Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. Mai 1881 - 4. Mai 1949

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Philipp Paulsen, September 1946.
Quelle: OdF-Ausweis, in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 5001.

Philipp Paulsen, September 1946. Quelle: OdF-Ausweis, in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 5001.

Von Sylvia Rochow

Philipp Georg Paulsen wurde am 1. Mai 1881 als Sohn des Tischlers Jürgens Paulsen in Dresden geboren. Seine Mutter Lina Emma, geborene Seinig, war die zweite Frau von Jürgens Paulsen. Er war zuvor mit der am 29. November 1877 verstorbenen Johanna Christiane, geborene Glöckner, verheiratet. Die Familie verzog im Juni 1887 nach Altona bei Hamburg.
Philipp Paulsen absolvierte eine Lehre als Schlosser und trat schon „mit jungen Jahren“ der Sozialdemokratischen Partei und dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei1.
Spätestens 1905 zog er nach Berlin um. Hier wohnte er zunächst in der Stromstraße 49 im Arbeiterstadtteil Moabit und war in seinem Beruf in der Werkzeugmaschinenfabrik „Loewe und Co. AG“ (auch Deutsche Waffen- und Munitions-Fabrik „Ludwig Loewe und Co.“) im selben Stadtteil beschäftigt. Er wurde als zuverlässiger und fleißiger Arbeiter beurteilt. Auf seiner Arbeitsstelle sollte er in den folgenden Jahren auch ein wichtiges Betätigungsfeld für die von ihm unterstützte anarchistische Bewegung finden. Der mit Paulsen eng befreundete Anarchist Schakohl hatte ihn in den Lehr- und Diskutierklub „Norden“ eingeführt. Seit April 1906 besuchte Paulsen regelmäßig die Versammlungen in Moabit. Er wurde einer der eifrigsten Genossen des Klubs, die Polizeiberichte bezeichneten ihn als „Geheimmitglied“. Zudem erhielt er jeden Monat zwischen zehn und 400 Exemplare der anarchistischen Zeitung „freier Arbeiter“, die er in der Werkzeugmaschinenfabrik „absetzte“. Das dort gesammelte Geld lieferte er zuverlässig bei dem „Gesinnungsgenossen“ Hannebauer ab, unter anderem floss es in einen Inhaftiertenfonds. Er nahm auch an vielen anderen Arbeiterveranstaltungen teil, zum Beispiel an der Maiversammlung 1906, an einer geheimen Versammlung im „Pfefferberg“ [ein Veranstaltungslokal in Berlin-Prenzlauer Berg, das auch heute noch existiert, S. R.] und an der Beerdigung eines Anarchisten auf dem Zentralfriedhof im heutigen Berliner Bezirk Friedrichsfelde. Die Genossen hatten volles Vertrauen zu ihm. In einem Polizeibericht vom 28. März 1907 hieß es zu seinem Engagement: „Paulsen ist überzeugter Anarchist. [...] Er scheint sich jetzt um das Zustandekommen einer anarchistischem Gruppe ,Moabit‘ zu bemühen. Er unterstützt die anarchistische Bewegung auch durch eifrigen Zeitungs- und Broschürenvertrieb.“ Im Laufe der Jahre wurden wiederholt Lieferungen an Paulsen beschlagnahmt, über Konsequenzen für ihn ist jedoch nichts bekannt. Es wurde jedoch erwähnt, dass es „bisher nicht gelungen [sei], Paulsen bei der Verbreitung verbotener Literatur zu fassen2“. Der „Hauptvertreter der anarchistischen Bewegung im Stadtteil Moabit“ und Mitglied der „Agitations-Kommission“ vertrieb neben dem „freien Arbeiter“ unter anderem auch Drucke wie „Krieg dem Krieg“, „Die freie Generation“ oder „Der Revolutionär3“. Bei den von ihm einberufenen beziehungsweise besuchten Versammlungen wurde auch des Öfteren referiert, zum Beispiel über „Parlamentarismus und Generalstreik“. Seit dem 1. Oktober 1907 wohnte Paulsen in der Stromstraße 3 bei seiner zukünftigen Frau, Anna Paselk. Er heiratete am 14. November 1908 die am 2. Oktober 1880 in Oertzenhof/Mecklenburg-Strelitz geborene Arbeiterin. Paulsen zog am 26. März 1909 in die Berliner Straße 41 nach Hohen-Neuendorf/Oberhavel um, besuchte aber trotzdem noch Veranstaltungen der Berliner Genossen. Zudem wechselte er in die Wittenauer Niederlassung der Fabrik „Loewe und Co.“ nördlich Berlins. Hier setzte er die Agitation unter seinen Arbeitskollegen fort. Paulsen besuchte am 30. Mai 1910 die Versammlung der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ in Berlin. „Paulsen ist am 27.9.10 von Hohen-Neuendorf kommend, wieder in Berlin zugezogen“ und wohnte in der Böttcherstraße im Stadtteil Wedding4. Er arbeitete daraufhin wieder in Loewes Moabiter Niederlassung. Er schien seine Bemühungen für die anarchistische Bewegung im folgenden Jahr zu vermindern. „Paulsen ist nicht mehr Mitglied der Gruppe ,Moabit‘, ist auch öffentlich nicht hervorgetreten. Er wurde weder bei Sitzungen noch im [Kontakt] mit Anarchisten beobachtet. Vertraulich wird jedoch berichtet, daß er neuerdings wieder den ,freien Arbeiter‘ von Schakohl bezieht5.“
Während des Ersten Weltkriegs stellte die Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium am 24. Oktober 1916 die Anfrage an das Berliner Polizeipräsidium, „ob in politischer Beziehung und in der Zentralpolizeistelle keine Bedenken bestehen, daß Paulsen [als Soldat, S.R.] nach Serbien entsandt wird.“ Es erfolgte die Mitteilung, dass Paulsen in den Jahren 1906 bis 1911 „in der hiesigen anarchistischen Bewegung hervorragend agitatorisch“ arbeitete. Über die Entscheidung, ob Paulsen entsandt wurde, konnten keine Informationen ermittelt werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg „schlug er seinen Wohnsitz im Kreise Osthavelland auf und widmete sich den damals politisch und wirtschaftlich wenig organisierten Handarbeitern6.“ Er wechselte von der anarchistischen Bewegung zu den Sozialdemokraten. In Falkensee wurde Paulsen zum Vorsitzenden des Sozialdemokratischen Wahlvereins und 1920 zum Stadtverordneten gewählt. Bald wurde die Stadt unter Paulsens Führung zu einer Hochburg der SPD, denn er war „einer ihrer besten Sprecher7“. Er rang „den damals in Falkensee vorherrschenden Deutschnationalen Schritt für Schritt Boden“ ab8. Paulsen war seit dem 1. September 1921 Angestellter im Landarbeiter-Verband; eine Funktion, die er vermutlich bis 1933 ausübte. Daneben war er bis zum 30. September 1923 Kreisleiter des Landarbeiter-Verbandes. Er übte die Funktionen eines Ortsparteivorstands, Gemeindeschöffen sowie Schulverbandsvorstehers aus. Paulsen war ein eifriger Vorkämpfer für die Aufbauklassen an den Volksschulen. Er wurde 1924 im Osthavelland Kreis- und 1926 Provinziallandtagsabgeordneter. Paulsen nahm im Juni 1922 an dem 11. Kongress der Gewerkschaften Deutschlands, dem 1. Bundestag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), in Leipzig als Delegierter teil. Er trat jedoch nicht durch Wortbeiträge in Erscheinung.
Nach schweren Misshandlungen durch die Nationalsozialisten wurde Philipp Paulsen am 25. Juli 1933 in das KZ Oranienburg eingeliefert. Zu seiner Gefangenschaft konnten keine weiteren Angaben ermittelt werden. Philipp Paulsen wurde am 7. September 1933 aus dem Konzentrationslager Oranienburg entlassen. Er wurde von der Gemeinde Falkensee und aus dem Kreis Osthavelland ausgewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Paulsen nach Falkensee zurück. Er widmete sich trotz seines stark angegriffenen Gesundheitszustands „leidenschaftlich dem demokratischen Wiederaufbau9“. In seiner Eigenschaft als Dezernent des Sozialamtes und als Gemeinderat half er vor allem den Umsiedlern, Armen und Alten. Die SPD erreichte unter seiner Führung schnell wieder 1.500 Mitglieder in Falkensee. Wenige Tage nach seinem 68. Geburtstag verstarb Philipp Paulsen am 4. Mai 1949. Der Tod setzte „seiner rastlosen Tätigkeit ein Ende. [...] Mehrere hundert Menschen folgten seinem Sarge – ein äußerliches Zeichen der Wertschätzung,“ das dem Verstorbenen entgegengebracht wurde, wie das „Spandauer Volksblatt“ in seinem Nachruf vom 4. Juni 1949 hervorhob.

