Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
6. März 1886 - ?

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Von Siegfried Mielke

Otto Seeger gehörte zu der kleinen Gruppe von Betriebsräten und Gewerkschaftsfunktionären der Verwaltungsstelle Rathenow des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), die durch ihr Engagement in der Gewerkschaft und in zahlreichen öffentlichen Ämtern und Funktionen wesentlich mit dazu beitrug, dass diese Gewerkschaftsorganisation des DMV während der Weimarer Republik die mitgliederstärkste und vermutlich auch erfolgreichste Verwaltungsstelle des DMV in Brandenburg war und blieb.
Otto Seeger wurde am 6. März 1886 geboren. Über seine soziale Herkunft und seine Schulaus­bildung ließen sich keine Daten ermitteln. Von Beruf war Otto Seeger Werkzeugmacher/Werkzeugdreher. Die Geschäftsberichte der DMV-Verwaltungsstelle von Rathenow (1921 bis 1930, 1932) weisen auf zahlreiche Aktivitäten von Otto Seeger in verschiedenen Funktionen für die Gewerkschaftsbewegung hin. Spätestens seit Mitte der 20er Jahre engagierte er sich als Betriebsrat in der Firma Emil Busch AG, einem führenden Unternehmen der optischen Industrie, das neben Brillengläsern und wissenschaftlichen Instrumenten auch „Luxusartikel“ wie Operngläser, Feldstecher, aber auch Zielfernrohre und dergleichen produzierte. Neben seinem Betriebsratsmandat übte er in dem selben Unternehmen die Funktion eines Aufsichtsratsmitgliedes aus. Seine Mitgliedschaft als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat wird jedoch vom Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften verschwiegen. (Vgl. Ausgabe 1932, S. 2336) Die Protokolle der 10. und 11. Konferenz des Reichsbeirates der Betriebsräte und Konzernvertreter der Metallindustrie von Januar beziehungsweise Dezember 1931 nennen ihn ferner als DMV-Vertreter dieses Gremiums, in dem unter anderem Fragen der Rationalisierung in der Metallindustrie und auf der Grundlage eines Referates von Ernst Fraenkel die Bedeutung der Aktienrechtsreform für die Betriebsräte und Fragen der Ratio­nalisierung und die Frauenarbeit in der Metallindustrie diskutiert wurden. Die Mitgliedschaft in diesem Gremium, dem zu Beginn der 20er Jahre bereits Otto Warnecke aus Rathenow als Mitglied angehörte, unterstreicht die Bedeutung der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow. Ab 1927 war Otto Seeger Vorsitzender der Gruppenkommission der Betriebsräte im Organisationsbereich des DMV von Rathenow. Als Leiter dieser Kommission, die als Beirat der Ortsgruppe des DMV in allen Betriebsratsfragen fungierte, gehörte er der DMV-Ortsverwaltung als ehrenamtliches Vorstandsmitglied an.
Neben diesen Funktionen in der DMV-Verwaltung und als Betriebsrats- und Aufsichtsratsmitglied der genannten Aktiengesellschaft engagierte sich Otto Seeger auch als Arbeitsrichter und als Verwaltungsausschussmitglied beim Arbeitsamt in Rathenow. Seine Teilnahme an verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen in der Wirtschaftsschule des DMV in Bad Dürrenberg, unter anderem an Kursen zur beruflichen Weiterbildung und an einem achttägigen Kurs für Beisitzer in den Verwaltungsausschüssen der Arbeitsämter (Dezember 1932) weisen Otto Seeger als engagierten Betriebsrat und Gewerkschaftsfunktionär aus. Dennoch scheiterte er 1929 bei seinen Bemühungen, als Zweiter Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle des DMV in Rathenow gewählt zu werden. In einer Kampfabstimmung unterlag er dem auswärtigen Bewerber Peter Ames. Bis zur Zerschlagung der Gewerkschaften gehörte er jedoch als Leiter der Gruppenkommission der Betriebsräte dem Vorstand der DMV-Verwaltung in Rathenow an. Die Generalversammlung des DMV in Rathenow wählte Otto Seeger mehrfach zum Delegierten der DMV-Bezirkskonferenzen in Brandenburg und zum Delegierten des DMV-Verbandstages in Dortmund (1932).
Nach dem Verbot der SPD wurde Otto Seeger zusammen mit anderen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern verhaftet und zur „Schutzhaft“ am 28. Juni 1933 in das KZ Oranienburg eingeliefert, wo er bis zum 14. August 1933 inhaftiert blieb. Im Zusammenhang mit der „Aktion Gitter“ wurde er im August 1944 erneut verhaftet und mit anderen Funktionären aus Rathenow im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Außer der Häftlingsnummer 93166 ist nichts über seinen KZ-Haft bekannt. Unbekannt blieb, in welchem Block er untergebracht und welchem Arbeitskommando er zugeteilt war. Nach einer Veränderungsmeldung der Geld- und Effektenverwaltung wurde er am 11. September 1944 zu­sammen mit Otto Breternitz und Erich Schnur, beide ebenfalls aus Rathenow, entlassen. Informationen über das weitere Schicksal von Otto Seeger konnten nicht ermittelt werden.

— — —

Quellen:

  • AS, D 1A1/45, Bl. 89 (Veränderungsmeldung, Politische Abteilung).
  • AS, JSU 1/100, Bl. 218 (Veränderungsmeldung, Geld- und Effektenverwaltung).
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 110.
  • Geschäftsberichte 1921, 1922, 1924-1930, 1932, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o. O., o. J.
  • Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, Jg. 1932.
  • Jahresberichte/Geschäftsberichte des DMV-Bezirks Brandenburg 1924-1926, 1928-1932, o. O., o. J.
  • Protokoll der 10. und 11. Konferenz des Reichsbeirats der Betriebsräte und Konzernvertreter der Metallindustrie, abgehalten 25./26. Januar 1931 und 28./29. Dezember 1931 in Berlin, o. O., o. J.

Soziale/Regionale Herkunft: nicht bekannt

Ausbildung/Berufstätigkeit: Werkzeugmacher/Werkzeugdreher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Betriebsrat und Aufsichtsratsmitgliedes in der Firma Emil Busch AG; Vorsitzender der Gruppenkommission der Betriebsräte im Organisationsbereich des DMV von Rathenow; Ehrenamtliches Vorstandsmitglied der DMV-Ortsverwaltung Rathenow

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Juni 1933 - 14. August 1933: KZ Oranienburg; August 1944 - 11. September 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93166)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum