Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. Januar 1879 - 24. Mai 1961

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Karl Priefert, ca. 1950.
Quelle: Landesverwaltungsamt Berlin, AZ 20410.

Karl Priefert, ca. 1950. Quelle: Landesverwaltungsamt Berlin, AZ 20410.

Von Siegfried Mielke

Als Karl Priefert im Sommer 1933 in Rathenow verhaftet wurde, ging eine erfolgreiche gewerkschaftliche und kommunalpolitische Karriere zu Ende, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges alters- und situationsbedingt keine Fortsetzung erfuhr.
Karl Priefert wurde am 2. Januar 1879 in Berlin als Sohn des Bildhauers Hermann Priefert geboren. Seine Mutter Marie, geborene Theuerkauff, war Hausfrau. Über ein politisches oder gewerkschaftliches Engagement der Eltern ist nichts bekannt. Von 1885 bis 1893 besuchte Karl Priefert in Berlin die Volksschule und erlernte nach Beendigung der Schulzeit das Metalldrückerhandwerk. Priefert nutzte während und nach Abschluss seiner Ausbildung zahlreiche Fortbildungsangebote, so unter anderem die Fortbildungsschule (1893 bis 1897), die Arbeiterbildungsschule in Berlin (1902 bis 1906), eine Gewerkschaftsschule (1906) und später die Freie Hochschule Berlin.
In seinem Beruf als Metalldrücker arbeitete er lediglich bis 1907. Anschließend wurde er Angestellter der Krankenkasse der Mechaniker. 1902, im Alter von 23 Jahren – das heißt, verglichen mit anderen Gewerkschafts- und Parteifunktionären seiner Altersgruppe, relativ spät – begann Prieferts parteipolitisches und gewerkschaftliches Engagement mit seiner Mitgliedschaft in der SPD und im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). Ab 1905 gehörte er nach eigenen Angaben als Branchenvertreter der DMV-Ortsverwaltung von Berlin an – eine Funktion, die er bis 1911 ausübte. 1906, während seiner Berliner Jahre, heiratete er Klara Stahlberg, die sich ebenfalls ab 1908 parteipolitisch (SPD) engagierte. 1911 wählte ihn die Generalversammlung der DMV-Ortsverwaltung Rathenow zum Bevollmächtigten. Bis zu seiner Wahl zum besoldeten Stadtrat von Rathenow (1920) wurde Priefert auf den jährlichen Generalversammlungen der Ortsverwaltung in dieser Position stets mit großen Mehrheiten bestätigt. Es ist sicherlich auch ein Verdienst von Karl Priefert, wenn zwischen 1911 und 1920, in den Jahren, in denen er als Bevollmächtigter die Politik der DMV-Ortsgruppe wesentlich mitbestimmte, diese sich zu einer der bedeutendsten DMV-Verwaltungsstellen in Brandenburg entwickelte, und der DMV die dominierende Einzelgewerkschaft innerhalb des Freien Gewerkschaftskartells beziehungsweise Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes von Rathenow wurde.
Mit der Wahl zum Stadtrat durch die Stadtverordnetenversammlung von Rathenow verlagerte sich das Schwergewicht seiner Arbeit von der Gewerkschafts- auf die Kommunalpolitik, in der Priefert sich bereits während seiner Jahre als DMV-Bevollmächtigter engagiert hatte. Stadtverordneter, zeitweise Vorsitzender des SPD-Wahlvereins von Rathenow, Mitglied des Brandenburgischen Provinziallandtages (1919 bis 1933), der ihn bereits 1919 in den Preußischen Staatsrat wählte, dem er ununterbrochen bis 1933 als Mitglied angehörte, und seine Funktion als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Brandenburgischen Provinziallandtag sind nur die wichtigsten politischen Ämter und Funktionen, die den politischen Aufstieg von Priefert kennzeichnen. Seine Mitgliedschaft im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und in den Aufsichtsratsorganen des Brandenburgischen Sparkassen- und Giroverbandes, in der Brandenburgischen Girozentrale, später Brandenburgische Provinzialbank und Girozentrale sowie andere Ämter und Funktionen belegen ein ausgeprägtes politisches und gesellschaftliches Wirken von Karl Priefert. Daneben blieb der Kontakt zum DMV erhalten. Dieser ehrte ihn 1927 für 25 Jahre Mitgliedschaft und gewerkschaftliches Engagement. Seine gewerkschaftliche, insbesondere jedoch seine politische Tätigkeit führten vor 1933 zu Konflikten mit der NSDAP. Dr. Albrecht Zieger, vor 1933 Verbandsvorstand des Brandenburgischen Sparkassen- und Giroverbandes und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Brandenburgischen Provinzialbank und Girozentrale in Berlin, ferner Mitglied des Demokratischen Kulturbundes, und nach 1945 vom Magistrat der Stadt Berlin als Opfer des Faschismus anerkannt, charakterisierte 1948 Karl Priefert: „Priefert war als Funktionär der SPD sehr rührig und genoss nicht nur in seiner eigenen Partei, sondern auch bei seinen politischen Gegnern mit Ausnahme der Nazis hohes Ansehen. Das gab der NSDAP und ihren Gliederungen besonderen Anlass, ihn hartnäckig und roh zu verfolgen.“ (Bescheinigung vom 5.4.1948, Entschädigungsakte)
Priefert, der 1931 für weitere zwölf Jahre zum besoldeten Stadtrat gewählt worden war, verlor mit der Machtübernahme der Nazis in Rathenow sein Amt aus politischen Gründen. Die Entlassung, die zunächst auf Grund des Paragraphen 2 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erfolgte, bedeutete, dass Priefert zunächst ohne jegliches Einkommen war. Erst mit der Umwandlung der Entlassung in eine solche nach Paragraph 4 („politisch unzuverlässig“) besserte sich die ökonomische Situation der Familie, weil dadurch „wenigstens ein Teil der Pension gezahlt wurde“. (Ebd.) Nach Darstellung von Albrecht Zieger stieß die Entlassung nach Paragraph 4 und die Zahlung eines Teils der Pension, die vom Innenministerium verfügt worden war, „auf großen Widerstand der NSDAP-Ortsgruppe Rathenow“ und des Magistrats. Diese versuchten, diese Verfügung wieder rück­gängig zu machen und waren bestrebt, gegen Priefert ein Verfahren vor dem Volksgerichtshof anzustrengen, um ihn wirtschaftlich zu ruinieren, was allerdings misslang. Auf Druck der NSDAP musste Prieferts Sohn Erwin (geboren 