Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
26. März 1906 - 30. November 1985

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„Die künstlich aufgespielte Inflation, die Arbeitslosigkeit, das Elend im Elternhaus, Vater war kriegsbeschädigt und arbeitsunfähig, übten einen nachhaltigen Einfluss auf mich aus. Die Sowjetunion mit ihrer Entwicklung zog mich an. Ich interessierte mich fürs Zeitungslesen und fand Geschmack an der marxistischen Literatur1.“ Der Weg vom unbedarften Zeitgenossen hin zum politischen Mitstreiter ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch. Die schlechte wirtschaftliche Situation, die aufgeregten Gespräche zwischen den Eltern, die eigene Not: Dies alles prägte Deutschlands Jugend in den 20er Jahren und somit auch den Lebensweg Karl Hülses. Er wollte helfen, gesellschaftlich etwas zu verändern, doch mehr als die kleinen Schritte konnte er nie vollführen – in der Jugend wie im Alter. Als rührig und fleißig wird er später einmal beschrieben. Zwei Eigenschaften, die ihn wohl am besten charakterisieren2.

Von Sebastian Pfotenhauer

Karl Artur Hülse war das zweite von insgesamt sechs Kindern einer Bernauer Arbeiterfamilie, als er am 26. März 1906 zur Welt kam. Die Eltern Gustav und Anna Hülse, geborene Liesaus, sprachen zu Hause oft über ihre politischen Überzeugungen, ihre Wünsche, ihre Schicksalsschläge. Während der Vater stolz auf seine SPD-Mitgliedschaft war, engagierte sich die Mutter in der KPD. Häufig entstanden lebhafte Diskussionen, an denen sich Jahre später auch der Sohn beteiligte. Zuvorderst jedoch absolvierte Karl Hülse eine achtstufige Berliner Volksschule, ehe er sich als ungelernter Arbeiter in verschiedenen Betrieben verdingte und schnell in Kontakt mit Gewerkschaftern kam. 1924 wurde der damals 18-Jährige Mitglied im Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Sein Engagement blieb jedoch gering. Vielmehr hatte es ihm das revolutionäre Gedankengut angetan. Und so trat er 1926 – sehr zum Unmut seines Vaters – dem Rotfrontkämpferbund (RFB) im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg bei. „Das Verteilen von Flugblättern, die Agitation unter den Massen über aktuelle Themen, fliegende Versammlungen, Haus und Hof-Propaganda, politische Demonstrationen, Diskussionen mit SPD- und Reichsbannerleuten, Teilnahme an Versammlungen anderer Parteien, Saalschutz unserer Versammlungen, Zusammenstöße mit Polizei und politischen Gegnern bestimmten jetzt mein Leben3.“
Bei einem dieser Einsätze lernte Karl Hülse auch seine spätere Frau, die Fabrikarbeiterin Elisabeth Wojcieszak, kennen. Schon Jahre vor ihrer Heirat am 22. August 1931 zogen beide in seine Heimatstadt Bernau.
Dort begeisterte sich Hülse vor allem für die sportpolitische Tätigkeit. Der örtliche Arbeitersportverein führte ihn seit 1928 als Mitglied, der Landessportverband setzte ihn als Agitpropleiter ein. Ein Jahr später trat Hülse der KPD bei. Die konjunkturelle Depression hatte auch ihn getroffen. Er war arbeitslos geworden. „Unter den Bedingungen der ständig wachsenden Wirtschaftskrise, unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung und als Folge der Politik der SPD und Gewerkschaftsführung, besonders der Preußenregierung und der Brüningschen Notverordnung, stieg in Bernau und anderswo die revolutionäre Welle und auch meine politische Aktivität4.“
Karl Hülse wurde Mitglied im Arbeitslosenausschuss. Mit Hilfe eines Kopiergerätes und der Ortsparteipresse „Der rote Wähler“ versuchte die KPD, ihren Einfluss unter den sozial Schwachen zu stärken. Hülse war unterdessen selbst zum Wohlfahrtsempfänger geworden und erhielt nur noch eine monatliche Unterstützung von 10,50 Reichsmark. Seinem Engagement tat dies jedoch keinen Abbruch. „Durch meinen Einfluss in der Sportorganisation machten wir mit den Sportlern und Genossen auf bunt geschmückten Fahrrädern, in langen Kolonnen von Dorf zu Dorf fahrend, durch Sprechchöre, Absingen von Kampf- und Arbeiterliedern und mündliche Aussprachen Landagitation für unsere Partei5.“
Auch dem mittlerweile verbotenen RFB stellte sich Karl Hülse immer wieder zur Verfügung. So wurde 1932 in seiner Wohnung eine „theoretische Waffenausbildung an Pistole und schwerem Maschinengewehr durchgeführt6“. Im selben Jahr nominierte ihn die KPD auch für die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung. Hülse erhielt jedoch nicht genügend Stimmen.
Die politische Lage spitzte sich immer weiter zu. Übergriffe von nationalsozialistischen Gruppen häuften sich. Nach der Machtübernahme Hitlers versuchten die KPD-Genossen, ihre Arbeit illegal fortzusetzen. Einen Tag nachdem Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbands (KJVD) die Rote Fahne zum 1. Mai 1933 auf dem Bernauer Kirchturm gehisst hatten, wurden zahlreiche Parteifunktionäre verhaftet. Unter ihnen befand sich Karl Hülse. „Mit der üblichen Haussuchung durch Polizei, SS und SA und Schlägen, Bedrohung mit der Schußwaffe wurde ich zum Amtsgericht verschleppt. Nach Verhören und Misshandlungen wurden wir noch am selben Tage dem KZ Oranienburg zugeführt7.“ Über seine Zeit im Lager ist wenig bekannt. In den Erinnerungen seiner Tochter Sonja Hedicke sprach er vor allem über die schlechten sanitären Verhältnisse und das unzureichende Essen. Nach eigener Aussage war Hülse zu Arbeiten im Torfstich, am Friedhof sowie für den Ausbau des Lagers eingeteilt. Am 3. Juni [in einigen Aufzeichnungen ist auch von Ende Juni beziehungsweise Juli die Rede, S. P.] wurde Karl Hülse entlassen, stand jedoch längere Zeit unter Polizeiaufsicht und musste täglich zur Meldung auf die Wache8.
Immerhin fand er in der Folge wieder Arbeit – beim Bau der Autobahn. „Am Rande der Baustelle [...] hatte ich eine Pachtparzelle. Hier führte ich mit Genossen und Kollegen nach Arbeitsschluss illegale Zusammenkünfte durch, Stoff unserer Beratungen war die politische Lage, und wie verhalten wir uns auf der Baustelle9.“ Den Vorschlag eines Freundes, gemeinsam ins Ausland zu emigrieren, lehnte er ab. Seine Frau erwartete eine Tochter, das einzige Kind des Paares. Doch auch parteipolitisch wollte Hülse helfen. Er verteilte Flugblätter und Zeitungen. Nach seiner Darstellung führte Hülse in Bernau zudem eine antifaschistische Gruppe, bis er im April 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Es ist im Nachhinein auffallend, wie sehr Hülse in der DDR versuchte, den Eindruck eines illegal arbeitenden Kommunisten zu erwecken. Der Grund liegt auf der Hand. Die kurze Zeit im Konzentrationslager reichte nicht aus, um ihm die Anerkennung als Verfolgten des Naziregimes zukommen zu lassen. Trotz aller Proteste, trotz aller Briefe. Allein ein antifaschistischer Einsatz im „Dritten Reich“ hätte dies ausgleichen und zur Bestätigung führen können. Vergeblich. Dafür ehrte ihn die Gewerkschaft später jedoch mit der Fritz-Heckert-Medaille. In den Augen Hülses war dies zumindest eine kleine Wiedergutmachung.
Zuerst als Besatzungssoldat in Polen, dann als Obergefreiter in Frankreich musste Hülse den Dienst an der Waffe verrichten. Zwei Tage nach der alliierten Invasion in der Normandie, im Juni 1944, nutzte er gemeinsam mit einem Unteroffizier die Möglichkeit zur Flucht und „irrte einige Tage im Niemandsland umher10“. Karl Hülse kam schließlich in amerikanische Gefangenschaft, die er in verschiedenen Lagern im US-Bundesstaat Ohio verbrachte. Im April 1946 kehrte er nach Bernau zurück.
Frau und Tochter hatten den Krieg unversehrt überstanden. Hülse begann sofort, beim gesellschaftlichen Neuaufbau zu helfen. Er trat in die SED und den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) ein. Voller Pathos beschreibt er diesen Entschluss rückblickend in seinem Lebenslauf: „Soll Deutschland ein Herd des Friedens und des wirtschaftlichen Aufbaues werden, ein gleichberechtigtes und wertvolles Glied in der Kette der Völker der Welt, so müßte Sorge getragen werden für die Ausrottung des Faschismus und Militarismus, für die Umerziehung des deutschen Volkes, daß in Deutschland ein Staat entstehe, in dem die Werktätigen die Staatsmacht ausüben. Ich war bereit für diese Ziele gemäß den Potsdamer Beschlüssen und zur Erfüllung der Reparationsverpflichtungen meine ganze Kraft und Person einzusetzen. Niemand anders als wir Genossen und fortschrittlich denkende Bürger mußten diesen schwierigen dornigen Weg gehen11.“
Arbeitete Hülse zuerst als Volkspolizist, wurde er im Juli 1947 zum hauptamtlichen Mitarbeiter im FDGB berufen. Dort übernahm er die Funktion des zweiten Vorsitzenden im Kreis Niederbarnim. Darüber hinaus setzte ihn die Partei unter anderem als Propagandisten ein. Hülse referierte auf Hunderten von Versammlungen und „half bei der Umerziehung unserer Bürger12“. Ebenso war er Mitglied der Kreiskommission für die Enteignung der Kriegs- und Rüstungsbetriebe. „Er stand immer für seine Überzeugung ein, er war immer Kommunist“, erinnert sich seine Tochter Sonja Hedicke: „Mitunter war er auch ein bisschen stur.“ Doch letztlich blieb es beim Wirken im Kleinen. Stolz berichtete Hülse von seinem politischen Engagement im Wohnblock und in den Straßenzügen.
Karriere machte er trotz Parteischulungen nicht mehr. Ein Magenleiden, das er auf „die harten Jahre der Illegalität, der Kriegsjahre und der Jahre des Aufbaus“ zurückführte, trugen ihr Übriges dazu bei. Karl Hülse wurde zum Invalidenrentner13.
Er starb am 30. November 1985 in Bernau.

