Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
19. Juli 1902 – 04. Dezember 1989

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Karl Meier bei Siemens und Halske.

Quelle: PA Petra Gerland.

Karl Meier bei Siemens und Halske. Quelle: PA Petra Gerland.

Karl Meier wurde am 19. Juli 1902 in Buchholz geboren. Er engagierte sich seit den 20er Jahren für die KPD und war auch in der RGO aktiv. 1931 in den Lippischen Landtag gewählt, wurde er 1932 Mitglied des Reichstages. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Meier im Jahr 1934 in vier verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert. Nach der Entlassung stets überwacht, überlebte Meier den Krieg und wurde Landrat in Stadthagen, bevor er sich 1949 nach einer missglückten Bewerbung um ein Bundestagsmandat für die KPD aus der Politik zurückzog.

Von Meiko Keller

Karl Meier wurde am 19. Juli 1902 in Buchholz (Kreis Bückeburg) als neuntes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater Heinrich war Korbmacher und politisch sehr interessiert, auch wenn er sich in keiner Partei engagierte. Zudem stand ein Onkel der Arbeiterbewegung nahe, beide könnten in dem jungen Karl frühes Interesse für die Politik geweckt haben1. Entscheidend für Meiers politische Sozialisation soll aber die Erfahrung der Not und des Elends des Ersten Weltkrieges gewesen sein2.

Der spätere Reichstagsabgeordnete begann seinen Bildungsweg in der Grundschule in Heesen aus der er Ostern 1916 entlassen wurde. Im Anschluss hieran nahm der erst 14–Jährige eine Arbeitsstelle in einer Glasfabrik in Obernkirchen an3. Nach eigener Aussage hat Meier während der Zeit in der Glasfabrik noch eine, nicht näher spezifizierte Fortbildungsschule in Heesen besucht4. In die Zeit seiner Arbeit in der Glasfabrik „Schauenstein“ fielen auch die Ereignisse der Novemberrevolution 1918, die in Meier den Wunsch nach eigenem politischem Engagement weckten. Bereits im Jahr 1919 wurde Meier als 17–Jähriger Gewerkschaftsmitglied und trat Anfang 1920 der KPD bei5.

Die Glasfabrik blieb bis 1921 die Arbeitsstelle des gebürtigen Buchholzers. Im April 1921 wechselte Meier dann den Arbeitsplatz und arbeitete in der Funktion eines Kabellegers als Telegrafenarbeiter bei der Reichspost in Hamm (Westfalen). In die Zeit dieser Tätigkeit fiel auch die Eheschließung mit Auguste (geb. Krückeberg) am 5. August 1922, aus der eine Tochter hervorging. Die Entlassung aus seiner Stellung am 3. Januar 1924 erfolgte aufgrund eines generellen Stellenabbaus in den Staatsbetrieben6.

Nach seiner Entlassung bei der Reichspost wurde Meier Leitungsaufseher bei der preußischen Wasserstraßenverwaltung in Minden. Die nächsten acht Jahre verbrachte er in dieser Stellung; die stabile Berufssituation ermöglichte ihm nun den regelmäßigen Besuch von Schulungen der KPD sowie eine eingehende Beschäftigung mit politischer Literatur. Bis 1933 hatte der ungelernte Arbeiter sich nach eigener Auskunft eine Bibliothek im Wert von mehreren hundert Reichsmark aufgebaut. Zentraler Bestandteil seiner autodidaktischen Fort– und Weiterbildung waren die Arbeiten von Marx und Engels sowie die Werke sozialdemokratischer Theoretiker (u. a. Kautsky und Hilferding), aber auch russische Autoren wie Lenin, Tolstoi und Gorki waren in seiner Bibliothek vertreten7.

Der junge Arbeiter nutzte sein Selbststudium nicht nur zur theoretischen Weiterbildung, sondern versuchte sein gewonnenes Wissen auch praktisch umzusetzen. So begann mit der Aufnahme seiner Tätigkeit bei der Wasserstraßenverwaltung auch ein verstärktes gewerkschaftliches Engagement. 1924 wurde Meier erster Bevollmächtigter des Deutschen Verkehrsbundes im Kreis Stadthagen und übernahm im Jahr 1927 auch den Posten des Betriebsratsvorsitzenden in seinem Betrieb. Beide Positionen hatte er lange Jahre bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 inne8.

