Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
23. September 1903 - 3. Dezember 1951

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Alfred Kettig 1903 - 1951, (Quelle: BArch, DY30-IV2-11-V210)

Alfred Kettig 1903 - 1951, (Quelle: BArch, DY30-IV2-11-V210)

Alfred Kettig gehörte zu den ersten 42 Gefangenen, welche die SA in das KZ Oranienburg verschleppte. Als KPD-Mitglied und ehemaliger Abgeordneter des anhaltinischen Landtags, musste er besondere Demütigungen erleiden. Mit 11 weiteren Abgeordneten trieben ihn SA-Männer durch Oranienburg und zwangen sie, vor den Augen der Bevölkerung, die Wahlplakate früherer Wahlkämpfe zu entfernen.

Von Andreas Möller

Am 23. September 1903 wurde Alfred Kettig als Sohn von Auguste Kettig, geb. Hoffmann und Gustav Kettig in Staßfurt, Kreis Calbe a. d. Saale, geboren. Sein Vater bestritt den Lebensunterhalt der Familie als Schmied, während seine Mutter den Haushalt organisierte. Beide Elternteile stammten aus Arbeiterfamilien und waren mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Alfred Kettig besuchte acht Jahre lang die Volksschule und erlernte anschließend in Staßfurt von 1917 bis 1920 den Beruf des Schlossers in der damaligen Königlich-Preußischen Berlepsch-Maybach-Schachtanlage. Ab Dezember 1918 war Kettig im Deutschen Metallarbeiterverband organisiert. Bereits während seiner Lehrzeit engagierte er sich als Jugendvertreter in der Funktion des Jugend-Betriebs-Vertrauensmanns. Gleichzeitig war er Mitglied des Ortskartells des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds und engagierte sich auch hier als Jugendvertreter. 1920 entließ man Kettig anlässlich des Kali-Arbeiterstreiks aus dem Betrieb, worauf er nach Unterbreizbach i. d. Rhön auf Montage ging. Im benachbarten Philippsthal organisierte er kurz darauf eine sozialistische Arbeiterjugendgruppe. Noch im selben Jahr führte ihn sein Weg ins thüringische Nordhausen, wo er für die Bau- und Kälteindustrie Gepphardt und König arbeitete1. Hier verlor er bereits nach kurzer Zeit wegen der Organisation eines Streiks seinen Arbeitsplatz und arbeitete nun als Fördermann im Kalischacht Immenrode bei Wolkramshausen. Einige Monate später ging er zurück nach Staßfurt und engagierte sich in seinem alten Betrieb als Fürsorgearbeiter.
Im gleichen Jahr trat er in die USPD ein und war in der Ortsgruppe Staßfurt zeitweise zweiter Vorsitzender. Zuvor hatte er in Staßfurt eine Gruppe der proletarischen Jugend geleitet2. Bereits im Januar 1920 war er aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten und hatte sich der Freidenkerbewegung angeschlossen3. In der Zeit von 1922 bis 1928 war Kettig arbeitslos, was ihn nicht daran hinderte, sich politisch zu engagieren. 1922 delegierte ihn die KPD in den roten Erwerbslosenausschuss. Zunächst war er dort als Jugendvertreter und später als ehrenamtlicher Leiter der Erwerbslosenberatungsstelle tätig. Im August 1923 trat Kettig der KPD bei und brachte sich zunächst als Jugendvertreter aktiv ein. Kurze Zeit später war er unter anderem für die Organisation der KPD im Unterbezirk Staßfurt zuständig. Ab 1925 widmete er sich gänzlich der Parteiarbeit. Noch im gleichen Jahr erfolgte seine Wahl zum ersten Vorsitzenden des Unterbezirks Staßfurt, zudem wurde er Mitglied des Bezirksausschusses Magdeburg-Anhalt. 1928 stellte ihn die KPD als Kandidat für den Landtag Anhalt auf. Zusammen mit Paul Kmiec wurde Kettig von 1928 bis 1932 als Abgeordneter in das Parlament des Freistaats gewählt. Während dieser Zeit arbeitete er in den Bereichen Kultur, Kunst, Wissenschaft, Kirche und Strafrecht. 1933 beauftragte ihn seine Partei, die Wahl für den preußischen Landtag vorzubereiten.
Nach der Machtübernahme Hitlers erfolgte am 11. März 1933 in Aschersleben Alfred Kettigs Festnahme und Überführung nach Halberstadt4. Ein Verfahren wegen Hochverrats gegen ihn musste vom Reichsgericht in Leipzig, auf Grund mangelnder Beweise fallengelassen werden. Dennoch kam Kettig nicht frei, sondern wurde am 14. Juni 1933 zusammen mit 42 “Schutzhäftlingen” ins KZ Oranienburg überführt. Er gehörte zu den 12 „Herren Abgeordneten“, die in je drei Kolonnen die Stadt Oranienburg von den Resten früherer Wahlplakate säubern mussten. Kettig erinnerte sich: „Von Bernburg kam ich nach Oranienburg bei Berlin am 16. April 1933. Hier habe ich sofort die Verbindung mit Genossen der KPD aufgenommen. Ich habe eine Zeit lang die Straßen von Plakaten säubern müssen mit meinem Genossen Paul Kmiec und anderen. Gemeinsam mit Fritz Ebert jun. und Heilmann, SPD. Nachdem der Landtagsabgeordnete der SPD Gerhard Seger ausgerissen war, wurde ich besonders scharf behandelt und bewacht. Strafarbeit durch Latrinenreinigen mit Heilmann5.