Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
22. Januar 1895 – 3. November 1953

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Fritz Sohns wurde am 22. Januar 1895 in Hannover geboren und war im Ersten Weltkrieg bei den „roten Matrosen“ in Wilhelmshaven stationiert. Seit 1921 Mitglied der KPD und 1924 wegen illegalen Waffenbesitzes zu zwei Jahren Haft verurteilt. In der Nacht des Reichstagsbrandes in Hannover verhaftet und über die KZs Moringen und Oranienburg in das KZ Lichtenburg verbracht. Nach der Entlassung für Zwangsarbeiten herangezogen. Kurz nach Kriegsende für zwei Monate Mitglied der politischen Polizei in Hannover.

Von Meiko Keller

Fritz Sohns wurde am 22. Januar 1895 als Sohn von Johann und Karoline Sohns (geb. Beyer) in Hannover geboren. Die frühen Lebensjahre von Sohns liegen weitestgehend im Dunkeln, lediglich seine Anstellung bei der Handelsmarine bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges ist bekannt und muss aufgrund seines damals jungen Alters wohl als eine der ersten beruflichen Stationen gelten. Bei Ausbruch des Krieges 1914 war Sohns als Heizer der Kriegsmarine in Wilhelmshaven stationiert. Bei der gleichen Einheit verblieb Sohns bis Kriegsende 19181. Gerade dieser Dienstort könnte – neben der späteren Erfahrung der Nachkriegsdepression (s. u.) – für seine politische Sozialisation eine entscheidende Rolle gespielt haben2, ging doch die Revolution 1918 von der Meuterei einiger Einheiten der vor Wilhelmshaven liegenden deutschen Hochseeflotte aus. Die „roten Matrosen3,“ deren Bekanntschaft Sohns spätestens ab 1914 machte, könnten seine politischen Ansichten maßgeblich mitgeprägt haben.

Nach der Entlassung aus der Marine bekam Sohns wie viele andere seiner Kriegskameraden die Folgen der Niederlage zu spüren. Die schlechte wirtschaftliche Lage zwang ihn, sich mit Gelegenheitsarbeiten als Seemann und Tiefbauer bzw. Bauarbeiter über Wasser zu halten. Das gelang ihm jedoch nicht immer; oft war er in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit arbeitslos und lebte von staatlicher Unterstützung. In diese Zeit prekärer Beschäftigungsverhältnisse fiel auch sein Beitritt zur KPD (1921), hier übernahm er schnell Verantwortung und wurde als Funktionär tätig, wobei er zumeist als Kassierer fungierte. 1924 geriet der 29–Jährige das erste Mal aufgrund seiner parteipolitischen Aktivitäten in das Visier der Polizei und der Justiz. Gemeinsam mit einigen Parteigenossen hob er ein Waffenlager des „Stahlhelm“ aus und nahm die dort gefundenen Waffen in Besitz. Die Gruppe um Sohns wurde jedoch schnell gefasst und er selbst aufgrund unerlaubten Waffenbesitzes zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt4. Durch eine Amnestie musste er die Strafe nicht komplett absitzen, sondern kam früher5 frei. Sohns war ab 1930 in der Organisationsleitung des „Kampfbundes gegen den Faschismus“ in Hannover tätig6. In die Zeit seines Engagements für die KPD fiel auch die Eheschließung mit Else Majunke im Jahr 19307.

Die Schrecken der Verfolgung begannen für Sohns wie für viele seiner Parteigenossen nach dem Reichstagsbrand. Der Hannoveraner wurde in der Verhaftungswelle, die dem Reichtagsbrand unmittelbar folgte, in Gewahrsam genommen. Hierbei ist zu vermuten, dass seine Tätigkeit als Kassierer der KPD einen nicht unerheblichen Beitrag zu seiner frühen Verhaftung beitrug. Sohns war zumindest in seinem Wohnviertel in Hannover-Anderten8 einem Großteil der Bevölkerung durch seine Arbeit bekannt und so auch für Anhänger der Nationalsozialisten als Mitglied der KPD leicht identifizierbar.

Nach seiner Verhaftung wurde Sohns nach Moringen gebracht; der genaue Zeitpunkt seines Eintreffens dort ist nicht mehr rekonstruierbar, jedoch wurde er wie viele seiner Mitgefangenen am 29. November 1933 nach Oranienburg verlegt. Bis Anfang 1935 war er in den KZs Oranienburg – und später Lichtenburg – inhaftiert. Nach seiner Entlassung wurde Sohns sofort in den Arbeitsprozess integriert und als Tiefbauer und Schachtmeister eingesetzt. Es ist zu vermuten, dass Sohns für so genannte Notstandsarbeiten zwangsverpflichtet und deutlich unter Tarif bezahlt wurde9. Unmittelbar nach der Haft war ihm die Arbeitsaufnahme in Firmen mit Wehrmachtsaufträgen verboten, und die Gestapo sorgte laut Sohns dafür dass er mehrfach aus Stellen entlassen wurde10.

