Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
4. Januar 1898 - 18. Februar 1975

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Wilhelm Lehwenich, Teilabdruck eines Fragebogens, 1952.
Quelle: LHA Schwerin, VdN-Akte Wilhelm Lehwenich.

Wilhelm Lehwenich, Teilabdruck eines Fragebogens, 1952. Quelle: LHA Schwerin, VdN-Akte Wilhelm Lehwenich.

Wilhelm Erich Lehwenich gehört zu den wenigen Häftlingen, die über ihre Erfahrungen in den frühen Konzentrationslagern von Perleberg und Oranienburg berichtet haben. Als einer der führenden regionalen Funktionäre der SPD und der Freien Gewerkschaften in der Prignitz musste er 1933 wie kaum ein anderer Funktionär zahlreiche Hausdurchsuchungen, Demütigungen, Verhaftungen und Misshandlungen erdulden, weil er – wie er in einem Schreiben an den Landesprüfungsausschuss der Verfolgten des Naziregimes (VdN) betonte – „in einem Flugblatt führende Nazis von Wittenberge angeprangert und entlarvt hatte“. (VdN-Akte W. Lehwenich, LHA Schwerin)

Von Siegfried Mielke

Wilhelm Erich Lehwenich wurde am 4. Januar 1898 in Pritzwalk in der Ostprignitz geboren. Sein Vater Wilhelm Lehwenich sen., Tischler von Beruf, war Vorsitzender der USPD in Wittenberge, ehrenamtlicher Funktionär des Deutschen Holzarbeiterverbandes (DHV) und bis 1924 Mitglied des Betriebsrates der Singer AG in Wittenberge. Seine Mutter Minna, geborene Bethge, engagierte sich ebenfalls in der USPD und blieb wie ihr Mann auch nach Zusammenschluss von Rest-USPD und SPD im September 1922 Mitglied dieser Partei, die nach Einschätzung von Detlef Lehnert lediglich noch eine „winzige Gruppe von Sektierern“ darstellte. (Lehnert, S. 691) Das politische und gewerkschaftliche Engagement seiner Eltern trug zweifellos dazu bei, dass sich Wilhelm Lehwenich nach dem Besuch der Volksschule (1904-1912) in Pritzwalk und seiner Lehre als Tischler bereits vier Wochen nach Beendigung der Ausbildung (1915) dem Deutschen Holzarbeiterverband anschloss. Nach kurzer beruflicher Tätigkeit in Dresden wurde Lehwenich 1916 zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Wittenberge zurück und arbeitete wie sein Vater bei der Singer AG als Tischler. Politisch schloss er sich zunächst der USPD an. Im Unterschied zu seinen Eltern folgte er dem Gros der USPD-Mitglieder 1922 zur SPD. Auf Grund seines gewerkschaftlichen Engagements wurde er ehrenamtlicher Vorsitzender der Wittenberger Zahlstelle des DHV und Mitglied des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Wittenberge. Seine wichtigste Position dürfte jedoch seine Mitgliedschaft beziehungsweise der Vorsitz des Betriebsrates der Singer AG gewesen sein, denn der Produktionsbetrieb dieses Unternehmens für Nähmaschinen in Wittenberge beschäftigte mehrere Tausend Arbeitnehmer. Die Betriebsratsfunktion übte Lehwenich, wie er in seinem Lebenslauf vom 28. Februar 1952 hervorhebt, vor 1933 „mehr als sechs Jahre ununterbrochen“ aus. (VdN-Akte W. Lehwenich, LHA Schwerin) Neben diesen Aufgaben und Funktionen war er „seit Bestehen der Arbeitsgerichte [...] Arbeitsrichter und Prozessvertreter beim Arbeitsgericht“ (ebd.) und seit 1930 Stadtverordneter für die SPD in Wittenberge. Schließlich war er vor 1933 auch noch Vorsitzender des SPD-Wahlvereins (Das Jahr 1933, S. 17, PA Günter Rodegast) und damit besonders gefährdet.
