Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
25. November 1907 - 23. Februar 1978

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Hans Hünich, Lebenslauf 1946.
Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, 15261

Hans Hünich, Lebenslauf 1946. Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, 15261

Von Siegfried Mielke

Hans Ludwig Reinhold Hünich, am 25. November 1907 in Lichtenberg bei Berlin geboren, wuchs in einem politisch und gewerkschaftlich engagierten Elternhaus auf. Sein Vater Reinhold Hünich (1881-1962), ein gelernter Bäcker, der als Handelshilfsarbeiter arbeitete, war Mitglied des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands und der SPD. Die Mutter Marie Hünich (1886-1967), ohne Beruf, war Hausfrau. Die Bedeutung des Elternhauses für seine politische Sozialisation hebt Hans Hünich in fast allen seinen Lebensläufen hervor: „Mein Elternhaus gab den Ausschlag für meine politische Entwicklung [...] Es gehörte einfach bei uns zu Haus zum guten Ton, daß ich politisch und gewerkschaftlich organisiert war1“. Unter dem Einfluss des Vaters schlossen sich Hans Hünich und seine Schwestern, beide von Beruf Schneiderinnen, schon sehr früh der Freien Gewerkschafts­bewegung an. Die Schwestern wurden Mitglieder des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes. Hans Hünich trat bereits 1922 als kaufmännischer Lehrling der chemischen Fabrik Otto Kutzner dem Zentralverband der Angestellten (ZdA) bei. Außer im ZdA und in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), in der er Jugendleiter und Unterkassierer war (1922-1927), engagierte sich Hünich in der SPD (1927-1933), bei den Frei­denkern und in der Berliner Konsumgenossenschaft. Während seiner Tätigkeit als Handlungsgehilfe der Firma Otto Kutzner besuchte Hans Hünich mit Erfolg die Fachschule für Kaufmannsgehilfen der Handelskammer Berlin, um seine Büro- und Verwaltungs- sowie seine englischen Sprachkenntnisse zu verbessern. 1927 verließ er die chemische Fabrik, in der er nach Abschluss der Lehre als Handlungsgehilfe gearbeitet hatte, und wechselte in die Hauptverwaltung des ZdA, wo er bis zur Zerschlagung der Freien Gewerkschaftsbewegung 1933 als Sachbearbeiter beschäftigt war. Als Mitarbeiter der ZdA-Hauptverwaltung war er nach eigenen Angaben in erster Linie für die Abrechnung von Mitgliedsbeiträgen zuständig. Nebenbei engagierte er sich im ZdA als ehrenamtlicher Funktionär. 1930 wurde er im Alter von 23 Jahren ehrenamtlicher Leiter des ZdA-Bezirksausschusses von Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf. Im gleichen Jahr heiratete er Gertrud Pagel, die ebenfalls ZdA-Mitglied war.
Nach der Zerschlagung der Freien Gewerkschaftsbewegung schloss sich Hünich einer Widerstandsgruppe von SPD-Mitgliedern und Gewerkschaftern um Paul Heßberg an, die illegales Material, unter anderem den „Vorwärts“, verteilte. Diese Gruppe wurde bereits im Dezember 1933 von der Gestapo zerschlagen. Nach Angaben in seinem Lebenslauf vom 17. Januar 1954 kam Hünich nach seiner Verhaftung über das KZ Columbia-Haus, das Polizeigefängnis am Alexanderplatz, vom 6. bis 17. Januar 1934 in das KZ Oranienburg und anschließend bis April 1934 ins Untersuchungsgefängnis Moabit. Im KZ war er nach eigenen Angaben dem Arbeitskommando „Erdarbeiten“ zugeteilt. Nach Einstellung seines Verfahrens aus Mangel an Beweisen wurde er im April 1934 entlassen. 1934/35 blieb er arbeitslos. Von 1935 bis Mai 1940 fand er eine Anstellung als Buchhalter bei der Emil Köster AG in Berlin. Dieses Unternehmen, das sich 1935 im Besitz amerikanischer Großaktionäre befand, firmierte bis 1934 als „Emil Köster Deutsche Beamten-Einkaufs-AG“. Während dieser Zeit war er Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Nach seiner Darstellung in einem Lebenslauf vom 8. Juli 1946 hat er in diesen Jahren „illegal für die Bewegung [...] weiter gearbeitet2“. Einzelheiten über diese illegale Arbeit ließen sich jedoch nicht ermitteln. In einem späteren Lebenslauf von 1972 heißt es demgegenüber, er habe nach seiner Entlassung aus dem KZ keine organisierte illegale Arbeit mehr geleistet. 1940 wurde Hünich zur Wehrmacht eingezogen. Er blieb Soldat, bis er 1945 in englische Gefangenschaft geriet, aus der er im März 1946 entlassen wurde.
Nach Berlin zurückgekehrt, schloss er sich bereits am 27. März 1946 dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und im April 1946 der SED an. Im gleichen Jahr wurde Hünich Leiter der Abteilung Finanzen des FDGB von Groß-Berlin mit Sitz in der Wallstraße; eine Funktion, die er bis 1955 ausübte. Während dieser Zeit fungierte er von 1947 bis 1949 als stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates und von 1949 bis 1950 als stellvertretender Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung in der FDGB-Verwaltung. 1951 stieg er als Mitglied des Sekretariats in den Bundesvorstand des FDGB von Berlin auf. Von 1955 bis 1975 gehörte er als Vorsitzender der zentralen Revisionskommission dem Bundesvorstand des FDGB an. In diese Zeit fällt die Trennung von seiner Ehefrau Gertrud und 1954 die Hochzeit mit Therese Kunze, die die Zwillinge Ursel und Erika mit in die Ehe brachte.
Folgt man den Angaben in seinem Lebenslauf vom 2. Juni 1972, dann begrüßte der Sozialdemokrat Hans Hünich „aus vollem Herzen“ die „Vereinigung beider Arbeiterparteien3“. In der Auseinandersetzung mit der Unabhängigen Gewerkschafts­organisation (UGO) in den Jahren 1948/49 bezog Hans Hünich eindeutig Position zugunsten der FDGB-Führung. 1972 behauptete er in seinem Lebenslauf „maßgeblich“ an diesen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen zu sein. „Vor allem ging“ es ihm „darum, mit zu helfen, dafür zu sorgen, daß keinerlei Werte und Unterlagen im Spaltungsprozeß aus dem Gewerkschaftshaus in der Wallstraße [Sitz des FDGB, S. M.] herausgeschleppt“ wurden. „Die ständigen Auseinander­setzungen und Diskussionen mit den UGO-Anhängern trugen dazu bei“ – so seine spätere Dar­stellung – seinen „politischen Blick zu schärfen“ und seine „Verbundenheit zur Partei und Gewerkschaft zu festigen“. Vor allen Dingen wollte er, die Lehren, die er aus seiner „Vergangenheit gezogen hatte, mit Wort und Tat durchzusetzen, nämlich eine nochmalige Spaltung der Arbeiterklasse zu verhindern4“. Das heißt, der Sozialdemokrat Hünich, der vor 1933 als ZdA-Mitglied im föderal strukturierten AfA-Bund mitgearbeitet hatte, trat nach 1946 für die zentralistisch strukturierte Einheitsgewerkschaft FDGB ein und votierte gegen autonome Industrie- und Angestelltengewerkschaften. Er billigte die Entwicklung des FDGB zur Staatsgewerkschaft und zur SED-abhängigen Organisation, die nach 1948 immer mehr zu einem Planerfüllungsgehilfen der SED degradiert wurde.
Seine Tätigkeit im FDGB, sein Engagement in der SED und seine zahlreichen Mitgliedschaften unter anderem in der Freien Deutschen Jugend von 1949 bis 1952, in der Konsumgenossenschaft seit 1953, in der Gesellschaft für Sport und Technik von 1952 bis 1956, in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft seit 1948 und in der Volkssolidarität ab 1962 weisen ebenso wie seine zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Vaterländische Verdienstorden in Gold, auf ein erhebliches Maß an Anpassungsbereitschaft des ehemaligen SPD-Mitgliedes und ehrenamtlichen Funktionärs der Freien Gewerkschaftsbewegung an das DDR-System hin. Dies verdeutlicht auch eine Beurteilung der SED-Kaderabteilung vom 8. Juni 1971, die Hans Hünich als einen „klassenbewußten Genossen“ charakterisiert, der „sich jederzeit für die parteiliche Vertretung der Interessen der Werktätigen“ einsetzte5.
1963 hatte der zuständige SED-Parteisekretär in seiner Beurteilung von Hans Hünich noch die „in früheren Jahren [das heißt, während seiner Mitgliedschaft in der SPD und in der Freien Gewerkschaftsbewegung, S. M.] versäumte theoretische Qualifizierung6“ bemängelt, hatte allerdings auch damals Hans Hünich bescheinigt, ein „klassenbewußter Funktionär“ zu sein7.
Hans Hünich starb am 23. Februar 1978 im Alter von 71 Jahren in Berlin. Er hinterließ seine Ehefrau Therese und die 1940 geborenen Zwillingstöchter.

