Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
4. März 1898 - 1945

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Von Björn Lampe

Friedrich („Fritz“) Wilhelm Jung kam am 4. März 1898 in Solingen als Sohn von Johann Heinrich und Auguste Luise Jung, geborene Böring, zur Welt. Nach der Volksschule erlernte er den Beruf des Messerschlägers und legte darin die Ge­sellenprüfung ab. Bereits frühzeitig engagierte sich Jung in der Sozia­lis­tischen Arbeiterjugend (SAJ). 1919 wurde er zum Stadtverordneten für die KPD in Solingen gewählt und ein Jahr später auch zum Kreistags­abgeordneten. Auch seine beiden Brüder waren als KPD-Funktionäre in Solingen aktiv. Seine erste Frau Gretchen Schalk brachte am 11. August 1921 den gemeinsamen Sohn Fritz zur Welt.
Ab 1923 war Jung als Redakteur für die „Bergische Arbeiterstimme“, eine täglich erscheinende KPD-Zeitung, tätig. Jung zeichnete ab dem 5. Mai 1924 verantwortlich für den Lokalteil der Zeitung, welcher unter seiner Leitung deutlich politisiert wurde. In einem Leitartikel mit der Überschrift „Lokale Nachrichten aus unserem Ver­breitungs­bezirk. Kommunistische Berichterstattung“ stellte er seine Position wie folgt dar: „Der lokale Teil ist gewöhnlich das Schmerzenskind einer kommunistischen Zeitung. Nicht nur, daß ihm zu wenig Raum zur Verfügung steht, macht ihn dazu, sondern daß er unseren politischen Aufgaben zu wenig Rechnung trägt. [...] Der lokale Teil einer kommunistischen Zeitung braucht anderen Stoff, andere Töne, andere Farben. [...] Was muß er deshalb alles enthalten? Zunächst einmal die Produktions­verhältnisse und Vorgänge innerhalb der Fabriken und sonstigen Arbeits­stätten des Verbreitungsbezirks. Der Arbeiter als Objekt der Ausbeutung, seine Entlohnung, seine Behandlung durch Direktoren und Meister, die technischen Betriebsmängel, die Fahrlässigkeit der Unternehmer, welche Unglücksfälle nach sich ziehen, die Unzufriedenheit, die Erbitterung, die politische Einstellung der Arbeitskollegen im Betriebe, das alles muß aus den dunklen Mauern der Fabriken heraus ans grelle Licht der Oeffentlichkeit gezogen werden1.“ Seine Tätigkeit bei der „Bergischen Arbeiterstimme“ verhalf ihm offensichtlich auch zu lokaler Berühmtheit. Er wurde als Redner zu zahlreichen Veranstaltungen eingeladen.
Noch im Jahre 1924 zog Jung nach Hannover. Dort arbeitete er ab 1930 für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) als Sekretär. Ab 1931 verfasste er regelmäßig Artikel, die in der RGO-Zeitung für die Erwerbslosen des Landes Niedersachsen erschienen.
Auf Grund seiner Funktionärstätigkeit für die KPD und RGO wurde er am 28. Februar 1933 von der Kriminalpolizei in Hannover festgenommen und im Gefängnis des Polizeipräsidiums inhaftiert. Die Anklage lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat“. Nach seiner Verhaftung wurde seine Wohnung mehrfach von der SA geplündert, wobei seine Schreibmaschine und seine umfangreiche Bibliothek gestohlen wurden. Von Hannover wurde Jung in das KZ Papenburg verlegt. Am 11. April wurde er dann in das gerade erst eingerichtete Konzen­trationslager Moringen im Kreis Northeim in Niedersachsen gebracht. Im KZ Moringen waren zu diesem Zeitpunkt ausschließlich männliche Gefangene inhaftiert. Es diente der „Unterbringung und Bewachung politischer Polizeihäftlinge2“. Im Sommer 1933 beschloss das preußische Innenministerium die Auflösung des Männerlagers und die Umwandlung des KZ Moringen in das zentrale Konzentrationslager für weibliche Häftlinge. Die männlichen Gefangenen wurden im November 1933 in die KZ Ester­wegen und Oranienburg verlegt. Friedrich Jung wurde am 29. November in das KZ Oranienburg überstellt. Das KZ Oranienburg stand unter der Aufsicht und Bewachung der SA, die mit brutaler Willkür gegen die Häftlinge vorging. Nach dem Abzug der SA am 14. Juli 1934 wurde das Lager geschlossen. Die Häftlinge, unter ihnen auch Jung, wurden in das KZ Lichtenburg im Landkreis Wittenburg im heutigen Sachsen-Anhalt verlegt. Dort war Jung zeitgleich mit einigen führenden KPD-Funktionären inhaftiert, unter ihnen auch Ottomar Geschke. Nach fünfmonatiger Haft in Lichtenburg wurde Jung am 17. November 1934 entlassen und kehrte nach Hannover zurück.
In den folgenden drei Jahren fand Friedrich Jung kaum Arbeit. Immer wieder war er arbeitslos oder wurde zur Notstandsarbeit herangezogen, seine Wohnadresse wechselte mehrfach. Schließlich fand er als Gürtler und Schleifer bei der Firma Hans Mengemann in Hannover eine Anstellung. Dort war er vom 30. Oktober 1937 bis zum 21. August 1944 beschäftigt. Gut ein Jahr vorher, am 18. Mai 1936, heiratete er seine zweite Frau Elfriede Korseski, die erste Ehe war 1932 geschieden worden. Am 22. Juni 1939 kam der gemeinsame Sohn Paul zur Welt. Auch Elfriede Jung wurde auf Grund ihrer politischen Tätigkeiten für die KPD mehrfach verhaftet und in insgesamt vier Haftanstalten festgehalten.
Am 22. August 1944 wurde Jung im Rahmen der „Aktion Gewitter“ ein weiteres Mal verhaftet. Er wurde in die Auffangstelle Hannover-Ahlem und von dort aus in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg gebracht. Hier wurde er in den Blöcken 18, 24 und 27 registriert und erhielt die Häftlingsnummer 43204. Ende April 1945 begann die Evakuierung des KZ Neuengamme. Die letzten verbliebenen Häftlinge wurden in Richtung Lübeck transportiert und auf die in der Lübecker/Neustädter Bucht liegenden Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbek“ gebracht. Am 3. Mai 1945 bombardierten britische Kampfflugzeuge die als Kriegsschiffe getarnten Boote. Über 7.000 Häftlinge kamen bei diesen Angriffen ums Leben. Unter ihnen auch Friedrich Jung, der zuletzt auf der „Cap Arcona“ gesehen wurde. Er wurde vom Amtsgericht Hannover bereits am 10. April 1945 offiziell für tot erklärt. Britische Soldaten fanden in einem Eisenbahnwaggon bei Husum seine Effekten. Sie enthielten eine Taschenuhr mit Kette und einen Ehering („gelb“).

