Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
13. Mai 1888 - 10. September 1942

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Künstler im KZ Oranienburg. Quelle: Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)

Künstler im KZ Oranienburg. Quelle: Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)

Nach dem von Reichsinnenminister Frick am 22. Juni 1933 ausgesprochenen Betätigungsverbot für die SPD begann eine massive Verfolgungs- und Verhaftungswelle gegen Sozialdemokraten. Zu ihren Opfern gehörte auch der Berliner SPD-Vorsitzende und Reichstagsabgeordnete Franz Künstler, der seit der SPD-Reichskonferenz vom 26. April 1933 auch Mitglied des Parteivorstands war. Künstler durchlitt 1933/34 eine insgesamt dreizehnmonatige „Schutzhaft“ in den Konzentrationslagern Oranienburg und Lichtenburg. Die ihm hier zugefügten Gesundheitsschäden sowie die Folgen einer späteren zweiten Haftzeit und weiterer Drangsalierungen durch das NS-Regime führten dazu, dass der engagierte Sozialdemokrat und Gewerkschafter 1942 viel zu früh im Alter von nur 54 Jahren verstarb.

Von Ingrid Fricke

Franz Künstler kam am 13. Mai 1888 als erstes von fünf Kindern der Eheleute Paul Künstler und Emma Künstler, geborene Müller, im Arbeiterviertel SO36 in Berlin-Kreuzberg zur Welt. Der Vater war Sozialdemokrat und von Beruf Tischler. Da er außerdem dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) angehörte, ist es wahrscheinlich, dass er sein Handwerk nicht selbständig ausübte, sondern in einer Fabrik oder einem Betrieb der Metallbranche arbeitete.

Franz Künstler absolvierte nach der achtjährigen Volksschulzeit eine Lehre als Maschinenschlosser, die er 1906 erfolgreich beendete. Bereits während der Lehrzeit begann sein gesellschaftspolitisches Engagement. Er gehörte zu den Mitbegründern des „Verein(s) der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins“, der im Oktober 1904 ins Leben gerufen und im April 1909 in „Freie Jugendorganisation Berlins und Umgegend“ umbenannt wurde. Nach Abschluss seiner Lehre trat Franz Künstler 1906 dem DMV und 1907 der SPD bei.

Im Jahre 1914 heiratete der junge Sozialdemokrat und zog mit seiner Ehefrau Margarete, geborene Erdmann, in das benachbarte Neukölln, welches bis 1920 eine selbständige Stadt war. Margarete Künstler, die eine Bürotätigkeit ausübte, war wie ihr Ehemann Mitglied der SPD und konfessionslos. Die Ehe blieb kinderlos.

Ein charakteristischer Wesenszug Franz Künstlers war seine ausgeprägt antimilitaristische Grundhaltung. Im November 1911 war er Angeklagter in einem Prozess vor dem Berliner Landgericht, wo er wegen Beleidigung des deutschen Offizierskorps zu zwei Wochen Gefängnishaft verurteilt wurde. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehörte Künstler zu den Kritikern der von der SPD- und Gewerkschaftsführung eingeschlagenen Politik des „Burgfriedens“ und der Billigung der Kriegskredite. Am 1. Mai 1916 nahm er an einer großen Anti-Kriegs-Kundgebung auf dem Potsdamer Platz in Berlin teil, auf der Karl Liebknecht redete. Einige Wochen später wurde Franz Künstler selbst einberufen und musste bis zum Kriegsende im Infanterieregiment 451 an der Westfront als Soldat dienen. Noch während des Krieges trat er 1917 von der SPD zur neugegründeten USPD über, in der sich die entschiedenen sozialdemokratischen Kriegsgegner sammelten.
In der Novemberrevolution 1918 wurde Franz Künstler in einen Soldatenrat gewählt. Am 1. und 2. Dezember 1918 war er als Delegierter der 234. Infanterie-Division beim Kongress der Frontsoldatenvertreter in Bad Ems. An dem wichtigen 1. Reichsrätekongress, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin tagte, und auf dem es unter anderem um die Frage ging, ob Deutschland eine parlamentarische Demokratie oder eine Räterepublik werden sollte, nahm Künstler als Vertreter der VI. Armee ebenfalls teil.

