Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
6. September 1887 - 12. Juni 1944

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Zahlreiche von den Nationalsozialisten entlassene Gewerkschaftsfunktionäre versuchten nach 1933 in Arbeitsgerichtsprozessen oder über die Reichsfeststellungsbehörde, eine dem Reichsinnenministerium nachgeordnete Behörde, fristlose Kündigungen in fristgerechte umzuwandeln und entsprechende Entschädigungen zu erstreiten sowie Abfindungen und Rentenansprüche gegenüber der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zu erkämpfen. Dietrich Ernst Henkel ist einer der wenigen Gewerkschaftsfunktionäre, die darüber hinaus noch während der NS-Zeit versuchten, über ein ordentliches Gericht Entschädigungen für erlittenes Unrecht in Konzentrationslagern zu erstreiten. Ob seine Klage überhaupt vom Landgericht Neuruppin akzeptiert wurde und wie der Prozess, falls er stattfand, ausging, ist unbekannt.

Von Siegfried Mielke

Dietrich Ernst Henkel wurde am 6. September 1887 im westfälischen Barop, Kreis Hörde, geboren. Über sein Elternhaus und seine Jugendjahre ist lediglich bekannt, dass sein Vater sehr früh verstarb, die Mutter nach Dortmund verzog, wo Ernst Henkel die Volksschule besuchte und eine Kaufmannslehre absolvierte. Anschließend wurde er zum Militärdienst eingezogen, den er bei der Marine ableistete. Nach Angaben seiner Ehefrau Alinde Meta Therese, geborene Lübke, die er 1912 im brandenburgischen Pritzwalk heiratete, trat er 1911 als Kanzleischreiber in den Dienst des Amtsgerichts von Pritzwalk.
Am Ersten Weltkrieg nahm er von August 1914 bis Kriegsende als Marinesoldat teil. Anschließend nahm er wieder seine Tätigkeit als Kanzleischreiber beziehungsweise Gerichtssekretär beim Amtsgericht auf. Seit 1919 engagierte sich Henkel als SPD-Mitglied. Nach Angaben seiner Frau wurde er deshalb während des Kapp-Putsches „mit einer Kutsche und unter Bewachung abgeholt und sollte entführt werden“, er soll jedoch von Wittstocker KPD-Mitgliedern befreit worden sein1. Diese Behauptung der Ehefrau von der Befreiung Henkels durch KPD-Mitglieder ist auf Grund der politischen Haltung von Ernst Henkel zu bezweifeln. Unter den Machtverhältnissen von 1951 sollte diese Behauptung wohl eher die Erfolgsaussichten ihres Antrages auf Anerkennung als Opfer des Faschismus verbessern. 1920 wurde Ernst Henkel Vorsitzender und Sekretär des Deutschen Landarbeiter-Verbandes für die Ostprignitz, Funktionen, die er bis 1933 ausübte. Der Bauhütte Prignitz GmbH, die ihren Sitz in Wittenberge hatte, gehörte Henkel seit ihrer Gründung am 6. Juli 1925 als Aufsichtsratsmitglied an. Da der Deutsche Landarbeiter-Verband zumindest 1925 nicht zu den Gesellschaftern der Bauhütte gehörte, weist die Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Bauhütte auf die lokale Prominenz von Henkel in der Prignitz hin. Möglich ist jedoch auch, dass Henkel als Vertreter der Konsum- und Spargenossenschaft Wittenberge und Umgebung in den Aufsichtsrat berufen wurde.
Neben seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit übernahm Henkel zahlreiche Aufgaben und Mandate für die SPD. Er war vor 1933 Stadtverordneter in Prignitz und ehrenamtliches Magistratsmitglied, Kreistags- und Kreisausschussmitglied, Mitglied des SPD-Unterbezirksvorstandes in Pritzwalk und 1931 Delegierter des SPD-Parteitages in Leipzig.
Nach Aussage von Mithäftlingen wurde er bereits „seit Februar 1933 durch die NSDAP auf Grund seiner antifaschistischen Einstellung verfolgt“. Er hielt sich deshalb „von Februar 1933 bis 24. März 1933 versteckt2“. Als er am 24. März 1933 an der Stadtverordnetenversammlung teilnahm, wurde er von SA-Mitgliedern so brutal geschlagen, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Diese erste von zahlreichen Misshandlungen während seiner „Schutzhaft“ erfolgte nach Darstellung von Henkel im Januar 1939 aus „persönlichen Motiven“ eines SA-Mannes. Henkel hatte diesen, ein KPD-Mitglied, vor 1933 „politisch bekämpft“. Vor 1933 war sein Kontrahent zudem auf Veranlassung von Henkel in einem Rechtsstreit zur Zurückzahlung eines Geldbetrages verurteilt worden war, den Henkel ihm geliehen hatte, als beide noch Mitglieder im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ waren. In einem Schreiben an das Landgericht Neuruppin von Januar 1939 schildert Henkel seinen Leidensweg und die zahlreichen Misshandlungen, um im Wege einer Klage „den Staatsfiskus aufgrund des Gesetzes zum Ausgleich unbilliger Härten gemäß § 8 des Gesetzes“ seine fristlose Kündigung seitens der DAF in eine fristgerechte abzuändern. Außerdem forderte er in dem Schreiben Schadensersatz zum Beispiel für den Verlust mehrerer Zähne, den er auf Grund von Misshandlungen im KZ Alt-Daber bei Wittstock erlitten hatte.
