Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
14. November 1907 - 11. Oktober 1996

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Heinz Seeger - Portrait an seinem 75. Geburtstag im Jahre 1982.
Quelle: Siebert, Gerd (Hrsg.): Heinz Seeger, Frankfurt/Main 1983.

Heinz Seeger - Portrait an seinem 75. Geburtstag im Jahre 1982. Quelle: Siebert, Gerd (Hrsg.): Heinz Seeger, Frankfurt/Main 1983.

Von Axel Olearius

Rechter Kommunist, linker Sozialdemokrat, überzeugter Gewerkschafter

„Heinz Seeger war zweifellos ein profilierter Mann, ein Mann mit ausgeprägten politischen Interessen, zündender Rede und guten Formulierungen. Ebenso zweifelsfrei war und ist Seeger Marxist, der nach wie vor von der Einheit der Arbeiterklasse, allen Erfahrungen mit dem Kommunismus zum Trotz, träumt.“ Mit diesen Worten wurde Heinz Seeger im Jahre 1959 von seinen schärfsten Widersachern, den Unternehmern, gelobt und kritisiert zugleich – nicht am Ende seines Lebens, sondern nach seinem Rücktritt vom Vorsitz der Gewerkschaft Holz1. Die beschriebenen Überzeugungen und Fähigkeiten Seegers lassen sich in vielen Lebensabschnitten anhand seiner Schriften und Reden belegen.
Heinz Seeger, geboren am 14. November 1907 in Osnabrück, wuchs als uneheliches Kind bei seinen Großeltern auf. Sein Vater und Großvater waren Arbeiter und Mitglieder der SPD; seine Mutter arbeitete als Weberin. Nach achtjähriger Volksschulzeit und einer Lehre im Stellmacher- und Tischlereihandwerk zog Seeger von Osnabrück nach Berlin. Die Firma in Berlin-Spandau, der Seeger seine erste Anstellung als Karosseriebauer verdankte, gibt es heute noch: Die Orenstein & Koppel (O & K) AG. Der Betrieb produzierte zu Seegers Zeit weltweit die ersten „Grabenbagger für sehr schwere Böden und Steine“ und ersetzte 1926 deren Dampfantrieb durch Dieselmotoren2.
Bereits während seiner Lehre wurde Heinz Seeger Mitglied des Deutschen Holzarbeiterverbandes und engagierte sich bei O & K in Berlin als gewerkschaftlicher Vertrauensmann und Abteilungskassierer seiner Gewerkschaft. Bei O & K begann er auch, journalistisch zu arbeiten: Er berichtete in der Werkzeitung vor allem über Missstände im Betrieb. Seeger trat 1927 der KPD bei. 1928 wurde er arbeitslos, engagierte sich aber in der Jugendabteilung des kommunistischen Rotfrontkämpfer-Bundes. Seeger stand der oppositionellen Gruppierung innerhalb der KPD nahe.
Diese innerparteiliche „Rechte“ um Heinrich Brandler und August Thalheimer, zu der auch Heinz Seeger gehörte, wurde 1928/29 aus der KPD ausgeschlossen und gründete die KPD-Opposition (KPO).