1 Bergische Arbeiter­stimme vom 12.5.1924, S. 7; Hervorhebung im Originaltext. 

2 Puvogel, Ulrike/Stankowski, Martin, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 1, Bonn 1995/1999, S. 438. 

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Quellen:

  • Amtsgericht Hannover, ATZ 87/II/141/46.
  • BArch, R 58/3255, Korrespondenz Gestapo Hannover mit Gestapo Berlin.
  • NsStHa, Nds. Acc. 93/97, Nr. 23-26.
  • Gedenkstätte Neuengamme, Effektenliste-Datei.
  • Gedenkstätte Neuengamme, NL Hans Schwarz.
  • Bergische Arbeiterstimme vom 12. Mai 1924.
  • Goguel, Rudi, Cap Arcona, Frankfurt/Main 1982, S. 88.
  • Lange, Wilhelm, Cap Arkona, Neustadt/H. 1988.
  • Meuter, Paul, Lebenserinnerungen eines Solinger Kommunisten, Solingen 1992, S. 33.
  • Meyer, Gertrud, Nacht über Hamburg, Berichte und Dokumente, Frankfurt/Main 1971, S. 196ff.
  • Puvogel, Ulrike/Stankowski, Martin, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 1 u. 2, Bonn 1995/1999.
  • Sbosny, Inge/Schabrod, Karl, Widerstand in Solingen, Frankfurt/Main 1975, S. 118f.

Soziale/Regionale Herkunft: Solingen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Messerschlägers

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: RGO; Sekretär

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1919: Stadtverordneter für die KPD in Solingen; 1920: Kreistagsabgeordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Februar 1933: Inhaftierung im Polizeigefägnis Hannover; KZ Papenburg; 11. April: KZ Moringen; 29. November 1933: KZ Oranienburg; Bis 17. November 1934 : KZ Lichtenburg; 22.8.1944: Konzentrationslager Neuengamme (Häftlingsnummer 43204)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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