Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
30. Januar 1881 - 30. Dezember 1968

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VdN Formular Hugo Bergmann
Quelle: BLHA Rep. 401 Bezirksrat und Rat des Bezirkes Potsdam Rep. 401 VdN 188 Bl. 42

VdN Formular Hugo Bergmann Quelle: BLHA Rep. 401 Bezirksrat und Rat des Bezirkes Potsdam Rep. 401 VdN 188 Bl. 42

Hugo Bergmann, ein gelernter Schlosser und Betriebsrat, der fünfundzwanzig Jahre KPD-Mitglied und über zehn Jahre Ortsgruppenleiter in Königs Wusterhausen war, wurde auf Verfügung des Landrats ins Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert, wo er misshandelt und gefoltert wurde. Nach sieben Monaten konnte er das KZ verlassen und lebte danach in bescheidenen Verhältnissen in Königs Wusterhausen.

Von Jana Rahmlow

Hugo Bergmann (1881-1968)
Kommunist

Familiärer Hintergrund und schulische Bildung (1881-1909)

Hugo Bergmann wurde am 30. Januar 1881 in Volkstedt (Rudolstadt) in Thüringen geboren. Über seine Kindheit und Familie ließ sich lediglich ermitteln, dass er vier Geschwister hatte, seine Eltern früh starben und er den Beruf des Schlossers erlernte.

Politische Arbeit und die Zeit im Konzentrationslager (1909-1945)

Von 1914 an diente Hugo Bergmann vier Jahre lang als Soldat in der Truppeneinheit Landsturm III/8 Berlin, zuletzt als Unteroffizier. Wegen eines Leistenbruchs wurde Bergmann aus der Armee entlassen.

Bergmann war seit seinem 29. Lebensjahr politisch aktiv und freigewerkschaftlich organisiert. 1909 wurde er Mitglied der SPD und unterstützte die Partei zehn Jahre lang. Im selben Jahr trat Bergmann aus der Kirche aus. 1919 schloss er sich für ein Jahr der USPD an und trat bereits 1920 der KPD bei, der er bis 1945 angehörte. Bergmann zog über Berlin und Wildau nach Königs Wusterhausen (KW). In Wildau arbeitete er bei der Firma Schwartzkopff und engagierte sich dort von 1920 bis 1923 als Betriebsrat in der Sparte Elektriker. In Königs Wusterhausen war er von 1922 bis 1933 ohne Unterbrechung Ortsgruppenleiter der KPD und Führer des Roten Frontkämpferbundes1. Hugo Bergmann gehörte ab dem 19. Dezember 1929 der Gemeindevertretung in Königs Wusterhausen an und saß für die kommunistische Fraktion im Finanz- und Steuerausschuss, in der Bau-, Betriebs- und Friedhofskommission und im Verwaltungsausschuss. Die letzte dokumentierte Sitzung, an der Hugo Bergmann teilnehmen konnte, fand am 18. Oktober 1932 statt. Zudem engagierte er sich in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO); 1930 war er Delegierter des Kongresses der RGO in Berlin und blieb bis 1934 Mitglied. Bergmann wechselte von der Firma Schwarzkopff zu den Stadtwerken Königs Wusterhausen und trat deshalb in den Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs ein.

Nach eigenen Angaben war Bergmann auf verschiedenen Ebenen aktiv. Seine Mitgliedschaft im Roten Frontkämpferbund (RFB), in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD), im Deutschen Arbeitersängerbund (DAS) und bei der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) weisen Bergmann als Multifunktionär aus2. Zu seinen Aktivitäten in den verschiedenen Organisationen liegen keine weiteren Angaben vor.

