Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
29. Mai 1890 - 22. August 1954

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August Förster (Anfang der 1950er Jahre).
Quelle: PA Herbert Leib, Teltow.

August Förster (Anfang der 1950er Jahre). Quelle: PA Herbert Leib, Teltow.

1954 wurde in den Trauerreden zum Tode von August Förster der langjährige Stadtverordnete und kommunistische Parteifunktionär gewürdigt und geehrt, der – mit den Worten der SED-Kreisleitung Potsdam-Land – sich „nach der Befreiung durch die sowjetische Armee [...] dem demokratischen Wiederaufbau zur Verfügung“ gestellt und „in den vordersten Reihen“ sowie bereits vor 1933 „für die Einheit der Arbeiterklasse, für Frieden, Demokratie und Sozialismus“ gekämpft hatte1. Die wichtigen Positionen, die August Förster in der Gewerkschaftsbewegung ausgeübt hatte, blieben bis auf einen Hinweis auf seinen Betriebsrats-Vorsitz bei der Berliner Straßenbahn unerwähnt.

Von Siegfried Mielke

August Förster wurde am 29. Mai 1890 als Sohn eines Landarbeiterehepaares in Kampischkehmen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Gumbinnen in Ostpreußen, geboren. Als Landarbeitersohn wuchs Förster in sehr ärmlichen Verhältnissen auf, lernte in seinen Kinderjahren Not und Elend kennen und musste sehr früh mit den übrigen Familienangehörigen auf einem Gut mitarbeiten. Über die Schulausbildung schrieb Herbert Leib 1965: „August Förster besuchte die Dorfschule, welche damals in der 4. Klasse endete und wo jeweils durch einen Lehrer zur gleichen Zeit die erste und zweite sowie die dritte und vierte Klasse unterrichtet wurde. Wenn der Lehrer zum Beispiel den Schülern und Schülerinnen der ersten Klasse etwas erläuterte, mussten die Kinder der zweiten bis vierten Klasse selbständig vorher gestellte Aufgaben lösen. Die Schulpflicht von nur vier Jahren, der gemeinsame Unterricht von vier Klassen in einem Raum, die Länge des täglichen Schulunterrichts sowie die wenig vorhandenen Unterrichtsmaterialien bedingten, dass den Kindern nur ein Minimalwissen vermittelt werden konnte. Da die Kinder auf dem Gut mitarbeiten mussten, blieb kaum Zeit zur Anfertigung der Hausaufgaben2.“ Die Chance, eine Lehre zu absolvieren, erhielt Förster nicht. Für Kontakte zu Organisationen der Arbeiterbewegung bis zu seinem 20. Lebensjahr gibt es keinerlei Hinweise. Die ersten Ansätze einer politischen Sozialisation erfolgten während der Jahre 1910 bis 1912, als Förster zur Ableistung seiner Wehrpflicht zur kaiserlichen Armee einberufen wurde. In dieser Phase erkannte er, so Herbert Leib, „dass sich die Interessen der Machtorgane des damaligen Deutschen Reiches keinesfalls mit den Interessen des deutschen Volkes deckten. Der Drill und Zwang des Preußischen Militarismus ließ ihn zu einem noch größeren Gegner des Herrschaftssystems werden3“.
Nach dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg erhielt Förster eine Anstellung als Fahrer bei der Teltower Kreisbahn, die (vermutlich) zum Unternehmen der Berliner Straßenbahnen gehörte. Seine politische und gewerkschaftliche Karriere begann 1919 vergleichsweise spät im Alter von 29 Jahren mit dem Eintritt in die USPD und in den Deutschen Transportarbeiterverband, einer Vorläuferorganisation des Deutschen Verkehrsbundes und des späteren Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs. Auf Grund seines Engagements wurde Förster zum Betriebsratsmitglied bei der Berliner Straßenbahn gewählt. Ob er auch Vorsitzender des Betriebsrates war, wie von der SED-Kreisleitung Potsdam-Land 1954 berichtet, ließ sich nicht feststellen. Trotz seiner Funktion als Betriebsratsmitglied beteiligte er sich an der Organisierung mehrerer Streiks und wurde deshalb 1923 entlassen. Von 1923 bis 1925 war Förster als Bauhilfsarbeiter im Baugewerbe tätig. Ob er sich während dieser Zeit dem Deutschen Baugewerksbund als Mitglied anschloss, ließ sich nicht feststellen. Mit Hilfe politischer Freunde erhielt er 1925 eine Anstellung in der Zehlendorfer Spinnstoff-Fabrik. Nach diesem beruflichen Wechsel trat er als Mitglied dem Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands, der überwiegend ungelernte Arbeitnehmer organisierte, bei. Auf dessen Liste wurde er als Betriebsrat gewählt und übernahm in dieser Zeit auch die ehrenamtliche Funktion eines Bezirksleiters des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands und wurde anschließend als Vorsitzender des Gewerkschaftskartells für Teltow und Umgebung gewählt. Diese Position verlor er allerdings, als er 1930 bei den Betriebsratswahlen für die vom ZK der KPD geforderte rote Einheitsliste kandidierte. Seine Tätigkeit in der Spinnstoff-Fabrik Zehlendorf als Leiter der KPD-Betriebszelle und als Redakteur der Betriebszeitung, seine Aktivitäten für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) trugen 1932 sicherlich zu seiner Entlassung bei. Für eine Einflussnahme sozialdemokratisch orientierter Gewerkschaftsfunktionäre im Betrieb auf diese Entlassung – wie von Leib behauptet – , liegen keinerlei Belege vor. Förster, der sich mit der USPD-Linken 1920 der KPD angeschlossen hatte und nicht wie von der SED behauptet, der KPD „seit der Gründung angehörte4“, verlegte sein politisches Engagement nach 1930 auf die Parteiarbeit. Bereits im Mai 1924 war er – von der KPD nominiert – in Teltow als Stadtverordneter gewählt worden. Das Mandat wurde in den folgenden Wahlen bis zum Frühjahr 1933, das heißt dem Parteiverbot der KPD, von den Wählern stets bestätigt. Neben seiner Funktion als Vorsitzender der KPD in Teltow von 1926 bis 1930 gehörte Förster von 1928 bis 1933 der erweiterten Bezirksleitung der KPD von Berlin-Brandenburg an. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten engagierte sich Förster im illegalen Widerstand, produzierte auf einem Abzugsapparat, der in seiner Wohnung in einem Brennholzhaufen versteckt gehalten wurde, zahlreiche Flugblätter, hatte mehrere Hausdurchsuchungen zu erdulden, wurde am 28. Juni 1933 verhaftet und ins KZ Oranienburg überstellt, wo er bis zum 7. November 1933 inhaftiert blieb5. Nach der Entlassung stand er mehrere Monate unter Polizeiaufsicht. Nach längerer Arbeitslosigkeit bekam er 1934 vorübergehend eine Anstellung im Baugewerbe. Von 1935 bis 1945 arbeitete er mit Unterbrechungen in einem Sägewerk (Kähme & Co. in Berlin-Lichterfelde). Er setzte während dieser Jahre seine illegale politische Tätigkeit fort, wurde erneut verhaftet und verbüßte vom 16. August 1937 bis 30. Juli 1939 wegen „Hochverrats“ die verhängte Zuchthausstrafe in Luckau. Ob er im Zuchthaus Luckau mit Willy Sägebrecht zusammentraf, der zur gleichen Zeit dort inhaftiert war, konnte nicht ermittelt werden.
Mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion wurde Förster erneut unter Polizeiaufsicht gestellt, das heißt, er musste sich täglich bei der Polizei melden. Gegen Ende des Krieges wurde er nach Frankfurt/Oder zum Bau von Stellungen dienstverpflichtet. Nach Darstellung von Leib trat er, „von der Sinnlosigkeit des Krieges“ überzeugt, „auch hier entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten als Mitglied der KPD in Erscheinung6“.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges engagierte sich Förster als Ortsgruppenleiter beim Aufbau der KPD, setzte sich intensiv für die Vereinigung von KPD und SPD zur SED in Teltow ein und wurde zum Kreisleitungsmitglied der SED gewählt. Auf kommunaler Ebene hatte er 1945/46 das Amt eines stellvertretenden Bürgermeisters in Teltow inne. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem der Aufbau von Einwohnermeldeamt und Wohnungsamt in Teltow. Anschließend wurde ihm die Organisation der Stadtpolizei übertragen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, „nahm er im Jahre 1948 an einem Lehrgang für leitende Angestellte der Volkspolizei an der Landespolizeischule in Biesenthal teil7“. 1950 übernahm er den Vorsitz der Kreisparteikontrollkommission und 1951 die ehrenamtliche Funktion des Kreisvorsitzenden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes von Teltow.
Nach seinem Tode am 22. August 1954 ehrte ihn die SED mit der Umbenennung des Teltower Marktplatzes in „August-Förster-Platz“ (seit 1991 wieder „Marktplatz“). Auch die Polytechnische Oberschule II und die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft mit Sitz in der Ruhlsdorfer Straße trugen zu DDR-Zeiten den Namen von August Förster.