Im Jahr 1931 wurde Karl Meier Bürgervorsteher in Stadthagen und im selben Jahr noch als einziger Kommunist Mitglied des Lippischen Landtages. Sowohl in dieser Funktion als auch als Mitglied des Bürgervorsteherkolleges versuchte Meier immer wieder, die Lebenssituation seiner benachteiligten Mitbürger, insbesondere der Erwerbslosen, zu verbessern. So forderte der junge Abgeordnete etwa 1931 eine außerordentliche Winterbeihilfe für Erwerbslose und deren Familien9.

Die Politik der Ortsgruppen der KPD war jedoch keineswegs abhängig von den politischen Vorstellungen der einzelnen Mitglieder. Stattdessen gab es für die kommunalen Vertreter der KPD Instruktionsmaterial, das von der Parlamentsabteilung des ZK an die jeweiligen Ortsgruppenleiter gegeben wurde10. Hierbei beschränkten sich die Anweisungen des Zentralkomitees nicht nur auf allgemeine Vorgaben, sondern beinhalteten teilweise auch detaillierte Empfehlungen für das Koalitionsverhalten der jeweiligen Ortsgruppen11.

Die zunehmende Polarisierung der politischen Lager erlebte Meier im Schaumburger Land, seiner Heimatregion. Die politischen Auseinandersetzungen zwischen links und rechts nahmen auch hier, wie in ganz Deutschland, zu; so war z. B. das Sprengen von Versammlungen des politischen Gegners durchaus üblich. Handgreiflichkeiten zwischen den ortsansässigen Gruppen blieben jedoch selten. Zu diesen kam es nur, wenn Kräfte von außerhalb in Stadthagen auftraten. Auf lokaler Ebene warb Meier heftig für eine Einheitsfront der Arbeiter in Stadthagen und Bückeburg, deren Zustandekommen auf einer Demonstration am 1. Mai 1932 erst am Einsatz eines größeren Polizeiaufgebotes aus Bielefeld scheiterte12.

Im Sommer 1932 wurde Meier von seinem damaligen Arbeitgeber entlassen, da er nach einer Kur im Sanatorium „Rote Fahne“ in Misschor (auf der Krimhalbinsel) nicht rechtzeitig an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war13. Hierzu äußerten später die Nationalsozialisten den Verdacht, dass weniger gesundheitliche Gründe für den Aufenthalt eine Rolle spielten, sondern dass es sich bei der Kur des jungen energischen Nachwuchsfunktionärs vielmehr um eine Schulung durch die Kommunistische Partei handelte14. Gegen die aus der Sicht des Nachwuchspolitikers ungerechtfertigte Entlassung klagte Meier vor dem Landesarbeitsgericht Hamm15.

Nach seiner Rückkehr von der Krim begann Meier eine Tätigkeit als hauptamtlicher Funktionär (die Anstellung datierte vom 22. August 1932) für die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO): Er wurde erster Sekretär der RGO Niedersachsen16. Im November 1932 wurde der KPD-Politiker für den Wahlkreis Südhannover-Braunschweig in den Reichstag gewählt.

Auch in dieser Funktion blieb Meier bei seiner Überzeugung von einer unbedingten Notwendigkeit einer Einheitsfront. Ein Flugblatt, das ihn als mutmaßlichen Verfasser ausweist und zeitlich kurz vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu verorten ist, ruft zu Massenstreikaktionen und zur Bildung der Einheitsfront „über die Köpfe aller Saboteure der proletarischen Einheitsfront hinweg17“ auf. Diese Position der Propagierung einer „Einheitsfront von unten“, über die „Köpfe der Bonzen“ hinweg, scheint eher der KPD–Parteilinie zu entsprechen, als Meiers vorherige praxisorientierte Arbeit in Stadthagen, wo er auch mit Funktionsträgern der SPD, mit denen er persönlich bekannt war, zusammenarbeitete.

