Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. Juli 1900 - 24. Dezember 1976

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Von Sebastian Pfotenhauer

Engagierter Helfer. Überzeugter Antifaschist. Aufrichtiger Freund. Es gibt viele Möglichkeiten, Otto Seeger zu beschreiben, doch keine Bezeichnung passt wohl besser als die eines Tausendsassas. Ob in der Parteiarbeit oder im Gewerkschaftsleben, Seeger übernahm häufig und gern Verantwortung. Er versteckte sich nie. Er stand offen zu seinen Idealen. Er wollte Vorbild sein.
Otto Seeger wurde am 18. Juli 1900 im brandenburgischen Woltersdorf geboren. Er war das älteste von vier Kindern. Sein Vater Gustav arbeitete als Schiffsbauer. Dennoch reichte der Verdienst nicht aus. So musste der junge Otto Seeger die achtstufige Volksschule in Weseram bereits 1910 vorzeitig beenden, um zur Unterstützung der Familie Geld zu verdienen. Einen Beruf konnte er innerhalb dieser Tätigkeit anfangs nicht erlernen. In der staatlichen Pulverfabrik in Kirchmöser eignete sich Seeger aber schnell die Fähigkeiten eines Rohrlegers an, bis er schließlich von 1915 bis Anfang 1918 doch eine Lehre zum Installateur absolvieren konnte.
Vom Einsatz im Ersten Weltkrieg blieb Otto Seeger nicht verschont. Noch vor seinem 18. Geburtstag begann er seine militärische Ausbildung und wurde in den letzten Monaten als Rekrut in Belgien eingesetzt. Dort hörte er durch Kameraden, die aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren, erstmals von der Bolschewistischen Oktoberrevolution. Diese Berichte sollten Seeger entscheidend prägen, gaben sie ihm doch eine politische Richtung vor, die er zeit seines Lebens nicht mehr verließ.
Im Februar 1919, unmittelbar nach der Rückkehr aus Belgien, trat Seeger in die USPD in Plaue, einem heutigen Ortsteil der Stadt Brandenburg, ein. Er gehörte anschließend zu jenen Parteimitgliedern, die die Vereinigung mit der KPD unterstützten. Mit dem Übertritt in die Kommunistische Partei verstärkte Seeger sein politisches Engagement. 1920 noch als Kassierer tätig, wurde er zwei Jahre später Leiter der Ortsgruppe der KPD. Von 1929 bis 1933 gelang es ihm sogar, als Abgeordneter im Stadtparlament, im Kreistag Westhavelland und im Provinziallandtag Brandenburgs seine politischen Interessen zu vertreten. Auch am 12. März 1933 hatte er sich bei den Kommunalwahlen erfolgreich zur Wahl gestellt. Sein Mandat konnte er freilich nicht mehr wahrnehmen.
Neben seinem politischen Engagement war Seeger zu jener Zeit auch Sportwart im Plauer Arbeitersportverein. Darüber hinaus wurde er von 1924 an als Mitglied des Verbandes der proletarischen Freidenker geführt.
Auch im täglichen Broterwerb setzte sich Otto Seeger offen für seinen politischen Standpunkt ein. Im Reichsbahnausbesserungswerk Brandenburg-West war er von 1925 bis zu seiner Entlassung 1932 Leiter der Betriebszelle der KPD und gab in dieser Funktion eine eigene Betriebszeitung heraus. Der Werksleitung waren solcherlei Aktivitäten ein Dorn im Auge. Schließlich beinhalteten sie zumeist die Aufforderung, sich wie Seeger „gegen imperialistische Ausbeutung“ auszusprechen1. Wohl auch auf Grund dieses Engagements durften die Kommunisten 1928 nicht mehr für den Betriebsrat auf der Liste der Freigewerkschaftlichen Eisenbahner-Gewerkschaft kandidieren. Daraufhin stellten sie sich als Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) zur Wahl und erhielten vier der elf Mandate im Betriebsrat. Auch Seeger war im Rat vertreten. Als Gewerkschaftsfunktionär hatte er sich bereits vorher einen Namen gemacht. Von 1922 bis 1930 wirkte er im Einheitsverband der Eisenbahner. Er war Mitglied der Ortsverwaltung Kirchmöser und Delegierter verschiedener Gewerkschaftskongresse des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Brandenburg. Sein politischer Weggefährte Richard Henke erinnerte sich an Seeger als einen Sprecher der Arbeiterklasse in Betrieben und Versammlungen2.
Während der Nazidiktatur setzte sich Otto Seeger vor allem für seine kommunistische Überzeugung ein. Die gewerkschaftliche Arbeit stellte er fast gänzlich ein. Die Unterbezirksleitung der KPD in Brandenburg hatte sich bereits Ende 1932 auf eine eventuelle illegale Tätigkeit vorbereitet, die sie nach dem 30. Januar in die Tat umsetzte. Otto Seeger stand an der Spitze der Parteiorganisation für den Raum Brandenburg, Belzig und Rathenow. Er organisierte Zusammenkünfte, ließ Flugblätter und die „Rote BZ“, die Ortszeitung der Brandenburger Kommunisten, drucken und verteilen. Auch Seegers Ehefrau Frieda, geborene Döbelt, half. Sie war in Plaue Unterkassiererin für die Volkshilfe, einer kommunistischen Nebenorganisation.