KZ-Haft, Arbeitslosigkeit und Kriegsdienst

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der 25-jährige Seeger wahrscheinlich am 13. Mai 1933 verhaftet und in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Preußens erstes Konzentrationslager war am 21. März entstanden. SA-Leute hatten politische Gegner in einem verfallenen Fabrikgebäude inhaftiert. Die Gefangenen mussten das Gelände herrichten und Gebäude und Zellen ausbauen, so dass das Lager im April 500 und im Juni bereits 1.500 Häftlinge aufnehmen konnte. Kurz nach Seegers Inhaftierung im KZ Oranienburg wurde in Börnicke bei Nauen ein weiteres KZ in einer Fabrik neben der Wehrsportschule der SA-Standarte 244 eingerichtet. Dorthin schickte die Kommandantur des KZ Oranienburg ab Juli 1933 Arbeitskommandos, um den Bau einer SA-Gruppenführerschule voranzutreiben und Forst- und Straßenbauarbeiten zu verrichten. Das KZ Börnicke war ursprünglich für 50 Häftlinge gedacht, wurde dann aber durch die Arbeitskommandos für 150 bis 200 Gefangene ausgebaut. Am 20. Juni 1933 waren dort 107, zwei Wochen später ungefähr 140 Personen inhaftiert3. Zu einem dieser Arbeitskommandos gehörte auch Seeger, der sich mehr als 20 Jahre später in der sehr bekannt gewordenen Geschichte „Der Tod des Juden Lippmann“ an die Zustände in Börnicke erinnerte: „Eine Baracke aus Zementsteinen war als behelfsmäßiger Bunker eingerichtet, viel zu klein, um die ‚Schutzhäftlinge‘ aufzunehmen. Welch ein Zynismus überhaupt, die den SA-Horden Ausgelieferten ‚Schutzhäftlinge‘ zu nennen4. In qualvoller Enge zusammengepfercht die Nachtstunden verbringen zu müssen, war schon Leiden genug. Furchtbar aber war, daß in dem Bunker, durch eine Holzwand vom ‚Vernehmungsraum‘ getrennt, Nacht für Nacht die Eingesperrten das Schreien und Stöhnen, oft genug auch das Sterben der Opfer mitanhören mußten, die von der SA-Besatzung des Lagers ‚vernommen‘ wurden.“ Die Eingelieferten seien von den „Vernehmungsrichtern“ nach dem Grund ihrer Anwesenheit gefragt und dann so lange geschlagen worden, „bis die Antwort der SA-Meute genügte“, nicht selten bis der Tod eintrat. Eindringlich schildert Seeger in seiner Erinnerung die Ermordung eines Häftlings: „Es war an einem Nachmittag im Juni, als sie den Juden Lippmann in das Lager brachten [...]. Ein paar Häftlinge liefen, einer hinter dem anderen, von der SA-Meute mit Lederpeitschen und Knüppeln angetrieben, auf einen Haufen Steine zu, griffen schnell einen der Steine und rannten über den Platz, um ihn an der anderen Seite wieder abzulegen. Sport wurde das genannt, und dieser Sport wurde nicht eher abgebrochen, bis die Gejagten, Zerschlagenen und zu Tode Erschöpften blutend und besinnungslos über den Platz verstreut lagen. [...] Er [Lippmann, A. O.] war ein großer und kräftiger Mann mit einem runden Kopf und etwas verquollenen Augen. Schon jetzt trug sein Gesicht Spuren von Mißhandlungen, und die Gläser seiner Brille waren geborsten. [...] Lippmann stand noch nicht lange am Tor, da sammelte sich die SA-Meute mit Lederpeitschen und Stöcken, und dann schlugen sie den Juden Lippmann tot. Nicht sofort; das Totschlagen zog sich vielmehr über den ganzen Nachmittag hin und über die halbe Nacht. [...] Als es dunkel wurde, stießen sie ihn in den Keller, rissen ihm die Kleider vom Leibe, und gegen Mitternacht hatten sie das Leben des Juden Lippmann ausgelöscht.