Seine Arbeit als Mitglied des Reichstages konnte Karl Meier aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten kaum ausüben. Während des Reichstagsbrandes befand er sich auf einer Sitzung in Blankenburg (Harz). Nach Bekanntwerden der Vorfälle in Berlin brach Meier umgehend in Richtung Hannover auf, um sich in die dortige Landeszentrale der KPD zu begeben, wo er in der niedersächsischen Bezirksleitung der KPD als Agitpropleiter und Beauftragter für ländliche und bäuerliche Fragen arbeitete18. Nach den ersten Nachrichten über massenhafte Verhaftungen von Kommunisten und Warnungen von Parteifreunden, sich nicht zurück nach Bückeburg zu begeben, tauchte der kommunistische Reichstagsabgeordnete umgehend in die Illegalität ab und suchte Schutz in der Anonymität der Großstadt Hannover. Hier unterstützte er den Landesvorsitzenden der KPD, Max Lademann, in seinen Versuchen, den kommunistischen Widerstand in Hannover zu organisieren. Daher fehlte Meier bei der entscheidenden Landtagssitzung am 7. März 1933, der die Regierung des Freistaates Schaumburg-Lippe in die Hände eines nationalsozialistischen Reichskommissars legte19. Die persönliche Verfolgung Meiers spitzte sich im März 1933, als sich die Schaumburg–Lippische Landesregierung nach dem Fahndungsstand bezüglich des Reichstagsmitglieds Meier bei der Polizei Hannover erkundigte. Diese veranlasste daraufhin eine verstärkte Suche nach dem kommunistischen Politiker. Meier wurde im Deutschen Kriminalpolizeiblatt zur Fahndung ausgeschrieben. Am 21. April 1933, zehn Tage nach Veröffentlichung des Gesuches, wurde er in Stadthagen während eines konspirativen Treffens mit anderen Mitgliedern seiner KPD–Gruppe festgenommen20.

Aus dem Gefängnis Stadthagen, in das man ihn nach der Verhaftung gebracht hatte, wurde der ehemalige Reichstagsabgeordnete ins Gefängnis Hannover-Ricklingen überführt21 und von dort in das Konzentrationslager Moringen (Südniedersachsen) verbracht. In Moringen gehörte er laut eigener Aussage zu dem Kreis Gefangener, der besonders scharfen „Methoden22“ ausgesetzt war. Als Reichstagsabgeordneter der KPD galt Meier dort als prominenter Häftling, der von der Lagerleitung entsprechend schwer misshandelt wurde. Meier musste sechs Monate lang im Steinbruch arbeiten und wurde während dieser Zeit auch zu acht Tagen Einzelhaft verurteilt, wobei er vor Beginn dieser Haft so heftig auf den Kopf geschlagen wurde, dass er zwischenzeitlich das Bewusstsein und dauerhaft das Hörvermögen auf dem linken Ohr verlor23.

Etwa vier Monate nach der Festnahme ihres Mannes verhafteten die Nationalsozialisten auch Auguste Meier und verurteilten sie aufgrund illegaler Kurierdienste zu zwei Jahren Gefängnis wegen Hochverrats. Die Haft saß sie im Frauengefängnis Hannover ab, in dem zahlreiche politische Gefangene inhaftiert waren24. Die minderjährige Tochter des Ehepaares Meier wurde von den Großeltern betreut25.

Nach der Auflösung des Konzentrationslagers Moringen im November 1933 kam Karl Meier in das KZ Oranienburg, wo er bis zum 30. April 1934 blieb. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete hatte in Oranienburg Erdarbeiten zu leisten und war auch hier aufgrund seiner Vergangenheit als Mitglied des Reichstages „persönlichen Schikanen“ ausgesetzt26.

Ende April 1934 entließen die Nationalsozialisten Meier aus dem Konzentrationslager Oranienburg, allerdings machten sie ihm einige Auflagen für sein Verhalten nach der Haft. So war es dem KPD-Politiker verboten, Stadthagen ohne vorherige Genehmigung zu verlassen. Auch musste er sich nach 23 Uhr in seiner Wohnung aufhalten, er durfte kein Kraftfahrzeug führen und sich nicht an „verdächtigen“ Orten wie Bahnhöfen aufhalten. Ferner musste er einen Hausschlüssel an die Stadthagener Polizei aushändigen, um so eine ständige Überprüfung seiner Wohnung zu ermöglichen27.

