Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
26. Januar 1901 - 26. März 1961

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Passfoto von um 1950 aus der Personalakte Hans Steldingers (Quelle: ver.di-Archiv)

Passfoto von um 1950 aus der Personalakte Hans Steldingers (Quelle: ver.di-Archiv)

Das gewerkschaftliche Engagement des Transportarbeiters Hans Steldinger begann früh: Im Alter von 23 Jahren wurde er Betriebsratsvorsitzender und Vorsitzender der Ortsverwaltung des Verbands der Fabrikarbeiter im brandenburgischen Rathenow. Nach KZ-Haft und Kriegsgefangenschaft übernahm er eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der Gewerkschaftsbewegung in der Bundesrepublik. Auf der ersten ordentlichen Konferenz der ÖTV 1949 wurde er Hauptfachabteilungsleiter und blieb es bis zu seinem Tod 1961.

Von Bettina Engels

Wie viele andere, die auf Grund ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit Verfolgung und Haft durch das NS-Regime erfuhren, engagierte sich auch Hans Steldinger nach Kriegsende für den Wiederaufbau der Gewerkschaften. Er bezog sich dabei auf die Erfahrungen, die er während der NS-Diktatur gemacht hatte: „Wie ist es dazu gekommen, dass in den Konzentrationslagern, in den Jahren der Verfolgung, der Gedanke in den Kreisen der christlichen Gewerkschaftler und der Gewerkschaftler anderer Richtungen geboren wurde, daß dieser Zustand des Unrechts, der brutalen Gewalt niemals wieder eintreten dürfe, und daß wir eine Einheitsgewerkschaft bilden müssen, die mit dafür sorgt, daß Anschläge auf die Gesetzmäßigkeit, auf das Recht und die Freiheit des Staatsbürgers nie mehr möglich sind!“ (Protokoll 3. O. Gewerkschaftstag 1958, S. 144)

Johann „Hans“ Steldinger wurde am 26. Januar 1901 in Berlin geboren. Er arbeitete als Automechanikerhelfer und als Transportarbeiter. Am 1. Oktober 1922 trat er in den Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands ein. Im Alter von 23 Jahren wurde er Betriebsratsvorsitzender sowie ehrenamtlicher Vorsitzender der Ortsverwaltung Rathenow seiner Gewerkschaft. 1928 trat er der SPD bei. In Rathenow war er Stadtverordneter. Mit Beginn des Jahres 1929 übernahm Steldinger in der Zahlstelle Rathenow des Fabrikarbeiterverbandes das Amt des Geschäftsführers. Außerdem war er im Ortsausschuss Rathenow des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes als Revisor tätig. 1931 nahm er als Delegierter am 17. Ordentlichen Verbandstag des Fabrikarbeiterverbandes in München teil. Mit der Auflösung der freien Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten wurde Hans Steldinger 1933 arbeitslos. Vom 28. Juni bis zum 7. September 1933 war er im KZ Oranienburg inhaftiert, im Anschluss zwei weitere Monate im KZ Sonnenburg. Nach seiner Entlassung war er auf Grund seiner Funktion in der Gewerkschaft längere Zeit arbeitslos, wurde schließlich zur Wehrmacht eingezogen und geriet in Kriegsgefangenschaft.

Aus der Kriegsgefangenschaft kam er am 1. September 1945 nach Hannover und engagierte sich dort beim Wiederaufbau der Gewerkschaften. In Hannover wie überall im heutigen Niedersachsen (mit Ausnahme von Stade) setzte sich die sogenannte Allgemeine Gewerkschaft als zentralistische, in Wirtschaftsgruppen gegliederte Einheitsorganisation durch. Auf Grund der ländlichen Struktur Niedersachsens und der großen Zahl kleiner und mittlerer Betriebe auch in den Städten erschien den „Gewerkschaftern der ersten Stunde“ die zentralistische Organisationsform als die geeigneteste. Welche Position Hans Steldinger in der Frage der Organisationsform einnahm, ließ sich bisher nicht ermitteln. Auf Grund der gewerkschaftsfreundlichen Einstellung der verantwortlichen Offiziere der britischen Militärregierung gehörte Hannover zu den ersten Städten in Niedersachsen, in denen die Allgemeine Gewerkschaft offiziell genehmigt wurde. Die erste Gewerkschaftsversammlung in Hannover wurde mit Zustimmung und im Beisein der Militärregierung am 24. Mai 1945 abgehalten, also noch bevor Hans Steldinger nach Hannover kam. Offiziell genehmigt wurde die Allgemeine Gewerkschaft für den Stadt- und Landkreis Hannover mit halbjähriger Verzögerung und Einschränkungen am 7. November 1945. Welche Rolle Hans Steldinger im Wiederaufbau der Gewerkschaften in Hannover gespielt hat, ließ sich bisher nicht ermitteln.

Bekannt ist bisher lediglich, dass Steldinger im Sommer 1946 ehrenamtlich während seiner Ferien im Büro der Wirtschaftsgruppe Metall der Allgemeinen Gewerkschaft Hannover mitarbeitete.

Auf der zweiten Zonenkonferenz in Bielefeld vom 21. bis 23. August 1946 wurde der Zusammenschluss der Gewerkschaften in der britischen Besatzungszone beschlossen. Dort setzte sich das Industrieverbandsprinzip gegen das der zentralistischen Einheitsgewerkschaft, das von den Vertretern Niedersachsens befürwortet wurde, durch. In Hannover wurden im Folgenden die Wirtschaftsgruppen zu Einzelgewerkschaften umkonstituiert. Dieser Prozess war Ende Juni 1947 abgeschlossen.