Nach dem Reichstagsbrand erfolgte die erste von insgesamt 15 Hausdurchsuchungen. Da bei Lehwenich das Protokollbuch des SPD-Wahlvereins gefunden wurde, wurde er festgenommen. Ihm wurde zudem vorgeworfen, an einer marxistischen Maifeier teilgenommen und die Internationale gesungen zu haben. Lehwenich wurde gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, sich jeder politischen Tätigkeit zu enthalten. Es blieb zunächst bei einem Verweis und Lehwenich wurde wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Direktion der Singer AG forderte Lehwenich daraufhin auf, sein Betriebsratsmandat niederzulegen und auch im Namen aller anderen Mitglieder deren Amtsniederlegung zu erklären. Als W. Lehwenich dieser Forderung nicht sofort nachkam, wurden alle Betriebsratsmitglieder zur Polizei bestellt. Für den Fall der Verweigerung des Rücktritts wurde den Betriebsräten von dem vernehmenden Polizeimeister die sofortige Verhaftung angedroht. „Um es nicht zu einer Verhaftung kommen zu lassen und dadurch der Firma einen bequemen Entlassungsgrund zu geben“ (Ebd., S. 7), erklärte Lehwenich unter dem auf ihn ausgeübten Druck, sein Amt niederzulegen. Das einzige Betriebsratsmitglied, das nicht unterschrieb, wurde verhaftet und am nächsten Tag, als er nicht zur Arbeit erschien, entlassen. Wenige Tage später verlor Lehwenich auch seine Funktion als Arbeitsrichter, da er – wie der Vorsitzende des Arbeitsgerichts ihm erklärte – wegen seiner staatsfeindlichen Einstellung untragbar wäre. (Ebd., S. 8) Die nächste Verhaftung erfolgte nachts um drei Uhr. Bei der späteren Überführung ins Gerichtsgefängnis wurden die Verhafteten „in 2 Reihen rechts und links von mit Gummiknüppeln, Revolvern und Gewehren ausgerüsteten SA-Leuten eskortiert“ und „wie eine gemeine Verbrecherbande [...] durch die Stadt geführt“. (Ebd., S. 15) Am zweiten Tag nach dieser Verhaftung erhielt Lehwenich von der Singer AG seine Entlassung, das heißt, ihm wurde die „wirtschaftliche Existenz [...] entzogen“. (Ebd., S. 16) Nach ein paar Tagen entlassen, erfolgte die nächste Verhaftung bereits am 31. Mai und am 1. Juni die Überführung in das KZ Perleberg, ein Lager für politische „Schutzhäftlinge“; eines der „frühen“ KZ-Lager, das Ende Mai 1933 in einem Artilleriedepot eingerichtet worden war. Die ersten Häftlinge im KZ Perleberg kamen aus dem „Übergangskonzentrationslager“ Havelberg, das am 16. Mai eingerichtet und Ende Mai bereits wieder aufgelöst worden war. Auch das KZ Perleberg, das dem SA-Standartenführer Felix Marnette unterstand, existierte nur wenige Wochen als Schutzhaftlager für 30 bis zirka 40 Häftlinge. Am 28. Juni wurde auch Perleberg aufgelöst und die verbliebenen Häftlinge in das KZ Oranienburg transportiert. Bei der Überführung von Wittenberge nach Perleberg – der Weg musste zu Fuß zurückgelegt werden – wurden Lehwenich und ein weiterer Häftling von den begleitenden SA-Leuten schwer misshandelt. Lehwenich, der sich wegen seiner Verletzungen an einen im Lager anwesenden SA-Arzt wandte und gehofft hatte, von dieser Seite eine Unterstützung zu erhalten, wurde bitter enttäuscht. „Das einzige, wozu sich der Arzt des Sturm­bannes herabließ, war, daß er eine Bescheinigung ausstellte,“ wonach Lehwenich „nur für leichte Küchenarbeit verwendet werden dürfe“. (Ebd., S. 23)