Nach Darstellung von Ernst Henkel erhielt er allein „in den ersten drei Tagen ca. 250 Gummiknüppelschläge und ca. 250 Backpfeifen und Faustschläge“. Zur ersten Misshandlung im Lager Alt-Daber heißt es in dieser Schilderung: Vom Truppführer des Lagers aufgefordert, beim Gang in die Kellerräume voranzugehen, erhielt er „auf der oberen Kellerstufe angelangt [...] von dem mit Gummiknüppel und Pistole bewaffneten B. [...] hinterrücks einen Schlag, daß er kopfüber die Treppe herunterfiel und unten im Kellergang liegen blieb. Jetzt schlug B. [...] unaufhörlich mit dem Gummiknüppel und mit den Fäusten [auf den] Antragsteller ein. Nach ungefähr 100 Gummiknüppel- und Faustschlägen wurde [der] Antragsteller in einen kleinen Keller, der mit einer Feldbettstelle und einem Tisch versehen war, eingesperrt. In dem Kellerraum herrschte eine übermäßige Kälte, so daß [der] Antragsteller nachts vor Kälte nicht schlafen konnte, da er nur eine dünne Decke zur Verfügung hatte, und auch auf seine Bitten keine weiteren Decken bekam3.“ Die rheumatische Erkrankung, an der Ernst Henkel nach 1933 litt, führte er auf diese Tatbestände im KZ Alt-Daber zurück. Besonderen Quälereien war Henkel nach seinen eigenen Angaben auch bei den Vernehmungen ausgesetzt. Der Lagerleiter, „ein starker und schwerer Mann“ stellte sich mehrfach während der Vernehmungen auf Henkels „Zehen und drehte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf herum, um so ein Geständnis zu erpressen“, das heißt, er sollte „bekennen, daß er Waffen und Maschinengewehre versteckt habe“, was nach seiner Darstellung „nicht der Fall war4“. Hintergrund für diese Anschuldigungen war das Geständnis eines Arbeiters aus Pritzwalk, den die SA durch Foltern zu der Aussage gezwungen hatte, 1933 für Henkel Maschinengewehre transportiert zu haben. Neben den fast täglichen Misshandlungen wurde Henkel bei den Außenarbeiten stets zu „den schwersten und unsaubersten Arbeiten“ eingesetzt5. In seinem Schreiben an das Landgericht führt Henkel dazu 1939 aus: „Am 11. Juni 1933, einem Sonntag, war infolge eines Wolkenbruches die Fäkalienleitung verstopft. In strömendem Regen mußten wir die Leitungsschächte auspumpen, wobei mir besonders befohlen wurde, mit den Händen in den Fäkalien herumzugreifen, dabei hagelte es Schläge und Fußtritte“. Das Schreiben an das Landgericht endet mit der Feststellung: „Durch diese dauernden Mißhandlungen habe ich schwere Gesundheitsschäden erlitten, zum Beispiel leide ich an Ohnmachts­anfällen, Schwindel, Kopfstechen, Gedächtnislosigkeit, neben Rheuma und Verlust der Zähne6.“ Die permanenten Misshandlungen fanden erst ein Ende, als Henkel am 10. Juli 1933 in das KZ Oranienburg überstellt wurde, aus dem er am 31. März 1934 entlassen wurde.
Da 1933/34 die Mehrheit der Häftlinge (64 Prozent) „nur“ bis zu einem Vierteljahr im Konzen­trationslager Oranienburg inhaftiert war, lässt die deutlich längere Haftzeit von Ernst Henkel in den Konzentrationslagern Alt-Daber und Oranienburg die Vermutung zu, dass er von den national­sozialistischen Machthabern als besonders gefährlicher politischer Gegner eingestuft wurde. Leider geben die vorhandenen Quellen keinerlei Auskunft darüber, ob die Klage vor dem Landgericht in Neuruppin Erfolg hatte und ob die sehr offene Kritik an der Lagerleitung des Konzentrationslagers Alt-Daber zu weiteren Verfolgungen von Ernst Henkel führte. Nach Einschätzung mehrerer Mithäftlinge verstarb Ernst Henkel elf Jahre später „am 12. Juni 1944 an den Folgen der Mißhandlungen und Krankheiten, die ihm im KZ-Lager zugefügt wurden7“.