Nach Neukölln zurückgekehrt, engagierte sich Franz Künstler in der USPD und als Vertreter der USPD in den neuen demokratischen Gremien. Am 27. Januar 1919 wurde er neben Max Freigang zum Vorsitzenden des USPD-Kreises Teltow-Beeskow (zu dem auch Neukölln gehörte) gewählt. Im Februar 1919 wurde er als Kandidat der USPD Stadtverordneter und kurze Zeit später Stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher von Neukölln. Er konnte dieses Amt jedoch nur für eineinhalb Jahre ausüben, da Neukölln am 1. Oktober 1920 in der neuen Stadtgemeinde von Groß-Berlin aufging und seine eigenständige Stadtverordnetenversammlung damit entfiel.

Anfang April 1919 ergab sich für Franz Künstler in beruflicher Hinsicht eine wichtige Änderung. Nachdem er bis dahin seinen Lebensunterhalt stets als Maschinenschlosser verdient hatte, wurde er am 6. April 1919 gemeinsam mit 15 Kollegen zum hauptberuflichen Angestellten des DMV Berlin gewählt. Künstler blieb bis Ende September 1922 besoldeter Funktionär des DMV. In dieser Zeit befand sich sein Arbeitsplatz im Gebäude des Berliner DMV in der Linienstraße in Berlin-Mitte.

Ende 1919 wurde Künstler auf dem Außerordentlichen Parteitag der USPD in Leipzig als Beisitzer in den Vorstand der Partei gewählt. Als sich die sehr heterogen zusammengesetzte USPD im Oktober 1920 an der Frage des Beitritts zur Kommunistischen Internationale (KI) spaltete, gehörte Künstler zum kleineren Teil der Partei, der den Anschluss an die KI ablehnte. Schon bald nach der Parteispaltung schloss sich der Flügel, der den Beitritt zur KI befürwortet hatte, mit der KPD zusammen. Der andere Teil der USPD bestand zunächst noch als eigenständige Partei weiter. Franz Künstler gehörte ihrem Parteivorstand zunächst als Beisitzer und seit dem Januar 1922 als Sekretär an. Unter dem Eindruck der zunehmenden Bedrohung der deutschen Republik von rechts schloss sich die USPD im September 1922 wieder mit der MSPD zusammen. Franz Künstler wurde als Beisitzer in den Parteivorstand der Vereinigten SPD gewählt und übte diese Funktion bis zum Juni 1924 aus. Bald nach dem Vereinigungsparteitag nahm Künstler eine Tätigkeit als besoldeter Funktionär der SPD auf. Vom 1. Oktober 1922 bis zum Juni 1933 arbeitete er als Sekretär des Parteivorstands in der SPD-Zentrale, die sich in der Lindenstraße 3 in Berlin-Kreuzberg befand.

Am 6. Juni 1920 wurde Franz Künstler, damals noch Mitglied der USPD, zum ersten Mal in den Reichstag gewählt. Mit einer kurzen Unterbrechung im Jahre 1924 gehörte Künstler bis 1933 durchgängig dem Reichstag an. Daneben hatte er eine Reihe von Funktionen in der SPD, in die er 1922 zurückgekehrt war. Er war Delegierter auf sämtlichen Parteitagen der SPD vom Vereinigungsparteitag in Nürnberg 1922 bis zum Leipziger Parteitag 1931. Von 1922 bis 1924 gehörte er dem Parteivorstand der SPD an. Im Jahre 1923 nahm er am Gründungskongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) in Hamburg teil und war auch in der Folgezeit Delegierter auf den Kongressen der SAI. Von 1924 bis 1933 war er Vorsitzender des Bezirks Groß-Berlin der SPD und im gleichen Zeitraum zweiter Vorsitzender der Berliner Arbeiterwohlfahrt.