1906, gefallen im Zweiten Weltkrieg), der Jura studiert hatte, seine Anstellung in der Brandenburgischen Provinzialbank aufgeben. Fünf Jahre nach seiner Entlassung als Stadtrat wurde Priefert vor dem Landgericht in Potsdam auf Schadensersatz verklagt, weil ein führender Bankangestellter, den Priefert während seiner Tätigkeit als Stadtrat trotz kleinerer Unregelmäßigkeiten nicht entlassen hatte, nach 1933 Unterschlagungen und Urkundenfälschungen begangen hatte. „Die Klage wurde damit begründet, dass Priefert für den Schaden verantwortlich sei, den Sch[...] während des Naziregimes angestiftet hat, weil er ihn im Jahre 1928 [als er bereits ‚kleine Unregelmäßigkeiten begangen hatte‘, S. M.] nicht entlassen hatte. Die Klage war vollkommen sinnlos, da Priefert damals gar nicht die Befugnis besaß, Sch[...] zu entlassen und für seine damaligen Maßnahmen die Zustimmung des Magistrats gefunden hatte. Wegen seiner politischen Belastung wurde Priefert das Armenrecht verweigert, er war deshalb gezwungen, diesen Prozess selbst zu finanzieren. Hierzu war er wirtschaftlich nicht in der Lage und erhielt auch wegen seiner politischen Verfolgung von niemandem Kredit hierzu. Er war deshalb in die Zwangslage versetzt, sich in einer völlig sinnlosen Sache durch Versäumnisurteil zur Zahlung verurteilen zu lassen.“ Erst Albrecht Zieger gelang es nach eigener Darstellung, die NSDAP-Ortsgruppenvertreter von der „Sinnlosigkeit ihres Vorgehens“ zu überzeugen. Aus diesem Vorgehen der NSDAP schloss Zieger, „dass Priefert aus politischen Gründen mit ungewöhnlichem Hass bedingungslos verfolgt wurde und dass die Rathenower Partei- und Polizeistellen keine Mühe unversucht ließen, Priefert zu vernichten.“ (Ebd.) Auch Prieferts Tochter Margot (geboren am 31. Dezember 1912 in Rathenow), die nach ihrem Abitur zunächst für ein Jahr als Praktikantin bei der Feuersocietät der Provinz Brandenburg angestellt war, erhielt keine Verlängerung, „weil die Tochter eines bekannten SPD-Funktionärs infolge des Rathenower Drucks nicht in ihrer Stellung belassen werden könnte“. (Ebd.) Priefert selbst wurde im Juni 1933 mit zahlreichen anderen Gewerkschaftern und sozialdemokratischen Parteifunktionären verhaftet und vom 27. Juni bis zum 19. Juli 1933 im Konzentrationslager Oranienburg inhaftiert. Nach seiner Entlassung zog er auf Anraten ihm nahe stehender Polizeibeamter nach Berlin, um weiteren Verfolgungen zu entgehen. Dort eröffnete er zusammen mit seiner Frau Klara in Berlin-Steglitz, Albrechtstraße 104, ein Textilwarengeschäft. Dieses Geschäft war nach der Aussage verschiedener Zeugen Treffpunkt eines Kreises „gleichgesinnter, Anti-Nazi eingestellter Menschen“, die sich „gern und häufig bei Prieferts getroffen haben. In diesem Geschäft konnten wir uns,“ – wie Adolf Frohns, ein Kunde und Nachbar es darstellt – „ohne von der Gestapo gestört zu werden, treffen. Herr Priefert hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass die gute Ware, mit der das Geschäft der Konkurrenz überlegen war, von jüdischen Fabrikanten und Großhändlern stammte. Die Nazikonkurrenz versuchte, gegen Priefert mit dem Hinweis, dass er seine Ware nicht von arischen Firmen bezieht, zu arbeiten. Priefert ließ sich nicht beirren und betonte, wenn ihn jemand darauf aufmerksam machte, dass er die beste Ware nur bei nichtarischen Firmen bekommt. Als Prieferts infolge des Krieges das Geschäft schließen mussten, wurde dies von der Kundschaft, insbesondere der menschlichen Qualitäten von Herrn und Frau Priefert wegen, außerordentlich bedauert.“ (Entschädigungsakte, Bl. R 10) Diese Darstellung von Adolf Frohns wird von Albrecht Zieger und dem Berliner Arzt Dr. E. Marx bestätigt. Priefert wurde 1943 dienstverpflichtet und vom Arbeitsamt dem Bezirksamt Steglitz zugewiesen. Mit Vollendung des 65. Lebensjahres im Januar 1944 verzog er mit seiner Frau im Mai 1944 nach Retzow bei Rathenow und arbeitete in der Landwirtschaft. Auch in dieser Zeit blieb er nach eigener Darstellung unter Gestapobeobachtung. Nach dem Attentat auf Hitler wurde Priefert am 26. Juli 1944 zum zweiten Mal verhaftet und blieb bis zum 9. September 1944 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. In Sachsenhausen trug er die Häftlingsnummer 93810.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands war er zunächst damit beschäftigt, die Feuersocietät der Provinz Brandenburg von nationalsozialistischem Personal zu „säubern“. Nach kurzer Zeit als Generaldirektor der Feuersocietät beauftragte ihn der Präsident der Provinzialverwaltung Brandenburg, Karl Steinhoff, mit dem Neuaufbau des Versicherungswesens in der Provinz Brandenburg. Am 1. September 1945 wurde er Vorstandsmitglied der neu gegründeten Versicherungsanstalt, eine Position, die er im Februar 1948 aus Altersgründen aufgab. In der Folgezeit fungierte er noch als Liquidator der Feuersocietät der Provinz Brandenburg.
Priefert war nach 1945 Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, der SPD, später der SED, in die man ihn nach eigener Darstellung „zwangsläufig gemeldet“ habe. (Entschädigungsakte, Bl. R 28) 1947 trat er aus der SED aus und siedelte in den Stadtteil Nikolassee von West-Berlin über. Sein Antrag auf Anerkennung als politisch und religiös Verfolgter wurde zunächst abgelehnt mit der Begründung, eine Haft von dreieinhalb Monaten sei nicht ausreichend für die Anerkennung als „PRV“ (politisch und rassisch Verfolgter), das heißt, die Bedingungen des Gesetzes vom 20. März 1950 wären „nicht erfüllt“. Am 15. Januar 1954 wurde Priefert dann auf seinen Einspruch hin als politisch Verfolgter anerkannt. Hinweise auf ein Engagement in der SPD und der Unabhängigen Gewerkschaftsorganisation, der Vorläuferorganisation des DGB-Landesbezirks in Berlin, denen er 1948 beigetreten war, finden sich nicht in den Akten. Priefert starb am 24. Mai 1961 hochbetagt in Berlin.