Die hygienischen Verhältnisse in dem Lager, das in einem Wagenschuppen der früheren Artilleriekaserne untergebracht war, beschreibt Lehwenich als katastrophal: „In dem unteren, mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Teil, welcher früher als Wagenremise benutzt worden war, waren der Waschraum und die Toiletten. In der Mitte des Raumes standen zwei Bottiche, welche vom Stubendienst täglich mit dem notwendigen Waschwasser versehen wurden. In eine Ecke hatte man einen alten Mauerkessel gestellt, in diesen mußten die Gefangenen ihre kleinen Bedürfnisse verrichten. Daneben war ein Bretterverschlag mit einem Eimer für große Geschäfte. In Folge des Umstandes, daß in diesem, für ganz andere Zwecke eingerichteten Raum, schlechte Belichtung war, machte [es] die Toilettenverhältnisse zu einer einzigen Schweinerei. Aber auch der darüber liegende Schlafraum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Trennung beider Räume war durch einfache, über die Balkenlage genagelte Bretter vollzogen. Durch die Ritzen im Fußboden konnte man hindurchsehen. Die von unten aufsteigenden Dünste hatten somit ungehindert die Möglichkeit, auch die oberen Räume zu verpesten. Da der sogenannte Schlafraum direkt unter dem Pappdach lag, auf welches die pralle Sommersonne den ganzen Tag brannte, kann man sich vorstellen, wie die Unterkunft von 30 – 35 Menschen beschaffen war, ganz zu schweigen davon, daß pro Häftling bei weitem nicht der Raum zur Verfügung stand, wie er in jedem Gefängnis den Inhaftierten zugebilligt wurde. Auch die jedem Strafgefangenen täglich gewährte Freistunde auf dem Hof gab es während meiner vierwöchigen Anwesenheit im Lager höchstens 3 – 4mal. Am Pfingstabend wurde den Häftlingen die Besuchssperre angekündigt. Später erfuhren wir, daß diese Maßnahme durch Verbreitung von Gerüchten über Mißhandlungen verfügt war. Ferner mußten wir zur Strafe bis auf weiteres den Stubendienst, besser Kloakendienst, verrichten. Dieses war die Antwort auf die Beschwerden meiner Frau über die mir zugefügten Mißhandlungen.“ (Ebd., S. 25)
Der Alltag im Lager war durch Zwangsarbeit, Einsatz beim Wegebau und in der Waldarbeit gekennzeichnet, wobei die SA-Leute die Arbeit durch Antreibereien und Schikanierungen zum Teil unmöglich machten. Die ursprünglich erteilte Erlaubnis zum Rauchen, für Brett- und Kartenspiele wurde entzogen, der Briefverkehr – alle 14 Tage ein Brief – war nur unter Aufsicht erlaubt. „Bei all diesen Erfahrungen“, konnte, wie Lehwenich in seinem Bericht über die Zustände in dem „frühen“ KZ-Lager Perleberg feststellt, „unter den Häftlingen kein Zweifel mehr darüber sein, dass die politische Schutzhaft nicht nur viel schlimmer wie die Behandlung der schwersten Verbrecher war, die trotz aller über sie verhängten Strafen doch Anspruch auf bestimmte Rechte in Bezug auf Unterkunft und Behandlung hatten. Wir waren, ohne dass man uns irgendein Vergehen vorwerfen konnte, allein aus der Tatsache heraus eine andere politische Auffassung gehabt zu haben, die nicht einmal mit den Gesetzen des Staates in Widerspruch stand, vogelfrei.“ (Ebd., S. 27)