Bereits am 21. Juni 1934 wurde das ehemalige Reichstagsmitglied während eines Besuches bei seiner inhaftierten Ehefrau abermals verhaftet. Ein Beamter der Staatspolizei erkannte Meier während seines Aufenthaltes im Gerichtsgefängnis von Hannover. Da das Präsidium der Staatspolizei von Meiers Entlassung noch nichts wusste, wurde per Eilverfügung eine erneute “Schutzhaft” angeordnet. Diesmal verbrachten die Nationalsozialisten ihn in das KZ Esterwegen. Auch hier erlitt er nach eigener Aussage wieder besondere Misshandlungen durch die Aufseher. Besonders in der Nacht sei er oft verprügelt worden28. Aus Esterwegen wurde Meier dann Ende 1934 nach Berlin gebracht, um als Zeuge vor dem Volksgerichtshof aufzutreten – er musste im Prozess gegen die frühere KPD–Bezirksleitung Niedersachsen29 aussagen. Obwohl der frühere Reichstagsabgeordnete bei der Hausdurchsuchung des Büros der KPD–Bezirksleitung am 4. Februar 1933 noch versucht hatte, seine Parteifreunde zu decken – er genoss als Mitglied des Lippischen Landtages zu diesem Zeitpunkt noch Immunität -, wurde der Bezirksleitung der Prozess gemacht und die Mitglieder zu Zuchthausstrafen zwischen eineinhalb und drei Jahren verurteilt30.

Parallel zum Prozess gegen seine Genossen lief seit dem 5. Oktober 1934 ein Verfahren gegen den KPD-Politiker wegen Hochverrates. Aus diesem Grund war Meier von Esterwegen bereits in das KZ Lichtenburg verlegt worden. Hauptgegenstand des Verfahrens war ein Flugblatt, das am 30. Januar 1933 in Hannover und Braunschweig verteilt worden war, und das Meiers Unterschrift trug. In dem Flugblatt, das eine geschätzte Auflage von 10.000 Stück hatte, riefen die Verfasser zum sofortigen politischen Massenstreik auf. Das Kammergericht Berlin beendete das Verfahren jedoch bereits am 17. Oktober 1934 wieder, da die Unterschrift Meiers nicht beweise, dass das Flugblatt von ihm entworfen – oder in Auftrag gegeben – worden sei. Bei einem Reichstagsmitglied sei es normal, dass sein Name auch ungefragt unter parteipolitische Veröffentlichungen gesetzt würde. Außerdem hatte der Arzt Meiers glaubwürdig ausgesagt, dass sein Patient zum fraglichen Zeitpunkt grippekrank und bettlägerig gewesen sei und so als Verfasser praktisch nicht in Frage komme31.

Im Dezember 1934 wurde Meier erneut aus der Haft nach Stadthagen entlassen, wo die bereits beschriebenen Restriktionen weiter ihre Gültigkeit hatten32. Im Jahr 1935 war Meier erwerbslos und lebte von Wohlfahrtsunterstützung; erst im April 1936 erhielt er eine Anstellung als Elektriker bei der Weberei Seegers in Stadthagen. Im September 1937 wechselte Meier dann zu Siemens und Halske nach Hannover. Hier war der KPD–Politiker bis August 1944 als Fernmeldemonteur tätig. Im Laufe der knapp siebenjährigen Tätigkeit bei Siemens und Halske wurde Meier laut eigener Aussage auf Betreiben der Gestapo und der NSDAP zweimal entlassen, jedoch immer wieder neu eingestellt33.

Am 28. August 1944 wurde der ehemalige Reichstagsabgeordnete, der als „Wehrunwürdiger“ nicht eingezogen worden war, noch einmal im Rahmen der Aktion „Gewitter“ verhaftet und im Gefängnis von Stadthagen inhaftiert. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Verhaftungen überstellten die zuständigen Polizisten Meier jedoch nicht nach Hannover, sondern entließen ihn nach einer Woche aus der Haft. Durch die Verhaftung gewarnt, tauchte Meier anschließend im nahe gelegenen Bad Eilsen bei Verwandten unter, wo er sich bis zum Ende des Krieges erfolgreich verbarg34.

