Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. März 1900 - 3. Juli 1975

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Franz Hasse.
Quelle: BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 1909.

Franz Hasse. Quelle: BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 1909.

Von Sebastian Pfotenhauer

Es war ein Geschenk und ein ungewöhnlicher Anfang. Franz Hasse feierte gerade den 15. Ge­burtstag, als ihm sein Onkel das Mitgliedsbuch des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) samt der ersten Beitragsmarke überreichte. In der Tat ein ungewöhnliches Präsent. Doch in gewisser Weise führte sein Onkel auch eine Tradition fort. Franz Hasse stammte aus einer Eberswalder Arbeiterfamilie, er hatte gerade seine Schlosserlehre bei den späteren Ardelt-Werken begonnen, er war also in bestimmter Hinsicht vorbelastet. Und so ging der am 1. März 1900 geborene Hasse letztlich den nahe liegenden Weg – später auch dann, als die politischen Verhältnisse für seine Einstellung und sein Engagement gefährlich wurden. Das Mitgliedsbuch des DMV war ein Beginn, es war Ansporn und Auftrag zugleich. „Ich habe es stets in Ehren gehalten und habe meinen Vorsatz, ein aktiver Funktionär zu werden, erfüllt“, schrieb er 51-jährig in seinem Lebenslauf1.
Bereits im Oktober 1917, kurze Zeit nach vollendeter Lehre, wurde der mittlerweile als Maschinenschlosser und Einrichter arbeitende Hasse in Wittenau bei Berlin als Streikposten verhaftet. Und nicht nur das. Weil zu befürchten war, dass Hasse, der zu jener Zeit wahrscheinlich keine Wohnadresse gemeldet hatte, sich dem Dienst an der Waffe entziehen könnte, musste er noch im gleichen Monat zum Militär. 17-jährig erlebte Hasse an der Westfront die Schrecken des Ersten Weltkrieges. Erst 1919 kehrte er in die Heimat zurück.
Machte Franz Hasse anfangs vor allem mit seinem Einsatzwillen auf sich aufmerksam, waren ihm bald auch seine organisatorischen Fähigkeiten von Nutzen. „Schon als ganz junger Mensch war er ein unerschrockener Kämpfer und Verfechter der Ideale der Arbeiterschaft und ihrer gerechten Forderungen“, notierte später sein politischer Weggefährte Otto Prahm2. So gehörte Hasse bei der Abwehr des Kapp-Putsches im März 1920 als Jung-Metallarbeiter dem Zentralrat der Streikführung des „Finowtal-Kartells“ sowie der Leitung der „Roten Kampftruppe“ an3. In den darauffolgenden Jahren wurde er ebenso in verschiedene Betriebsräte gewählt und zudem Mitglied des Ortsvorstandes und des Bezirksausschusses des DMV für das Gebiet Eberswalde. Nachgesagt wurden ihm dabei gute politische Kenntnisse. In seinem Besitz befand sich eine 600 Bände umfassende Bibliothek mit Werken von Marx, Engels und Lenin. Die Bücher schenkte Hasse nach dem Krieg der Kreisparteischule Eberswalde.
Überhaupt versuchte sich der einstige Volksschüler in seiner Freizeit weiterzubilden. Ob Selbststudium oder Volkshochschule: „Um mein Wissen zu bereichern, nahm ich jede Gelegenheit wahr4.“ Franz Hasse konnte nicht ruhen, er musste stets etwas zu tun haben und strebte deshalb immer wieder neue Funktionen und Ämter an – sei es im Deutschen Arbeiter-Sängerbund, im Deutschen Mieterbund oder im Gericht als Schöffe. Letztlich trat Franz Hasse im Januar 1924 auch in die SPD ein. Sein Hauptbetätigungsfeld war bis zum Ende der Nazidiktatur die damals noch selbst­ständige Arbeiter-Wohngemeinde Kupferhammer, heute ein Stadtbezirk von Eberswalde. Anfangs nur Gemeindevertreter, avancierte er schnell zum Fraktionsvorsitzenden und 1932 zum Kreistags­abgeordneten. Franz Hasse war in Kupferhammer einer der wichtigsten Wortführer des Widerstands. Frühzeitig nahm er die enge Zusammenarbeit mit der KPD auf. „In der Erkenntnis, daß Schuld an dem Erstarken der Reaktion und am Wachsen der Nazipartei in erster Linie die Spaltung der Arbeiterklasse ist, schufen wir in Kupferhammer die Aktionseinheit bis zu einer vollkommenen Arbeitsgemeinschaft 1932. [...] Wir verhinderten damit das Entstehen einer Nazigruppe, und trotz schärfstem Terror durch auswärtige SA erzielten wir bei den Wahlen im März 1933 noch absolute Mehrheiten5.“ Gemeinsam mit Funktionären aus Eberswalde und Finow hatte Hasse – wie nach dem Krieg auch Kommunisten erwähnten – noch bis ins Frühjahr illegale Treffen vorbereitet und abgehalten. „Ziel dieser Aussprachen war die Organisierung eines bewaffneten Aufstandes gegen den Faschismus. Leider war die Unentschlossenheit zu groß, es waren keine Waffen vorhanden, und es war keine Möglichkeit zu sehen, von wo welche beschafft werden könnten; und dann war es leider zu spät, um etwas Entscheidendes zu unternehmen6.“ Der Nationalsozialismus ließ sich auch in Kupferhammer nicht mehr aufhalten.