Dies änderte sich auch nicht mit der Verlegung der politischen Häftlinge von Perleberg in das Konzentrationslager Oranienburg. Die Aufnahmeprozedur verlief für die Perleberger Häftlinge an diesem Tag eher glimpflich. Die Häftlinge wurden zwar „stundenlang von einer Ecke in die [im Original „diese“, S. M.] andere gejagt“. (Ebd., S. 29) Die meisten überstanden die gefürchtete Aufnahmeprozedur jedoch ohne Misshandlungen. Lehwenich führt dies auf den Umstand zurück, dass am gleichen Tage des Eintreffens der Perleberger Häftlinge „noch weitere Einlieferungen aus anderen Orten erfolgten (im Ganzen waren es 250-300 Mann an diesem Tage)“. Aber auch an diesem Tage wurden „einzelne von den neu Angekommenen schwer geschlagen“ oder „ohne ersichtlichen Grund in fensterlose Arrestlokale eingesperrt“. (Ebd., S. 29f.) Nach den Beobachtungen von Lehwenich stellte die Aufnahmeprozedur im KZ Oranienburg für die meisten Häftlinge „eine große Nervenprobe“ dar. „In den seltensten Fällen ging sie glatt und ohne Zwischenfälle ab. Sie wurde in der Regel um so schlimmer, wenn in der Lagerleitung oder bei den Wachleuten sich Leute aus dem gleichen Heimatort befanden, die die Personalien aufnahmen. Neu ankommende Häftlinge mußten in eine Reihe von Zimmern zur Personalaufnahme. Wer ohne Rippenstöße und Maulschellen oder Fußtritte durch alle Zimmer kam, hatte besonderes Glück. Von jedem wurden Fotografie und Fingerabdrücke genommen. Zwischendurch wurde man auf dem Hof herumgejagt. Meistens ging es nach dem hinteren Hof über die Hindernisbahn. Diese bestand aus 2 übereinander befindlichen Reckstangen, durch welche man hindurch springen mußte. Dann kam eine 2 1/2 bis 3 m hohe Bretterwand, über welche diejenigen, die nicht geübte Sportler waren, nicht gleich hinüber kamen und somit Gelegenheit zu Mißhandlungen gaben. Dann kam ein 1‑1/2‑m breiter Graben, dann ein 1 m hoher Wall. Darauf kam ein 15 bis 20 m [langer] Bretterkasten, in dem das Hindurchkriechen durch abwechselnd unten und oben quer genagelte Bretter sowie Erhöhungen und Vertiefungen des Bodens erschwert wurde. Als letztes Hindernis mußte ein über eine Grube gelegter Balken überschritten werden. Wenn man mit ansehen mußte, wie die durch allerlei Schikanen an sich schon erregten Menschen, die sehr oft im vorgeschrittenen Lebensalter standen, gejagt und gehetzt wurden, dann konnte [einem] die Galle überlaufen.“ (Ebd., S. 39) Für einzelne Häftlinge und Häftlingsgruppen, wie zum Beispiel 60 Berliner Häftlinge, die bei einer Razzia am Schlesischen Bahnhof verhaftet worden waren, war die Aufnahmeprozedur nach Darstellung von Lehwenich mit schweren Misshandlungen und tagelangem Essensentzug verbunden.