Das Ende des Nationalsozialismus bedeutete für den ehemaligen Reichstagsabgeordneten die Möglichkeit, sich wieder in der Kommunalpolitik zu engagieren. Gemeinsam mit dem späteren Bürgermeister Stadthagens, Kunkel (SPD), gründete Meier ein „Komitee der Antifaschisten“ und bemühte sich um eine kontrollierte Verwaltung der Lebensmittellager am Mittellandkanal. Durch sein Engagement erwarb er sich das Vertrauen der Besatzungsmächte und konnte bald in ein öffentliches Amt zurückkehren. Ab dem 15. April 1945 leitete Meier die Wirtschaftsstelle des Landkreises Stadthagen und wurde im August 1945 durch die Alliierten zum Landrat in Stadthagen ernannt. Diese Tätigkeit übte er mehr als drei Jahre aus. Das Hauptaugenmerk seiner Arbeit richtete sich dabei auf den Wiederaufbau und die Reorganisation der Verwaltung in Stadthagen. Neben diesen Aufgaben schrieb der Landrat zudem Bescheinigungen für Gegner des Nationalsozialismus und musste sich auch mit den Anliegen der Bürger auseinandersetzen, die von der Zeit des Nationalsozialismus profitiert hatten35. Erst Ende September 1948 endete Meiers Beschäftigung in dieser Position, da die Landkreise Stadthagen und Bückeburg zum Landkreis Schaumburg–Lippe vereinigt wurden und Karl Meier vom zuständigen Kreistag nicht zum Landrat des neu gebildeten Landkreises gewählt wurde36. Die darauf folgende Entlassung aus dem Staatsdienst durch die niedersächsische Landesregierung erscheint aus heutiger Sicht überraschend, da Meier nicht nur ein Gegner des Nationalsozialismu, sondern darüber hinaus als ehemaliges Reichstags– und Landtagsmitglied auch zur Ausübung höherer Ämter befähigt und zudem noch vergleichsweise jung war. Die Entscheidung der Niedersächsischen Staatsregierung lässt sich heute wohl nur noch vor dem Hintergrund der Parteizugehörigkeit Meiers verstehen. Die erste Landtagswahl in Niedersachsen 1947, in der CDU (57 Sitze) und SPD (65 Sitze) dominierten37, dürfte auf die Ämterbesetzung in den kommunalen Verwaltungen großen Einfluss gehabt und kommunistischen Funktionsträgern das Verbleiben im Staatsdienst erschwert haben.

Nach seinem Ausscheiden aus der kommunalen Verwaltung bewarb sich Meier 1949 auf der Liste der KPD um ein Mandat als Bundestagsabgeordneter38. Nach der erfolglosen Kandidatur zog er sich weitgehend von der Politik zurück und eröffnete einen kleinen Tabakwarenladen in Stadthagen.

Mit dem Verbotsverfahren der KPD vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe im Jahr 1956 rückte das ehemalige Reichstagsmitglied noch einmal in den Fokus staatlicher Ermittlungsbehörden. Mehr als 20 Jahre nach der letzten Hausdurchsuchung wurde die Wohnung der Familie Meier erneut überprüft. Diesmal suchte die bundesrepublikanische Staatsanwaltschaft nach „Material, das der Beschlagnahmung unterliegt39“, wurde aber nicht fündig. Diese Episode war das letzte Mal, dass Karl Meier in das Zentrum überregionaler, politischer Aufmerksamkeit trat. Er zog sich weitestgehend von der Politik zurück und konzentrierte sich auf seine Arbeit als Geschäftsmann in Stadthagen. Darüber hinaus beteiligte er sich rege am gesellschaftlichen Leben in seiner Heimatregion. Er war Mitglied in vielen Vereinen und sogar Gründungsmitglied des Schwimmclubs Stadthagen, als dessen Vorsitzender er lange Zeit fungierte.

Das politische Engagement Karl Meiers war geprägt von einem starken kommunalen Bezug. Die Belange seiner Heimatregion standen für ihn stets im Vordergrund und überwanden auch die Parteigrenzen. Nicht nur seine gemeinsamen Aktionen mit dem späteren Bürgermeister Kunkel (SPD) zeugen davon, Meier entlastete auch viele „Mitläufer“ des NS–Regimes aus seiner Heimat, die in der Zeit der Entnazifizierung in das Visier der Behörden geraten waren, sich aber nichts zu Schulden hatten kommen lassen. Diese versöhnliche Haltung unterschied ihn zweifellos vom aufkommenden Stalinismus in der SBZ/DDR. Einen Übertritt dorthin hat Meier aufgrund der starken Verwurzelung mit seiner Heimat nie ernsthaft erwogen. Hinzu kam, dass er gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR seit Beginn der 1970er Jahre eine kritische Haltung eingenommen haben soll, obwohl er dies nur selten nach Außen hin zugab. Seine Verbundenheit mit der Bewegung scheint dies verhindert zu haben40.

Im Gegenzug ist allerdings anzunehmen, dass auch die maßgeblichen Personen in der DDR auf Meier und seinen kooperativen Politikstil nicht gut zu sprechen waren. Der von Angehörigen geäußerte Verdacht41, dass Meier von Bekannten und Freunden, die in der DDR lebten, in dieser Hinsicht gewarnt worden sein soll, wird verstärkt durch eine negative Charakterstudie der Kaderabteilung des Parteivorstandes der SED zu Karl Abel, der aus derselben Region wie Karl Meier stammte und mit diesem gut bekannt war. Abel wurde sehr kritisch beurteilt, obwohl er weiter für die Partei aktiv war. Insbesondere sein privatwirtschaftliches Engagement wurde ihm zur Last gelegt. Da Karl Meier sich sogar selbständig machte, nicht mehr für die Partei aktiv war und zudem vor dem Krieg eine höhere Position als Abel erreicht hatte, erscheint nachvollziehbar, dass er in der DDR noch kritischer als Abel beurteilt worden sein muss42.

Der „Kommunisten–Meier“ der zum „Zigarren–Meier43“ wurde , war im Schaumburger Land eine regionale Persönlichkeit, die aufgrund ihrer Verdienste für die Region über die Parteigrenzen hinweg geschätzt wurde. Die lokalen Presseorgane würdigten Meier und seine Arbeit zu seinem 70. und 80. Geburtstag und auch zu seinem Todestag am 4. Dezember 1989.

1 Vgl. die Aufzeichnung zu den Verwandtschaftsverhältnissen der Familien Meier und Kruse, in: PA Petra Gerland. 

2 Telefoninterview mit Petra Gerland (Enkelin) am 19. Februar 2008. Vgl. auch: Engel, Eckart: Meier, Karl Heinrich, in: Höing, Hubert (Hrsg.): Schaumburger Profile, ein historisch–biographisches Handbuch, Verlag für Regionalgeschichte, 2007, S. 199 – 204, hier: S. 199. 

3 Vgl. Lebenslauf Karl Meier, in: PA Petra Gerland. 

4 Vgl. ebd. und auch Engel: Meier, Karl Heinrich, S. 199. 

5 Meier wollte eigentlich der SPD beitreten; da diese ihn aufgrund seines jugendlichen Alters nicht aufnahm, wurde er Mitglied der KPD. Vgl. ebd. 

6 Vgl. Zeugnis für Karl Meier ausgestellt vom Telegraphen Bauamt am 2. April 1924, in: PA Petra Gerland. 

7 Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier im Hauptsstaatsarchiv Hannover, Nds. 110 W, Acc. 14/99, Nr. 100733. 

8 Vgl. Engel: Meier, Karl Heinrich, S. 199. 

9 Vgl. den „Antrag der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ortsgruppe Stadthagen“, in: PA Petra Gerland. 

10 Im Nachlaß von Karl Meier findet sich ein Dokument zu „Grundfragen der Kommunalpolitik“, das mehr als 20 Seiten umfasst und die marxsche Theorie auf die Gemeindeebene herunterbricht, vgl. „Grundfragen der Kommunalpolitik“, in: PA Petra Gerland. 

11 Vgl. „Rundschreiben an alle Bezirksleitungen, Landtags– und Kommunalfraktionen“ des ZK. – O/Parlamente, vom 10. Oktober 1932, in PA Petra Gerland. In diesem Rundschreiben ist sogar ein Antrag vorformuliert, der dann durch die jeweiligen KPD–Fraktionen eingebracht werden sollte. 