1 Nachruf, Spandauer Volksblatt vom 4.6.1949, AsD. 

2 Polizeibericht vom 3.101907, LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Tit. 95/16446. 

3 Polizeibericht vom 7.4.1908, ebd. 

4 Polizeibericht vom 28.1.1911, ebd. 

5 Polizeibericht vom 29.1.1912, ebd. 

6 Nachruf, Spandauer Volksblatt vom 4.6.1949, AsD. 

7 Ebd. 

8 Ebd. 

9 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 82.
  • AsD, Nachruf, in: Spandauer Volksblatt vom 4.6.1949.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 186.
  • LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Tit. 95/16446 (Akten des Königlichen Polizei-Präsidiums zu Berlin von 1906-1916).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, A 5001 (OdF-Akte).
  • Protokoll 11. Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands, 1. Bundestag des ADGB, Leipzig, 19.6.1922, Berlin 1922, S. 13.

Soziale/Regionale Herkunft: Dresden; Sohn des Tischlers Jürgens Paulsen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Schlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; Seit 1. September 1921: Angestellter im Landarbeiter-Verband; Bis zum 30. September 1923: Kreisleiter des Landarbeiter-Verbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; Vorsitzender des Sozialdemokratischen Wahlvereins in Falkensee (Berlin)

Politische Mandate/Aktivitäten: 1920: Stadtverordneter; 1924: Kreistagsabgeordneter; 1926: Provinziallandtagsabgeordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 25. Juli 1933 - 7. September 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Dezernent des Sozialamtes und Gemeinderat

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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