Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
29. Mai 1879 – 11. September 1944

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Erklärung Hans Hennig anlässlich seiner Entlassung aus dem KZ Oranienburg

Erklärung Hans Hennig anlässlich seiner Entlassung aus dem KZ Oranienburg

Der 1879 in Schwiebus/Züllichau geborene Hans Hennig ging nach Beendigung seiner Buchbinderlehre nach Berlin und war dort in der Kreuzberger SPD aktiv. Im Januar 1934 wurde er in das KZ Oranienburg eingeliefert und zog sich dort infolge schwerer Misshandlungen ein Gehör- und Nervenleiden zu. Nach einem Arbeitsunfall und einem Nervenzusammenbruch in den Kriegsjahren wurde er in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Meseritz/Obrawalde eingeliefert und dort im Zuge des Euthanasieprogramms ermordet. Das zuständige Entschädigungsamt erkannte keinen Zusammenhang zwischen Hennigs Tod und seinem durch den NS verursachten Leiden.

Von Elisa Zenck

Hans Hennig wurde am 29. Mai 1879 in Schwiebus (Kreis Züllichau, heutiges Polen) als Sohn des Schneidermeisters Johann Ferdinand Hennig und seiner Frau Wilhelmine geboren1. Nach Abschluss der Schule erlernte er den Beruf des Buchbinders bei der Firma Emil Bernhard in seinem Heimatort, doch nach Beendigung der Ausbildung zog er im Alter von 18 Jahren nach Berlin und arbeitete zunächst als Pressvergolder. Im Jahre 1913 trat Hennig in die SPD ein2 und heiratete am 13. Februar 1915 die gebürtige Berlinerin Frieda Reich, eine gelernte Falzerin3. Nach der Heirat war Hennig bis 1917 Soldat, während dieser Zeit war seine Frau berufstätig. Am 23. August 1921 wurde der gemeinsame Sohn Heinz geboren, der später ebenfalls das Buchbinderhandwerk erlernte, bis er 1940 zunächst zum Arbeitsdienst und anschließend zur Wehrmacht eingezogen wurde4.

Nach der Machtübernahme Hitlers schloss sich Hans Hennig einer illegalen Gruppe um Ludwig Hodapp an, die sozialdemokratische Zeitschriften vertrieb5. Im August 1933 wurde Hennig unter anderem aus diesem Grund gemeinsam mit seinen Kollegen Josef Czerny und Willi Schwarz von seinem damaligen Arbeitgeber, einer Schöneberger Buchbinderei (Langenscheidt) entlassen. Im Dezember desselben Jahren wurde Hennig frühmorgens aus dem Bett heraus verhaftet und in das Hauptquartier der SS (Prinz-Albrecht-Str.) eingeliefert, wo er misshandelt wurde. Am 6. Januar 1934 brachte man ihn in das Konzentrationslager Oranienburg. Auch dort wurde er schwer misshandelt, sodass er fortan mit Gehör- und Nervenleiden zu leben hatte. Nach zehntätigem Aufenthalt im KZ Oranienburg kam Hennig auf Weisung des Polizeipräsidenten am 16. Januar 1934 in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz und wurde von dort in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überführt. Zusammen mit einigen weiteren Genossen, darunter dem späteren Berliner SPD-Vorsitzenden Franz Neumann, wurde Hennig wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt6. Ihm wurde vorgeworfen, im Jahr 1933 von dem Mitangeklagten Heinz Thiel und dem bereits verurteilten Theo Wiechert mehrmals illegale Zeitschriften – “Neuer Vorwärts“, „Sozialistische Aktion“ sowie „Arbeiterzeitung“ – bekommen und weiter geliefert zu haben7. In der Sitzung des 4. Strafsenats des Kammergerichts wurde er am 14. Juli 1934 zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, die er im Gefängnis Berlin-Tegel verbüßte8.

