Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
28. Juni 1893 - 30. September 1954

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Bernhard Karselt.
Quelle: PA Klaus Karselt.

Bernhard Karselt. Quelle: PA Klaus Karselt.

Bernhard Karselt gehörte zu der Gruppe von Gewerkschaftern, die sowohl im KZ Oranienburg als auch im KZ Sachsenhausen inhaftiert waren. Seine Haftzeiten waren aber beide Male vergleichsweise kurz. Er überlebte beide Konzentrationslager und den Krieg – wenn auch mit dauerhaften gesundheitlichen Schäden.

Von Ingo Ganz

Ernst Arthur Bernhard Karselt wurde am 28. Juni 1893 als fünftes Kind des Schlossers Otto Karselt in Grünberg (Schlesien) geboren. Seine Mutter war Fabrikarbeiterin. Bereits im Alter von elf Jahren musste Bernhard Karselt zum Unterhalt der Familie beitragen. Nach der Volksschule absolvierte er eine Schlosserlehre und ging anschließend auf Wanderschaft. Dabei arbeitete er unter anderem in Hamburg, Lübeck, Berlin, Stuttgart, München und Chemnitz.
Weitere Daten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ließen sich nicht finden. Karselt schrieb über diese Zeit später lediglich: „Freigewerkschaftlich bin ich seit 1910, genossenschaftlich seit 1911, politisch seit 1913 organisiert. In Berlin war ich als Mitglied der Arbeiter-Bildungsschule Schüler der Genossin Rosa Luxemburg1.“
Im Jahre 1914 wurde Karselt Soldat und nahm an den Kämpfen an der Westfront teil. Nach mehrfacher Verwundung kam er 1916 zur Eisenbahn in den „Lokomotivdienst2“. Er ließ sich in Frankfurt/Oder nieder, gründete 1917 „die dortige Ortsgruppe des freigewerkschaftlichen Eisenbahnerverbandes und wurde 1919 als Ortsbevollmächtigter derselben Organisation in Wittenberge, Bezirk Potsdam, gewählt3“.
Am 28. März 1918 heiratete Bernhard Karselt in Grünberg die am 14. Dezember 1894 geborene Martha Johanna Luise Scheckel. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, die inzwischen verstorbene Tochter Lieselotte Luzi, geboren 22. März 1920, und der am 22. Juli 1922 geborene Sohn Karl-Heinz.
In der Zeit zwischen den Kriegen engagierte sich Karselt auf verschiedenen Ebenen: „Von 1919 bis 1933 war ich gewerkschaftlich, in der Sozialversicherung wie in der Arbeitsrechtspraxis tätig, z.B. als Vorsitzender des Krankenkassenausschusses, als Mitglied des Verwaltungsrats des Arbeitsamtes Prignitz, als Prozessvertreter beim Arbeitsgericht Wittenberge sowie als Landesarbeitsrichter beim Landesarbeitsgericht Berlin4.“ Ab dem 1. September 1924 war er auch Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Wittenberge. Und weiter heißt es: „Politisch war ich als Funktionär der Sozialdemokratischen Partei seit 1917 ununterbrochen tätig, war 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats in Frankfurt/Oder, in Wittenberge von 1922 bis 1930 Stadtverordneter und von 1930 bis zu meiner Verhaftung 1933 unbesoldeter Stadtrat. Dem Vorstand der Ortsgruppe gehörte ich seit 1922, zuletzt als Vorsitzender, an5.“ Karselt war ferner „Mitglied in der Freien Turnerschaft Wittenberge, dem Männergesangsverein ‚Arion‘, dem Arbeiter-Radfahrbund, den Freidenkern, dem Reichsbanner, Verein für sozialistische Bildung und hatte in diesen Organisationen mehrere Funktionen inne6“.
Auf die Frage nach Verfolgung wegen seiner politischen Einstellung gab Karselt an, „vom 1. März bis 5. Mai mehrfach verhaftet und von der SA verprügelt7“ sowie „bei mehrfachen Haussuchungen meines Eigentums beraubt“ worden zu sein8. Am 5. Mai wurde er erneut verhaftet, wegen seiner „Weigerung, Mitglied der NSDAP zu werden und die Durchführung des 1. Mai 1933 als nationalsozialistischen Feiertag aufzuziehen. Ich war s. Zt. Vorsitzender des Ortsausschusses Wittenberge des ADGB und gleichzeitig Vorsitzender der Ortsgruppe Wit[tenberge] der SPD9.“
Vom 5. Mai bis zum 17. Dezember 1933 wurde Karselt ohne Anklage im Alten Zuchthaus Brandenburg, in den Konzentrationslagern Perleberg und Oranienburg, im Staatskrankenhaus Berlin und im Zellengefängnis Plötzensee festgehalten. Die Angaben stammen aus Karselts VdN-Akte. Genaue Zeiten sind den einzelnen Orten nicht zugeordnet. Für das KZ Oranienburg ist allerdings bekannt, dass er dort vom 28. Juni bis zum 14. Juli war. Er wurde „am 17. Dezember 1933 im Zuge der Weihnachts-Amnestie [entlassen], weil 2 schulpflichtige Kinder10.“
