Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. April 1890 - 5. Juni 1966

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Passfoto Erich Hahns nach dem Zweiten Weltkrieg.
Foto: GdW.

Passfoto Erich Hahns nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: GdW.

„Bei der Arbeiterschaft in Birkenwerder, soweit sie treu zur alten Fahne standen [im Original], galt Hahn als führender Kopf des Kampfes gegen Hitler1.“

Von Sylvia Rochow

Erich Georg Robert Hahn wurde am 1. April 1890 als Sohn des Arbeiters Karl Hahn und seiner Ehefrau Anna in Berlin geboren und hatte möglicherweise eine 1891 geborene Schwester Jelena. Hier besuchte er bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule und arbeitete bis 1908 als Buchdrucker-Lehrling bei H.G. Hermann. Von 1910 bis 1912 leistete Hahn im Regiment 146 in Allenstein seinen „aktiven Militärdienst2“. Erich Hahn heiratete 1913 Gertrud Görke und hatte mit seiner Ehefrau zwei Töchter: Margot, geboren am 30. September 1921 in Berlin, sowie Renate, geboren am 28. Mai 1934 in Köln. Bis zum Ersten Weltkrieg arbeitete er als Buchdruckergehilfe in Berlin, bevor er zum Kriegsdienst in das Infanterie-Regiment 41 in Tilsit eingezogen wurde. In den Jahren 1917 und 1918 war er Polizei-Unteroffizier und Druckerei-Leiter im Hauptsanitätsdepot in Antwerpen.
Nach Kriegsende war Erich Hahn bis 1930 bei der Firma Ferdinand Ashelm in Berlin beschäftigt, wo er acht Jahre eine Funktion als Betriebsratsvorsitzender ausübte. Anschließend arbeitete er bei AEG in Hennigsdorf und war im Buchdrucker-Verband Gewerkschaftsfunktionär. Ab 1918 war er Mitglied der SPD und ab 1930 des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“.
Erich Hahn berichtete 1953 über die gemeinsame Aktion, die einen seiner engsten Freunde, Erich Wienig, und ihn ins KZ Oranienburg brachte: „Am 13. März 1933 riß ich mit einem ehemaligen Reichsbanner-Kollegen die Hakenkreuzfahne von dem Arbeitsamt ab. Wir wurden anschließend verhaftet und in das Amtsgericht Oranienburg, später in das KZ Oranienburg, überführt, von wo ich mit dem Genossen Wienig zusammen am 1. Mai 1933 entlassen wurde. [...] Die zweite Verhaftung erfolgte am 20. Januar 1937, wo ein ganzer Kreis verhaftet wurde3.“ „Ich kam zunächst zum Alexanderplatz [Berlin-Mitte]. Nach ca. 6 Wochen kamen wir nach [Berlin-]Moabit4.“
Hahn gehörte der Widerstandsgruppe von Reichsbanner-Leuten und Gewerkschaftern an, die sich bis Anfang 1937 im Norden Berlins – die Niederbarnimer Ortschaften Birkenwerder, Bergfelde, Hohen Neuendorf und Liebenwalde eingeschlossen – betätigte. Ihrer „Gruppe Nordbahn“ gehörten weit über 100 Personen an. Zu dieser Zeit war Hahn im Arbeitsamt Birkenwerder angestellt. Wienig verfügte über vorzügliche Verbindungen in das nördliche Umland Berlins und war bis 1933 ebenfalls im Arbeitsamt Birkenwerder beschäftigt. Der Weddinger Reichsbannerführer Wienig war zwar 1933 wiederholt inhaftiert und misshandelt worden, entging aber der ersten großen Verhaftungswelle von 1935.
Von 1933 bis 1937 betätigte sich Hahn als selbstständiger Buchdrucker. Er unterstützte die „Gruppe Nordbahn“ um Otto Scharfschwerdt, indem er sich an der Herstellung und Verteilung von Flugblättern beteiligte. Ab 1935 arbeitete er bei der Firma Zurth & Kleeßen in Berlin-Hermsdorf als Schriftsetzer.
Unter dem Titel „Scharfschwerdt und Andere“ wurden von Mitte 1937 bis Anfang 1938 mindestens fünf Prozesse vor dem Berliner Kammergericht geführt, wobei 45 Personen angeklagt waren. Zu den Hauptverantwortlichen stellte das Gericht fest: „Im Jahre 1934/35 gingen ehemalige Mitglieder der verbotenen SPD unter Leitung des früheren Lokomotivführers Otto Scharfschwerdt dazu über, in Hohen Neuendorf und an anderen Orten des Kreises Niederbarnim Gesinnungsgenossen zu sammeln und die SPD fortzuführen. Im Zuge dieser Bestrebungen nahm Scharfschwerdt auch Verbindungen nach Berlin, und zwar u. a. zu dem früheren Arbeitsamtsangestellten Erich Wienig, auf. Von Wienig bezog Scharfschwerdt von Sommer 1934 bis Sommer 1935 laufend illegale Schriften, wie ‚Sozialistische Aktion‘ und ‚Neuer Vorwärts‘, die Wienig seinerseits von anderen Funktionären der illegalen SPD geliefert erhielt. Daneben unterhielt Wienig in Berlin einen Kreis von Gesinnungsgenossen, den er mit den vorgenannten Schriften sowie von Scharfschwerdt herausgegebenen ‚Zeitberichten‘ versah und in dem er Versammlungen veranstaltete5.“
An den am 15. Dezember 1937 vom V. Strafsenat des Berliner Kammergerichts ausgesprochenen Strafen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ lässt sich wohl erkennen, für wie wichtig das Gericht Erich Hahns Stellenwert innerhalb der Gruppe beurteilte. Er erhielt mit 4 Jahren Zuchthaus nach Otto Scharfschwerdt (sechs Jahre Zuchthaus) und Erich Wienig (vier Jahre, drei Monate Zuchthaus) das höchste Strafmaß. Erich Hahn verbüßte seine Zuchthausstrafe von Dezember 1937 bis Juli 19416 in Brandenburg, Coswig und Roßlau. Fritz Winguth berichtete, dass im Freundeskreis während dieser Zeit gesammelt wurde, um Hahns kranke Frau zu unterstützen.
Ab Juli 1941 war Hahn bis zum Einmarsch der Roten Armee als Buchdruck-Werkmeister nochmals bei der Firma Zurth & Kleeßen beschäftigt.
Erich Hahn wurde unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Bürgermeister in Birkenwerder. Es gab in den folgenden Jahren Konflikte mit der SED um die am 1. Dezember 1945 bewilligte Anerkennung als Opfer des Faschismus (OdF) und die Art und Weise, auf die er sein Amt als Bürgermeister ausübte. Im April 1946 heiratete Erich Hahn zum zweiten Mal. Seine Frau brachte die am 12. März 1938 in Gotha geborene Tochter Ilse in die Ehe. Einige Monate danach legte der Ortsausschuss Opfer des Faschismus Birkenwerder Beschwerde gegen Hahns OdF-Anerkennung ein. Ihm wurde vorgeworfen, dass er „ein Verhalten an den Tag legte, was eines Antifaschisten unwürdig7 [sei]“. Die SED beschuldigte Hahn, für ehemalige Nazis einzutreten und kritisierte, dass er die Auffassung hatte, „als Bürgermeister die Interessen der Gemeinde wahrnehmen [zu müssen] und nicht die der Genossen8“. 1948 zog Hahn nach Berlin-Hermsdorf im westlichen Teil der Stadt. Die dortige Abteilung für Sozialwesen verlängerte die Anerkennung als OdF.
Erich Hahn hatte am 3. Juni 1966 einen Autounfall. Er starb am 5. Juni 1966 an den Folgen der Verletzungen im Alter von 76 Jahren im rheinland-pfälzischen Horhausen.

1 Eidesstattliche Versicherung von Willi Neumann, LA Berlin, C Rep. 118-01, A 11793. 

2 Lebenslauf vom 26.7.1945, LA Berlin. 

3 Zit. nach: Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1992, S. 56. 

4 Eidesstattliche Versicherung Erich Hahn, Landesverwaltungsamt Berlin. 

5 Anklageschrift Scharfschwerdt und andere, Widerstand als Hochverrat. 

6 Eine Quelle nennt den 25. Juni. 

7 Briefwechsel Erich Hahn – Landesausschuss Brandenburg „Opfer des Faschismus“, LA Berlin. 

8 Ebd. 

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Quellen:

  • Kreis- und Verwaltungsarchiv Landkreis Oberhavel, Brief an die Verfasserin vom 25.1.2002.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, A 11793, OdF-Akte.
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Rentenakte 15291.
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Eidesstattliche Versicherung von Erich Hahn.
  • Widerstand als Hochverrat, Fiche Nr. FEHLT, Urteil Scharfschwerdt und andere.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1992.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Arbeiters Karl Hahn

Ausbildung/Berufstätigkeit: Buchdrucker-Lehrling; Buchdruckergehilfe in Berlin

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Buchdruckerverband; Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Ferdinand Ashelm in Berlin

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1918: SPD; 1930: Reichsbanner

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: „Gruppe Nordbahn“

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: März 1933 - 1. Mai 1933: KZ Oranienburg; 20. Januar 1937: Moabit; Dezember 1937 bis Juli 1941: Zuchthäuser in Brandenburg, Coswig und Roßlau

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Bürgermeister in Birkenwerder

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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