“ Seeger erinnert sich auch an die Frau und den Sohn des „Juden Lippmann“. Die beiden seien kurze Zeit später mit einem Wäschebeutel und einem kleinen Päckchen an das Tor des KZ gekommen und hätten mit dem Mann und Vater sprechen wollen. Die SA-Wache hätte getönt: „Sieh an, die alte Judensau, die kann gleich hierbleiben und sich dazulegen.“ Sie könne ihrem Mann auch nicht mehr schreiben, denn der sitze schon „in Abrahams Schoß“. Erst dann wurde der Frau bewusst, dass ihr Mann nicht mehr am Leben war.
Eine andere Gewalttat der SA-Wachleute gab den Ausschlag, das KZ zu schließen: Eine junge Frau, die in keinerlei Verbindung mit dem KZ stand, wurde am 15. Juni 1933 von SA-Leuten vergewaltigt, was den Regierungspräsidenten in Potsdam wohl zu der Anweisung bewog, alle Häftlinge nach Oranienburg zu bringen und sämtliche anderen Konzentrationslager zu schließen. Bereits Ende April hatte die sächsische Regierung angeregt, die „Schutzhäftlinge“ in großen Lagern zusammenzufassen, woraufhin der Vorschlag vermutlich von der Brandenburger SA-Standarte 208 aufgegriffen und an den Regierungspräsidenten von Potsdam geleitet worden war. Am 12. August wurden das KZ Börnicke und das KZ Meissnerhof, das eine Zeitlang als Nebenlager gedient hatte, endgültig aufgelöst. Über genaue Opferzahlen ist wenig bekannt. In einem Bericht des Potsdamer Regierungspräsidenten vom 12. August 1933 wird angegeben, dass es Misshandlungen mit Todesfolge, einen Selbstmord und zwei „Erschießungen auf der Flucht“ gegeben habe, beziehungsweise einige Arbeiter totgeschlagen worden seien5. Auch Seeger war verschiedenen Quellen nach im KZ Misshandlungen ausgesetzt. G. Prätorius zufolge verdankten Heinz Seeger und mehrere Hundert Häftlinge „ausgerechnet dem Röhm-Putsch“ ihre Freilassung: „Als Hitler die Massaker unter den SA-Leuten anrichten ließ, [...] wollte man offensichtlich die Gefangenen nicht als Zeugen haben und ließ sie mitten in der Nacht frei6.“ Die Entlassung erfolgte demnach Ende Juni oder Anfang Juli 1934. Nach seiner KZ-Haft blieb Heinz Seeger lange arbeitslos und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Gerd Siebert, langjähriger Vertrauter Seegers, schreibt über die weiteren Jahre: „S.[eeger] wurde 1939 eingezogen, aber wegen ‚Wehrunfähigkeit‘ [...] wieder entlassen und dienstverpflichtet bei Orenstein & Koppel Berlin7.“ 1944 sei er erneut eingezogen und in Russland eingesetzt worden. Wegen schwerer Erkrankung nach Italien versetzt, geriet Seeger gegen Ende des Krieges in US-Kriegsgefangenschaft.

