Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
9. Juni 1880 - 27. Juli 1953

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Karl Gehrmann als Soldat in Rußland.
Quelle: PA Karl-Reinhold Granzow, Rathenow.

Karl Gehrmann als Soldat in Rußland. Quelle: PA Karl-Reinhold Granzow, Rathenow.

1929 wurde Karl Gehrmann „für 25 Jahre treue Mitgliedschaft“ im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) geehrt1. Die Ehrung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als auf Vorgabe der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) und der Kommunistischen Internationale (KI) die KPD eine neue Phase der Gewerkschaftspolitik in Deutschland propagierte, die nicht selten zum Austritt oder Ausschluss kommunistischer Gewerkschafter aus der freien Gewerkschaftsbewegung führte. Sie galt einem Mitglied der KPD, das zumindest bis 1929 der Gewerkschaftsarbeit offensichtlich stets eine hohe Bedeutung beigemessen hatte.

Von Siegfried Mielke

Karl Gehrmann wurde am 9. Juni 1880 in Ferchesar bei Rathenow, Kreis Havelland, als „Arbeiterkind“ geboren. Sein Vater Karl Gehrmann senior war vermutlich Hausmeister. In den Lebensläufen von Karl Gehrmann finden sich aber auch die Berufsbezeichnungen „Hausdiener“ und „Hausverwalter“. Auch die Angaben über die Parteizugehörigkeit des Vaters differieren zwischen „parteilos“ und „SPD-Mitglied“. Die Mutter Ida Gehrmann, geborene Busse, war KPD-Mitglied. Dies gilt auch für die spätere Ehefrau von Gehrmann Anna Auguste Emma, geborene Stüwing. Anna Gehrmann war in Rathenow Mitbegründerin der Filiale des Verbandes der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbeiter Deutschlands, einer Vorläuferorganisation des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes2.
Nach dem Abschluss der Volksschule, die Karl Gehrmann vom 6. bis zum 14. Lebensjahr besuchte, begann er zunächst eine Lehre als Buchdrucker und besuchte die Redakteursschule. Diese Lehre musste er nach eigenen Angaben aus finanziellen Gründen ebenso abbrechen, wie seine anschließende Ausbildung als „Volontär“ bei der Firma Nitsche und Günther, einem Unternehmen für optische Artikel. Karl Gehrmann wurde schließlich Hornarbeiter und arbeitete unter anderem in verschiedenen Unternehmen der Rathenower Optikindustrie. Da er wegen der Erkrankung seines Vaters als Ernährer der Familie galt, wurde er als so genannter „Königsurlauber“ vom Militärdienst befreit. 1909 heiratete er Anna Stüwing, 1910 wurde die gemeinsame Tochter Adelheid geboren. Aufgrund seiner Beschäftigung in der Optikindustrie, dem Industriezweig, der die Rathenower Industrielandschaft prägte, schloß sich Karl Gehrmann dem Deutschen Metallarbeiterverband an. Das heißt, Karl Gehrmann wurde Mitglied der Einzelgewerkschaft, die von Beginn an die Rathenower Gewerkschaftsbewegung dominierte. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg konnte er im DMV und im Gewerkschaftskartell der freien Gewerkschaften wichtige Positionen erringen. 1911 fungierte er als Kassierer der Gewerkschaftskommission in Rathenow und der 1911 vom Gewerkschaftskartell gegründeten Sterbeunterstützungskasse der Rathenower freien Gewerkschaften. 1914 weist ihn das Handbuch des Vereins Arbeiterpresse als Vorsitzenden des Gewerkschaftskartells von Rathenow aus.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Gehrmann eingezogen und von 1914 bis Anfang 1918 als Soldat in Russland eingesetzt. Zu Beginn des Jahres 1918 reklamierten ihn die Zeppelinwerke in Staaken bei Berlin als Schlosser. Im Februar 1918 wurde er als Streikführer verhaftet. Nach eigenen Angaben führte die Streikparole „Frieden, Freiheit und Brot“ zu dem Vorwurf des Landesverrats3. Karl Gehrmann kam kurze Zeit ins Gefängnis und von dort in die Schützengräben an der Westfront in Frankreich. Dort desertierte er und kehrte erst nach Ausbruch der Novemberrevolution nach Deutschland zurück.
Parteipolitisch hatte sich Gehrmann 1906 der SPD angeschlossen, wechselte während des Ersten Weltkrieges zur USPD und ging 1920 mit der Mehrheit des linken USPD-Flügels zur KPD. Dort machte er schnell Karriere. Er wurde Kreisleiter und Mitglied der Bezirksleitung der KPD in Brandenburg und vor 1933 „Sekretär der Partei in den verschiedensten Provinzen Deutschlands4“. Bereits 1921 erfolgte seine Wahl zum Mitglied des Preußischen Landtages, ein Mandat, das er in den folgenden Landtagswahlen bis 1933 erfolgreich verteidigen konnte.
Nach seinem KPD-Übertritt geriet Karl Gehrmann in Rathenow in die Rolle des „Oppositionsführers“ der kommunistischen Gewerkschafter, die in den Generalversammlungen des DMV Rathenow bei Kampfabstimmungen zirka 20 bis 30 Prozent der Stimmen erhielten. 1927 kandidierte er – im Geschäftsbericht der DMV-Verwaltungsstelle mit dem Etikett „Richtung Moskau5“ versehen – bei den jährlichen Generalversammlungen des DMV zur Wahl des Ersten Bevollmächtigten erfolglos (86 gegen 206 Stimmen) gegen Paul Szillat, den langjährigen Vorsitzenden der DMV-Verwaltungsstelle in Rathenow, und unterlag auch ein Jahr später Paul Lehmann, dem Nachfolger von Szillat.