Karselt trat 1934 der Deutschen Arbeitsfront bei, um einen Wandergewerbeschein zu bekommen. „Von 1934 bis 1939 ernährte ich mich als Reisender für eine Hamburger Exportfirma11.“ Er gibt an, in dieser Zeit durch seine Reisen die „Verbindung zwischen den Parteigenossen in der Prignitz, Mecklenburg und der Altmark aufrecht“ gehalten zu haben12. „Infolge Warenmangel[s] bei Kriegsausbruch dieser Existenz beraubt, wurde ich vom Arbeitsamt dem Finanzamt Perleberg zugeteilt13.“
Am 22. August 1944 wurde Karselt im Zuge der „Aktion Gewitter“ verhaftet und bis zum 16. September im KZ Sachsenhausen unter der Häftlingsnummer 93360 inhaftiert. Im Oktober 1944 kam er zur Wehrmacht und diente bis zum 1. Mai 1945 im Landesschützenbataillon 316. Aus dem Zweiten Weltkrieg trug er keine großen Schäden davon, zog sich aber während der Haft ein Nierenleiden zu. Ob dieses Leiden aus der Haftzeit im Jahre 1944 stammt oder bereits nach der Haft im Jahre 1933 auftrat, ist unklar.
Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Wittenberge stellte sich Karselt der Militärverwaltung zur Verfügung, die ihn mit der Auflösung der Nazi-Organisationen betraute. „Nach Erscheinen des Befehls Nr. 2 von Marschall Shukow arbeitete ich am Aufbau des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in Wittenberge, dessen Leiter ich bis zu meiner Berufung als Personaldezernent bei der Reichsbahndirektion Wittenberge war. Nach Auflösung derselben am 1. Oktober 1945 folgte ich einem Ruf der neuen Stadtverwaltung und übernahm das Dezernat des Finanzwesens und Kämmerers14.“
Karselt trat wieder der SPD bei, „übernahm [...] erneut den Vorsitz der SPD-Ortsgruppe und leitete diese bis zu ihrer Vereinigung mit der KPD. Als Delegierter war ich auf mehreren Gewerkschafts-
Generalversammlungen und Parteitagen, zuletzt auf dem Vereinigungsparteitag in Berlin15.“ Nach der Vereinigung von SPD und KPD bekleidete Karselt keinerlei Ämter mehr und hatte bald große Differenzen mit der SED. Der Kreisvorstand der SED Wittenberge schrieb sogar in zwei Briefen an den Landesverband Brandenburg: „Eins steht aber fest, dass Karselt aus der Gewerkschaftsbürokratie stammt und heute noch Bürokrat ist. Er ist alt und verknöchert und kann nicht von seinen Traditionen, dem ihm eingeprägten Reformismus los [...] Seine Funktion als Stadtkämmerer sieht er nur von der fachlichen Seite und vom i-Punkt aus16.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Ausserdem ist er ein Mensch, der [...] den Eindruck hinterläßt, als hätte er keinerlei politischen Weitblick. Dies ist erkennbar aus den Differenzen, die er mit den einzelnen Organisationen wie DFD und FDJ hat, denen er bei irgendwelchen Veranstaltungen die Steuern abzwingt17.“
Bernhard Karselt war zu sehr (Sozial-)Demokrat und Gewerkschafter, als dass er den SED-Staat aktiv hätte unterstützen können. Seine politische Einstellung wurde von verschiedenen Bürgen bestätigt. So schrieb Paul Klink in einem Brief vom 12. Januar 1952 über Karselt: „Nicht nur die Eisenbahner, sondern auch alle werktätigen Kollegen und auch die ehemaligen Beamten haben aus seinem Wirken innerhalb der Partei einen Nutzen gezogen. [...] In privatem Verkehr stehen wir seit 1919 in steter Verbindung und möchte an dieser Stelle aussprechen, daß derselbe im politischen Kampf ein Vorbild ist18.“ Die Kreisprüfungskommission der VdN bescheinigte dann auch am 8. Februar 1952: „Während der Hitlerzeit hat er seine Gesinnung nicht weggeworfen. Nach 1945 trat der Kamerad Karselt sofort der SPD bei und seit der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien ist er Mitglied der SED. Er leistete auch gesellschafts-politische Arbeit.“ Die Kommission stellte darüber hinaus fest, Karselt sei „seit voriges Jahr Invalide. Sein Gesundheitszustand ist nicht besonders19.“ Nur anderthalb Jahre später starb Bernhard Karselt am 30. September 1954 im Alter von 61 Jahren.

