Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
25. August 1880 - ?

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Eigendarstellung von Wilhelm Ramsbrock für das Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, 1927.

Eigendarstellung von Wilhelm Ramsbrock für das Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, 1927.

Von Siegfried Mielke

Wilhelm Ramsbrock wurde am 25. August 1880 in Hamburg geboren. Daten über seine soziale Herkunft und seine Schul- und Ausbildung konnten nicht ermittelt werden. Das Handbuch des Vereins Arbeiterpresse nennt als Beruf „Metalldrücker“. Ramsbrock trat bereits am 1. September 1897 der SPD bei und war nach eigenen Angaben von 1905 bis 1915 Mitglied der Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Oberschöneweide bei Berlin und später des Metallschlichtungsausschusses von Groß-Berlin. Gleichzeitig engagierte sich Ramsbrock in der SPD. Von 1913 bis 1920 gehörte er als Mitglied der Gemeindevertretung von Oberschöneweide an und war Vorsitzender des SPD-Wahlvereins dieses späteren Berliner Stadtbezirkes. 1920 übernahm er in Senftenberg (Brandenburg) die Geschäftsführung der DMV-Ortsverwaltung.
1921 nahm er noch als Delegierter des Berliner DMV-Bezirkes an der 15. Ordentlichen General­versammlung des DMV in Jena teil und wurde zum Mitglied und Sprecher der Mandatsprüfungskommission gewählt. In der Debatte über das Statut des DMV plädierte er unter anderem für eine Sitzverlegung des DMV von Stuttgart nach Berlin beziehungsweise ersatzweise zumindest für die Errichtung einer Filiale des Hauptvorstandes in Berlin. Offensichtlich vorhandenen Befürchtungen, dass die starke kommunistische Opposition im DMV von Berlin die Politik des DMV-Hauptvorstandes beeinflussen könnte, begegnete er mit dem Hinweis, dass sich der DMV-Vorstand ja auch nicht in Stuttgart von der dortigen Opposition beeinflussen lasse. „Die Gefahr besteht ja nicht, daß der Hauptvorstand dann einseitig durch die Berliner informiert wird oder im reinen Berliner Sinne arbeiten wird. Er läßt sich ja auch nicht in Stuttgart durch die dort vorhandene kommunistische Mehrheit irgendwie vom klaren gewerkschaftlichen Weg abbringen1.“ Den Satz im DMV-Statut (Paragraph 1, Absatz 3): „Der Deutsche Metallarbeiter-Verband steht auf dem Boden des Klassenkampfes. Er erstrebt die Überleitung der privatkapitalistischen Produktionsweise in die sozialistische2“, kommentierte Ramsbrock mit den Worten: „Was den Absatz mit dem Klassenkampf betrifft, so bin ich der Meinung, daß der Deutsche Metallarbeiter-Verband nicht besonders zu betonen braucht, daß er auf dem Boden des Klassenkampfes steht. (Rufe: doch!) Ich bin der Meinung wie Bebel, der sagte, er mache sich anheischig, ein Gewerkschaftsorgan im sozialistischen Sinne zu redigieren, ohne das Wort ‚Sozialismus‘ einmal zu gebrauchen. So können wir auch diesen mehr ornamentalischen Schmuck ablegen3.“ Diese Position stieß auf starken Widerstand, unter anderem auch des DMV-Vorsitzenden Alwin Brandes, der an die „Erfahrung [erinnerte], die eine politische Organisation [SPD], der Ramsbrock nicht fernsteht, in der letzten Zeit gemacht hat. Sie ist von der Mitgliedschaft gezwungen worden, den Klassenkampf als Mittel für die Erringung des Sozialismus in das Programm aufzunehmen4.“ Diese Ausführungen von Ramsbrock und sein Abstimmungsverhalten bei namentlichen Abstimmungen, in denen er stets Anträge der kommunistischen Opposition, unter anderem betreffend der Russland-Hilfe und der Arbeitsgemeinschaftspolitik der Gewerkschaften, ablehnte, charakterisieren Ramsbrock als pragmatischen Gewerkschaftsfunktionär, der in programmatischer Hinsicht die Position der Mehrheitssozialdemokratie vertrat. Neben seiner Tätigkeit als Bevollmächtigter in Senftenberg war Ramsbrock Anfang der 20er Jahre gleichzeitig Mitglied der erweiterten Bezirkskommission des DMV-Bezirkes Brandenburg.
Am 15. August 1924 übernahm Ramsbrock die Funktion des Parteisekretärs der SPD und wurde Vorsitzender des 1920 in Wittenberge gegründeten Unterbezirkes der SPD für die Ost- und Westprignitz. 1926 wurde er zusätzlich Vorsitzender des SPD-Bildungsausschusses. „Dieser Ausschuß sollte den [SPD-]Vorstand in Bildungsangelegenheiten unterstützen. Es ging zum Beispiel um die Ausgestaltung von Revolutionsfeiern, Programme für Frauenabende und anderes mehr5.“ 1929 kandidierte er erfolgreich für die Stadtverordnetenversammlung in Wittenberge, die ihn zum Stadtrat wählte. Daneben engagierte sich Ramsbrock weiterhin für den DMV, unter anderem als Mitglied des Metallschlichtungsausschusses. Nach Vorwürfen in der kommunistischen Presse soll er sich in dieser Funktion „eine Wohnungseinrichtung habe schenken lassen6“.
Ramsbrock gehörte zu denen, die bereits sehr früh auf die Gefahr des Nationalsozialismus hinwiesen, aber wie viele andere SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre mit einem Scheitern der NSDAP rechneten, da es ihr „nicht gelingen würde, ausschlaggebende Wählermassen an sich zu ziehen7“.
Am 12. März 1933 wurde Ramsbrock erneut in die Stadtverordnetenversammlung von Wittenberge gewählt. Ob er sein Mandat noch antreten konnte, ließ sich nicht ermitteln. Die erste Verhaftung von Ramsbrock und anderen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern in Wittenberge erfolgte am 2. Mai 1933. Nach einem Verhör durch die Polizei wurden die Verhafteten aufgefordert, eine „Erklärung des Inhalts zu unterschreiben, [...] sich jeder politischen Tätigkeit [zu] enthalten8“. Nachdem bis auf einen Sozialdemokraten alle SPD-Funktionäre und Gewerkschafter diese Erklärung unterschrieben hatten, wurden sie aus der Haft entlassen. Die nächste Verhaftung von Ramsbrock erfolgte bereits am 10. Mai. Da Ramsbrock beim Verhör die gegen Theodor Leipart und andere führende Gewerkschaftsfunktionäre erhobenen Vorwürfe, Millionen an Gewerkschaftsgeldern veruntreut zu haben, in Zweifel zog, wurde er im Unterschied zu den übrigen Verhafteten einige Tage festgehalten. Nach seiner dritten Verhaftung am 22. Mai 1933 kam er zunächst in das Polizeigefängnis Wittenberge und von hier in das frühe Konzentrationslager der SA in Perleberg. Am 28. Juni 1933 wurde er als „Schutzhäftling“ in das KZ Oranienburg transportiert, in dem er bis zum 18. Dezember 1933 inhaftiert blieb.
Der weitere Lebensweg von Wilhelm Ramsbrock konnte nicht ermittelt werden.