Die Beschreibung des Konzentrationslagers, des Lageralltags, der hygienischen Verhältnisse, der Verpflegung und der Willkür, der die Häftlinge auch in Oranienburg ausgesetzt waren, unterscheidet sich nur wenig vom Konzentrationslager in Perleberg. „Das Lager Oranienburg war auf einem größerem Fabrikgrundstück errichtet. Die Schlafräume befanden sich in dem früher als Kühlraum benutzten Teil einer Brauerei. Ferner waren dort noch einige Gebäude, die früher als Gießerei und Arbeitsräume einer Schwachstromgerätefabrik benutzt wurden. Letztere waren durch jahrelanges Leerstehen stark verfallen und verbrannt. [...] Die vorhandenen halb verfallenen Räume, die in keiner Weise den primitivsten Anforderungen für die Unterbringung einer größeren Anzahl Menschen entsprachen, mußten von den Häftlingen zweckentsprechend hergerichtet werden. Der tägliche Zugang von Gefangenen war so groß, dass die Errichtung der Unterkunftsräume unmöglich damit Schritt halten konnte: Verschlimmert wurde dieser Zustand noch durch den vollständigen Mangel an Organisationstalent. Wochenlang mußte ein großer Teil der Inhaftierten im Stroh oder, wer einen Strohsack erwischt hatte, mit diesem auf den vom Wasser triefenden Zementböden der Flaschenbierkühlräume schlafen. Die meterdicken Wände, deren Fenster so angelegt waren, daß kein Sonnenstrahl in das Innere der Räume drang, troffen ebenfalls von Feuchtigkeit. Nach und nach wurden Holzgestelle mit drei bzw. vier Etagen eingebaut. Da die Gestelle an beiden Längswänden, von einem Ende zum anderen reichten, war das Aufsuchen der Lagerstätte nur vom Fußende möglich. Jeder hatte einen Raum von 30 mal 70 cm in der Länge eines Strohsackes zur Verfügung. Das Ganze machte den Eindruck von Karnickelställen. Die Essnäpfe wurden am Fußende der Lagerstätte durch zwei schräg befestigte Leisten gehalten. Daneben war Name und Nummer des Häftlings geschrieben. Die von den oberen Etagen mußten über die Essnäpfe der unteren hinweg steigen. Wie eklig dieses war, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, daß Straßen- und Arbeitsschmutz an den Schuhen haftete oder der Betreffende von der Latrine kommend zu seinen Sachen wollte.“ (Ebd., S. 30f.) Waschgelegenheiten und hygienische Verhältnisse beschreibt Lehwenich als katastrophal. Denn für mehr als tausend Häftlinge stand nur eine Toilette mit drei Klosetts zur Verfügung. „Wollte man ein Bedürfnis verrichten, mußte man 1/2 Stunde und länger anstehen.“ (Ebd., S. 31) Erst später wurden durch den Neubau einer Toilettenanlage die Verhältnisse besser.
Nach Einschätzung von Lehwenich war es „einfach unmöglich“, von dem Essen, das es im KZ gab, „sein Leben auf die Dauer zu erhalten. Diesem Umstand war es wohl auch hauptsächlich zuzuschreiben, daß die Lagerverwaltung die Paketsendungen der Angehörigen verhältnismäßig wenig beschränkte.“ Vom Lager erhielten die Häftlinge „morgens zwei Scheiben Brot, wovon eine mit einer minderwertigen Marmelade oder Pflaumenmus schwach bestrichen war. Dadurch, daß die Stullen immer einen Tag zuvor fertig gemacht wurden und der Brotaufstrich eingezogen war, wurden sie nicht gerade appetitlich. Mittags gab es ein Essen, bestehend aus Wasser mit einigen Hülsenfrüchten, Erbsen, Bohnen oder Linsen oder Weißkohl, Nudeln, Graupen oder Reis. Später, wie die Kartoffelernte des Jahres geborgen war, machte man überall derartig viel Kartoffel[n] an das Essen, daß ein ausgesprochener Schweinefraß daraus wurde. Fleisch war so gut wie keines an dem Essen. Wenn wirklich einmal ein Häftling ein Stückchen Fleisch in der Größe einer Haselnuß im Essen hatte, so war das ein Ereignis. [...] Am Abend erhielten die Gefangenen wiederum zwei Schnitten Brot, wovon die eine mit Schmalz bestrichen war. Gab es irgendeine Wassersuppe statt der schwarzen, Kaffee genannten Brühe, so wurde das Brot trocken gegeben. Wurst oder sonstigen Belag“ – so Lehwenich – haben die Häftlinge „nicht ein einziges Mal erhalten. Alle aus dem Gefängnis nach dem Lager Überführten bekundeten einstimmig, daß die Verpflegung im Gefängnis um ein Vielfaches besser gewesen sei wie im Lager. Die an sich schon völlig unzureichende Kost“ wurde den Häftlingen „häufig bei allen möglichen Anlässen ganz oder teilweise entzogen. So gab es einmal drei Tage überhaupt nichts zu essen, dann wieder nur einen Tag um den anderen oder es gab mehrere Tage kein Mittag.“ (Ebd., S. 32f.)