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Quellen:

  • AS, D 1A/1044, Bl. 3.
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 87.
  • BLHA, Rep. 2 A, 1 Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre” (Gestapa II, 112-875/35 vom 1.8.1936).
  • Geschäftsberichte 1911, 1913, 1915, 1917, 1919, 1921, 1927, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o. O., o. J.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, A 14658 (OdF-Akte).
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsakte Karl Priefert, Az. 20410.
  • [Protokoll.] Die 14. ordentliche Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes in Stuttgart, abgehalten vom 13. bis 23. Ok­tober, Stuttgart 1919, S. 117f.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Bildhauers Hermann Priefert

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Metalldrücker; Angestellter der Krankenkasse der Mechaniker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1905 - 1911: Branchenvertreter der DMV-Ortsverwaltung von Berlin; 1911 - 1920: Bevollmächtigter des DMV-Berlin

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Vorsitzender des SPD-Wahlvereins von Rathenow; SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1920: Stadtrat von Rathenow (SPD); 1919 - 1933: Mitglied des Brandenburgischen Provinziallandtages; Vorsitzender der SPD-Fraktion im Brandenburgischen Provinziallandtag; 1919 - 1933: Mitglied im Preußischen Staatsrat

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni bis zum 19. Juli 1933: KZ Oranienburg; 26. Juli 1944 - 9. September 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93810)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes; SPD; SED; 1947: Austritt aus der SED

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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