Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
5. Juli 1889 - ?

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Von Heiko Tammena

Paul Schneider wurde am 5. Juli 1889 in Ziegenhals (Oberschlesien) geboren und erlernte den Beruf des Bäckers. Ungewöhnlich war, dass er bereits 1905 in den Verband der Nahrungs- und Genußmittelarbeiter eintrat, der reichsweit starke Organisationsprobleme in den Kleinbetrieben der Bäcker hatte. Im Jahr 1906 wurde Schneider zudem Mitglied der SPD beziehungsweise ihrer Jugendorganisation. 1912 zog Schneider in die Industriestadt Luckenwalde, wo der erfolgreiche sozialdemokratische Konsumverein eine neue Großbäckerei eröffnet hatte. Bald wurde Schneider hier in den Vorstand seiner Gewerkschaft gewählt und vertrat den Verband im Ortskartell der freien Gewerkschaften, ab 1920 auch im neuen Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB).
Ortsvorsitzender der kleinen Gewerkschaft blieb Paul Schneider bis 1923. Im März des Inflationsjahres 1923 begann er eine hauptamtliche Tätigkeit für den in Luckenwalde besonders starken „Verband für Feuerbestattung“, der sich 1927 mit der „Gemeinschaft proletarischer Freidenker“ zum „Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung“ zusammenschloss – 1930 umbenannt in Deutscher Freidenker-Verband. Der Erfolg dieser neuen Säule der Arbeiterbewegung in der „roten Hochburg“ Luckenwalde war durchschlagend: 1920 gegründet, hatte der „Verband für Feuerbestattung“ 1921 500 und 1922 bereits 2.000 Mitglieder. Über die günstige Sterbeversicherung hinaus betrieb der Freidenkerverband weltanschauliche Orientierung, Paul Schneider trug durch seine täglichen Kontakte in der Konsumbäckerei viel dazu bei. Er leitete wöchentliche Vorbereitungsstunden für die freidenkerische Jugendweihe, hielt Trauerreden für verstorbene Mitglieder und setzte sich im Bund der freien Schulgesellschaften für eine konfessionslose „freie Schule“ ein, die in Luckenwalde 1927 gegründet wurde. Gegnern der Konfessionslosen galt er als „Freidenkerpapst“ von Luckenwalde. Bis in die Wirtschaftskrise 1932 hinein bot der Freidenkerverband Orientierung für nun 4.500 Mitglieder. Der Anteil der Konfessionslosen in Luckenwalde war bei der Volkszählung 1933 mit 21,2 Prozent der höchste in allen deutschen Gemeinden über 2.000 Einwohnern.
Seit November 1929 war Schneider SPD-Stadtverordneter. Bei der Kommunalwahl vom 12. März 1933 wurde er in dieser Funktion bestätigt. Ostern 1933 fand vorerst zum letzten Mal eine Jugendweihe in den Hinterräumen eines Luckenwalder Lokals statt. Paul Schneider hatte da seinen Posten durch die Beschlagnahme der Kassen des Freidenkerverbandes im März 1933 durch die SA schon verloren. Auch seine Wohnung in der gewerkschaftlichen Volksheim-Siedlung in der Jänickendorfer Straße musste er aufgeben. Am 24. Juni 1933 mit anderen Genossen verhaftet, kam er bis 17. Oktober 1933 in das KZ Oranienburg und muss bald danach verstorben sein. In einer 1949 verfassten Chronik der Luckenwalder Arbeiterbewegung hieß es: „Als aufrechter Sozialist wählte er den Freitod.“ (Schwerdt, S. 123)

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 103.
  • Schulze, Werner, Die Entwicklung der weltlichen Schule in Luckenwalde, Staatsexamensarbeit HU Berlin 1965, S. 86 ff.
  • Schwerdt, Karl, Die Geschichte der Arbeiterstadt Luckenwalde und die Entwicklung der Arbeiterbewegung dieser Stadt, unveröff. Ms., Luckenwalde 1949 (Bestand Kreisheimatmuseum Luckenwalde).
  • Tammena, Heiko, Unser schönes rotes Luckenwalde. Lager, Milieu und Solidargemeinschaft der sozialistischen Arbeiterbewegung zwischen Ausgrenzung und Verstaatlichung, Münster u. a. 2000.

Soziale/Regionale Herkunft: Ziegenhals (Oberschlesien)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Bäcker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorsitzender des Verbands der Nahrungs- und Genußmittelarbeiter in Luckenwalde; 1920: Mitglied im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1929: SPD-Stadtverordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 24. Juni 1933 - 17. Oktober 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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