Vom Sekretär zum Ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Holz

Im Oktober 1945 kehrte er zunächst zu seinen Familienangehörigen nach Osnabrück zurück und arbeitete als Sekretär bei der antifaschistischen Front, in der sich insbesondere Sozialdemokraten und Kommunisten engagierten. Seeger trat 1946 der SPD bei und beteiligte sich von Bad Münder im Weser-Bergland aus am Wiederaufbau seiner Gewerkschaft. Als Beiratsmitglied des Hauptvorstands nahm Seeger am Vereinigungsverbandstag der Industriegewerkschaft „Holz“ der drei Westzonen Ende Mai 1947 in Königswinter teil. Kurze Zeit später, ebenfalls im Jahre 1947, wurde Seeger Gewerkschaftssekretär und 1948 Geschäftsführer der Verwaltungsstelle in Bad Münder. Seeger gelangte als SPD-Kandidat in den Stadtrat und Kreistag. Auf Grund seiner journalistischen Fähigkeiten wurde Heinz Seeger 1951 zum Redakteur der „Holzarbeiter-Zeitung“ berufen, die mit einer zeitweiligen Auflage von zweiwöchentlich 200.000 Stück einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gewerkschaft besaß. Seeger fasste auf dem ersten Verbandstag 1951 vor den Delegierten den Zweck der Zeitung folgendermaßen zusammen: „Man kann eine gute Gewerkschaftszeitung nur dann machen, wenn man die Mitarbeit der Kollegen im Betrieb und in unserer Organisation hat. Nur dann können wir unsere Zeitung zu einem schlagkräftigen Organ machen und sie für unseren Kampf um die Befreiung der Arbeiterschaft von dem Joch einsetzen, das eine falsche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Arbeiterschaft auferlegt hat. Unsere Zeitung soll nicht allein dazu da sein – um ein Wort Marx’ zu gebrauchen – die Welt zu interpretieren, sondern diese Welt zu verändern8.“ Mit dieser Rede machte Seeger deutlich, dass es ihm um mehr ging als um Lohnbewegungen und Tarifabschlüsse.
Auf dem Zweiten ordentlichen Gewerkschaftstag der Gewerkschaft Holz im Juni 1953 nutzte Seeger erneut seinen Bericht über die Arbeit der Redaktion der „Holzarbeiter-Zeitung“, um ausführlich seine gesellschaftspolitischen und gewerkschaftlichen Vorstellungen darzulegen. Seeger betonte in seiner langen Rede, die laut Protokoll immer wieder von Beifall unterbrochen wurde, dass nicht nur das Industriegewerkschaftsprinzip, sondern auch die Einzelgewerkschaften wegen ihrer Werte und Traditionen wichtig seien: „Ich glaube, daß wir bei Gründung der Industriegewerkschaften vergessen oder aber nicht genügend beachtet haben, daß es so etwas gibt wie ein Berufsethos. [...] Ich glaube, daß wir in der Gewerkschaftsbewegung doch noch ein Stückchen weiterkommen würden, wenn wir das Industriegewerkschaftsprinzip nicht allzu dogmatisch anwenden würden, sondern wenn wir eben auf die nun einmal vorhandenen Verhältnisse Rücksicht genommen hätten. Es ist einfach das gewerkschaftliche Leben gehemmt in einer Mammutgewerkschaft von über 1 oder über 1 1/2 Millionen Gewerkschaftlern, da kann es sich nicht mehr entfalten9.“ Seeger vertrat, wie auch in späteren Reden und Artikeln, die Meinung, dass die Gewerkschaften die stärkste Säule der Demokratie darstellten. Zudem kritisierte er das mangelnde Engagement des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der eigenen Gewerkschaft bei der Neufassung des Betriebsverfassungsgesetzes. Seeger blieb mit seiner Kritik am Vorstand der Gewerkschaft Holz nicht alleine. Der bisherige Erste Vorsitzende, Franz Valentiner, verzichtete auf eine erneute Kandidatur. Die Delegierten wählten Heinz Seeger daraufhin einstimmig zum Ersten Vorsitzenden ihrer Gewerkschaft. Seeger war mit seinen 46 Jahren der zu diesem Zeitpunkt jüngste Vorsitzende einer bundesdeutschen Einzelgewerkschaft10. Sein ausgeprägtes Machtbewusstsein drückte sich auch in der Tatsache aus, dass er als Vorstandsvorsitzender weiterhin Chefredakteur der Holzarbeiter-Zeitung blieb und in den folgenden Jahren bis auf wenige Ausnahmen die Leitartikel schrieb. Dabei hatte er selbst noch vor seiner Wahl 1953 darauf hingewiesen, dass Vorstand und Redaktion der „Holzarbeiter-Zeitung“ nicht immer der gleichen Meinung sein müssten. Auf dem Dritten und Vierten Gewerkschaftstag (1955 und 1957) wurde Seeger jeweils für zwei weitere Jahre in seinem Amt bestätigt.

Gewerkschaftspolitik in den 50er Jahren

In den großen Streitfragen der Nachkriegszeit kritisierte Seeger als Gewerkschaftsfunktionär und Publizist die gesellschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Heinz Seeger lehnte die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im Sinne eines „Wehrbeitrages“ für die westliche Welt und die NATO ab. Auffällig musste sein Umgang mit der DDR erscheinen, die er bereits in den 50er Jahren in seinen Texten „DDR“ nannte und nicht – wie allgemein in der Bundesrepublik üblich – „Sowjetzone“. 1955, zwei Jahre nach dem DDR-Aufstand vom 17. Juni, nahm Seeger auf dem Gewerkschaftstag in Kassel zu Kontakten mit der DDR Stellung: „Bei aller Ablehnung einer offiziellen Kontaktaufnahme mit Staatsfunktionären des SED-Regimes bin ich doch der Meinung, daß wir uns bemühen sollten, Wege zu finden, um den Menschen nahezukommen, die gleich uns die Ideale der Freiheit und Menschenwürde erstreben. Wir sollten uns aber nicht scheuen, zu sagen, daß uns an dem SED-System der Pieck, Grotewohl und Ulbricht nicht so sehr missfällt, daß sie die Großgrundbesitzer und die Kapitalisten enteignet haben, sondern uns missfällt, daß in der Ostzone so wenig Raum bleibt für die persönliche Freiheit11.“ Seeger hatte einige Absätze zuvor auch den Zustand der Demokratie und den Einfluss von Alt-Nazis in Westdeutschland kritisiert und dabei an die Bedeutung der Gewerkschaften und an die Erfahrungen während der nationalsozialistischen Herrschaft erinnert: „Das demokratische Bewusstsein bei wichtigen Staatsfunktionären erscheint uns alles andere als gefestigt. [...] Durch das Schicksal gewarnt, das Tausende unserer Kolleginnen und Kollegen in den Konzentrationslagern hatten, werden wir sehr wachsam sein und verhindern, daß die Freiheiten, die wir heute haben, eingeschränkt werden und daß noch einmal Gefängnis und Konzentrationslager die Funktionäre der Gewerkschaften einer Vernichtung entgegenführen. Wir haben genug unter den autoritären Systemen, unter der Hitlerdiktatur als Gewerkschaften und auch als Menschen gelitten, als daß wir nicht dazu berufen wären, das politische Gewissen in unserem Staat darzustellen12.“
Als 1955 von CDU-Bundestagsabgeordneten christliche Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland gegründet wurden, warnte Heinz Seeger vor deren Einflussnahme auf den DGB und fürchtete die erneute Spaltung der Gewerkschaftsbewegung in Richtungsgewerkschaften: „Wer dem DGB angehören will, muß Mitglied einer der 16 Gewerkschaften sein, die den DGB bilden, und jeder Versuch, innerhalb unserer Organisation die Gründung christlicher Gewerkschaften zu unterstützen, muß zwangsläufig den Ausschluß aus der Gewerkschaft nach sich ziehen13.“ Er begründete diese Position immer wieder damit, dass es sich bei den Gewerkschaften – insbesondere bei der Gewerkschaft Holz – um überkonfessionelle Verbände handeln müsse, deren Interessen nicht in Widerspruch zur christlichen Sozialethik ständen.
Im Jahre 1956 stand das Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands bevor. In der allgemeinen antikommunistischen und antisowjetischen Stimmungslage forderte Seeger die Gewerkschaften auf, eine „Hexenjagd gegen die Kommunisten“ nicht mitzumachen. Oftmals würde von Kommunisten gesprochen, wenn freiheitliche und fortschrittliche Menschen gemeint seien, die die „Interessen der Arbeitnehmer mit Entschiedenheit14“ wahrnähmen. Außerdem habe die Arbeiterbewegung die Grundlagen der Demokratie und des Parlamentarismus überhaupt erst geschaffen. Seeger vertrat durch die ihm unterstellte oder tatsächliche Nähe zu Kommunisten und DDR-Vertretern eine in der Bundesrepublik Deutschland von vielen Seiten scharf kritisierte Position, die seine Stellung in der Gewerkschaft gefährdete.
Anfang September 1957 schien sich Seeger allerdings mit seiner DDR-freundlichen Position durchzusetzen: Die Delegierten des 4. ordentlichen Gewerkschaftstags der Gewerkschaft Holz in Nürnberg beschlossen mehrheitlich die Aufnahme von Beziehungen zur IG Bau-Holz in der DDR. Am darauf folgenden Tag musste der Beschluss auf Druck des DGB-Bundesvorstandes wieder zurück genommen werden, was als eine Niederlage für Seeger gewertet werden kann15. Aber erst 1958, ein Jahr später, hieß es in Anknüpfung an eine Pressemitteilung des DGB im „Neuen Deutschland“: „Der Vorstand der Gewerkschaft Holz teilt mit: Der Vorsitzende der Gewerkschaft Holz Heinz Seeger ist aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Seine Geschäfte werden bis zur Neuwahl vom bisherigen Vorstand weitergeführt16.“ Die Holzarbeiter-Zeitung vom Februar 1959 versuchte, diese Version in einer kleinen Notiz unter der Rubrik „Am schwarzen Brett“ zu untermauern und wehrte sich dagegen, den „Vorfall auf die politische Ebene zu schieben und damit den Gewerkschaften zu schaden17.“ Weitere Angaben über den Rücktritt Seegers wurden nicht gemacht. Erst der 1993 erschienene Jubiläumsband der Gewerkschaft Holz nennt explizit persönliche und politische Gründe für den Rücktritt Seegers: „Auch Seegers Führungsstil stieß alsbald auf Widerspruch; die zunehmend deutlicher werdende neutralistisch-DDR-freundliche Zuspitzung seiner politischen Positionen wurde nicht mehr ungeteilt akzeptiert: Sowohl bei antistalinistischen Linken [...] als auch erst recht bei den Christlich-Sozialen [...] und nicht zuletzt bei der sozialdemokratischen Mitte wuchs die Distanz zum Vorsitzenden. Dieser räumte faktisch das für ihn immer schwieriger werdende Feld des Organisationsapparates, indem er seiner Neigung zu Weltreisen auffällig nachgab. Und so mußte der einst mit viel Vorschußlorbeeren bedachte Seeger [...] weichen18.“

Politik ohne gewerkschaftliche Funktion

Heinz Seeger gründete nach dem Verlust seiner gewerkschaftlichen Funktionen 1961 die gewerkschaftspolitische Zeitschrift „Nachrichten – Informationen und Kommentare zur Wirtschafts- und Sozialpolitik19“, in der er publizistisch für seine Überzeugungen stritt. Diese kollidierten nicht nur mit der Politik und den Grundsätzen seiner Gewerkschaft, sondern auch mit denen der SPD. Bereits Ende der 50er Jahre hatte Seeger sich gegen die Bestrebungen der SPD, eine Volkspartei zu werden, ausgesprochen. Mit dem Godesberger Programm 1959 verschärften sich die Auseinandersetzungen. 1962 setzte der SPD-Parteivorstand eine Untersuchungskommission ein, die Seegers politisches Verhalten und die Vereinbarkeit mit der SPD-Mitgliedschaft überprüfen sollte. Vorgeworfen wurden Seeger die Unterzeichnung einer Erklärung zugunsten des „Weltkongresses für allgemeine Abrüstung und Frieden“ in Moskau und die in den „Nachrichten“ vertretene politische Tendenz. „Seine bisherige Handlungsweise läßt befürchten, daß der Antragsgegner auch in Zukunft in ähnlicher Weise verfahren wird20“, hieß es in einem Dokument. 1963 erfolgte dann mit ausdrücklichem Hinweis auf seine in den „Nachrichten“ vertretenen Ansichten der Ausschluss aus der SPD. Gerd Siebert wertete den Parteiausschluss als Zeichen von politischer Kontinuität: Am Ende der Weimarer Republik sei Seeger wegen „Rechtsabweichung“ aus der KPD und 30 Jahre später wegen „Linksabweichung“ aus der SPD ausgeschlossen worden21.
Im Jahre 1969 wurde die „Nachrichten“-Verlags-GmbH gegründet, mit der Seeger unter anderem die Broschüre „Marxismus leichtgemacht22“ für Gewerkschafter veröffentlichte, die eine Auflage von 40.000 Stück erreichte. In einer anderen Broschüre fasste er einige seiner unveränderten politischen Forderungen und Überzeugungen zusammen. Hier zeigte sich, dass die SPD nicht mehr seine politische Heimat war: „Eine Neuverteilung der Einkommen und eine Umverteilung der Vermögen ist notwendig, und zwar auf Kosten der Unternehmergewinne [...]. Der politische und wirtschaftliche Einfluß des Großkapitals muß zurückgedrängt werden [...] durch die Überführung der Schlüsselindustrien und anderer marktbeherrschender Unternehmen in Gemeineigentum. [...] Die Produktion [...] hat sich auf die Interessen des Verbrauchers zu orientieren. Dazu ist ein Mindestmaß an Wirtschaftsplanung notwendig23.“
Heinz Seeger bekleidete in den Jahrzehnten nach dem Krieg noch viele weitere Ämter: Er war Mitglied des Vorstands der Internationale der Bau- und Holzarbeiter, aktiv im Weltfriedensrat und im Internationalen Sekretariat der Arbeiterkonferenz der Ostseeländer, Norwegens und Islands. Seeger war Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Friedens-Union und deren Landesvorsitzender in Baden-Württemberg. Diese 1960 gegründete Partei forderte die militärische Neutralisierung