Ende 1930 veröffentlichte Franz Künstler eine Broschüre mit dem Titel „Kommunistische Katastrophenpolitik“. Hier setzte er sich mit der von der Kommunistischen Internationale seit 1928 propagierten Politik der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) auseinander, die seit 1929 auch von der KPD betrieben wurde. Die KPD schreckte hierbei vor einer Gewerkschaftsspaltung nicht zurück. In Berlin hatte die KPD am 4. November 1930 den Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins gegründet. Künstler schrieb darüber in seiner Broschüre unter anderem: „Ausgerechnet die Zeit schwerster Wirtschaftskrise mit einem Viel-Millionenheer erwerbsloser Männer, Frauen und Jugendlicher, der Lohn- und Gehaltsabbau-Offensive der Unternehmer haben sich die Kommunisten ausgesucht, um neben der politischen Zerrissenheit der deutschen Arbeiterklasse auch noch die Einheit der deutschen Gewerkschaftsbewegung zu zerschlagen1.“

Nach dem Beginn des nationalsozialistischen Machtergreifungsprozesses wurde Franz Künstler auf der Berliner Reichskonferenz der SPD am 26. April 1933 in den Parteivorstand gewählt. Er gehörte zu den Sozialdemokraten, die hofften, durch strikt legales Verhalten ein Verbot der SPD abwenden zu können. So schloss die Berliner SPD-Führung um Franz Künstler im April 1933 den Berliner Bezirksvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) um Erich Schmidt wegen seiner Vorbereitung auf die Illegalität aus der Partei aus. Franz Künstler gehörte auch dem auf der Reichskonferenz der SPD in Berlin am 19. Juni 1933 gewählten neuen Parteivorstand um Paul Löbe an. Dessen Hoffnung auf eine weitere legale Existenz der SPD erwies sich als Illusion. Mit dem Verbot der SPD am 22. Juni 1933 begann eine neue Welle der Verfolgung von Sozialdemokraten.

Am 24. Juni 1933 wurde Franz Künstler in Berlin von der Gestapo verhaftet. Nach einigen Wochen „Schutzhaft“ im Polizeipräsidium am Alexanderplatz und im Gefängnis Spandau wurde er am 9. August 1933 in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Hier erhielt er die Häftlingsnummer 1268. Gerhart Seger, Mithäftling und wie Künstler Sozialdemokrat und Mitglied des Reichstags, berichtet in seinem Buch über das KZ Oranienburg über die dortige Ankunft Franz Künstlers: „Am Tage nach der Einlieferung von Ebert, Heilmann und den vier Rundfunkleuten kam der Berliner Abgeordnete Franz Künstler im Lager an. Auch ihm wurde sein Haar zum Teil kurz geschoren, in das Haar auf der oberen Kopffläche wurden ihm drei Pfeile [das Symbol der pro-republikanischen „Eisernen Front“, I. F.] hineinrasiert und außerdem wurde ihm sein Schnurrbart zur Hälfte abrasiert. Künstler hatte das Lager zunächst ziemlich unbemerkt betreten, seine Einlieferung war jedenfalls keinem der maßgebenden SA-Führer aufgefallen, und er befand sich bereits auf dem hinteren Hofe des Lagers, als ich ihn mit einem anderen Abgeordnetenkollegen zusammen beiseite nahm. In diesem Augenblick machten Kommunisten die umhergehenden SA-Leute mit den üblichen Beschimpfungen erst auf Künstler aufmerksam, da sich diese Kommunisten das Schauspiel, einen SPD-Führer durch die SA entsprechend behandelt zu sehen, nicht entgehen lassen wollten2.“

