Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
22. Dezember 1895 - 06. August 1951

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Otto Buchholz wurde am 22. Dezember 1895 in Solingen geboren. Buchholz war ausgebildeter Pfarrer und arbeitete später als Lehrer und als Leiter der Polizeischule Hannover. Nach der Machtübernahme von den Nationalsozialisten wurde er am 7. August 1933 verhaftet und in das KZ Moringen gebracht, wo er schwere Misshandlungen erlitt. In Oranienburg war Buchholz ab dem 29. November 1933 inhaftiert und im Außenkommando Blumberg eingesetzt. Dort blieb er bis zu seiner Entlassung Ende März 1934. Nach dem Krieg arbeitete er als Schulrektor in der sowjetischen Zone, bevor er im Juli 1949 in den Westen flüchtete und Referent des niedersächsischen Innenministers Borowski wurde.

Von Meiko Keller

Otto Buchholz wurde am 22. Dezember 1889 als Sohn eines Pfarrers in Solingen geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums in Essen (Ruhr) studierte er Geschichte und Theologie in Tübingen, Bonn, Halle und Utrecht (Niederlande). Im Ersten Weltkrieg war er bis 1917 regulärer Soldat, von Juli 1917 bis Kriegsende wirkte er als Lehrvikar in der Truppe.

Nach Kriegsende wurde Buchholz Hilfsprediger in der Pfarrei Dinslaken, die er nach seiner Ordination verließ, um im Juni 1920 in Stettin eine Pfarrstelle anzutreten. Laut Personalakte1 hatte er in dieser Zeit erste Kontakte zu Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei und wurde mit sozialistischem Gedankengut vertraut. Für diese These spricht auch sein Ausscheiden aus dem Pfarrdienst zu Beginn des Jahres 1923. Nach eigenen Angaben2 unternahm er diesen Schritt, um in Lohberg eine Volkshochschule für Bergarbeiter aufzubauen. Diesem Wunsch entsprechend erwarb er 1924 das Mittelschullehrerexamen in Theologie und Geschichte. Jedoch scheint dem Vorhaben kein Erfolg beschieden gewesen zu sein; ein behördlicher Lebenslauf vermerkt für diese Zeit zwischen 1923-24 die Tätigkeit „Schriftsteller“ in Buchholz’ Lebenslauf. Zudem wurde Buchholz bereits 1924 an der Polizeiberufsschule Magdeburg angestellt; aus diesem Jahr datiert auch sein Eintritt in die SPD3. 1926 wechselte Buchholz dann nach Hannover, hier stieg er zum Leiter der Polizeischule auf. Für seine Arbeit wurde er kurz nach Kriegsende vom späteren SPD–Vorsitzenden Kurt Schumacher gelobt, der in einem Brief an den Polizeipräsidenten Barth die gute Ausstattung der Polizeibücherei mit Antikriegsliteratur durch Buchholz hervorhob4. Seine Tätigkeit in der Polizeischule übte Buchholz bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten aus und engagierte sich privat für die SPD als Referent, u. a. durch Schulungen zum Thema „innenpolitische Gegenwartsfragen“. Politisch stand Buchholz wahrscheinlich eher am linken Rand der SPD. So äußerte er sich auf einer Tagung im Februar 1933 positiv zur Idee der Bildung einer Einheitsfront mit der KPD. In der Personalakte ist zudem registriert, dass auch seine Vorgesetzten seine Haltung zur KPD als zu positiv registriert haben.

Privat war Buchholz vor der Zeit der Machtübernahme von seiner Frau geschieden worden, die beiden Kinder lebten bei der Mutter. Als Grund für die Trennung gab die Frau (nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten) gegenüber staatlichen Stellen die Hinwendung ihres Mannes zum Marxismus an5.

Die Machtübernahme bedeutete für Buchholz die Entlassung aus seiner beruflichen Stellung. Bei einer Razzia in seiner Wohnung am 1. August 1933 wurden „61 kommunistische/marxistische Bücher und Zeitschriften beschlagnahmt“; am 9. August 1933 folgte seine Entlassung aus dem Staatsdienst. Der genaue Zeitpunkt seiner Verhaftung ist nicht mehr feststellbar. Buchholz ist nach seiner Verhaftung im KZ Moringen vermutlich schwer misshandelt worden. Sein Tischnachbar im Konzentrationslager schilderte, dass Buchholz einmal drei Tage im Vernehmungszimmer des KZ Moringen verbringen musste, das bei den Häftlingen „Freudenzimmer“ hieß. „Als er wieder rauskam, sah er furchtbar aus6.” Zusammen mit anderen Häftlingen wurde Buchholz am 29. November 1933 aus Moringen nach Oranienburg gebracht. Dort blieb er bis zum 31. März 1934 und scheint sich dort unauffällig verhalten zu haben. Aktenkundig wurde lediglich seine Zustimmung, die eigenen Pensionsansprüche an seine Kinder auszuzahlen. Die Aktenlage deutet darauf hin, dass in dieser Sache Druck von Seiten der Nationalsozialisten ausgeübt wurde. Die Ex–Ehefrau von Buchholz schickte in der Angelegenheit einige Briefe an verschiedene Stellen, um die Einleitung dieser Maßnahme zu erreichen. Nach seiner Entlassung zog Buchholz nach Berlin und lebte dort vom Verkauf von Seifen und Fotografien. Eingezogen wurde Buchholz nicht. Da er aus politischen Gründen in einem Konzentrationslager inhaftiert worden war, galt er als “wehrunwürdig”.