Aufgrund seiner „politischen Unzuverlässigkeit“ war das langjährige KPD-Mitglied bei Kriegsbeginn vom Wehrdienst zurückgestellt worden. Zwischen 1940 und 1941 musste Sohns jedoch für kurze Zeit noch einmal zurück zur Marine und diente als Mitglied einer Leuchtturmbesatzung. Nach dieser kurzen Episode kehrte er wieder in den zivilen Arbeitsalltag zurück und arbeitete weiter als Transport- und Bauarbeiter. Kurz vor Kriegsende wurde die Wohnung der Familie Sohns ausgebombt, woraufhin die Familie in ihre Gartenlaube zog.

Mit Kriegsende wurde der Hannoveraner, der auch nach seiner Zeit im KZ den Kontakt zu ehemaligen Genossen aufrecht gehalten zu haben scheint11, als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus für zwei Monate Mitglied der neuen politischen Polizei. Diese war von den Alliierten eingesetzt worden, um ehemalige Nazi–Kader aufzuspüren und deren Verbrechen der gerichtlichen Verfolgung zuzuführen. Die Gruppe, der Sohns angehörte, ging ihrer Arbeit unbewaffnet nach und war einem Oberleutnant der Schutzpolizei unterstellt. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurde das Mitglied der KPD jedoch selbst zum Ziel staatsanwaltlicher Ermittlungen: An einem seiner ehemaligen Arbeitsplätze verhaftete Sohns zwei seiner ehemaligen Vorgesetzten, da er diese während des Krieges bei der Misshandlung von Zwangsarbeitern beobachtet hatte. Bevor diese Vorwürfe jedoch genauer geprüft werden konnten, wurden die beiden Häftlinge tot aufgefunden. Sohns, der die Gefangenen ordnungsgemäß russischen Soldaten übergeben haben will, konnte keine Beteiligung am Tod der beiden Männer nachgewiesen werden, weshalb die Ermittlungen gegen ihn nach gründlichen Untersuchungen schließlich 1954 (ein Jahr nach seinem Tod) eingestellt wurden12.

Diese Verdächtigungen verhinderten wohl für längere Zeit eine neue Anstellung von Sohns. Erst 1952 konnte er im niedersächsischen Amt für Landesplanung und Statistik einen neuen Arbeitsplatz finden. Hier arbeitete Sohns als Lagerarbeiter bis zu seinem Tod am 3. November 195313.

1 Vgl. den selbst verfassten Lebenslauf von Fritz Sohns, in: Nds. 110W, Acc. 14/99, Nr. 106583, Akte des Hauptstaatsarchivs Hannover. 

2 Vgl. Haffner, Sebastian: Die deutsche Revolution 1918/19, wie war es wirklich, München 1979, S. 54ff. 

3 Vgl. Kordon, Klaus: Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter, München 2005. 

4 Vgl. Nds. 721 Hannover Acc. 90/99, Nr. 27, Akte des Hauptstaatsarchivs Hannover. 

5 Die genaue Dauer des Hafterlasses konnte nicht ermittelt werden. 

6 Hier arbeitete er u. a. mit August Baumgarte und Fritz Gnuschke zusammen. Vgl. Zorn, Gerda: Widerstand in Hannover, gegen Reaktion und Faschismus 1920 – 1946, Frankfurt a. M. 1977, S. 52f.  

7 Vgl. Akte des Landeshauptarchivs Brandenburg, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3, Blatt 466. 

8 Sohns wohnte mit seiner Frau bis zu seiner Verhaftung in der Langestraße 4 in Hannover Anderten. Anderten gilt als typischer Arbeitervorort, vgl. Schmid, Hans-Dieter (Hrsg.): Zwei Städte unter dem Hakenkreuz : Widerstand und Verweigerung in Hannover und Leipzig 1933 – 1945, Leipzig 1994, S. 235. 

9 Ähnliche Erfahrungen machten auch andere ehemalige hannoveranische Häftlinge, so z. B. Fritz Gnuschke

10 Vgl. Nds. 721 Hannover Acc. 90/99 Nr. 27, Akte des Hauptstaatsarchivs Hannover. 

11 So bestätigte Sohns nach Kriegsende sowohl Leonhard Heinemann als auch Fritz Gnuschke deren Status als ehemalige Häftlinge eines Konzentrationslagers. Dies scheint ein deutliches Indiz für das Überdauern der Kontakte zwischen den KPD–Parteigenossen über die Verfolgungszeit hinaus zu sein. Vgl. Nds. 110W, Acc. 14/99, Nr. 112083 u. Nds. 110W, Acc. 14/99, Nr. 106583, Akten des Hauptstaatsarchivs Hannover. 

12 Vgl. Nds. 110W, Acc. 14/99, Nr. 106583. 

13 Vgl. Schriftliche Auskunft des Standesamtes Hannover an den Verfasser vom 26.09.2007. 

Soziale/Regionale Herkunft: Hannover

Ausbildung/Berufstätigkeit: Schachtmeister, später als Tiefbauer, Seemann und Zeitungshändler tätig

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Ab 1921 Mitglied der KPD. Ab 1930 Kampfbund gegen den Faschismus.

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1924 zu zwei Jahren Gefängnis wegen Hochverrats und unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt. Nach dem 28. Februar 1933 verhaftet und im KZ Moringen inhaftiert, am 29. November 1933 nach Oranienburg überführt, anschließend im KZ Lichtenburg bis Anfang 1935 inhaftiert

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Nach dem Krieg war Sohns für zwei Monate Mitglied der neu formierten politischen Polizei.

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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