Als führender Vertreter der Gewerkschaftsopposition in Rathenow gehörte Gehrmann Anfang Mai 1928 zu den Teilnehmern einer Tagung kommunistischer Gewerkschaftsmitglieder aus dem gesamten Reich, die die Vorgaben des 4. Weltkongresses der RGI und der KI für eine neue Gewerkschaftspolitik in Deutschland – offensichtlich kontrovers – diskutierten. Leider gibt der Bericht der Politischen Polizei keinerlei Auskunft darüber, ob Karl Gehrmann, der sich an der Diskussion als Redner beteiligte, die ultralinke Politik mittrug oder kritisierte. Da Gehrmann in einem nach 1945 verfassten Lebenslauf betont, dass er dem DMV von 1904 an „ununterbrochen bis 1933 angehörte6“ ist zu vermuten, dass er die ultralinke Politik, die insbesondere auch Funktionäre der freien Gewerkschaftsbewegung als „Sozialfaschisten“ angriff, ablehnte. Die vorliegenden Verwaltungsberichte der DMV-Verwaltungsstelle von Rathenow von 1929, 1930 und 1932 belegen, dass zumindest ein Teil der kommunistischen Gewerkschafter im DMV verblieb. Ob die übrigen gemäß den Richtlinien der RGI in Rathenow einen roten Verband der Metallarbeiter und eine Organisation der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) gründeten und wie erfolgreich sie Mitglieder zu organisieren vermochten und welche Politik sie betrieben, ließ sich nicht feststellen.
Verhaftet wurde Karl Gehrmann zum ersten Mal während des „Dritten Reiches“ Ende Februar, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand. Er wurde zunächst im Polizeigefängnis in Rathenow inhaftiert. Der KPD-Funktionär Willi Schulz, einer der 14 kommunistischen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, die zusammen mit Karl Gehrmann verhaftet worden waren, beschreibt die Misshandlungen der Häftlinge, darunter auch den Versuch einer inszenierten Erschießungsaktion: „Eines Tages wurden wir dort aus den Zellen geholt und mußten uns im Gang des Polizeigefängnisses in einer Reihe aufstellen. Wir waren vierzehn Genossen. Uns gegenüber standen ungefähr ebensoviele SS-Banditen unter dem Befehl des SS-Sturmführers Götze. Nachdem sie vor unseren Augen ihre Revolver geladen und entsichert hatten, brüllte uns Götze mit folgenden Worten an: ‚Ihr Strolche wolltet uns über den Haufen schießen, aber jetzt werden wir Euch über den Haufen schießen‘. Als sie merkten, daß sie uns mit dem Theater nicht schrecken konnten, sicherten sie ihre Waffen wieder und steckten sie ein. Darauf fielen sie mit Gummiknüppeln über uns her und mißhandelten uns derartig, daß wir zum Schluß fast alle am Boden lagen. Danach prügelten sie uns dann wieder in unsere Zellen zurück. Nach einigen Wochen wurden wir in das Rathenower Amtsgefängnis überführt, wo wir nicht geschlagen wurden7.“
Nach zirka 4 Monaten Haft entlassen, konnte Gehrmann seine „Freiheit“ nur kurz „genießen“. Im Juni erfolgte seine erneute Verhaftung. Am 27. Juni 1933 wurde er als „Schutzhäftling“ in das KZ Oranienburg eingeliefert, wo er bis zum 25. November 1933 inhaftiert blieb. Anschließend wurde er in das Gestapo-Gefängnis in Potsdam überstellt, aus dem er erst Ende Dezember 1933 entlassen wurde. Informationen über diese Haftzeit konnten nicht ermittelt werden. Die NS-Zeit überstand Karl Gehrmann als Arbeitsloser, Brillenschleifer beziehungsweise Soldat. Im August 1944 erfolgte seine Verhaftung im Zuge der „Aktion Gitter“. Karl Gehrmann wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert und wie die meisten „Gitter“-Häftlinge nach vergleichsweise kurzer Haft im November 1944 aus dem KZ entlassen. Nach eigenen Angaben, die von verschiedenen kommunistischen Funktionären, unter anderem seinem Stellvertreter als Landrat, Emil Bahlo, in einer Zeugenaussage bestätigt wurden, war Gehrmann während der NS-Zeit Mitglied eines „antifaschistischen Zirkel[s]“, der sich in den Kriegsjahren regelmäßig traf, um den Moskauer Sender abzuhören8. An diesen Treffen nahmen nach Angaben von Gehrmann und Bahlo auch holländische, russische und französische Zwangsarbeiter teil. Nach Darstellung von Anna Gehrmann wurden die „vom Auslandssender abgehörten politischen Ereignisse“ anschließend mit den Zwangsarbeitern diskutiert9.
Nach 1945 schloss sich Karl Gehrmann dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) an und gehörte nach 1945 dem Vorstand der Industriegewerkschaft 15 (Behördenangestellte) in Potsdam an. Er war ebenfalls Mitglied der Betriebsgewerkschaftsleitung in der Verwaltung der brandenburgischen Landesregierung. Sein Engagement konzentrierte sich jedoch eindeutig auf seine öffentlichen Ämter und seine parteipolitischen Aktivitäten. Bereits am 8. Mai 1945 setzte ihn der Sowjetische Stadtkommandant als Oberbürgermeister von Rathenow ein. Mit der Bildung des neuen Landkreises Westhavelland wurde er wenige Wochen später Landrat dieses Kreises. Aufgrund mangelnder Verwaltungserfahrung, Kritik der Sowjetischen Militäradministration in Brandenburg und aus anderen eher persönlichen Gründen wurde Gehrmann am 27. Mai 1946 vom Amt des Landrates entbunden. Er wurde zunächst persönlicher Referent des brandenburgischen Ministers Heinrich Rau und später Referent beziehungsweise Oberreferent und Leiter der Abteilung Land- und Forstwirtschaft im Wirtschaftsministerium von Brandenburg; eine Position, die er bis 1950 innehatte. Am 30. September 1950 kündigte er aus gesundheitlichen Gründen seine Stellung, nachdem intern heftige Kritik an seiner Amtsführung geübt worden war. Karl Gehrmann zog sich nach Rathenow zurück. Er starb hoch dekoriert am 27. Juli 1953 in seiner Heimatstadt.