Am 9. Mai 1933 gelang es der Polizei nach zweimonatiger Suche, Seeger in Brandenburg zu verhaften und ihn am 20. Juni ins Konzentrationslager Oranienburg zu bringen. Damit war insbesondere die Aktivität der Plauer Kommunisten eingeschränkt. Erst nachdem es sein Parteifreund Arthur Pätzke schaffte, als angeblicher Cousin eine Besuchserlaubnis zu erhalten, konnte die Verbindung zwischen Bezirksleitung und Unterbezirk, die nur Seeger gekannt hatte, wieder hergestellt werden.
Am 9. August beziehungsweise am 13. August 1933, hierbei widersprechen sich die Quellen, wurde er vom Konzentrationslager ins Gerichtsgefängnis Oranienburg und anschließend in die Unter­suchungshaftanstalt Berlin-Moabit überführt. Das Kammergericht von Berlin verurteilte ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einem Jahr und neun Monaten Haft, die er im Berliner Zuchthaus Tegel und im Strafgefangenenlager Oberlangen an der Ems verbüßen musste. In Oberlangen war er zu so genannten Moorkultivierungsarbeiten eingeteilt. Im Mai 1935 wurde er entlassen.
Die bei Seegers Verhaftung gefundenen Materialien gaben Auskunft über seine politische Einstellung. So sei es für Seeger wichtig gewesen, das „Proletariat über ökonomische und politische Teil- und Massenkämpfe hinweg an den politischen Massen- und Generalstreik zum Sturz der faschistischen Diktatur heranzuführen3“. Seeger wollte bei der Bildung einer Einheitsfront aller Werktätigen helfen und den Weg zum Sozialismus ebnen. Den Freien Gewerkschaften warf er Verrat an der Arbeiterschaft vor und behauptete, dass das Arbeitsbeschaffungsprogramm „der Reichsregierung keinen Erfolg hätte, sondern daß sich das werktätige Volk selbst helfen müsse4“.
Nach seiner Entlassung erhielt Seeger Arbeit im Opelwerk in Brandenburg. Dieses Werk war seit 1935 für die Produktion von später kriegswichtigen Lastkraftwagen verantwortlich. Seeger soll in diesem Betrieb illegal antifaschistisch gewirkt haben.
Am 22. August 1944 ließen die Machthaber Seeger im Zusammenhang mit der Verhaftungswelle nach dem Attentat auf Hitler erneut festnehmen. Seeger, Häftlingsnummer 93162, musste im Berlin-Haselhorster Außenlager des KZ Sachsenhausen im Siemens Kabelwerk arbeiten, bis er am 7. Dezember auf Anforderung der Adam Opel AG entlassen wurde.
Nach dem Krieg beteiligte sich Otto Seeger sofort wieder an der aktiven Parteiarbeit. Von Mai bis September 1945 war er in Plaue Stadtrat in den Dezernaten Wohlfahrtsamt, Landwirtschaft und Ernährung, ehe ihn die Partei zum Ersten Sekretär der KPD-Kreisleitung Westhavelland bestimmte. Sitz der Kreisleitung war Rathenow. In dieser Funktion galt Seegers Augenmerk der Umsetzung der Bodenreform. Zwei Jahre später, im Mai 1947, setzte ihn die Partei als Instrukteur beim SED-Landesverband Brandenburg ein. Die Genossen sahen in ihm einen „schlichten, einfachen und moralisch hochstehenden Funktionär“, ein Vorbild in seiner „charakterlichen, politischen und hohen Qualität5“.
Ab 1948 engagierte sich Seeger auch erneut auf gewerkschaftlicher Ebene. Er übernahm die Funktion eines Sekretärs für die Organisation des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Land Brandenburg und war Mitglied des Landesvorstandes. In dieser Tätigkeit setzte er sich für ein stärkeres Engagement der Gewerkschaften im ländlichen Bereich ein. Ziel war dabei auch die Verstaatlichung der Landwirtschaftsbetriebe: „Wir müssen [...] eine bestimmte Bündnispolitik mit den Bauern betreiben, um die Bauern stärker einzubeziehen. [...] Wir wundern uns oft darüber, dass unsere Landarbeiter in den bäuerlichen Privatbetrieben sich oftmals die Arbeitsweise gefallen lassen. Das liegt daran, dass sie bisher viel zu wenig von uns besucht worden sind; dass die Bürgermeister, die ja von einer antifaschistischen Partei gewählt wurden, sich meistens mit den Grossbauern koordinieren6.“
Am 1. März 1951 wurde Otto Seeger Leiter des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft (IG) Eisenbahn, deren Brandenburger beziehungsweise „Groß Berliner“ Landesverband er bereits seit 1949 geführt hatte. Seeger vertrat bis zu seinem Ausscheiden aus der Leitung die IG Eisenbahn im Administrationskomitee der Internationalen Vereinigung der Transportarbeiter im Weltgewerkschaftsbund. Auf Vorschlag des Bundesvorstandes des FDGB wurde er zudem in die zentrale Revisionskommission der Gewerkschaft gewählt. Ihr gehörte er bis 1963 als stellvertretender Vorsitzender und bis 1968 als Mitglied an. Für sein politisches und gesellschaftliches Engagement ehrte ihn die SED unter anderem mit dem Vaterländischen Verdienstorden und der Fritz-Heckert-Medaille in Gold.
Im Rentenalter fand Otto Seegers Wanderleben zwischen seinem Plauer Wohnsitz und den verschiedenen Arbeitsorten, in denen er oft nur provisorische Unterkünfte bewohnte, einen geruhsamen Ausklang. Nun konnte er endlich ausgiebig seiner liebsten Freizeitbeschäftigung nachgehen, mit dem Kahn auf den See zu fahren und zu angeln.
Nach langer, schwerer Krankheit verstarb Otto Seeger am 24. Dezember 1976 in Plaue.

