Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
8. September 1893 - ?

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Von Sylvia Rochow

Paul Friedrich Karl Piesnack wurde am 8. September 1893 als Sohn des Tagelöhners August Piesnack und seiner Frau Alwiene Piesnack (geborene Akermann) in Forsthaus-Brand (Kreis Jüterbog) geboren. Er besuchte vom sechsten Lebensjahr an die Volksschule in Radeland; mit acht Jahren wechselte er auf die Schule in Paplitz/Fläming. Früh musste er sein Elternhaus verlassen und sich bei einem Bauern sein Brot verdienen. Piesnack hatte fünf Geschwister. Der Verdienst seines Vaters reichte nicht aus, um die achtköpfige Familie zu ernähren. Bis zum Abgang aus der Schule 1908 blieb er bei dem Bauern, anschließend begann er eine Lehre und erlernte das Zimmerhandwerk.
Piesnack beschrieb die Lehrzeit als Jahre schwerer Arbeit, in denen er abends außerdem auf dem Feld beschäftigt war. Er kam nach eigenen Angaben schon in dieser Zeit mit der Gewerkschaft in Berührung. Nach Beendigung seiner Lehrzeit im April 1911 ging Piesnack auf Wanderschaft. Er trat schließlich 1912 dem Zentralverband der Zimmerer und verwandter Berufsgenossen (Zimmererverband) bei. Es ließ sich nicht ermitteln, wann er in die SPD beziehungsweise in die USPD und später in die SAP eintrat. Während der Vorbereitungen auf die Wanderjahre im Ausland wurde er als Heerespflichtiger vom Bezirkskommando Stade (Niedersachsen) eingezogen. Im Ersten Weltkrieg musste Piesnack im Infanterie-Regiment Bremen dienen und am Feldzug gegen Belgien und Frankreich teilnehmen. Am 12. Juli 1916 erlitt Piesnack eine Verwundung am Kopf und am rechten Unterarm und wurde ins Feldlazarett eingeliefert. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet und 1918 als „kriegsunbrauchbar mit Versorgung1“ entlassen. Seit November 1917 war Piesnack dienstverpflichtet als Schrankenwärter und Bahnsteigschaffner bei der Brandenburgischen Städtebahn. Er war in der Zwischenzeit nach Premnitz gezogen, denn 1918 zählte er zu den Mitbegründern der dortigen Ortsgruppe der SPD. Später wurde Piesnack in die Gemeindevertretung gewählt. Im Zimmererverband, in der Kulturgemeinschaft und im Konsum übte er die Funktion eines Unterkassierers aus. Er war außerdem Mitglied des Betriebsrats und im Ausschuss vertreten. Am 11. Februar 1921 heiratete er. Mit seiner Ehefrau hatte er mehrere Kinder. Hierzu konnten keine weiteren Angaben ermittelt werden. Er beendete im November 1921 sein Arbeitsverhältnis bei der Bahn und nahm in seinem alten Beruf als Zimmermann eine Stelle beim Werk „Köln Rottweil“ in Premnitz an.
Nach der „Machtergreifung“ 1933 der Nazis wurde Piesnack jeglicher Ehrenämter sowohl in der SPD als auch in der Gewerkschaft enthoben. Am 26. Juni 1933 wurde er in seiner Wohnung von Polizisten verhaftet, die ihn zum Amtsgericht Rathenow brachten. Er wurde bis zum 28. Juni 1933 inhaftiert und anschließend „aus politischen Gründen“ in „Schutzhaft“ genommen2. Hierzu erfolgte eine Überführung in das Konzentrationslager Oranienburg. Piesnack musste über zwei Monate in Haft verbringen. Am 7. September wurde er in das KZ Sonnenburg verlegt, aus dem er zwei Tage später entlassen wurde. Er war vom 9. September 1933 an der Polizeiaufsicht unterstellt und wurde verpflichtet, sich täglich beim Amtsvorsteher in Premnitz zu melden.
Der von Piesnack in einem Schreiben an das Landratsamt Rathenow als „Genosse3“ bezeichnete Karl Köpke – später von der russischen Kommandantur als Bürgermeister in Premnitz eingesetzt – wurde bereits im März 1933 verhaftet. Er war auch im ehemaligen „Köln Rottweil“-Betrieb beschäftigt und schilderte seine Erlebnisse im KZ Sonnenburg, die Piesnacks ähneln könnten: „Danach wurden wir in das KZ Sonnenburg überführt. Dort empfingen uns schwerbewaffnete SS-Banditen; brutal prügelten sie uns die Dorfstraße entlang bis in das Lager. Von morgens bis abends mußten wir marschieren, singen und uns dabei im Laufschritt bewegen. Wer nicht mehr konnte, blieb liegen, und keiner der Genossen durfte dem Unglücklichen helfen4.“
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Piesnack an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Der während der NS-Zeit zur IG Farben gehörende Betrieb wurde in „Kunstseidenwerk Friedrich Engels“ umbenannt. Er arbeitete in seiner früheren Abteilung, der Tischlerei, in seinem Beruf als Zimmerer. 1946 wurde er als Berufsausbilder bestellt und nach eigenen Angaben „zweimal im Jahr 1952 und 1954 als Aktivist wegen guter Leistungen in der Ausbildung ausgezeichnet5“. Nach Auflösung der Lehrwerkstätten arbeitete er wieder als Zimmermann. Die Kollegen in der Tischlerei wählten ihn als Vertrauensmann in die Abteilungsgewerkschaftsleitung. Nach 38 Jahren schied Piesnack 1959 als Invalide aus dem Werk aus. Das Amt für Gesundheits- und Sozialwesen im DDR-Bezirk Potsdam lehnte Piesnacks Antrag der Anerkennung als Opfer des Faschismus im Juli 1959 in letzter Instanz ab. Als Begründung wurde darauf verwiesen, dass seine Haftzeit zu kurz gewesen sei. Über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt.

1 Lebenslauf vom 3.7.1959, BLHA, Rep. 401, VdN-Akte Nr. 1345. 

2 Schreiben des Landrats Westhavelland vom 29.6.1933, ebd. 

3 Schreiben Paul Piesnacks vom 10.6.1959, ebd. 

4 Zit. nach: Polyester contra Pulver, S. 81. 

5 Lebenslauf vom 3.7.1959. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 84.
  • BLHA, Rep. 401, VdN-Akte Nr. 1345 (OdF-Fragebogen, Lebenslauf, Schreiben KZ Sonnenburg und Oranienburg).
  • Polyester contra Pulver: Zur Geschichte des VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“ Premnitz, hrsg. von der Kommission für Betriebsgeschichte im Auftrag der Betriebsparteiorganisation, Berlin 1971.

Soziale/Regionale Herkunft: Forsthaus-Brand (Kreis Jüterbog); Sohn des Tagelöhners August Piesnack

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Zimmerer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1912: Beitritt zum Zentralverband der Zimmerer und verwandter Berufsgenossen (Zimmererverband); Betriebsrat

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; SAP; SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Gemeindevertretung von Premnitz

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Juni 1933: Verhaftung und anschließende Haft im KZ Oranienburg; 7. September - 9. September 1933: KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Vertrauensmann in der Abteilungsgewerkschaftsleitung im „Kunstseidenwerk Friedrich Engels“

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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