1 Geschäftsbericht DMV 1929, S. 18f. 

2 BLHA, Rep. 203, Personalakte 19 und Personalakte 59. 

3 Lebenslauf vom 16.9.1945, BLHA, Rep. 203, Personalakte 59. 

4 Lebenslauf o. D., VdN-Akte 2657, BLHA, Rep. 401. 

5 Geschäftsbericht DMV 1927, S. 22. 

6 BLHA, Rep. 203, Personalakte 59. 

7 Zit. nach: Vorwärts und nicht vergessen, S. 26f. 

8 BLHA, Rep. 203, Personalakte 59. 

9 BLHA, Rep. 401, VdN-Akte 2657. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 29.
  • BLHA, Rep. 401, VdN-Akte 2657.
  • BLHA, Rep. 203 (Ministerium des Innern), Personalakte 19 und Personalakte 59.
  • Geschäftsberichte 1921, 1922, 1924 bis 1930, 1932, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o. O. [Brandenburg bzw. Rathenow], o. J.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1914, S. 505.
  • Interview mit Karl-Reinhold Granzow, Rathenow, Enkel von Karl Gehrmann, am 4.1.2002.
  • Jahresberichte/Geschäftsberichte des DMV-Bezirks Brandenburg 1924 bis 1926, 1928 bis 1932, o. O., o. J.
  • Müller, Werner, Lohnkampf, Massenstreik, Sowjetmacht, Ziele und Grenzen der „Revolutionären Gewerkschafts-Opposition“ (RGO) in Deutschland 1928 bis 1933, Köln 1988, S. 64.
  • National Archives, Washington D. C., Records T 175, Roll 315, 2814 721 – 723.
  • Vorwärts und nicht vergessen. Ein Beitrag zur Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung von 1933 bis 1945, Brandenburg/Havel 1960.

Soziale/Regionale Herkunft: Ferchesar bei Rathenow; Sohn einer Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Buchdrucker (abgebrochen); Ausbildung als „Volontär“ (abgebrochen); Hornarbeiter in verschiedenen Unternehmen der Rathenower Optikindustrie

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1911: Kassierer der Gewerkschaftskommission (DMV) in Rathenow; 1914: Vorsitzenden des Gewerkschaftskartells von Rathenow

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1906: SPD; Später: USPD; 1920: KPD; Kreisleiter und Mitglied der Bezirksleitung der KPD in Brandenburg

Politische Mandate/Aktivitäten: 1921 - 1933: MdL in Preußen

Widerstandsaktivitäten: Mitglied eines "antifaschistischen Zirkels"

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni 1933 - 25. November 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: Vorstand der Industriegewerkschaft 15 (Behördenangestellte) in Potsdam; Mitglied der Betriebsgewerkschaftsleitung in der Verwaltung der brandenburgischen Landesregierung; 8. Mai 1945: Oberbürgermeister von Rathenow; Bis 27. Mai 1946 : Landrat des Kreises Westhavelland; Persönlicher Referent des brandenburgischen Ministers Heinrich Rau; Bis 1950: Oberreferent und Leiterbteilung Land- und Forstwirtschaft im Wirtschaftsministerium der A von Brandenburg

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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