1 Lebenslauf 1947, in: LHA Schwerin, VVN-Akte Bernhard Karselt. 

2 Ebd. 

3 Ebd. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 VdN-Materialien in der VVN-Akte. 

7 Ebd. 

8 Lebenslauf 1947. 

9 VdN-Materialien in der VVN-Akte. 

10 Ebd. 

11 Lebenslauf 1947. 

12 VdN-Materialien in der VVN-Akte. 

13 Lebenslauf 1947. 

14 Ebd. 

15 Ebd. 

16 Brief der SED Wittenberge vom 26. April 1949, VVN-Akte. 

17 Brief SED Wittenberge vom 7. Juli 1949, VVN-Akte. 

18 VVN-Akte. 

19 Protokoll, VVN-Akte. 

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Quellen:

  • AS, D 1A/1044, Bl. 016 (Liste mit Häftlingsnamen).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1184, Bl. 47, 325, 332 (Briefe des Polizeipräsidenten in Potsdam und der Ortspolizeibehörde der Stadt Wittenberge).
  • BLHA, Rep. 35 G, Oranienburg, Nr. 3/17 (Transportzettel Karselt).
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 596.
  • LHA Schwerin, VVN-Akte Bernhard Karselt.
  • Telefoninterview vom 14.7.2002 mit Klaus Karselt, Verwandter und Besitzer eines Familienalbums der Karselts.

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn des Schlossers Otto Karselt und einer Fabrikarbeiterin; Grünberg (Schlesien)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Schlosserlehre

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1917: Gründung der Ortsgruppe des freigewerkschaftlichen Eisenbahnerverbandes in Frankfurt/Oder; 1. September 1924: Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Wittenberge

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1922 - 33: Vorstand der SPD in Wittenberge

Politische Mandate/Aktivitäten: 1922 bis 1930 Stadtverordneter und von 1930 bis 1933 unbesoldeter Stadtrat

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Mai bis zum 17. Dezember 1933: Zuchthaus Brandenburg, Konzentrationslager Perleberg und Oranienburg, Staatskrankenhaus Berlin und Zellengefängnis Plötzensee; 22. August 1944 - 16. September 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93360)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Vorsitz der SPD-Ortsgruppe Wittenberge

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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