Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
20. September 1888 - 10. Dezember 1939

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Von Sylvia Rochow

Karl Münchow wurde am 20. September 1888 im osthavelländischen Nauen geboren. Über seine familiären Verhältnisse, Kindheit und Jugend konnten keine Informationen ermittelt werden. Münchow war Zimmermann und wurde Mitglied im Zentralverband der Zimmerer. Zudem gehörte er dem Ortskartell Nauen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) als Vorstandsmitglied an und vertrat als stimmberechtigter Delegierter den Zentralverband im Vorstand des ADGB-Ortskartells. Er nahm häufig an Generalversammlungen des ADGB teil.
Aus den Protokollen über die Sitzungen des ADGB der Jahre 1923 bis 1929 geht hervor, dass Karl Münchow zu den engagierten Mitgliedern zählte und sich nachdrücklich in die geführten Diskussionen einmischte. So äußerte er sich im Inflationsjahr 1923 beispielsweise zur Einsetzung einer Preis-Prüfungskommission im Ortskartell Nauen: „Besonders zweckmäßig wäre es, die Kommission mit Exekutionsgewalt auszustatten, dann könnte man sofort kräftig zufassen, solange man das nicht tut, ist man im allgemeinen der Ansicht, daß die Kommission nur pro forma da ist, zur Beruhigung der Bevölkerung1.“ Bis 1927 gab es keine amtlichen Erwerbslosenzählungen zur Erwerbslosenfürsorge. In der Sitzung am 26. Oktober 1924 plädierte Münchow während der Debatte um Erwerbslose dafür, „daß ein Mitglied vom Vorstand [des Ortsausschusses] die Erwerbslosen feststellen soll und ist der Ansicht, daß in dieser Sache viel zu wenig aufklärende Versammlungen gemacht werden. Es liegt aber auch an den einzelnen Gewerkschaften, die Zahl der Erwerbslosen festzustellen, um dann eine Erwerbslosenversammlung einzuberufen2.“ Nicht nur die KPD setzte sich für die Erwerbslosen ein, auch die Gewerkschaften waren aktiv. Münchow trat außerdem für die Erweiterung der gewerkschaftseigenen Bibliothek ein und forderte, „daß die Bibliothek mit Büchern über Gewerkschaftsfragen vergrößert wird. Um das nötige Geld zu bekommen, schlägt er vor, alle Vierteljahr einen Betrag z. B. 5 Mark zurückzulegen zur Anschaffung neuer gewerkschaftlicher Bücher3.“ Er trat als Verfechter eines engen Zusammenhalts der verschiedenen Strömungen der Arbeiterschaft auf. In diesem Zusammenhang äußerte er sich auch zu den bevorstehenden Feierlichkeiten zum 1. Mai 1926 und schlug vor, „ein Fest zu veranstalten der gesamten Arbeiterschaft in einem Lokal, um die Einheit der Arbeiterschaft wieder zu gewinnen. Unter anderem gab er auch bekannt, daß sich die roten Frontkämpfer an die Bestimmungen des Kartells halten4.“ Karl Münchow wurde in den Berichten sowohl als KPD-Mitglied als auch dem Deutschen Baugewerksbund zugehörig bezeichnet. Besonders im Mittelpunkt stand Münchow im Verlauf der Diskussion um die Neuwahl des Zweiten ADGB-Vorsitzenden Els am 2. März 19295. Auf der vorangegangenen Generalversammlung des Gewerkschaftskartells hatte es Beanstandungen bezüglich der in der Sitzung vorgenommenen Vorstandswahl gegeben, unter anderem seitens des Fabrikarbeiterverbandes. Ein Mitglied dieser Organisation stellte in der ADGB-Sitzung nun den Antrag auf Neuwahl des gesamten Vorstandes. Im Laufe der Diskussion geriet Münchow in die Kritik. Angehörige des Zimmererverbandes warfen ihm vor, dass seine in der Generalversammlung gegebene Information „eine unwahre Behauptung sei6“. Es konnte nicht geklärt werden, inwiefern dieser Vorwurf zutraf. Auf Münchows Rechtfertigungsversuch eingehend, bestätigte auch der Vorsitzende des Zimmererverbandes die erhobenen Vorwürfe. Im Zuge der Auseinandersetzung traten Zweifel auf, inwiefern die Vertreter der Zimmerer überhaupt ihr Sitz- und Stimmrecht im Ortskartell behalten dürften, da sie dort keine Beiträge entrichten würden. Es wurde, begleitet von Zwischenrufen, gefordert, den Delegierten des Zimmererverbandes ihr Stimmrecht zu entziehen. Im Folgenden „ergibt sich eine komische Situation,“ die tatsächlich zu Kritik gegenüber Münchow berechtigte: „Koll. Münchow als Vertreter der Zimmerer seit langen Jahren und als Vorstandsmitglied im Kartell weiß nichts bestimmtes über die Rechte seines Verbandes im hiesigen Ortsausschuß mitzuteilen.“ Er erhielt dennoch die Unterstützung verschiedener Zimmererverbandsmitglieder, die zu bedenken gaben, „daß es merkwürdig sei, wenn gerade in diesem Augenblick die Zimmerer ausgeschaltet werden sollen, während in der vorausgegangenen Generalversammlung Koll. Münchow als Zimmerer zum Kartellvorstand vorgeschlagen und gewählt werden konnte“. Zum Abschluss der Diskussion wurde entschieden, das Stimmrecht des Zimmererverbandes nicht zu beschneiden und die Wahl des gesamten ADGB-Vorstandes durchzuführen. Für die folgenden Jahre sind keine Protokolle überliefert, sodass die Entwicklung nicht nachvollzogen werden kann.
Es ist nicht bekannt, was Karl Münchow zur Last gelegt wurde und dazu führte, dass er am 23. Juli 1933 ins KZ Oranienburg eingeliefert wurde. Er trug die Häftlingsnummer 998. Zu seiner Gefangenschaft konnten keine weiteren Angaben ermittelt werden. Es kann jedoch vermutet werden, dass Münchow im KZ Oranienburg auf das Mitglied des Fabrikarbeiter-Verbands Rudolf Schönberg aus dem Bezirksverband Brandenburg traf, denn der Zeitraum ihrer Inhaftierung ist nahezu gleich. Karl Münchow wurde auf Veranlassung des Landrats des Osthavellandes am 25. August 1933 aus dem KZ Oranienburg nach Velten entlassen. Es ist unklar, ob Münchows Familie in der Zwischenzeit dorthin umgezogen war, oder ob er daran gehindert wurde, nach Nauen zurückzukehren. Er musste die übliche Erklärung unterschreiben, dass er sich „nie gegen den neuen Staat oder seine Einrichtungen in Rede und Schrift wenden werde“. Diese Erklärung wurde dem Landratsamt Osthavelland zugeschickt7.
Karl Münchow verstarb am 10. Dezember 1939 in Dyrotz/Havelland. Über die Umstände seines Todes konnten keine Angaben ermittelt werden. Eine Auskunft des Standesamtes Nauen erwähnt, dass er zu diesem Zeitpunkt verheiratet war.