1 Heß, S. 2. 

2 Vgl. VdN-Akte, BLHA, Rep. 401, VdN 4342. 

3 Urteil, SAPMO-BArch, NJ 11478. 

4 Ebd. 

5 VdN-Akte. 

6 Protokoll der Sitzung des erweiterten Landesvorstandes des FDGB in Brandenburg am 19.9.1949, BLHA, Rep. 347, Nr. 3. 

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Quellen:

  • AS, D 1A/1044, Bl. 175.
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 110.
  • BLHA, Rep. 2A, I Pol. 1090.
  • BLHA, Rep. 401, VdN 4342.
  • BLHA, Rep. 347, Bl. 16 u. 20.
  • BLHA, Rep. 347, Nr. 3.
  • BLHA, Rep. 530, Nr. 9112.
  • SAPMO-BArch, NJ 5472.
  • SAPMO-BArch, NJ 11478.
  • SAPMO-BArch, R 58/2292, Bl. 56. KPD.
  • SAPMO-BArch, RY 1/I2/3/11, Bl. 85f.
  • Heß, Klaus, Otto Seeger, in: Brandenburger Kulturspiegel vom September 1987.

Soziale/Regionale Herkunft: Woltersdorf (Brandenburg); Sohn eines Schiffsbauers

Ausbildung/Berufstätigkeit: Fabrikarbeiter; Lehre als Installateur

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1925 - 1932: Leiter der Betriebszelle der KPD; 1922 - 1930: Mitglied der Ortsverwaltung Kirchmöser des Einheitsverbands der Eisenbahner

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; 1922: Leiter der Ortsgruppe der KPD in Plaue

Politische Mandate/Aktivitäten: 1929 bis 1933: Abgeordneter im Stadtparlament, im Kreistag Westhavelland und im Provinziallandtag Brandenburgs

Widerstandsaktivitäten: Spitze der illegalen KPD für den Raum Brandenburg, Belzig und Rathenow

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 20. Juni: KZ Oranienburg; 13. August 1933: Gerichtsgefängnis Oranienburg und anschließend: Unter­suchungshaftanstalt Berlin-Moabit; bis Mai 1935: Haft im Berliner Zuchthaus Tegel und im Strafgefangenenlager Oberlangen; 22. August 1944 - 7. Dezember 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93162)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Von Mai bis September 1945: Stadtrat in Plaue; Sekretär der KPD-Kreisleitung Westhavelland; 1948: Sekretär für die Organisation des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Land Brandenburg und Mitglied des Landesvorstandes; 1. März 1951: Leiter des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft (IG) Eisenbahn

Erinnerungskultur/Ehrungen: Vaterländischer Verdienstorden; Fritz-Heckert-Medaille in Gold

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