Ein halbes Jahr später, zu Beginn des Jahres 1948, übernahm Hans Steldinger das Amt des Bezirkssekretärs für mehrere Fachabteilungen in der Bezirksleitung Hannover der ÖTV in der britischen Besatzungszone. Im Januar 1949 nahm er in Stuttgart am Vereinigungsverbandstag der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, Transport und Verkehr teil.

Auf der ersten ordentlichen Konferenz der Hauptfachabeilung VII der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) auf Bundesebene wurde Hans Steldinger 1949 zum Hauptfachabteilungsleiter gewählt. Er trat das Amt am 1. September 1949 an und zog deshalb von Hannover nach Stuttgart um. Die Hauptfachabteilung VII wurde am 15. und 16. Juli 1949 konstituiert und umfasste die Bereiche Privater Transport, Kraftverkehrsbetriebe, Speditions- und Lagereibetrieb, Luftfahrt und das Bewachungsgewerbe. „Es ist allzu schnell in Vergessenheit geraten, daß es die Transport- und Verkehrsarbeiter waren, die in den Jahren der Not dafür sorgten, daß den Städten das notwendige Brotgetreide zugeführt und für die Krankenhäuser die Kohlen aus dem Ruhrgebiet durch Lastwagen herangeschafft wurden“, beschreibt der Geschäftsbericht von 1949-1951 der Hauptfachabteilung VII der ÖTV, für den Hans Steldinger verantwortlich war, die Situation in den Nachkriegsjahren. (Geschäftsbericht von 1949-1951, Teil I, S. 303) In den 50er Jahren hatte die Hauptfachabteilung VII unter der Leitung von Hans Steldinger vor allem damit zu kämpfen, dass mit Ausnahme des Luftfahrtbereiches vor allem Kleinst- und Kleinbetriebe in ihren Zuständigkeitsbereich fielen. Häufige Arbeitsplatzwechsel führten außerdem zu einer hohen Fluktuation unter den Gewerkschaftsmitgliedern.

Bis zu seinem Tode wurde Hans Steldinger auf allen Konferenzen der Hauptfachabteilung VII, zuletzt am 28. Februar 1961 in Essen, im Amt des Hauptfachabteilungsleiters bestätigt.

Hans Steldinger starb am 26. März 1961 im Alter von 60 Jahren in Stuttgart an Tuberkulose. Er wurde in Köln-Merheim begraben.

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Quellen:

  • Geschäftsberichte der Gewerkschaft ÖTV für das Jahr 1949, von 1949-1952, von 1952-1954, von 1955-1957 und von 1958-1960. Herausgegeben vom Verbandsvorstand, Stuttgart.
  • IG Metall Verwaltungsstelle Hannover, Ordnersammlung (Protokolle der Vorstandssitzung), nicht registriert, nicht signiert, nicht paginiert.
  • Telefoninterview mit Maria Steldinger, der Witwe Hans Steldingers, am 24. Juli 2002.
  • Jahresbericht des 1929 ADGB, Ortsausschuss Rathenow, S. 14.
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 116.
  • ÖTV-Magazin 4/1961, S. 25, Bericht über die 5. Konferenz der Hauptfachabteilung VII (28. Februar 1961 in Essen).
  • ÖTV-Magazin 5/1961, Mai 1961, S. 21, Nachruf auf Hans Steldinger.
  • Protokoll des Vereinigungs-Verbandstages der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, Transport und Verkehr, Stuttgart, 28. bis 30. Januar 1949. Herausgegeben vom Verbandsvorstand der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Stuttgart 1949.
  • Protokoll des 3. Ordentlichen Gewerkschaftstages der Gewerkschaft ÖTV vom 1. bis 6. Juni 1958 in München. Hrsg. vom Hauptvorstand der Gewerkschaft ÖTV, Stuttgart 1958.
  • Stadtarchiv Hannover, Einwohnermeldekartei II, Meldekarte Hans Steldinger.
  • Ver.di Archiv Berlin, ÖTV-Personalakten, Personalakte Johann Steldinger.
  • Grabe, Thomas/Hollman, Reimar/Mlynek, Klaus: Wege aus dem Chaos. Hannover 1945-1949. Hamburg 1985.
  • Hartmann, Franz unter Mitarbeit von Hans Peter Riesche: 40 Jahre DGB-Niedersachsen. Hrsg. vom DGB Landesbezirk Niedersachsen 1987.
  • Nachtmann, Walter: 100 Jahre ÖTV. Die Geschichte einer Gewerkschaft und ihrer Vorläuferorganisationen. Stuttgart 1996.
  • Riesche, Hans Peter/Algermissen, Gundolf: Hannover 1945/56- Die Gewerkschaften organisieren sich neu… Sonderheft aus der Schriftenreihe „Arbeitnehmer und Gesellschaft“ beim DGB-Kreis Hannover. Hrsg. vom DGB-Kreis Hannover.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Automechanikerhelfer, Transportarbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands, Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund, Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, 1924: Betriebsratsvorsitzunger und ehrenamtlicher Vorsitzender des Fabrikarbeiterverbandes in Rathenow, 1929: Geschäftsführer Zahlstelle Rathenow des Fabrikarbeiterverbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1928: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter in Rathenow

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Juni - 7. September 1993: KZ Oranienburg, anschließend 2 Monate KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: Wiederaufbau Gewerkschaften in Hannover, 1946: ehrenamtlich im Büro der Wirtschaftsgruppe Metall der Allgemeinen Gewerkschaft Hannover, 1948: Bezirkssekretär Hannover ÖTV, 1949 - 1961 Hauptfachabteilungsleiter (VII: Privater Transport, Kraftverkehrsbetriebe, Speditions- und Lagereibetrieb, Luftfahrt, Bewachungsgewerbe) der ÖTV

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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