Während der Zeit seiner „Schutzhaft“ im KZ Oranienburg wurde Franz Künstler mindestens einmal in die Berliner Zentrale der Gestapo zum Verhör gebracht. Sein Name befindet sich auf einer Liste von Häftlingen, die am 12. Dezember 1933 zur Prinz-Albrecht-Straße 8 transportiert wurden. Künstler blieb Häftling des KZ Oranienburg bis zu dessen Auflösung durch die SS im Juli 1934. Zeitweise befand er sich im Nebenlager Elisenau/Blumberg bei Bernau. Am 14. Juli 1934 wurde Franz Künstler – wie auch die anderen noch nicht aus dem KZ Oranienburg entlassenen Häftlinge – in das bei Prettin an der Elbe gelegene Konzentrationslager Lichtenburg gebracht. Hier wurde er weitere sieben Wochen in „Schutzhaft“ gehalten.

Am 31. August 1934 wurde Franz Künstler als kranker Mann aus dem KZ Lichtenburg nach Hause entlassen. Am 1. Dezember 1934 fand er Arbeit als Schlosser bei der Maschinenfabrik Blache in Berlin-Neukölln, wo er bis Ende August 1939 angestellt blieb. Nach und nach nahm er wieder Verbindung zu seinen politischen Freunden auf. Da er intensiv von der Gestapo überwacht wurde, gehörte er nicht zum organisierten Funktionärskreis der illegalen SPD um Alfred Markwitz und dessen Nachfolger Alfred Lowack, der Kontakte zur Exil-SPD hielt, illegale Schriften verbreitete und zwischen 1934 und 1937 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt wurde. Ein undatiertes Gestapo-Dossier, das frühestens aus dem Sommer 1936 stammen kann, bezeichnet Künstler als politisch „nicht mehr hervorgetreten3“.

Jedoch bildete Franz Künstler neben Paul Löbe und anderen in dieser Zeit des NS-Terrors für gesinnungstreue Berliner Sozialdemokraten einen der Fixpunkte, die für den Zusammenhalt der Solidargemeinschaft sorgten. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Gesangverein „Berliner Liederfreunde 1879“, der nach der „Gleichschaltung“ der Arbeitersängerbewegung durch die Nationalsozialisten aus zwei ehemaligen Arbeitersängerbünden hervorgegangen war. Als Mitglied der „Liederfreunde“ war Franz Künstler maßgeblich beteiligt an der Organisation verschiedener großer Konzerte, die der Verein in den Jahren 1937 und 1938 unter anderem in dem Neuköllner Festsaal „Neue Welt“ gab. Diese Konzerte, deren Karten nicht öffentlich verkauft wurden, waren stets Treffpunkte einer großen Anzahl von Sozialdemokraten, worunter sich auch Prominente wie zum Beispiel Paul Löbe befanden. Die Gestapo observierte die Konzerte durch Spitzel, und am 27. Mai 1938 wurden die „Berliner Liederfreunde 1879“ schließlich zwangsweise aufgelöst.

Ähnliche, ebenfalls von Künstler maßgeblich organisierte Aktionen, waren die Beerdigungsfeiern für verfolgte Sozialdemokraten, die teilweise zu stummen Massenprotesten wurden. So kamen im Mai 1936 bei der Trauerfeier für die ehemalige Reichstagsabgeordnete Clara Bohm-Schuch, auf der Künstler die Gedenkrede hielt, ungefähr 6.000 Menschen im Krematorium Baumschulenweg zusammen.

Etwa ab 1936/37 unterhielt Franz Künstler auch Kontakte zu der Widerstandsgruppe „Deutsche Volksfront“ um Herrmann Brill, Otto Brass und andere ehemalige USPD-Mitglieder sowie zur „Deutschen Freiheitspartei“, einem Zusammenschluss liberaler und sozialistischer Emigrationskreise, der antinazistische Flugblätter nach Deutschland einschleuste. Im Zusammenhang mit der Zerschlagung dieser beiden Gruppen durch die Gestapo wurde Franz Künstler am 23. Juli 1938 erneut festgenommen. Vom 1. August 1938 an war er für vier Monate im „Hausgefängnis“ der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 unter dem Verdacht der „Vorbereitung zum Hochverrat“ inhaftiert. Man versuchte, ihn der Zugehörigkeit zu illegalen Gruppen zu überführen, konnte ihm aber nichts nachweisen. Am 28. November 1938 entließ ihn die Gestapo wieder aus dem Gefängnis. Nach dieser Haft war Künstlers Gesundheit, die schon während der ersten Haftzeit 1933/34 sehr gelitten hatte, vollends zerrüttet. Er war nun schwer herzkrank.