1 Lebenslauf Alinda Henkel vom 16.11.1951, VdN-Akte 2745, BLHA, Rep. 401. 

2 Erklärung von Arnold Voigt, Wilhelm Struck, Ella Pluto vor dem Amtsgericht Pritzwalk vom 18.3.1952, VdN-Akte. 

3 Gesuch Henkel, Januar 1939, ebd. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 Ebd. 

7 Erklärung von Arnold Voigt, Wilhelm Struck, Ella Pluto vor dem Amtsgericht Pritzwalk vom 18.3.1952, VdN-Akte. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 42.
  • BLHA, Rep. 401, VdN-2745.
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1206 (Gestapa II, August 1935 „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“).
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 523.
  • Protokoll. Sozialdemokratischer Parteitag in Leipzig 1931 vom 31. Mai bis 5. Juni im Volkshaus, Berlin 1931, S. 303.
  • Die sozialen Baubetriebe im Bezirk Berlin des Verbandes sozialer Baubetriebe. Berichte über Leistungen und Ergebnisse im Jahre 1925, hrsg. vom Verband sozialer Baubetriebe GmbH, Bezirk Berlin, Berlin, o. J., S. 20.
  • Knop, Martin/Krause, Hendrik/Schwarz, Roland, Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, in: Morsch, Günter (Hrsg.), Konzentrationslager Oranienburg, Berlin 1994, S. 47-66.
  • Soziale Bauwelt, Jg. 1925, S. 206.

Soziale/Regionale Herkunft: Barop, Kreis Hörde (Westfalen)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Kaufmannslehre; Kanzleischreiber und Gerichtssekretär

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1920 - 1933: Vorsitzender und Sekretär des Deutschen Landarbeiter-Verbandes für die Ostprignitz

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919: SPD; Mitglied des SPD-Unterbezirksvorstandes in Pritzwalk

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter und Magistratsmitglied in Prignitz; Kreistags- und Kreisausschussmitglied

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Alt-Daber; 10. Juli 1933 - 31. März 1934: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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