Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
8. Januar 1890 - 1969

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Siegfried Fitsch (links) als Ruheständler.
Quelle: PA Günter Fitsch, Erkner.

Siegfried Fitsch (links) als Ruheständler. Quelle: PA Günter Fitsch, Erkner.

Als am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“, die ersten politischen Häftlinge in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert wurden, befand sich unter ihnen auch Siegfried Fitsch, ein in Erkner bekannter Lokalpolitiker und Gewerkschafter.

Von Siegfried Mielke

Siegfried Heinrich Otto Fitsch wurde am 8. Januar 1890 in Berlin geboren. Sein Vater Karl August war Gärtner; seiner Mutter Anna Louisa Amalia Adelheid, geborene Thierbach, war eine Berufsausbildung verwehrt geblieben. Nach Abschluss der Volksschule erlernte Fitsch den Beruf des Tischlers. Über seine berufliche Entwicklung vom Tischler zum Gemeindeobersekretär und seine politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten ist nur sehr wenig bekannt. Gewerkschaftlich engagierte er sich im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Als diese Organisation sich mit dem Deutschen Verkehrsbund und zwei weiteren kleinen Organisationen der Freien Gewerkschaftsbewegung zum Gesamtverband der Arbeitnehmer der Öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs (Gesamtverband) zusammenschloss, wurde Siegfried Fitsch ehrenamtlicher Vorsitzender der neu gegründeten Organisation in Erkner.
Warum Fitsch am 21. März zu den ersten politischen Häftlingen gehörte, die in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert wurden, ließ sich nicht klären. Da er nach wenigen Tagen wieder freigelassen wurde, ist zu vermuten, dass weder Widerstandshandlungen noch ein Racheakt Grund für die Inschutzhaftnahme waren. Der Verhaftungsgrund dürfte in seiner herausgehobenen Stellung in der Gewerkschaftsbewegung von Erkner gelegen haben.
Informationen über Siegfried Fitsch finden sich erst wieder für die Zeit nach 1945.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es dem Hauptmann der Reserve Baumert, der Kontakte zu einer Widerstandsgruppe besaß, zusammen mit Siegfried Fitsch und Franz Dames, die ihm unterstellte 6. Kompanie zu bewegen, gegen den Vormarsch der Roten Armee keinen Widerstand zu leisten und so die Zerstörung der Stadt zu verhindern; einer Stadt, die aus Sicht der NS-Führung als wichtiger Knoten- und Verkehrspunkt bis zum letzten Mann gehalten werden sollte. Nach der Kapitulation wurde Fitsch unter dem Bürgermeister Franz Dames Dezernent für Ernährung, eine Aufgabe, die er offensichtlich sehr erfolgreich ausübte. Eine spätere Publikation von 1979 hebt zum Beispiel hervor, dass es ihm gelang – vermutlich im Tausch gegen Produkte eines in Erkner ansässigen Teerwerkes –, „400 Zentner Kartoffeln und 200 Zentner Zucker aus Tangermünde [zu] beschaffen1“. 1945 gehörte er ferner zu den Mitbegründern der SPD und wurde im Dezember 1945 zum Vorstandsmitglied des FDGB gewählt. Nach der Vereinigung von SPD und KPD schloss er sich der SED an. Er gehörte nach einer Darstellung der SED von 1979 zu den „wenige[n] …, die die demokratische Verwaltung aufbauten und eine Gemeinde von fast 10.000 Menschen aus dem Chaos herausführten2“.
Siegfried Fitsch starb 1969 in Erkner.

1 Rühle, Bernd: Erkner 1579 – 1979. Kreis Fürstenwalde, hrsg. von der Ortsparteileitung der SED Erkner, Berlin 1979, S. 46. 

2 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 25.
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol, Nr. 1206 „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112875/35 vom 1.8.1935).
  • PA Günter Fitsch (Unterlagen des Standesamtes, Bildmaterial).
  • StA Erkner, Schreiben vom 4.4.2002.
  • Adreßbuch von Erkner und Umgegend, Erkner 1928.
  • Adreßbuch von Erkner und Rüdersdorf, Cottbus 1939.
  • Erkner. Vom Fischerhaus an der Archenow zur Stadt. Eine Chronik, hrsg. von der Stadtverwaltung, Erkner 1998.
  • Märkische Oderzeitung vom 22./23.4.1995, S. 15.
  • Rühle, Bernd: Erkner 1579 – 1979. Kreis Fürstenwalde, hrsg. von der Ortsparteileitung der SED Erkner, Berlin 1979.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Gärtners Karl August Fitsch

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Tischler

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Ehrenamtlicher Vorsitzender des Gesamtverband der Arbeitnehmer der Öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs in Erkner

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 21. März 1933: Einige Tage Schutzhaft im KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Dezernent für Ernährung in Erkner; Dezember 1945: Vorstandsmitglied des FDGB; Mitbegründer der SPD; SED

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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