Nach Darstellung der SA, so Lehwenich in seinem Bericht, sollte das KZ „dem Zweck dienen, die Insassen wieder zur Arbeit zu erziehen. Wie lächerlich diese Begründung war, geht daraus hervor, dass ein erheblicher Teil der Häftlinge aus seiner Arbeitsstelle herausgerissen [...] und ins Lager geschleppt“ worden war. „Im Lager selbst wurden die verschiedensten Werkstätten errichtet. So gab es Schneider, Schuhmacher, Schlosser, Klempner, Elektriker, Schmiede, Tischler und eine Autoreparatur und Maurer. Alle diese Handwerker brauchte man zum Ausbau des Lagers. Ja, damit nicht genug, benutzte die Führung die Gelegenheit, sich für private Zwecke ganze Ausstattungsstücke herstellen zu lassen. Während also außerhalb des Lagers der Kampf gegen die Schwarzarbeit geführt wurde, blühte diese im Lager in nicht vorstellbarem Maße. [...] Es gab kein Handwerk, welches nicht für die Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse [der Lagerverwaltung] in Anspruch genommen wurde. [...] Obwohl jede Gemeinde für ihre Häftlinge die Verpflegung bezahlen mußte, mußten die Gefangenen ihren Unterhalt durch Arbeit noch einmal verdienen. Es wurden immer neue Arbeitskommandos zusammengestellt. Täglich gingen Hunderte von Häftlingen außerhalb des Lagers zum Straßenbau, Wald- und Kulturarbeiten. So waren ständige Kommandos als Waldarbeiter bei den Förstereien Lehnitz und Bärensbrück, Baggerarbeiten bei der Firma Teeringen, Straßenbau Birkenwerder. Ein Nebenlager von 100 Mann wurde auf dem Gut Elisenau in Blumenberg bei Bernau errichtet. Trotz aller dieser Einnahmen, die das Lager aus den Arbeitskommandos hatte, verschuldete es immer mehr. 500 bis 600 Gefangene, die keinen Pfennig Entschädigung für ihre Arbeit erhielten, konnten nicht so viel verdienen, wie die Lagerverwaltung verbrauchte. Die Geschäftswelt von Oranienburg zeigte bei Einkäufen immer deutlicher ihren Unwillen und drängte auf Bezahlung der gelieferten Materialien. Selbst im Lager konnte es nicht mehr verborgen bleiben. Oft kam es vor, daß Fleisch pfundweise von den einzelnen Schlachtern zusammengepumpt werden mußte. Auch am Brot war es zu merken, daß der Bäcker vergeblich auf Bezahlung wartete. Alle paar Wochen kamen neue Brotlieferanten. Kaum waren 14 Tage verflossen, so wurde das Brot von Tag zu Tag schlechter. Zuletzt wußte man wirklich nicht mehr, ist es aus Mehl, Kartoffeln oder Sägespäne und Sand.“ (Ebd., S. 33ff.)
