Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
9. Januar 1909 - ?

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Leonhard Heinemann wurde am 9. Januar 1909 als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren. Seit 1922 war Heinemann in der KPD aktiv. Er wurde im Juni 1933 bei einer illegalen Kurierfahrt in Alfeld verhaftet, in das KZ Moringen verbracht und schwer misshandelt. Im November 1933 kam er nach Oranienburg, wurde zu Weihnachten entlassen und emigrierte nach Frankreich. Nach der deutschen Invasion leistete er dort Widerstandsarbeit, wurde verhaftet und bis Kriegsende im KZ Landsberg inhaftiert. Nach dem Krieg engagierte sich Heinemann für die KPD/DKP in der BRD und wurde hierfür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Von Meiko Keller

Leonhard Heinemann wurde als Sohn jüdischer Eltern1 am 9. Januar 1909 in Hamburg geboren. Sein Vater, Sally Heinemann, und seine Mutter, Selma (geb. Rothschild), zogen 1914 nach Hannover. Insbesondere Sally Heinemann scheint „Leo“ schon früh mit politischen, insbesondere linken, Ideen in Kontakt gebracht zu haben2, denn Leonhard wurde bereits als 13–Jähriger Mitglied einer kommunistischen Kinder- und Jugendgruppe. Auch sein Bruder Kurt3 engagierte sich in der kommunistischen Partei. Der Hamburger trat außerdem der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) sofort nach deren Gründung bei und war auch im Roten Frontkämpferbund aktiv.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang die kommunistische Partei und ihre Vorfeldorganisationen in die Illegalität. Auch dort arbeitete der 24–Jährige weiter für die Partei und wurde u. a. als Kurier tätig, der die Kontakte zwischen lokalen Gruppen zu organisieren hatte. Auf einer solchen Kurierfahrt wurde Heinemann am 25. Juni 1933 in Gronau verhaftet4. Über die lokalen Polizeigefängnisse in Gronau und Alfeld kam der ungelernte Polsterer nach Moringen, wo er schwer misshandelt wurde5. Nach der Entlassung aus dem KZ Oranienburg am 24. Dezember 1933, in das er mit einer Reihe anderer Häftlinge aus Moringen am 29. November 1933 überstellt worden war, emigrierte Heinemann mit Unterstützung der KPD umgehend (Januar 1934) nach Frankreich.

Dort ließ er sich als Händler nieder und schloss sich sofort der kommunistischen Partei Frankreichs an. In Frankreich lernte Heinemann auch seine spätere Ehefrau6 kennen. Aus dieser Verbindung gingen zwei Kinder hervor. Als Folge seiner Flucht erkannten die Nationalsozialisten Heinemann 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft ab7. Die Besetzung Frankreichs und die Installierung des Vichy-Regimes machten den jungen Kommunisten zum aktiven Widerstandskämpfer. Als Mitglied einer am 11. Mai 1942 von polnischen Juden gegründeten Widerstandsgruppe („Gruppe Rosenzweig“) war Heinemann nicht nur für die Beobachtung von deutschen Truppenbewegungen in Südfrankreich und Italien zuständig, sondern zeichnete auch für das „Munitionslager“ und die „Propagandadienste“ verantwortlich8. Im Rahmen dieser Tätigkeiten erfolgte schließlich seine Festnahme durch eine Einheit der „Anti-terroristischen Polizei“ am 24. September 1943. Nach Verhören und Folterungen durch die zuständige Vichy–Brigade wurde der Hamburger am 10. Januar 1944 von einem Sondergericht zu sieben Jahren Zuchthaus wegen antinationaler Betätigung, kommunistischer Äußerungen, verbotenen Waffenbesitzes und des Besitzes einer falschen Personenkarte verurteilt. Die Strafe sollte Heinemann in der Haftanstalt Eysses antreten. Kurz nach seiner Ankunft beteiligte er sich an einem Gefangenenaufstand, der das gesamte Gefängnis in die Hände der Häftlinge brachte. Als daraufhin deutsche Artillerie die Anlage umstellte und mit Beschuss des gesamten Komplexes drohte, gaben die Häftlinge auf. Alle „politischen“ Gefangenen (nach Angaben Heinemanns ca. 1200 Personen) wurden der SS übergeben und am 30. Mai 1944 nach Dachau deportiert. Heinemann schildert, dass die Übergabe an die SS ohne besondere Befragung der Häftlinge zu ihrem „Status“ ablief, so dass seine Identität als deutscher Jude nicht entdeckt wurde. Folgerichtig wurde der Hamburger gemeinsam mit seinen französischen Kameraden in eine Baracke in Dachau eingewiesen. Von dort wurde Heinemann am 14. Juni 1944 in das Außenlager Landsberg verlegt, wo er bis zur Befreiung als Dolmetscher-Kapo fungierte9.