1 Protokoll der Sitzung des ADGB, Ortskartell Nauen vom 4.3.1923, SAPMO-BArch, RY 23/34. 

2 Protokoll der Sitzung des ADGB, Ortskartell Nauen vom 26.10.1924, ebd. 

3 Ebd. 

4 Bericht Protokollsitzung vom 2.4.1926, ebd. 

5 Bericht Protokollsitzung vom 2.3.1929, ebd. 

6 Ebd. 

7 Erklärung Karl Münchow, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/23/1. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 76.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/23/1, S. 375-378 (Schreiben des Landrats Osthavelland an das KZ OR vom 21.8.1933, Erklärung Karl Münchow vom 25.8.1933).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/2, S. 357 (Personenbeschreibung).
  • SAPMO-BArch, RY 23/34 (ADGB Ortskartell Nauen, Protokoll der Sitzung vom 4.3.1923).
  • SAPMO-BArch, RY 23/35 (ADGB Ortskartell Nauen, Protokolle der Sitzungen von 1924-1929).
  • Standesamt Nauen, Brief an die Verfasserin vom 8.1.2003.

Soziale/Regionale Herkunft: Nauen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Zimmermann

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Zentralverband der Zimmerer; Vorstand im Ortskartell Nauen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 23. Juli 1933 - 25. August 1933: KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 998)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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