1 Märkische Volksstimme, o. D., PA Herbert Leib. 

2 Leib, Herbert: Biographie, S. 1. 

3 Ebd. 

4 Märkische Volksstimme. 

5 Entlassungsbescheinigung, PA Herbert Leib. 

6 Leib: Biographie, S. 5. 

7 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 26.
  • PA Herbert Leib (Teltow, ehemaliger Ortschronist), unveröffentlichte Biographie „Aus dem Leben des Genossen August Förster“.
  • Baller, Kurt: Chronik des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes Kreis Teltow/Königs Wusterhausen. Zeitraum 1945 bis 1952, hrsg. vom Kreisvorstand Königs Wusterhausen des FDGB, Potsdam 1987.
  • Märkische Volksstimme, August 1954.

Soziale/Regionale Herkunft: Kampischkehmen (Ostpreußen); Landarbeitersohn

Ausbildung/Berufstätigkeit: Anstellung als Fahrer bei der Teltower Kreisbahn

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1919: Deutscher Transportarbeiterverband; Betriebsratsmitglied bei der Berliner Straßenbahn; Mitglied im Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands; Betriebsrat und Bezirksleiters des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands; Vorsitzender des Gewerkschaftskartells für Teltow und Umgebung

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919: USPD; 1920: KPD; 1926 bis 1930: Vorsitzender der KPD in Teltow; 1928 bis 1933: Erweiterter Bezirksleitung der KPD von Berlin-Brandenburg

Politische Mandate/Aktivitäten: Mai 1924 - Frühjahr 1933: Stadtverordneter in Teltow;

Widerstandsaktivitäten: illegaler Widerstand für die KPD, Produktion von Flugblättern

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Juni 1933 - 7. November 1933: Oranienburg; 16. August 1937 bis 30. Juli 1939: Zuchthaus Luckau

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Ortsgruppenleiter der KPD in Teltow; Kreisleitungsmitglied der SED; 1945/46: Stellvertretender Bürgermeister in Teltow; 1950: Vorsitz der Kreisparteikontrollkommission; 1951: Kreisvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes von Teltow

Erinnerungskultur/Ehrungen: Benennung des Marktplatzes, der polytechnischen Oberschule II und der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Teltow nach August-Förster zu DDR-Zeiten; in den 1990er Jahren wieder umbenannt

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