Am 4. März 1933 wurde Bergmann zusammen mit zwölf Genossen, darunter Erich Herrmann, auf Verfügung des Landrats des Kreises Teltow verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt3. Da sie führende Mitglieder und Funktionäre der KPD waren, erging ein Schutzhaftbefehl gegen beide – ihnen wurde aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit „Überzeugungstäterschaft“ vorgeworfen4. Bergmann kam zusammen mit Herrmann ins Konzentrationslager und verbüßte ohne Gerichtsurteil und Prozess sieben Monate Haft. Er beschrieb die Zeit im KZ als angefüllt „mit reichlich Prügel, desto weniger Essen, Arbeit zwölf Stunden, früh militärischen Freiübungen mit Absolvieren der Hindernisbahn jung und alt5“. Das vorletzte dieser Hindernisse war der berüchtigte Rattenkäfig: Die Häftlinge mussten über einer Fallgrube von 1,75 Metern Tiefe über runde Balken balancieren. Es gab häufig Essens-, Besuchs- und Briefsperren, von denen auch Bergmann betroffen war. Die Appelle fanden in der Regel unter dem “Maschinengewehrturm” statt. In seinem Bericht erwähnte Bergmann auch, dass es zu mehrfachen Selbstmorden kam und sein KPD-Genosse Schulzendorf im “schwarzen Bunker” derart gequält wurde, „dass er den von mir geschmuggelten Kautabak nicht mehr annahm6“. Den Kommandanten Werner Schäfer, den Sturmführer Hans Krüger aus Trebbin und den Leiter der politischen Abteilung Hans Stahlkopf charakterisierte er in seinem Bericht als die drei bekanntesten Schinder. Bergmann, der im KZ Oranienburg als Barbier arbeitete, wurde nach mehr als sechs Monaten entlassen. Nach der „Schutzhaft“ im Konzentrationslager unterstützte er von Oktober 1933 bis Juli 1934 die illegalen Aktivitäten der KPD. Er hielt den Kontakt zu den Genossen in Köönigs Wusterhausen und der näheren Umgebung und beteiligte sich an Diskussionsrunden seiner Widerstandsgruppe.

Das Leben nach dem NS-Regime (1945-1968)

Hugo Bergmann stellte am 23. Oktober 1945 den Antrag auf Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ (OdF) und wurde vom Landesausschuss OdF als Kämpfer Nr. 3136 in die Kämpfergruppe III eingestuft. Im Juni 1947 trat er der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) bei. Er arbeitete anfangs als stellvertretender Amtsleiter beim Arbeitsamt in Königs Wusterhausen und war später bei der Autotransportgemeinschaft (ATG), Geschäftsstelle Königs Wusterhausen, als Angestellter tätig. Nach Beendigung dieses Arbeitsverhältnisses lebte Bergmann in bescheidenen Verhältnissen. Er erhielt eine geringe Rente als „Verfolgter des Naziregimes“ (VdN). Seine Lebensgefährtin Lisa Bramke verstarb 1957. Die Beerdigungskosten brachten ihn in eine materielle Notlage, die ebenfalls von der VdN durch 200 DM aufgefangen wurde7. Seine Tochter Herta Ratzlaff (geb. Bergmann) aus erster Ehe verschied ebenfalls 1957 im Alter von 47 Jahren. Am 30. Dezember 1968 starb Hugo Bergmann in Königs Wusterhausen.

1 Vgl. BLHA, Rep. 333, SED- Landesleitung Brandenburg Nr. 1024, Aufnahmeantrag in die VVN, Akte Nr. 206 vom 20.06.1975. 

2 In der Zeit von 1935-1945 war er Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF), vgl. ebd. 

3 Erich Herrmann ist ebenfalls biografiert. 

4 Vgl. BLHA, Rep. 401 Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam, VdN-188, OdF-Akte Nr. 20.  

5 Ebd. 

6 Ebd. 

7 Vgl. BLHA, Rep. 401, VdN-188, VdN-Akte AZ 4465. 

Siehe auch: Stadtarchiv Königs Wusterhausen: Beschlüsse der Gemeindevertretung 1925-1933.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin, Königs Wusterhausen (Spreewald)

Ausbildung/Berufstätigkeit: gelernter Schlosser, später Betriebshandwerker, Sachbearbeiter beim Arbeitsamt, Angestellter bei einer Autotransportgemeinschaft

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1920-1923 Betriebsrat bei der Firma Schwartzkopff, RGO-Mitglied, Delegierter des Gründungskongresses, Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs, Vertrauensmann der Gewerkschaft, vermutlich des DMV, 1935-1945 Deutsche Arbeitsfront (DAF)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1909-1919 Mitglied der SPD, 1920-1921 Mitglied der USPD, seit 1922 Ortsgruppenleiter der KPD, Mitglied im Roten Frontkämpferbund (RFB), Mitglied der Rote Hilfe Deutschlands (RHD), Mitglied im Deutscher Arbeitersängerbund (DAS), Mitglied bei der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH)

Politische Mandate/Aktivitäten: 1929-1933 Gemeindevertreter in Königs Wusterhausen

Widerstandsaktivitäten: 1933-1935 illegale Arbeit für die KPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 9. März bis 20. September 1933 KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: trat 1947 der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) bei, SED-Mitglied, Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB)

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine Angaben

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