1 Protokoll DMV 1921, S. 305. 

2 Ebd., S. 429. 

3 Ebd. 

4 Ebd., S. 305f. 

5 Manuskript, Geschichte der SPD, PA Günter Rodegast. 

6 Ebd. 

7 Ebd. 

8 Lehwenich, Das Jahr 1933, S. 5, PA Günter Rodegast. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 89.
  • BArch, R 58/3333, Fiche 1, „Die sozialdemokratischen Bestrebungen in Deutschland“.
  • BLHA, Reg. 2 A, I Pol., Nr. 1184.
  • Der DMV im Jahre 1924. Jahr- und Handbuch für Verbandsmitglieder, hrsg. vom Vorstand des DMV, Stuttgart [1925], S. 46.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 596.
  • Die fünfzehnte ordentliche Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes in Jena 1921. Abgehalten vom 12. bis 18. September im Saale des Volkshauses, [Protokoll], Stuttgart 1921.
  • PA Günter Rodegast, Lehwenich, Wilhelm, Das Jahr 1933. Das Jahr der Errichtung des III. Reiches. Die Machtübernahme in Wittenberge; unveröffentlichter Erinnerungsbericht; Geschichte der Wittenberger SPD. [Manuskript Rodegast].
  • StA Wittenberge, Schreiben vom 6.3.2002 an den Verfasser.

Soziale/Regionale Herkunft: Hamburg

Ausbildung/Berufstätigkeit: Metalldrücker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1905 bis 1915: Mitglied der Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Oberschöneweide; Metallschlichtungsausschusses von Groß-Berlin; 1920: Geschäftsführung der DMV-Ortsverwaltung in Senftenberg (Brandenburg)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1913 bis 1920: Mitglied der Gemeindevertretung von Oberschöneweide; Vorsitzender des SPD-Wahlvereins; 15.8.1924: Parteisekretärs der SPD und Vorsitzender in Wittenberge

Politische Mandate/Aktivitäten: 1920: Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Wittenberge und Stadtrat

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 2. Mai 1933: Verhaftung durch die Polizei; 10. Mai 1933: Erneute Verhaftung; 22. Mai 1933: Polizeigefängnis Wittenberge und KZ Perleberg; 28. Juni 1933 - 18. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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