Das Kriegsende erlebte Buchholz aus unbekannten Gründen7 in Weissenfels (Sachsen–Anhalt). Dort half er nach dem Kriegsende beim Wiederaufbau und der Reorganisation des Schulamts, wurde kurzzeitig Ministerialrat im Kultusministerium, bevor er 1948 den Posten des Rektors einer Oberschule in Naumburg annahm. Auch diese Stelle hatte Buchholz nur kurzfristig bis Juli 1949 inne. Anschließend quittierte er den Dienst und übersiedelte in den Westen. Als Grund für diese Entscheidung gab er mehrere Denunziationsfälle an seiner Schule an, welche er öffentlich verurteilt habe. Als Konsequenz dieses öffentlichen Widerspruches hatte Buchholz sich in der sowjetischen Besatzungszone nicht mehr sicher gefühlt und übersiedelte nach Hannover. Dort erhielt er im Dezember 1949 eine Stelle als persönlicher Referent des damaligen SPD–Innenministers Richard Borowski, mit dem er gemeinsam im KZ Moringen inhaftiert gewesen war. Diese Position behielt Buchholz, der zu dieser Zeit bereits ein zweites Mal verheiratet war, bis zu seinem plötzlichen Tod 1951.

1 Vgl. Personalakte Otto Buchholz im Hauptsstaatsarchiv Hannover, Nds. 100, Acc. 2006/070 Nr. 12-18. 

2 Vgl. Selbst geschriebener Lebenslauf des Otto Buchholz, ebd. 

3 Vgl. den Brief an den Polizeipräsidenten Hannovers im Anhang. 

4 Vgl. Brief von Kurt Schumacher an Polizeipräsident Barth, in: Albrecht, Willy: Kurt Schumacher, ein Leben für den demokratischen Sozialismus, Bonn 1985, S. 358. 

5 Vgl. Brief der Gattin des Otto Buchholz, in: Personalakte von Otto Buchholz. 

6 Bericht Karl Ebeling, zit. nach: Zorn, Gerda: Widerstand in Hannover, Frankfurt am Main 1977, S. 103. 

7 Buchholz nennt „kriegsbedingte Gründe“, es könnte sich hierbei um die Zerstörung seiner Wohnung in Berlin gehandelt haben. Vgl. selbst geschriebener Lebenslauf des Otto Buchholz.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn eines Pfarrers aus Solingen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule, Gymnasium, Studium der Theologie und Geschichte in Tübingen, Bonn, Halle und Utrecht (Niederlande). Ab 1920 Pfarrstellen in Dinslaken und Stettin. 1924 Mittelschullehrerexamen für Geschichte und Theologie. 1924 – 26 Polizeiberufsschule Magdeburg. Ab 1926 Polizeischulrat in Hannover. August 1933 Entlassung aus dem Dienst. Nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager ist Buchholz tätig als Seifen- und Fotoverkäufer. Nach Kriegsende in Weissenfels Reorganisation des dortigen Schulamtes sowie Ministerialrat im Kultusministerium in Halle. Ab 1948 Leiter der Oberschule in Naumburg. Nach Flucht in den Westen Ende Juli 1949 arbeitet Buchholz vom November 1949 bis zu seinem Tod 1951 als persönlicher Referent des niedersächsischen Innenministers Borowski im Range eines Regierungsrates.

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied einer ADGB - Gewerkschaft

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Seit 1924 Mitglied der SPD im Ortsverein Hannover. Für die SPD als Referent in der politischen Bildung tätig. Partei- und journalistische Tätigkeit in der sozialdemokratischen Zeitschrift „Volkswillen“.

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Am 7. August 1933 in Hannover verhaftet und in das KZ Moringen gebracht. 29. November – 31. März 1934 im KZ Oranienburg inhaftiert.

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitaufbau der SPD in Ostdeutschland nach Ende des Krieges 1945. Arbeit als persönlicher Referent des niedersächsischen Innenministers Borowski (SPD)

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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