Am 1. September 1939 wurde Franz Künstler zur Arbeit als Lastenträger für das Wehrmacht-Ver­sorgungs-De­pot in Berlin-Tempelhof dienstverpflichtet. Obwohl er aufgrund der in der „Schutzhaft“ erlittenen Gesundheitsschäden gar nicht zu schwerer Arbeit in der Lage war, musste er im Tempel­hofer Hafen schwere Säcke und Holzbalken von Schiffen herunterschleppen. Nach einer späteren schriftlichen Aussage von Künstlers Freund Herrmann Harnisch handelte es sich auch nicht um eine normale Dienstverpflichtung, wie sie damals häufig vorkam, sondern um eine von der Gestapo initiierte Maßnahme zur Vernichtung Künstlers. Harnisch schrieb am 14. Februar 1950 an das Berliner Entschädigungsamt: „Als ich selbst im Dezember 1939 einige Wochen im Keller der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße war und täglich vernommen wurde, sagte man mir bei einer Vernehmung hohnlachend: ,Na, Ihrem Freund Franz Künstler haben wir eine besondere Freude bereitet. Der muss jetzt 2-Zentner-Säcke schleppen bis zum Weißbluten4.‘“ Den enormen Anstrengungen einer Arbeit als Lastenträger war Künstler in der Tat nicht mehr gewachsen. Ende März 1940 wurde der einstmals robuste Mann als Invalide aus der Dienstverpflichtung entlassen. Sein ehemaliger Arbeitgeber Blache in Neukölln stellte ihn zwar zunächst wieder ein, da Künstler nun jedoch auch zu leichter Arbeit nicht mehr in der Lage war und ständiger ärztlicher Behandlung bedurfte, wurde er Ende August 1941 wieder entlassen. Er blieb nun arbeitsunfähig. Am 10. September 1942 brach der erst 54-jährige Franz Künstler auf dem Weg zu seinem Arzt aufgrund eines Herzschlags auf der Straße zusammen und verstarb wenig später während des Transports ins Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg.

Die Trauerfeier für Franz Künstler am 16. September 1942 im Berliner Krematorium Baumschulenweg wurde erneut zu einer stummen Massenkundgebung von Berliner Sozialdemokraten. Eine riesige Menge von wohl 2.000 bis 3.000 Menschen gab dem langjährigen Berliner SPD-Vorsitzenden das letzte Geleit. Franz Künstler wird heute in Berlin durch eine nach ihm benannte Straße in der Nähe der sozialdemokratischen Parteizentrale, durch eine Ehrentafel auf dem Friedhof in Friedrichsfelde, durch ein Ehrengrab auf dem Friedhof Baumschulenweg sowie durch eine Gedenktafel in der Elsenstraße 52, seinem letzten Wohnsitz, geehrt.

1 Künstler, Kommunistische Katastrophenpolitik, S. 1. 

2 Seger, KZ Oranienburg, S. 42f. 

3 BArch, R 58/3340, Fiche 3, Bl. 113. 

4 Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsbehörde, PRV-Akte 12016, Bl. A15. 

