater jüdischer Landgerichtsrat; Mutter entstammte der Familie von Bismarck; geboren in Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: bis 1924 Seifenstanzer; danach freier Schriftsteller; Chefredakteur verschiedener Zeitungen, darunter 1930 der „Roten Fahne“

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine Angaben

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: seit 1917 Mitglied der USPD und des Spartakusbundes, seit 1930 KPD-Mitglied, Mitglied im Rotfrontkämpferbund (RFB)

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: Gruppe um Ernst Thälmann

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Januar bis 14. Juli 1934 Inhaftierung im KZ Oranienburg, Zentralgefängnis Plötzensee, Polizeigefängnis Alexanderplatz, Berlin-Columbiahaus, KZ Lichtenburg, KZ Brandenburg u. a.

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine bekannt

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