Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
9. Mai 1882 - 20. Oktober 1958

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Alexander Zimmermann.
Quelle: OdF-Ausweis, in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11387.

Alexander Zimmermann. Quelle: OdF-Ausweis, in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11387.

Von Siegfried Mielke

Reich mit Kindern „gesegnet“ zu sein – 14 Geschwister – bedeutete für die Familie Zimmermann ständige Not und Entbehrung. Schon in frühester Jugend waren Alexander Zimmermann und seine Geschwister „genötigt, zu dem kargen Verdienst des Vaters für den Lebensunterhalt beizutragen1“. Die sozialen Ungerechtigkeiten trugen, wie Zimmermann 1951 dem Entschädigungsamt mitteilte, entscheidend zu seinem Entschluss bei, sich gewerkschaftlich und politisch zu engagieren. Das bedeutete für ihn, „sich gegen solche Zustände zur Wehr [zu] setzen2“. Anregungen zu politischem und gewerkschaftlichem Engagement erhielt er nach Angaben in einem 1946 verfassten Lebenslauf, der seinem Antrag auf Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ beigefügt ist, in parteipolitischen Versammlungen der SPD. In diesen Versammlungen, in denen er „ständiger Gast“ war, erhielt er nach eigener Darstellung „die nötige Aufklärung [...], wie die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft werden kann, um der armen unterdrückten Menschheit ein besseres Los zu verschaffen3“.
Alexander Zimmermann wurde am 9. Mai 1882 in Driesen (Neumark), heute Polen, als Sohn der Eheleute Hermann und Karoline Zimmermann geboren und wuchs in sehr armen Verhältnissen auf. Sein Vater war Schuhmacher. Seine Mutter Karoline, geborene Schulz, war Hausfrau. Nach Abschluss der Volksschule 1896 erlernte er den Beruf des Glasbläsers. Obwohl der Lebenslauf in seiner Entschädigungsakte kaum Auskünfte über seine Lehre in Driesen und in Berlin sowie über seine berufliche Tätigkeit enthält, ist zu vermuten, dass Zimmermann vor seiner Anstellung durch den Zentralverband der Glasarbeiter zunächst einige Jahre im erlernten Beruf arbeitete. Von 1903 bis 1905 diente er als Soldat beim 22. Infanterie-Regiment in Beuthen (Oberschlesien). Nach eigenen Angaben wurde er 1905 Mitglied einer freigewerkschaftlichen Organisation und trat 1906 der SPD bei. „In beiden Kampfgruppen“ – so seine eigene Darstellung im Lebenslauf von 1946 – wurde ihm „Gelegenheit genug geboten, um im Interesse der unterdrückten Menschheit wirken zu können4“. Vor dem Ersten Weltkrieg heiratete er Martha Guthke, mit der er fünf Kinder hatte, von denen drei jedoch bereits im Kindesalter starben. Am Ersten Weltkrieg musste er von 1914 bis 1917 teilnehmen. 1917 verließ er die SPD und wurde USPD-Mitglied. Nach seiner Auffassung hatte die „große sozialdemokratische Partei“ nicht konsequent genug die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bekämpft. Die USPD hatte nach seiner Einschätzung „den besseren Vorsatz, den Sieg der unterdrückten Menschheit über den Kapitalismus herbeizuführen5“. Am 1. Januar 1920 wurde Alexander Zimmermann Angestellter (Expedient) im Zentralverband der Glasarbeiter. Bereits 1918 erlangte er in dieser freigewerkschaftlichen Organisation als Mitglied des Vorstandes des Zentralverbandes der Glasarbeiter eine wichtige Wahlfunktion, in der er bis 1924 bestätigt wurde. Nach dem Beschluss des Kongresses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes 1925 in Breslau, der die freiwillige Verschmelzung von Berufsverbänden zu Industriegewerkschaften empfahl, schloss sich der Verband der Glasarbeiter – ein Berufsverband mit langer gewerkschaftlicher Tradition – dem Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands an. Zusammen mit dem Verband der Porzellanarbeiter, der sich 1926 ebenfalls dem Fabrikarbeiterverband anschloss, bildeten die Glasarbeiter den Keramischen Bund, der die neu hinzugekommenen Gruppen Glas und Feinkeramik und die bereits vorher vom Fabrikarbeiterverband organisierten Arbeitnehmer der Grobkeramik und der Baustoffe als Untergruppe im Fabrikarbeiterverband zusammenfasste.
Bis zur Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 übte Alexander Zimmermann seine Tätigkeit als Expedient für den Keramischen Bund aus. Nach eigenen Angaben blieb er bis 1932 Mitglied der USPD. Das heißt, er folgte weder 1920 der Mehrheit der linken Parteimitglieder zur KPD, noch 1922 der Rest-USPD zur SPD. Er gehörte ab 1922 zu der „winzige[n] Gruppe von Sektierern“, die „die USPD als selbständige Partei fortzuführen versuchte und dabei weitere Abspaltungen produzierte6“.
Mit einer dieser Abspaltungen schloss sich Zimmermann 1932 der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, die im September 1931 von SPD-Funktionären und Mitgliedern des Reichstages gegründet worden war, die unter anderem die Tolerierungspolitik der SPD gegenüber der Regierung Brüning und die Politik der Parteimehrheit in der Frage des Panzerkreuzerbaus bekämpft hatten und daraufhin aus der SPD ausgeschlossen worden waren. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP arbeitete Zimmermann in einer illegalen SAP-Gruppe mit, die insbesondere für die Verbreitung von SAP-Publikationen – unter anderem die von Max Seydewitz verfasste und herausgegebene „Neue Proletarische Kampf-Front“ (vgl. Abbildung) – sorgte, die im Ausland hergestellt wurden. Mit anderen Mitgliedern der Gruppe wurde Alexander Zimmermann am 27. Dezember 1933 verhaftet. Bis zu seiner Verurteilung durch das Kammergericht Berlin „durchlief“ Zimmermann die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße und das „berüchtigte [...] Columbia-Haus (genannt Hölle)“, wo er „unter den schwersten Mißhandlungen leiden mußte7“. Vom Columbia-Haus wurde er ins KZ Oranienburg transportiert, wo er laut Entlassungsschein vom 6. bis zum 13. Januar 1934 inhaftiert war, anschließend wurde er für zwei Tage nach Berlin ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz und schließlich in die Berliner Untersuchungshaftanstalt Moabit gebracht. Abweichend von diesen Angaben, die lediglich von einer sehr kurzen Inhaftierung im KZ Oranienburg ausgehen, nennt die Liste der Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, die auf der Grundlage von Materialien des Brandenburgischen Landeshauptarchivs und Dokumenten der Gedenkstätte Sachsenhausen erstellt wurde, als Inhaftierungszeitraum Januar bis Juli 1934. Dieser Widerspruch beruht vermutlich auf Übertragungsfehlern.
Am 14. April 1934 verurteilte das Kammergericht Berlin Alexander Zimmermann wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren Zuchthaus. Das Kammergericht warf Zimmermann und dem mit ihm angeklagten Maschinenbauer Heinrich Uetzfeld insbesondere vor, „durch ihre Tätigkeit die auf gewaltsamen Umsturz gerichteten Ziele der von Seydewitz geleiteten Parteigruppe unterstützt“ zu haben, einer illegalen Partei, die zum Sturz der NS-Regierung aufrufe und für „die Aufrichtung der sozialistischen Republik unter Führung des Proletariats“ kämpfe8. Die vom Kammergericht verhängte Strafe von zwei Jahren verbüßte Alexander Zimmermann im Zuchthaus von Brandenburg-Görden.
Der weitere Lebenslauf von Alexander Zimmermann nach seiner Entlassung am 14. Januar 1936 aus dem Zuchthaus Brandenburg ließ sich nur sehr unvollständig ermitteln. Nach 1945 arbeitete er im AEG-Werk in der Seestraße (Berlin-Wedding), schloss sich vermutlich zunächst der SPD und ab April 1946 der SED an. Als sein Antrag vom Entschädigungsamt (Berlin-West) für die Wiedergutmachung 1953 mit der Begründung seiner SED-Mitgliedschaft abgelehnt wurde, schrieb er an den zuständigen Senator: „Dieser Beschluß ist für mich unfaßbar [...]. Nach dem Zusammenbruch 1945 hatten wir alle den Wunsch, eine Partei ins Leben zu rufen, die sich die Aufgabe gestellt hat, Deutschland einen gerechten Frieden zu geben und ein einiges Deutschland zu schaffen. In dieser Partei gehörte ich der Opposition an und habe immer schärfste Angriffe auf meine Person hinnehmen müssen. Da sich die SED-Politik zu einer diktatorischen Machtpolitik und Unterdrückung der freien Meinung entfaltete, habe ich auch meinerseits der Partei den Rücken wenden müssen, da sich diese Richtung nicht mit meinem Gewissen verbinden ließ. Von dieser Stunde an habe ich keine Parteiversammlung mehr besucht und Anfang des Jahres 1951 meinen Austritt erklärt9.“ Die Anerkennung als politisch Verfolgter erfolgte erst am 30. Januar 1958, das heißt, nur wenige Monate vor seinem Tode am 20. Oktober 1958. Alexander Zimmermann hinterließ seine Witwe Auguste Anna Zimmermann, geborene Guthke, und die beiden Söhne Kurt Paul Erich und Hans Gerhard Paul Zimmermann.