Am Abend des 22. März 1933 überfielen SA – Leute Franz Hasse auf dem Heimweg von Eberswalde. Er überlebte schwer verletzt. Schädelbruch, Frakturen des linken Handgelenkes sowie eines Mittelfingers, Stich- und Schlagwunden am ganzen Körper und Quetschung der rechten Niere listete Hasse Jahre später als Folgen des Zwischenfalls auf. Noch im Krankenhaus wurde er verhaftet. „Nach ,Genesung‘ wurde ich nach mehrere Tage dauernder ,Untersuchung‘, tagsüber in Polizeihaft und des Nachts im SA-Lokal Zainhammer mit schweren Misshandlungen verbundenen ,Vernehmungen‘, dann am 5. Juli in das KZ-Oranienburg eingeliefert7.“ Ende September 1933 überführte man ihn ins KZ Sonnenburg ­– kurzzeitig auch ins Zuchthaus Brandenburg. In Sonnenburg war er unter anderem zu Erd- und Zimmererarbeiten für den Schießstand eingeteilt. „Während dieser Zeit musste ich die Leiden der ,politischen Schutzhäftlinge‘ der ersten Zeit (Häftling­snummer 795) durchmachen. Die vielen, jedesmal mit schweren Mißhandlungen verbundenen ,Vernehmungen‘ haben wohl meine Gesundheit zerstört, aber mich nicht umstimmen oder einschüchtern können; und ich habe mich nie bereit gefunden, andere Genossen anzugeben oder zu belasten oder etwas zu verraten8.“ So war Hasse der einzige Einwohner aus Kupferhammer, der in den ersten Jahren ins Konzentrationslager kam. Diese Tatsache bestätigten nach dem Zweiten Weltkrieg auch politische Mitstreiter wie Karl Klay und Otto Prahm in ihren Bürgschaftserklärungen.
Nach seiner Entlassung aus dem KZ Sonnenburg im Januar 1934 musste Franz Hasse Zwangsarbeit verrichten, ehe ihn die Nationalsozialisten auf Grund seines schlechten gesundheitlichen Zustandes im Dezember 1935 als Invaliden anerkannten. Seine monatliche Rente betrug 22 Mark, zu wenig um seine mittlerweile vierköpfige Familie zu ernähren. So mussten neben seiner Frau, die geborene Paula Krause, die er bereits 1923 geheiratet hatte, auch seine Kinder Frieda und Paul beim Gelderwerb helfen. Ende 1937 erhielt Franz Hasse jedoch in Finow wieder Arbeit als Maschinist und Maschinenschlosser.
Die Familie half bei finanziellen Notlagen, sie unterstützte aber auch seine illegale Tätigkeit. Im Keller ihres Hauses trafen sich nicht nur kleine Gruppen ehemaliger Genossen, Hasse ließ dort ebenso Handzettel herstellen. „Infolge unserer illegalen Tätigkeit, die in Form von Material in Erscheinung trat [und] als dessen Ursprung, wie man mir bei ,Vernehmungen‘ sagte, Kupferhammer festgestellt oder verdächtigt wurde, bin ich mehrere Male zu ,Vernehmungen‘ geladen oder abgeholt und verhaftet worden9.“ Unter anderem kam Franz Hasse im April 1938 für kurze Zeit ins Gerichtsgefängnis Berlin-Spandau. Da sich jedoch keine Belastungszeugen fanden, wurde er nach eigener Aussage der Industrie zugewiesen. So musste Hasse bis Kriegsende in Hennigsdorf und in Finow arbeiten. „Im Betrieb gelang es mir, unter den hierher verschleppten ,Fremdarbeitern‘ und den zur Arbeit eingesetzten Kriegsgefangenen geheime Gruppen zu bilden, ihnen Nachrichten und Material zukommen zu lassen und ihnen zu helfen10.“
Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes versuchte Franz Hasse, beim Wiederaufbau zu helfen. Erst in Kupferhammer, dann in Eberswalde, wo er – mittlerweile als KPD-Mitglied – schließlich im Dezember 1945 zum Stellvertreter des Oberbürgermeisters ernannt wurde. In seinem Lebenslauf liest sich das Ganze wesentlich enthusiastischer, an mancher Stelle vielleicht auch ein wenig übertrieben: Hasse schien demnach ein Vorbild an Einsatzfreude und Organisationsfähigkeit gewesen zu sein. Er stellte seine Leistungen gern in der Öffentlichkeit dar. Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen. Er wollte letztlich wohl bewundert werden. Auf der von ihm aufgesetzten Liste seiner Maßnahmen und Hilfen in der Stadt Eberswalde findet sich jeder noch so kleine Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt spielte nur noch seine politische Aktivität eine Rolle – nun für die SED. Er wurde zwar FDGB-Mitglied, übernahm dort jedoch keine wichtigen Ämter.
Im Juni 1949 übertrug ihm die Partei die Leitung des Kreises Lebus. Franz Hasse ließ auch diese Tätigkeit – gerechtfertigt oder nicht – in besonderem Licht erscheinen: „In diesem am schwersten zerstört gewesenen Kreis unserer heutigen DDR habe ich dann 20 Monate lang unter Einsatz meiner ganzen Kraft und mir verbliebenen Gesundheit als leitender Funktionär gearbeitet und den Aufbau ein gut Stück vorwärts gebracht11.“ Auf Grund seiner sich verschlechternden Gesundheit zog er sich aus der aktiven Politik zurück, wirkte aber noch unter anderem an der Kreisparteischule Eberswalde, in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und im Kulturbund.
Nach dem Tod seiner Gattin Paula zog Franz Hasse 1966 nach Biesenthal und heiratete später Gertrud Zadow. Franz Hasse starb am 3. Juli 1975. Die in der ersten Ehe geborenen Kinder überlebten ihn nicht.