Nach der Befreiung des Lagers durch alliierte Truppen ließ sich der mittlerweile 36–Jährige sofort nach Frankreich repatriieren und nahm in Lyon eine Arbeit als Textilhändler an. In Frankreich wurde Heinemann jedoch nicht glücklich, da er geschäftlich scheiterte und auch privat Probleme hatte. Wohl auch aufgrund dieser Schwierigkeiten kehrte Heinemann 1950 allein nach Deutschland zurück und ließ sich wieder in Hannover nieder. Sofort schloss er sich der neu formierten KPD an und war ein regelmäßiger Besucher der Parteiveranstaltungen, auf denen er bisweilen auch als Ordner fungierte. Seine mehrjährige Erwerbslosigkeit endete am 4. Dezember 1952. Heinemann arbeitete fortan als verantwortlicher Redakteur der KPD–Tageszeitung „Die Wahrheit“. Als Folge dieser Tätigkeit wurde er am 25. Januar 1953 verhaftet, da der „Wahrheit“ Agitation gegen die freiheitlich–demokratische Ordnung des Grundgesetzes und Aufruf zum Umsturz vorgeworfen wurde. Das Gerichtsverfahren gegen den Hamburger, der als verantwortlicher Redakteur die Artikel nicht verfasst, aber auch nicht entsprechend redigiert hatte, endete am 13. Oktober 1955 in Lüneburg mit der Verurteilung zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Mit dieser Verurteilung verlor Heinemann auch seine Ansprüche auf Entschädigung als Opfer des Nationalsozialismus sowie die ererbten Ansprüche10 (seiner Eltern).

Heinemann, der sich in den Jahren 1953 und 1954 zweimal längere Zeit in der DDR zur Schulung aufgehalten haben soll, schloss sich nach seiner Entlassung aus der Haft und dem Verbot der KPD durch das Bundesverfassungsgericht (1956) der neugegründeten DKP an. Pläne, sich selbständig zu machen, sind im Rahmen eines Antrages auf Unterstützung noch bekannt geworden11, über das Ergebnis dieser Versuche wie über den weiteren Lebenslauf von Leo Heinemann ist jedoch nichts mehr bekannt.

1 Beide Eltern fielen später dem Genozid der Nationalsozialisten zum Opfer. 

2 Diese Meinung wird von Bekannten der Heinemanns vertreten, die die politische Sozialisation der Söhne maßgeblich durch den Vater geprägt sahen. Vgl. Entschädigungsakte von Leonard Heinemann im Hauptstaatsarchiv Hannover, Nds.110W, acc. 14/99, Nr. 106583. In dieser Akte befinden sich außerdem Vorgänge, die sich auf die Schicksale von Kurt Heinemann (9. Dezember 1906-1943) und Bertha Benz (geb. Heinemann am 2. April 1910, Leonhards jüngere Schwester) beziehen. 

3 Kurt Heinemann wurde kurz nach der Machtübernahme der Nazis noch vor „Leo“ verhaftet. Die Gestapo bot ihm an, als Spitzel zu arbeiten. Kurt Heinemann willigte ein, nur um unmittelbar nach seiner Freilassung nach Frankreich zu emigrieren. Dort wurde er 1943 vom Vichy–Regime an die Nationalsozialisten ausgeliefert und fiel ebenfalls dem Genozid der Nationalsozialisten zum Opfer. Vgl. ebd. 

4 Vgl. den Haftbefehl ausgestellt durch den Ahlfelder Landrat. 

5 Vgl. Zorn, Gerda: Widerstand in Hannover, Frankfurt a. M. 1977, S. 102. In Übereinstimmung mit Karl Meier berichtete auch Heinemann davon, dass in Moringen die Repressalien Juden gegenüber härter gewesen seien als in Oranienburg. 

6 Die Ehe scheiterte. Dies kann wohl auch als ein Grund für Heinemanns spätere Rückkehr nach Deutschland angesehen werden. Vgl. Entschädigungsakte. 

7 Im Erlass, der Heinemanns Ausbürgerung regelte, wurde nicht nur er, sondern auch seine Eltern und sein Bruder Kurt ausgebürgert. Vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Nr. 283 vom 5. Dezember 1938, in: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933 – 1945, K. G. Saur Verlag, abgerufen am 23. Januar 2008. 

8 Später soll sich Heinemann auch der Gruppe „Rolland“ angeschlossen haben. Vgl. Hamacher, Gottfried (Hrsg.): Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung „Freies Deutschland“, Berlin 2005, S. 79. 

9 Vgl. Entschädigungsakte. 

10 Vgl. ebd. 

11 Vgl. ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn der jüdischen Eltern Sally und Selma Heinemann. Vater war von Beruf Schneider

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule, ungelernter Arbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: RGO seit 1930

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Mitglied der KPD seit 1922 und Mitglied des Roten Frontkämpferbundes

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: illegale Kuriertätigkeiten in und um Hannover. Mitglied einer von polnischen Juden gegründeten Widerstandsgruppe in Frankreich. Seine Aufgaben dort waren Propagandatätigkeiten und Feindbeobachtung. 1944 Teilnahme am Gefängnisaufstand in Eysses.

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Am 25. November 1933 in Gronau verhaftet und über das Gefängnis Alfeld nach Moringen verbracht. 29. November 1933 – 24. Dezember 1933 KZ Oranienburg. 10. Januar 1944 – 30. Mai 1944 Eyssesgefängnis Paris. 30. Mai 1944 – 14. Juni 1944 KZ Dachau. 14. Juni 1945 – Kriegsende Außenlager Landsberg.

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied der KPD nach 1950. Seit Dezember 1952 verantwortlicher Redakteur der Parteizeitung „Die Wahrheit“. Ab 1956 Mitglied der DKP.

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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