Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
25. September 1881 - 27. November 1947

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Karl Siegle.
Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 16729.

Karl Siegle. Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 16729.

Von Björn Lampe

Karl Friedrich Siegle wurde am 25. September 1881 in Ditzingen in der Nähe von Stuttgart geboren. Seine Eltern Wilhelm Heinrich und Katharina Siegle, geborene Kocher, hatten noch sieben weitere Kinder. Der Vater war Schreinermeister und besaß in Ditzingen eine kleine Schreinerei. Zudem verfügte die Familie über einige Äcker und Gärten. Sie war nicht wohlhabend, jedoch auch nicht besonders arm. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahre 1899 führten die Kinder unter der Leitung des 1882 geborenen Bruders Heinrich die Schreinerei weiter. Auch Karl Siegle lernte nach dem Besuch der Volksschule den Beruf des Tischlers. Er fand Anstellungen in Stuttgart, Frankfurt/Main, Mainz und Köln sowie der Schweiz und zog 1907 nach Berlin. Zwischenzeitlich leistete er von 1901 bis 1903 seinen Militärdienst in Ludwigshafen ab.
In der Familie selbst scheint ein reges Interesse für Politik geherrscht zu haben. Karls Bruder Ernst war nach dem Ersten Weltkrieg Mitglied im Vorstand des SPD-Ortsvereins und von 1922 bis 1933 Mitglied des Ditzinger Gemeinderates. Karl Siegle zog es zu gewerkschaft­lichem Engagement hin. Er trat bereits im Jahre 1900 dem Holzar­beiter­verband bei, ein Jahr später auch der SPD. Nach dem Ersten Weltkrieg, an welchem er als Soldat teilnahm, wurde er hauptberuflich als Gewerkschaftssekretär der Berliner ADGB-Ortsverwaltung tätig. Und dies, obwohl er die Position der Gewerks­chaften während des Krieges durchaus sehr kritisch sah. So sagte er auf dem 10. Kongress der Gewerkschaften in Nürnberg 1919: „Ich frage heute: wäre es nicht besser gewesen, wenn selbst
die Kassen der Gewerkschaften verloren gegangen wären, als daß so viele Millionen von Opfern durch diese Politik gebracht werden mußten1.“ Siegle war vom 1. Mai 1919 bis zum 30. September 1920 Bevollmächtigter der Verwaltung Berlin des Holzarbeiter­verbandes. Zudem war er Mitglied der Zentralstreikleitung während des Kapp-Putsches. Am 1. November 1920 wechselte er als Sekretär zum Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). Sein dortiges Aufgabengebiet umfasste sämtliche sozialen Belange, insbesondere das Krankenkassenwesen, die Arbeitsämter und das Wohnungs­wesen. Am
15. Juli 1923 wurde Siegle zum stellvertretenden Vorsitzenden des ADGB-Ortsaus­schus­ses Berlin gewählt.
In den folgenden Jahren übernahm Siegle zusätzliche Ehrenämter. Er wurde Mitglied des Vor­standes der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin, er gehörte dem geschäftsführenden Aus­schuss des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg an und wurde Vorsitzender des Auf­sichts­rates der „Gehag“, der größten Wohnungsbaugesellschaft der freien Gewerkschaften im Deutschen Reich. Von 1924 bis 1933 war er zudem Stadt- und Bezirks­ver­ord­neter in Berlin. In seiner Position als Sekretär und Vorstandsmitglied des ADGB in Berlin begann er zudem zahl­reiche Aufsätze zu verfassen, die sowohl im „Vorwärts“ als auch in der „Gewerk­schafts­zeitung“ veröffentlicht wurden.
Im Mai 1933 wurde Siegle nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abgesetzt und unter Polizeikontrolle gestellt. Sein Haus wurde mehrfach durchsucht. Siegle wurde schließlich am 16. Dezember 1933 verhaftet und in das Berliner Konzentrationslager Colum­bia-Haus gebracht. Von dort wurde er am 6. Januar 1934 in das KZ Oranienburg, wo er bis zum 16. Januar inhaftiert blieb, und anschließend in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit ge­bracht. Insgesamt verbrachte Siegle neun Monate in Untersuchungshaft, bis die An­klage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ aus Mangel an Beweisen fallen gelassen wurde.
Siegle war angeklagt, illegale Schriften verbreitet und zudem Kontakt zum Inter­nationalen Gewerkschaftsbund gehalten zu haben. Beides entsprach tatsächlich der Wahrheit, konnte aber nicht belegt werden. So setzte Siegle nach seiner Entlassung am 29. August 1934 seine illegale Arbeit fort. Zusammen mit anderen Gewerkschaftern verteilte er weiterhin die vom Exil-Vorstand der SPD, der Sopade, herausgegebene Zeitschrift „Sozialistische Aktion“. Die Verteilung wurde durch die Vorgabe von Haustürgeschäften zum Verkauf von Haushaltsgegenständen getarnt und nicht entdeckt.
Ende 1936 fand Siegle wieder Arbeit. Er übernahm einen Vertreterposten bei einer privaten Krankenkasse. Im Januar 1937 fuhr er auf eine Konferenz in Prag, bei der zahlreiche Sozial­demokraten und Kommunisten anwesend waren. Sie beschlossen die Fortführung ihrer illegalen Arbeit und gründeten eigens hierfür die Widerstandsgruppe „Volksfront“. Selbige beruhte auf den Überlegungen von Otto Brass und Hermann Brill, die den Sturz Hitlers durch die gemeinsame Anstrengung liberaler, demokratischer, sozialistischer und kommunistischer Gruppen erreichen wollten. Beruflich wechselte Siegle im gleichen Jahr zur Versicherung Nordstern AG.
Am 10. Oktober 1938 verhaftete die Gestapo ihn ein weiteres Mal. Er wurde wegen seiner Teilnahme an der Konferenz in Prag vor dem Volksgerichtshof angeklagt. Wiederum lautete die Anklage auf „Hochverrat“. Die Konferenz­teilnehmer hätten in Prag einen Plan zum Sturz der Regierung entwickelt, so der Vorwurf. Siegle wurde zu zweieinhalb Jahren Haft, seine Mitangeklagten Hans Seidel und Fritz Michaelis zu drei beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt. Siegles geringere Strafe wurde in der Urteilsschrift mit seiner beständigen Ablehnung des Gedankens der „Einheitsfront mit den Kommunisten2“ begründet. Siegle saß seine Strafe bis zum 29. April 1941 im Polizeigefängnis Berlin-Tegel ab.
Nach seiner Entlassung fand er Arbeit in einem Büro der Berliner Elektro-Industrie. Im Juni 1944 nahm er einen längeren Urlaub, um seine Familie in Württemberg zu besuchen. Hier­durch entging er der Verhaftungswelle im Anschluss an das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli. Von Berlin aus gewarnt, versteckte sich Siegle in den nächsten Monaten ge­mein­sam mit seiner Frau Ottilie, geborene Kleinheinz, in verschiedenen Dörfern in der Nähe von Stuttgart. Ohne Einkommen waren sie dabei vollständig auf die Hilfsbereitschaft der Dorf­bewohner angewiesen. Nach dem Ende des Krieges kehrten beide schließlich im Mai 1945 in Siegles Heimatstadt Ditzingen zurück.
Im August 1945 fassten sie jedoch den Entschluss, nach Berlin zurückzukehren. Siegle wurde in Berlin Mitarbeiter der Entnazifizierungskommission für Juristen. Im Jahre 1946 kam es in dieser Kommission zu einer Korruptionsaffäre. Siegle wurde daraufhin der Rechtsbeugung und passiver Bestechung verdächtigt. Obwohl er die Vorwürfe bestritt, wurde er daraufhin aus der SPD ausgeschlossen, und seine Ansprüche als Opfer des Faschismus wurden widerrufen. Zeitgleich verschlechterte sich Siegles Gesundheitszustand immer mehr. Seit der Haftentlassung 1941 litt er beständig an Magenschmerzen und hatte zudem Herzprobleme. Am 27. November 1947 starb er an Herzschwäche nach einer Magen­operation. Kurz vorher jedoch war der SPD-Parteiausschluss revidiert worden. Das Verfahren gegen ihn wurde nach seinem Tod eingestellt.