1 Lebenslauf vom 2.6.1972, BArch, DY 34/26236, Personalakte Hans Hünich. 

2 LA Berlin, C Rep. 118-01, 15261. 

3 Lebenslauf 1972, SAPMO-BArch, DY 34/26236. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 BArch, DY 34/26236. 

7 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 48.
  • BArch, R 58/742.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15261 (OdF-Akte Hans Hünich).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 5519 (OdF-Akte Paul Heßberg).
  • SAPMO-BArch, DY 34/26236 (Kaderakte Hünich).
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes: Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, mit einem Geleitwort von Klaus Wowereit, Berlin 1990, S. 165.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn eines Handelshilfarbeiters

Ausbildung/Berufstätigkeit: Kaufmännischer Lehrling; Handlungsgehilfe

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1922: Zentralverband der Angestellten (ZdA); Sachbearbeiter der Hauptverwaltung des ZdA; Leiter des ZdA-Bezirksausschusses von Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1927-1933: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Widerstandsgruppe von SPD-Mitgliedern und Gewerkschaftern um Paul Heßberg

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Columbia-Haus; Polizeigefängnis am Alexanderplatz; 6. bis 17. Januar 1934: KZ Oranienburg; Bis April 1934: Untersuchungsgefängnis Moabit

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 27. März 1946: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB); April 1946: SED; Bis 1955: Leiter der Abteilung Finanzen des FDGB von Groß-Berlin; 1947 bis 1949: Stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates; 1949 bis 1950: Stellvertretender Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung in der FDGB-Verwaltung; 1951: Bundesvorstand des FDGB von Berlin; 1955 bis 1975: Als Vorsitzender der zentralen Revisionskommission im Bundesvorstand des FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Vaterländische Verdienstorden in Gold

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