12 Vgl. Engel: Meier, Karl Heinrich, S. 199. Meiers Eintreten für eine Einheitsfront auf kommunaler Ebene scheint ein Verstoß gegen die offizielle Parteilinie der KPD gewesen zu sein, so darf laut den „Grundfragen der Kommunalpolitik“ eine „’Einheitsfront’ mit anderen Parteien […] für einen Kommunisten nicht in Frage kommen“. Vgl. „Grundfragen der Kommunalpolitik“, in: PA Petra Gerland, S. 16. 

13 Vgl. Schreiben des preußischen Maschinenbauamtes an Karl Meier vom 29. August 1932, in: PA Petra Gerland. 

14 In dieser Hinsicht äußerte sich die Staatsanwaltschaft in einem späteren Prozess gegen Karl Meier vor dem Strafsenat des Kammergerichtes Berlin, vgl. BArch, NJ 15131, Bl. 1. Angehörige von Karl Meier beschreiben die Reise jedoch als normalen Kuraufenthalt, auch wenn er an seinem Kurort Freunde gehabt habe. Vgl. Telefoninterview mit Petra Gerland vom 19. Februar 2008. 

15 Die Klage wurde erst im September 1933 verhandelt. Die Abweisung der Klage scheint vor dem Hintergrund der Machtübernahme kaum überraschend, insbesondere da Meier sich zu Verhandlungsbeginn bereits mehrere Monate in KZ-Haft befand. Vgl. Schumacher, Martin: MdR, die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933 – 1945. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 1994, S. 315.  

16 Die Bezeichnung Niedersachsen wurde von Meier in seinem Entschädigungsverfahren (nach dem Krieg) genannt, da 1932 Niedersachsen als offizielle Entität jedoch noch nicht existierte, ist wohl davon auszugehen, dass Meiers Tätigkeitsbereich in etwa die Region umfasste, die heute diesen Namen trägt. Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier. In der Anklageschrift vor dem Strafsenat des Kammergerichtes wird Meiers Tätigkeit für die RGO mit „Agitationspropagandaleiter für den ländlichen Bezirk und Instrukteur für die RGO“ angegeben. Vgl. BArch, NJ 15131, Bl. 2. 

17 Anklage 8J 953/33, in: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933 – 1945, Online Datenbank K. G. Saur Verlag, abgerufen am 28.01.2008. 

18 Vgl. ebd. 

19 Vgl. Engel: Meier, Karl Heinrich, S. 200. 

20 Vgl. Klaus Mlynek: Gestapo Hannover meldet…, Polizei – und Regierungsberichte für das mittlere und südliche Niedersachsen zwischen 1933 und 1937, Hildesheim 1986, S. 42. 

21 Vgl. Schreiben der Polizeiverwaltung Hannover an die Schaumburg-Lippische Landesregierung vom 11. Juli 1934, in: PA Petra Gerland. 

22 Laut Meier wurden neben den „prominenten“ Gefangenen insbesondere jüdische Gefangene stark gequält. Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier. 

23 Vgl. ebd. 

24 Vgl. Zorn, Gerda: Widerstand in Hannover, Frankfurt a. M. 1977, S. 160 u. 183. 

25 Hierbei betrug die staatliche Wohlfahrtsunterstützung für die Tochter nur ca. 15 RM/monatlich, so dass die Verwandtschaft der Familie Meier für sämtliche andere Aufwendungen aufkommen musste. Vgl. Schumacher: MdR, S. 315. 

26 Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier. 

27 Vgl. Schreiben der Landeskriminalpolizei Hannover an die Schaumburg–Lippische Landesregierung vom 21. März 1934, in: PA Petra Gerland. 

28 Vgl. Schumacher: MdR, S. 315. Diese Aussage erscheint glaubwürdig, da auch Langhoff den Wachmannschaften des KZ Esterwegen unterstellt, sie seien an der Misshandlung prominenter Gefangener besonders interessiert gewesen. Vgl. Langhoff, Wolfgang: Die Moorsoldaten, 13 Monate Konzentrationslager, Berlin 1947, S. 221f. 