Deutschlands und Verhandlungen der Bundesrepublik mit der DDR. Bei den Bundestagswahlen 1961 erreichte sie 1,9 Prozent der Stimmen, ging aber 1969 in einer anderen Organisation (Wahlbündnis Aktionsgemeinschaft Demokratischer Fortschritt) auf. Angesichts der Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag forderte Seeger Ende der 60er Jahre ein Bündnis „zwischen Arbeitnehmern und Studenten, Intellektuellen und anderen demokratischen Kräften mit dem Ziel der Sicherung der Demokratie und der Förderung des sozialen Fortschritts24“.
Mitte der 70er Jahre schied Heinz Seeger aus der Redaktion der „Nachrichten“ aus, war aber weiterhin publizistisch tätig. „Seine“ Zeitung lobte ihn zu seinem 70. Geburtstag ob seines Weitblicks in den 50er Jahren: „Seeger war der erste Gewerkschaftsvorsitzende, der noch inmitten der von Adenauer und der CDU/CSU – aber auch von anderen Parteien – angestachelten antikommunistischen Hysterie und Atmosphäre des Kalten Krieges ein offizielles Treffen mit dem Vorstand der IG BAU – Holz der DDR wagte. [...] Heute hat er die Genugtuung, daß sein Anliegen, für das er hartnäckig in den Gewerkschaften warb – zu einer Zeit, als der Antikommunismus auch im DGB sachliches Denken und Handeln sehr erschwerte –, nunmehr Bestandteil der offiziellen Politik des DGB und seiner Gewerkschaften geworden ist25.“
Peter Riemer, Seegers Nachfolger in der Holzarbeiter-Zeitung und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Holz, charakterisierte Heinz Seeger 1993 ähnlich wie die eingangs zitierte Unternehmerzeitschrift 1959: „Er war Zeit seines Lebens ein unbequemer Mann, in seiner Gewerkschaft und in der Politik.“ Ein versöhnliches Bild ergibt sich aus seinem Schlusswort: „Für Heinz Seeger aber bleibt das Eintreten für die Demokratie [...] wahrscheinlich das entscheidende Element seines Lebens26.“
Seeger engagierte sich bis ins hohe Alter in der DGB-Seniorenarbeit in seinem langjährigen Wohnort Friedrichshafen am Bodensee und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Er war Ende der 80er Jahre, nach Wiedereintritt in die SPD, Kandidat für den Stadtrat. Heinz Seeger verstarb am 11. Oktober 1996 und hinterließ seine dritte Ehefrau Ruth Seeger. Seine vier Kinder – darunter ein Zwillingspaar – aus erster und zweiter Ehe leben in Schweden, Australien und Deutschland.

1 Der Arbeitgeber vom 28.1.1959, zit. nach: Siebert, Gerd (Hrsg.), Heinz Seeger. Leben, Reden, Aufsätze, Frankfurt/Main 1983. 

2 Vgl. O & K Company History, unter: http://www.oandk.com/history.html, abgerufen am 17.1.2002. 

3 Zum KZ Börnicke: Drobisch, Klaus/Wieland, Günther, System der NS-Konzentrationslager 1933-1939, Berlin 1993.  

4 Seeger, Heinz, Der Tod des Juden Lippmann (1959), abgedruckt in: Siebert, Gerd (Hrsg.), Heinz Seeger. Leben, Reden, Aufsätze, Frankfurt/Main 1983. Wo die Erzählung erstmalig erschien, konnte nicht ermittelt werden. 