1 Lebenslauf vom 10.11.1966, VdN-Akte, Bl.1. 

2 Vgl. Brief des Kreisausschusses OdF Niederbarnim an den Landesausschuss, VdN-Akte. 

3 Lebenslauf, VdN-Akte, Bl. 2. 

4 Ebd., Bl. 3. 

5 Ebd. 

6 Ebd., Bl. 4. 

7 Ebd., Bl. 6. 

8 Liste KZ OR, S. 48. 

9 Ebd. 

10 Ebd., Bl. 8. 

11 Ebd. 

12 Ebd., Bl. 9. 

13 Ebd., Bl. 10. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 48 [Dort irrtümlich Kurt Hülse].
  • BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 396 (VdN-Akte).
  • BLHA, Rep. 333, SED-Landesvorstand Brandenburg, Nr. 1238 (Aufnahmeantrag in die VVN).
  • Kreisarchiv Barnim, VA 5768, Bernau (OdF-Akte).
  • Interview des Verfassers mit Sonja Hedicke, Tochter von Karl Hülse, vom 22.1.2003.

Soziale/Regionale Herkunft: Bernauer Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Als ungelernter Arbeiter in verschiedenen Betrieben tätig

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1924: Mitglied im Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1929: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Abhalten von illegalen Zusammenkünften, Verteilen von Flugblättern und Zeitungen

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 2. Mai 1933 - 3. Juni 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied der SED und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB); Juli 1947: Hauptamtlicher Mitarbeiter im FDGB; Zweiter Vorsitzender im Kreis Niederbarnim des FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: Fritz-Heckert-Medaille

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