29 Die Bezirksleitung bestand bis zum Jahr 1933 aus Max Lademann, Walter Krämer, Theodor Nagel und Maria Geiger. Vgl. Anklage 8J 953/33. 

30 Vgl. ebd. 

31 Vgl. BArch, NJ 15131, Bl. 2. 

32 Nach eigener Aussage wurde Meier bis Kriegsende zudem zehn- bis zwölfmal von der Gestapo zu Vernehmungen geholt; diese seien zwar ohne körperliche Gewalt abgegangen, der Vorgang des „Abholens“ habe aber stets verstörende Wirkung für die Familie gehabt. Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier. 

33 Vgl. „Bescheinigung vom 9. April 1947“ (Verf. Karl Meier), in: PA Petra Gerland. 

34 Vgl. Entschädigungsakte Karl Meier. 

35 Im Nachlass von Karl Meier finden sich eine Vielzahl von Briefen, in denen die Bittsteller versuchen ihr Verhalten im Dritten Reich zu rechtfertigen und um Unterstützung bei Meier (etwa bei Entlassungsverfahren) ersuchen. Vgl. PA Petra Gerland. 

36 Vgl. Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten, biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 494. 

37 Vgl. Ergebnisse der Wahlen zum Niedersächsischen Landtag, bereitgestellt durch das Niedersächsische Landesamt für Statistik unter: http://www.nls.niedersachsen.de/Tabellen/Wahlen/Sitzeab47.html download am 03.01.2008 

38 Vgl. Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 494. 

39 Durchsuchungsprotokoll, in: PA Petra Gerland. 

40 Vgl. Telefoninterview mit Petra Gerland am 19. Februar 2008. 

41 Vgl. ebd. 

42 Vgl. Arndt, Achim: Abel, Karl, in: Mielke, Siegfried (Hrsg.): Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen, Band 1, Berlin 2002, S. 116. 

43 Vgl. Engel: Meier, Karl Heinrich, S. 203. 

Soziale/Regionale Herkunft: Neuntes Kind der Eheleute Heinrich (Korbmacher) und Wilhelmine Meier (geb. Beißner) aus Buchholz.

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule. 1916 – 1921: Arbeit in Glasfabrik, teilweise zeitgleicher Besuch einer Fortbildungsschule in Heesen. April 1921 – Januar 1924: Telegrafenarbeiter bei der Reichspost in Hamm (Westfalen). Januar 1924 – August 1932: Leitungsaufseher bei der Wasserstraßenverwaltung in Minden. August 1932 – November 1932: Erster Sekretär der RGO-Bezirksleitung Niedersachsen. November 1932 – Januar 1933: Mitglied des Reichstages.

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Eintritt in Gewerkschaft 1919. 1925 – 1933 Vorsitzender des Deutschen Transportarbeiterverbandes in Stadthagen. 1927 – 1932 Betriebsratsvorsitzender der preußischen Wasserstraßenverwaltung in Minden. August 1932 – November 1932: Erster Sekretär der RGO-Bezirksleitung Niedersachsen.

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD seit 1920

Politische Mandate/Aktivitäten: Ab 1931: Mitglied des Lippischen Landtages. Ab 1932: Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis Südhannover–Braunschweig

Widerstandsaktivitäten: Illegaler Aufenthalt in Hannover zwischen Februar und April 1933. Illegale Arbeit in der Region Stadthagen April – Juni 1934.

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Verhaftet am 21. April 1933 und über Gefängnisse in Stadthagen und Hannover in das KZ Moringen gebracht. Vom 29. November 1933 – 30. April 1934 KZ Oranienburg. Juni – Dezember 1934 Haft in den Konzentrationslagern Esterwegen und Lichtenburg. Zweiwöchige Inhaftierung im Stadtgefängnis Stadthagen im Verlauf der Aktion „Gewitter“ im August 1944.

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Landrat im Landkreis Stadthagen August 1945 – September 1948. Bewerber für die KPD bei der Bundestagswahl 1949.

Erinnerungskultur/Ehrungen: Würdigungen in lokalen Zeitungen zum 70. und 80. Geburtstag sowie zum Todestag. Ehrung im Rahmen einer Ausstellung zum Antifaschistischen Widerstand in Niedersachsen durch den Bückeburger Bürgermeister.

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