1 Wiedergutmachungsakte 1262, Landesverwaltungsamt Berlin. 

2 Ebd. 

3 LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11387. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 Lehnert, Detlef, Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, in: Thomas Meyer u. a. (Hrsg.), Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 689ff, hier: S. 691. 

7 Wiedergutmachungsakte, Landesverwaltungsamt Berlin. 

8 Urteil des Kammergerichts, BArch, NJ 5316. 

9 Wiedergutmachungsakte, Landesverwaltungsamt Berlin. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 132.
  • BArch, NJ 1611, Bd. 1 u. 2 (u. a. Neue Proletarische Kampf-Front, Anklageschrift gegen SAP-Mitglieder).
  • BArch, NJ 5316 (Anklageschrift und Urteil des Kammergerichts gegen A. Zimmermann).
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Alexander Zimmermann 1262.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 212.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11387 (OdF-Akte).
  • Heyde, Ludwig (Hrsg.), Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftslebens, Band 2, Berlin 1932, S. 1842.
  • Lehnert, Detlef, Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, in: Thomas Meyer u. a. (Hrsg.), Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 689ff.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, mit einem Geleitwort von Klaus Wowereit, Berlin 1990, S. 107.

Soziale/Regionale Herkunft: Driesen (Neumark); Sohn eines Schuhmachers

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Glasbläser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1918-1924: Vorstandsmitglied im Zentralverbandes der Glasarbeiter; 1920: Angestellter (Expedient) im Zentralverband der Glasarbeiter

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1906: SPD; 1917: USPD; 1932: SAP

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Arbeit für die illegale SAP

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Dezember 1933: Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße und KZ Columbia-Haus; 6. bis zum 13. Januar 1934: KZ Oranienburg; Zwei Tage: Polizeipräsidium am Alexanderplatz und Berliner Untersuchungshaftanstalt Moabit; Ab 14. April 1934 - 14. Januar 1936: Zuchthaus von Brandenburg-Görden

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SPD; SED (1951 Austritt)

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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