1 VdN-Akte Franz Hasse, BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 1909, Bl. 8. 

2 Bürgschaftserklärung Otto Prahms gegenüber dem Ortsvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ebd., Bl. 15. 

3 Ebd., Bl. 8. 

4 Ebd. 

5 Ebd., Bl. 9. 

6 Ebd. 

7 Ebd. 

8 Ebd., Bl. 10. 

9 Ebd. 

10 Ebd. 

11 Ebd. 

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Quellen:

  • Kreisarchiv Barnim, OI 627 (Schriftwechsel).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1184 (Schreiben von Franz Hasse an den Landrat des Kreises Oberbarnim vom 17.9.1933).
  • BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 1909 (VdN-Akte. U. a. selbst verfasster Lebenslauf vom 6.12.1951 und Bürgschaftserklärungen).

Soziale/Regionale Herkunft: Arbeiterfamilie, Eberswalde

Ausbildung/Berufstätigkeit: Schlosserlehre; Maschinenschlosser und Einrichter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied des Ortsvorstands und des Bezirksausschusses des DMV für das Gebiet Eberswalde

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Januar 1924: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat; 1932: Kreistagsabgeordneter

Widerstandsaktivitäten: Erstellung und Verteilung von illegalem Material

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Juli 1933: KZ Oranienburg; September 1933 - Januar 1934: KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: KPD- und SED-Mitgliedschaft; Dezember 1945 zum Stellvertreter des Oberbürgermeisters in Eberswalde; FDGB-Mitglied; Im Juni 1949 übertrug ihm die Partei die Leitung des Kreises Lebus

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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