1 Protokoll des Kongresses, S. 356f. 

2 Widerstand als Hochverrat, Fiche 146. 

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Quellen:

  • BArch, R 58/742 (Festnahmeprotokoll Polizei Berlin).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 16729 (VVN-Akte).
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 200.
  • Protokoll zu Verhandlungen der zehnten Konferenz der Gewerkschaften Deutschlands, abgehalten zu Nürnberg vom 30. Juni bis 5. Juli 1919 in Nürnberg, Berlin 1919, S. 356ff.
  • StA Ditzingen, Melderegister.
  • Ross, Dietmar, Gewerkschaften und soziale Demokratie, Bonn 1975, S. 103-109.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, Berlin 1990, S. 191.
  • Widerstand als Hochverrat, Fiche 146.

Soziale/Regionale Herkunft: Ditzingen in der Nähe von Stuttgart; Sohn eines Schreinermeisters

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Tischler; Anstellungen in Stuttgart, Frankfurt/Main, Mainz und Köln sowie der Schweiz

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Gewerkschaftssekretär der Berliner ADGB-Ortsverwaltung; 1. Mai 1919 bis zum 30. September 1920: Bevollmächtigter der Verwaltung Berlin des Holzarbeiterverbandes; 1. November 1920: Sekretär des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB); 15. Juli 1923: Stellvertretender Vorsitzender des ADGB-Ortsausschusses Berlin

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1924 bis 1933: Stadt- und Bezirksverordneter in Berlin

Widerstandsaktivitäten: Kontakte zur Sopade; Verteilung von Material

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 16. Dezember 1933: Konzentrationslager Columbia-Haus; 6. Januar 1934 : KZ Oranienburg; 16. Januar 1934 - 29. August 1934: Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit; 10. Oktober 1938 - 29. April 1941: Polizeigefängnis Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitarbeiter der Entnazifizierungskommission für Juristen in Berlin; 1946: Vorwurf der Rechtsbeugung und Auschluss aus der SPD

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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