“ Nach vielen Monaten der Demütigung und Entbehrungen im KZ Oranienburg erfolgte die Überführung Kettigs Anfang 1934 ins KZ Dessau-Roßlau mit der Maßgabe, die übliche Erklärung zu unterschreiben, zu keiner Zeit misshandelt worden zu sein6. Anschließend kam er im August 1934 ins KZ Lichtenburg und schließlich im Oktober 1934 ins Columbia-Haus nach Berlin. Wegen angeblicher Meuterei peitschten die Wachmänner ihn und weitere Genossen öffentlich aus. Auch nach der Auspeitschung nahmen die Quälereien kein Ende. Kettig wurde wochenlang misshandelt und zu einer sogenannten “Sonderausbildung” im Februar 1935 ins KZ Lichtenburg zurück verlegt. Die “Sonderausbildung” bestand aus quälenden „Sportübungen“. Anschließend musste er schwere Dienste in der Wäscherei und Töpfer-Kolonne verrichten. Am 12. Dezember 1935 entließ man ihn aus dem KZ Lichtenburg.
In der Zeit von 1935 bis 1937 war Kettig zur Belustigung der Nazis als Straßenkehrer und Reinigungskraft für öffentliche Toiletten in Staßfurt tätig. 1936 trat er auf Verlangen eines NSDAP-Ombudsmanns in die DAF ein, der er bis 1943 angehörte. Ab 1937 arbeitete er in der Soda-Fabrik Staßfurt, wo er wieder Kontakt zu alten kommunistischen und sozialdemokratischen Genossen aufnahm. Auf Grund einer Denunziation wurde Kettig im Jahre 1940 erneut verhaftet und zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Magdeburg absitzen sollte. Während seiner Haftzeit musste er nach Blindgängern graben, die im Raum Magdeburg verstreut lagen. Mit viel Glück überlebte er diese Arbeit und kam ein halbes Jahr früher als vorgesehen, im September 1942, aus der Haft frei. Nach seiner Haftzeit arbeitete Kettig in Magdeburg bei Walter Müller in einem kleinen Unternehmen. Während dieser Zeit nahm er Kontakt zu Hans und Albert Schlee, Walter und Arthur Bobe, Philipp Danz, Fritz Rödel und Fritz Bruse auf. Zusammen gründeten sie die Gruppe „Bund Freies Deutschland“ und bauten Verbindungen zu zahlreichen Widerstandsgruppen auf. Am 5. Januar 1944 wurde Kettig nach einer Auseinandersetzung mit seinem Chef und Meister Walter Müller durch den sogenannten “Sondererlass” Hitlers zum Strafbataillon 999 nach Baumholder a. d. Nahe transportiert. Im Juni 1944 setzte man seine Einheit im Balkan zum Minenlegen und zur Straßensicherung ein. Im Herbst 1944 verlegte ihn die Wehrmacht nach Nordgriechenland, wo er in der Waffenmeisterei tätig war. Noch während des Rückzugs der Wehrmachtstruppen verhaftete ihn die SS am 18. Februar 1945 wegen seiner leitenden Tätigkeit in der Gruppe „Bund Freies Deutschland“ und überführte ihn nach Magdeburg. Nach etwa einem Monat übergab man ihn am 3. April der Gestapo. Auf Grund einer Malariaerkrankung und des extremen Gewichtsverlusts lieferten ihn die Wachmänner ins Gerichtslazarett ein.
Nach eigenen Angaben wurde Kettig nach dem Einrücken der amerikanischen Armee zusammen mit anderen Genossen aus der Haft entlassen und widmete sich nach seiner Genesung dem Aufbau der Kommunistischen Partei7. Er erhielt den Auftrag, die Einigung der Gewerkschaften vorzubereiten. Auf der 1. Kreiskonferenz des neu gegründeten Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds zeichneten ihn die Gewerkschaften für sein Engagement aus. 1946 arbeitete er als Instrukteur der SED-Kreisleitung Dessau. Ende 1946 nahm Kettig an einem Lehrgang zur Ausbildung von Kreisparteischulleitern teil. Die Parteigenossen setzten ihn, auf Grund seiner “aufmüpfigen Art”, jedoch nicht für die Parteischulungsarbeit ein. Daraufhin begann er ein Arbeit als Schlosser in der damaligen Bamag 3 und 4, heutiges Elektromotorenwerk (Elmowerk) in Wernigerode/Harz. Wenige Monate später, im Jahr 1947, setzte die Partei Kettig als Leiter in der neu gegründeten Betriebsparteischule der Firma Polysius in Dessau ein. Aber auch hier wurde er bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen. Er leistete anschließend ehrenamtliche Parteiarbeit. Im Jahr 1948 durfte Kettig wieder als Schulungsleiter der Konsumgenossenschaft in Dessau arbeiten. Anfang 1950 schickte ihn die Gewerkschaftsspitze gegen seinen Willen zur Farbenfabrik nach Wolfen, wo er zum ersten Parteisekretär gewählt wurde8. Diese Stellung behielt er bis kurz vor seinem Tod.

Alfred Kettig verstarb am 3. Dezember 1951 auf Grund seines schlechten Gesundheitszustands in Dessau.

1 Vgl. Lebenslauf Alfred Kettig, in: BArch, DY 30-IV2-11-V210. 

2 Am 27. und 28. Oktober 1918 schlossen sich die oppositionellen Gruppen der proletarischen Jugend zur Freien Sozialistischen Jugend (FSJ) zusammen. Nach der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands bekannte sich die FSJ auf ihrer ersten Reichskonferenz im April 1919 zu den Zielen der Kommunistischen Partei Deutschlands. Entsprechend seiner engen Bindung zur KPD beschloss der Reichsausschuss der FSJ am 11. und 12. September 1920, den Verband in „Kommunistischer Jugendverband Deutschlands“ umzubenennen. 

3 Die Entstehung der Freidenkerbewegung geht auf das Zeitalter der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert zurück. Hier vereinigten sich Menschen, die alle religiösen Fragen der Vernunft unterwarfen. Der Nationalsozialismus bekämpfte alle Freidenker und warf ihnen “Verderbung der Jugendmoral” vor. Nach der Machübernahme Hitlers wurden alle Freidenkerorganisationen verboten. 

4 Vgl. Schutzhaftakte, in: BArch, DY 55-V278-5-65. 

5 Lebenslauf Alfred Kettig. 

6 Vgl. Erklärung Kettig vom 12.01.1934, in: BArch, DY 55-V278-5-65. 

7 Lebenslauf Alfred Kettig. 

8 Vgl. Fragebogen der Zentralen Parteikontrollkommission, in: BArch, DY 30-IV2-11-V210. 

Soziale/Regionale Herkunft: Staßfurt/Kreis Calbe a.d. Saale, Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1917-1920 Ausbildung zum Schlosser; 1928-1932 Parteisekretär der KPD Magdeburg in Halberstadt; Dezember 1935-1937 Straßenkehrer in Staßfurt; 1937-1940 Arbeiter in der Soda-Fabrik in Staßfurt; 1941-1944 Maschinenschlosser bei Walter Müller in Magdeburg

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; Mitglied und Jugendvertreter des Ortskartells des ADGB Staßfurt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; ab August 1923 KPD-Mitglied

Politische Mandate/Aktivitäten: 1928-1932 Abgeordneter für die KPD im Landtag Anhalt

Widerstandsaktivitäten: Gruppe "Bund Freies Deutschland"

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 16. April 1933 - 15. Januar 1934 KZ Oranienburg; 15. Januar 1934 - August 1934 KZ Dessau/Roßlau; ab 18. Oktober 1934 KZ Columbia-Haus; Februar 1935 - 12. Dezember 1935 KZ Lichtenburg; 1940 Gefängnis Magdeburg; Strafbataillon 999 Baumholder

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Ab 1947 Leiter der Parteischule "Polysius" in Dessau; 1948 - 1949 Schulungsleiter des Konsum-Genossenschaft in Dessau; ab 1950 1. Parteisekretär der Farbenfabrik in Wolfen

Erinnerungskultur/Ehrungen: Auszeichnung des FDGB für sein Engagement

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