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Quellen:

  • BArch, R 58/2310, 3340, 3701 (Gestapo-Akten).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 5 (Listen in das Lager eingelieferter, dort einsitzender sowie von dort entlassener Häftlinge, erstellt für das Geheime Staatspolizeiamt, 1933-1934).
  • Der Sozialdemokrat vom 30.10.1946: Franz Künstler zum Gedenken.
  • Der Sozialdemokrat vom 13.5.1957: Franz Künstler. Genosse und Freund.
  • LA Berlin, A Rep. 362, Nr. 516 (Ausgaben-Belege der Häftlinge des Gefängnisses Spandau aus dem Jahre 1933).
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsbehörde, PRV-Akte 12016 (Margarete Künstler).
  • Künstler, Franz, Kommunistische Katastrophenpolitik, Berlin 1930.
  • Neumann, Franz, Ein Kämpfer – der uns heute fehlt. Zum 60. Geburtstag Franz Künstlers, in: Der Sozialdemokrat vom 13.5.1948.
  • Albrecht, Richard, Berlin, am 16. September 1942: Rekonstruktion einer „stummen“ Demonstration im Krematorium Baumschulenweg, in: IWK, 22. Jg. (1986), S. 71-78.
  • Biographisches Handbuch der Reichsrätekongresse 1918/19, bearb. von Sabine Roß, Düsseldorf 2000, S. 167f.
  • Biographisches Lexikon, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1970, S. 258f.
  • Löffler, Lothar, Gegen Militarismus. Franz Künstler – Ein Mann des Volkes, in: Berliner Stimme vom 11.9.1982.
  • Osterroth, Franz/Schuster, Dieter, Chronik der deutschen Sozialdemokratie, Bd. 2: Vom Beginn der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Berlin und Bonn-Bad Godesberg 1975.
  • Reichstags-Handbuch, I. Wahlperiode, hrsg. vom Bureau des Reichstags, Berlin 1920, S. 269.
  • Rürup, Reinhard (Hrsg.), Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“. Eine Dokumentation, Berlin 1993 (1. Aufl. 1987), S. 96.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Neukölln, Berlin 1990.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Kreuzberg, Berlin 1996.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Franz Künstler – verfolgter Vorsitzender der SPD von Groß-Berlin, im Internet unter: http://berlin.spd..de/servlet/PB/menu/1018152/index.html.
  • Schröder, Wilhelm-Heinz, Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933. Biographien – Chronik – Wahldokumentation. Ein Handbuch, Düsseldorf 1995, S. 573.
  • Schumacher, Martin (Hrsg.), M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 1994, S. 347f.
  • Seger, Gerhart, Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Karlsbad 1934. Nachdruck: Berlin 1979.
  • Trümpler, Eckhard, Künstler, Franz, in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.
  • Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert, hrsg. vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, mit einem Vorwort von Gerhard Schröder, Konzeption und Redaktion Christl Wickert, Marburg 2000, S. 193f.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn eines Arbeiters

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1902 bis 1906: Lehre als Maschinenschlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1906: DMV; April 1919 bis Januar 1922: Hauptamtlicher Sekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes Berlin

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1907: SPD; 1917: Übertritt zur USPD; 1922: Rückkehr zur SPD; 1919 bis 1922 Mitglied des Vorstands der USPD; 1. Oktober 1922 bis Juni 1933: Sekretär beim SPD-Vorstand; 1922 bis 1924 und 1933: Mitglied des Parteivorstands der SPD; 1924 bis 1933: Vorsitzender des Bezirks Groß-Berlin der SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1920 bis 1933: Mitglied des Reichstags; 1919 bis 1920: Stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher in Berlin-Neukölln

Widerstandsaktivitäten: Kontakte zu der Widerstandsgruppe „Deutsche Volksfront“ um Herrmann Brill, Otto Brass und andere ehemalige USPD-Mitglieder

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 9. August 1933: Konzentrationslager Oranienburg (Häftlingsnummer 1268); 14. Juli 1934 bis 31. August 1934: KZ Lichtenburg; 1. August 1938 bis 28. November 1938: „Hausgefängnis“ der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Franz-Künstler-Straße in Berlin, Ehrentafel auf dem Friedhof in Friedrichsfelde, Ehrengrab auf dem Friedhof Baumschulenweg, Gedenktafel in der Elsenstraße 52, seinem letzten Wohnsitz

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