Zu den katastrophalen Verhältnissen von Unterkunft, Hygiene und Verpflegung kam die Angst vor der Willkür der Lagerverwaltung. Es kam mehr als einmal vor, „daß Häftlinge auf Grund irgendwelcher harmloser Aussagen, wochenlang im Bunker lagen, um sich von den Folgen der erlittenen Mißhandlungen zu erholen“. (Ebd., S. 36) „Am meisten wurde das Zimmer 16, in welchem die Vernehmungen durchgeführt wurden, gefürchtet. Bei der Einlieferung war es nicht selten, daß die Neuangekommenen ohne Grund eingesperrt wurden und oft erst nach 3 bis 4 Wochen aus dem sogenannten Bunker heraus kamen. [...] Die Bunker waren früher in der Gießerei benutzte Backöfen. Es waren dunkle Kammern ohne jede Lüftung. Es wurden auch Ställe und Abortanlagen als Arrestlokale benutzt. Oft waren dieselben so stark belegt, daß sich die Insassen nicht einmal darin ausstrecken konnten. Später wurden besondere Zellen oder Bretterwände abgeschlagen, so daß die Zellen nur 80 mal 60 cm groß waren. Die hier Eingesperrten mußten Tag und Nacht stehen und konnten sich nicht einmal hinsetzen. Es ist vorgekommen, daß Einzelne bis 5 Tage hintereinander in diesen Zellen bleiben mußten.“ (Ebd., S. 38)
Besonders jüdische Häftlinge waren der Willkür der SA ausgesetzt. „Sie bekamen besondere Schlaf­räume und durften sich auch im Hofe nur an der ihnen angewiesenen Stelle aufhalten. Für die SA waren sie ein besonders beliebtes Mißhandlungsobjekt. Häftlinge, die es wagten, mit Juden zu sprechen, wurden als Judenfreund und Verräter am Deutschtum schikaniert und geschlagen.“ Besonders schikaniert wurden die Jugendlichen des jüdischen Jugend- und Lehrheimes Wolzig. „Was mit diesen jungen Menschen angestellt [im Original „aufgestellt“] wurde, spottet aller Beschreibung. Hatte einer der höheren SA-Funktionäre Langeweile, so mussten die Judenjungens, wie sie allgemein hießen, herhalten. Es wurde Sport getrieben bis eine größere Anzahl dieser Jungens ohnmächtig vom Platz getragen wurde. Gab es irgendwelche unliebsame Arbeit, so mußte sie von den Juden verrichtet werden. Bei Verstopfungen der Klosettanlagen holte man sich am liebsten studierte Juden. Rechtsanwälte, Lehrer und Amtsgerichtsräte mußten mit den Fingern diese Verstopfungen beseitigen. Wehe wer den Mund auftat und irgendwelche Werkzeuge verlangte. Der Gummiknüppel konnte hierbei um so ungenierter Anwendung finden, da diese Arbeit häufig nach dem allgemeinen Schlafengehen verrichtet wurde.“ (Ebd., S. 40f.)
Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Oranienburg (18. Dezember 1933) stand Lehwenich noch mehrere Jahre unter Kontrolle der Gestapo. Erst „nach jahrelanger Arbeitslosigkeit“ fand er eine Beschäftigung bei „früheren Arbeitskollegen, die sich inzwischen selbständig gemacht hatten“. (Lebenslauf vom 28.2.1952, LHA Schwerin) Vom Arbeitsamt wurde ihm nach eigenen Aussagen während der gesamten NS-Zeit „niemals [...] eine Arbeit vermittelt“. (Ebd.) Alle Versuche, sich eine eigene Existenz aufzubauen, wurden mit der Begründung der politischen Unzuverlässigkeit von den zuständigen Behörden und Institutionen verhindert. Daneben arbeitete er ehrenamtlich als Vertreter der „Volksfürsorge“ und nutzte diese Tätigkeit, um „Verbindungen mit Gleichgesinnten“ in Mecklenburg, „vor allen Dingen in den Städten Grabow und Schwerin“ zu halten. Ferner war er, so seine Darstellung in einem Brief vom 28. Mai 1952 an den Landesprüfungsausschuss der VdN in Wittenberge in ständigem „Meinungsaustausch“ mit „früheren Funktionären der KPD, der SPD und [der] Gewerkschaften“. (VdN-Akte, LHA Schwerin) Folgt man der „Beurteilung über den Kollegen Wilhelm Lehwenich“ von 1952 von Karl Turban, dem Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung des „Textima Nähmaschinenwerk in Wittenberge VEB“ dann gehörte Wilhelm Lehwenich ferner zu einer kleinen Gruppe von Skatspielern, die sich wöchentlich „Sonnabend für Sonnabend“ zum „Hausskat“ traf, und diese Treffen zu Diskussionen über das „Dritte Reich“ nutzte, ausländische Sender abhörte und Pläne für die postfaschistische Phase diskutierte. In diesen Diskussionen trat Lehwenich bereits während der NS-Zeit für eine „Aktionseinheit der Arbeiterklasse“ ein, in der er einen „Garant[en] für eine bessere Zeit“ sah. (Ebd.) Der „Aktion Gitter“ im August 1944 entging er, weil er am 28. Juni 1944 zum Heeresdienst bei den Landesschützen in Strausberg eingezogen worden war.