5 BLHA, Rep. 2 A (Regierung Potsdam), I Pol., Nr. 1171, Bl. 408, zit. nach: Drobisch/Wieland, S. 131. Die Autoren gehen aber davon aus, dass die Opferzahlen größer sind. 

6 In der Liste KZ Oranienburg wird Heinz Seeger nicht erwähnt.  

7 Auskunft von Gerd Siebert gegenüber dem Autor am 25.1.2002.  

8 Bericht der Redaktion der Holzarbeiter-Zeitung, in: Erster Ordentlicher Gewerkschaftstag vom 11. Juni bis 13. Juni 1951 in Stuttgart, hrsg. vom Hauptvorstand Gewerkschaft Holz, Düsseldorf, o. J., S. 169. 

9 Protokoll, Zweiter ordentlicher Gewerkschaftstag 1953, hrsg. vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Holz, Düsseldorf 1953, S. 161. 

10 Vgl. Metall, 5. Jg, Nr. 14, 1953. 

11 Seeger, Heinz: Aufgaben und Leistungen der Gewerkschaft Holz (Referat), in: Dritter ordentlicher Gewerkschaftstag vom 4. September bis 8. September 1955 in Kassel, hrsg. vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Holz, Düsseldorf, S. 168f. 

12 Ebd., S. 164f. 

13 Der Mitarbeiter, 4. November 1955, in: Siebert, Gerd (Hrsg.), Heinz Seeger. Leben, Reden, Aufsätze, Frankfurt/Main 1983. 

14 Holzarbeiter-Zeitung vom 1.2.1956, S. 18. 

15 Vgl. Siebert, S. 66. und Unsere Zeit vom 14.11.1987, S. 3. 

16 Neues Deutschland vom 16.12.1958.  

17 Holzarbeiter-Zeitung vom Februar 1959. 

18 Grebing, Helga, Wiederaufbau, Restauration, „Wirtschaftswunder“ 1945-1966, in: Grebing, Helga/Hemmer, Hans-Otto/Christmann, Gottfried (Hrsg.), Das Holzarbeiterbuch. Die Geschichte der Holzarbeiter und ihrer Gewerkschaften, Köln 1993, S. 201. 

19 Die Zeitschrift wurde 1971 in „Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik – Informationen und Kommentare“ und 1974 in „Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik – Gewerkschaftsspiegel –Informationen und Kommentare“ umbenannt. 

20 Schreiben des SPD-Parteivorstands, zit. nach: Siebert, S. 7. 

21 Vgl. Siebert, S. 7.  

22 Seeger, Heinz, Marxismus leicht gemacht, Frankfurt/Main 1970. 

23 Seeger, Heinz, Gewerkschaftliche Grundsatzfragen, Frankfurt/Main 1963.  

24 Nachrichten – Informationen und Kommentare zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, Juni 1968, zit. nach: Siebert.  

25 Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 17. Jg., November 1977, S. 3. 

26 Riemer, Peter: Heinz Seeger, in: Grebing, Helga/Hemmer, Hans-Otto/Christmann, Gottfried (Hrsg.), Das Holzarbeiterbuch. Die Geschichte der Holzarbeiter und ihrer Gewerkschaften, Köln 1993, S. 225. 

Soziale/Regionale Herkunft: Osnabrück; sozialdemokratische Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre im Stellmacher- und Tischlereihandwerk; Anstellung als Karosseriebauer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: gewerkschaftlicher Vertrauensmann; Abteilungskassierer des DHV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1927: KPD; 1928/29 aus der KPD ausgeschlossen; 1946: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: ab Mai 1933: KZ Oranienburg; KZ Börnicke

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Sekretär bei der antifaschistischen Front; Gewerkschaftssekretär des DHV und 1948 Geschäftsführer der Verwaltungsstelle in Bad Münder; Als SPD-Kandidat in den Stadtrat und Kreistag; Juni 1953: Vorsitzender des DHV; Vorstand der Internationale der Bau- und Holzarbeiter

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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