Nach 1945 engagierte sich Lehwenich „vor allem auf gewerkschaftlichem Gebiet“. Der Aufbau des FDGB ist nach Darstellung von Turban „nicht zuletzt seiner Initiative zuzuschreiben“. (Ebd.) Wilhelm Lehwenich wurde 1946 Vorsitzender und hauptamtlicher Sekretär des FDGB, eine Funktion, die er bis 1951 innehatte. Anschließend wechselte er in die Kreisverwaltung über und wurde Leiter des Kreiswohnungsamtes. Der Wechsel von der Gewerkschaft zu der eher unpolitischen Position eines Leiters des Kreiswohnungsamtes hing vermutlich damit zusammen, dass der ehemalige Sozialdemokrat Lehwenich trotz zahlreicher Erfolge in der Gewerkschaftsarbeit es nach Einschätzung von Turban nicht verstanden hatte, „die kämpferische Initiative der Gewerkschaften in den Vordergrund zu stellen“. (Ebd.)
Lehwenich, der 1945 die SPD mitgegründet hatte, schloss sich am 1. April 1946 der SED an und war Mitglied der SED-Ortsleitung in Wittenberge. Ab 1946 war er ferner Stadtverordneter und Vorsitzender des Stadtparlamentes. Informationen zum weiteren Lebensweg von Lehwenich, der am 18. Februar 1975 starb, konnten nicht ermittelt werden. Die Tatsache jedoch, dass seine zweite Frau Emma, die er erst 1946 geheiratet hatte, auf Vorschlag des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR als Witwe eine Ehrenpension erhielt, weist darauf hin, dass Wilhelm Lehwenich sich offensichtlich in das DDR-System integriert hatte.

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Quellen:

  • LHA Schwerin, VdN-Akte Wilhelm Lehwenich.
  • PA Günter Rodegast, Wilhelm Lehwenich, Das Jahr 1933. Das Jahr der Errichtung des III. Reiches. Die Machtübernahme in Wittenberge (unveröff. Ms.).
  • Schreiben Günter Rodegast vom 19.3.2002 an den Verfasser.
  • Der Prignitzer vom 11.5.1933.
  • Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften, Ausgabe 1933, Bd. 2, S. 1628.
  • Lehnert, Detlef, Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, in: Meyer, Thomas u. a. (Hrsg.), Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 689ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Ostprignitz; Sohn eines Tischlers; Arbeit bei der Singer AG als Tischler

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Tischler

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Ehrenamtlicher Vorsitzender der Wittenberger Zahlstelle des DHV; Mitglied des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Wittenberge; Vorsitz des Betriebsrates der Singer AG

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; 1922: SPD; 1933: Vorsitzender des SPD-Wahlvereins

Politische Mandate/Aktivitäten: 1930: Stadtverordneter für die SPD in Wittenberge

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1. Juni 1933: KZ Perleberg; 28. Juni: 1933 - 18. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: SPD mitgegründet ; 1946 - 1951:Vorsitzender und hauptamtlicher Sekretär des FDGB; April 1946: Mitglied der SED-Ortsleitung in Wittenberge; Ab 1946: Stadtverordneter und Vorsitzender des Stadtparlamentes

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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