Nach Ende der Haftzeit fand Hennig ab und an Arbeit in verschiedenen Verlagen, zumeist als Presser, wurde jedoch immer wieder aufgrund von Arbeitsmangel entlassen. Am 21. März 1940 verunglückte er bei seiner damaligen Arbeitsstelle, dem Deutschen Verlag in Berlin-Tempelhof: seine linke Hand geriet in eine Schwerdruckpresse und wurde zerfetzt. Hennig wurde eine Behinderung von 60% attestiert, er musste jedoch weiterhin leichte Arbeit im Betrieb verrichten. Als im März 1944 sein Sohn Heinz, der zum Krieg eingezogen worden war, in Russland vermisst wurde, erlitt Hans Hennig einen Nervenzusammenbruch9, woraufhin er am 1. Mai zur Behandlung in die Wittenauer Heilstätten eingeliefert wurde. Die PatientInnen wurden jedoch – angeblich aufgrund der Luftangriffe auf Berlin – größtenteils am 30. August in die „Landesheilanstalt“ Meseritz/Obrawalde „evakuiert“, unter ihnen auch Hennig10. Er wurde dort am 11. September 1944 im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet. Seine Frau wurde noch am selben Tag durch ein Telegramm über seinen Tod informiert11. Da ihr Mann und sie Mitglieder der Feuerbestattung waren, erwirkte Frieda Hennig, dass seine Leiche zur Einäscherung nach Berlin transportiert und die Urne auf dem Urnenfriedhof Gerichtstraße beigesetzt wurde12.

Nach dem Ende des NS-Regimes blieb Frieda Hennig in Berlin-Kreuzberg und arbeitete im dortigen Bezirksamt als Verwaltungsangestellte13. Gleichzeitig bemühte sie sich um Entschädigung: Ihrem Antrag auf Anerkennung als Hinterbliebene eines ehemals politisch Verfolgten wurde am 18. September 1952 stattgegeben14. Mithilfe von Zeugenaussagen ehemaliger Mitkämpfer ihres Mannes, darunter Franz Neumann, stellte sie ferner einen Antrag auf „Schaden am Leben15.” Der medizinische Gutachter, Dr. Wolfgang Schink, bezweifelte jedoch einen Zusammenhang zwischen dem Tode Hans Hennigs und seiner politischen Verfolgung, da die Witwe bei einer von mehreren Befragungen „Gehirnlähmung“ als Todesursache angegeben habe16.
Frieda Hennigs Antrag wurde daher von der zuständigen Entschädigungsbehörde mit folgender Begründung Dr. Schinks abgelehnt: „Ebenso wenig ist nachgewiesen, daß der Verfolgte durch ein Euthanasieverfahren in der Landeskrankenanstalt Obrawalde-Meseritz sein Leben verloren hat. Aber selbst wenn dieser Nachweis vorhanden wäre, würde es sich um eine eugenische Maßnahme gehandelt haben17. Um die Voraussetzungen des § 1 Berl. EntschGes zu erfüllen, müßte eine Tötung nachgewiesenermaßen aus rassistischen oder politischen Gründen erfolgt sein18.”

1 Vgl. LABO, Nr. 13244 (Entschädigungsakte Hans Hennig), Blatt M 12. 

2 Vgl. ebd., Blatt A 6 (Lebenslauf des Hans Hennig, geschrieben von Frieda Hennig am 23. Januar 1958). 

3 Vgl. ebd., Blatt M 2. 

4 Vgl. LABO, Nr. 601413 (Entschädigungsakte Frieda Hennig), Blatt 13 (Lebenslauf der Frieda Hennig, geschrieben im Juni 1952).  

5 Vgl. Fieber, Hans-Joachim: Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945, Band 3, Berlin 2004, S. 82. 

6 Vgl. LABO, Nr. 13244, Blatt A 6. 

7 Vgl. BArch, NJ 9758. 

8 Vgl. BLHA, Rep. 29, pol. 736 (Urteil gegen Arthur Janell u.a.). 

9 Vgl. LABO, Nr. 13244, Blatt A 6.  

10 Vgl. LABO, Nr. 601413, Blatt 13. 

11 Vgl. LABO, Nr. 13244, Blatt A 12 (Telegramm); In dem Telegramm wurde „Kommen wegen Reiseeinschränkung unterlassen“ vermerkt. Dies, bzw. „Kommen nicht nötig“, wurde allen Angehörigen aus Meseritz-Obrawalde mitgeteilt. Dies bedeutete, dass sie keine Fahrkarten erhielten; vgl. Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat, 1994, S. 438. 

12 Vgl. LABO, Nr. 13244, Blatt A 6. 

13 Vgl. ebd., Blatt M 2. 

14 Vgl. LABO, Nr. 601413, Blatt 17 Rückseite. 

15 LABO, Nr. 13244, Blatt A 9 sowie Blatt A 11. 

16 Die Bezeichnung „Gehirnlähmung“ war von der „Heilanstalt“ Meseritz/Obrawalde zumeist als offizielle Todesursache angegeben worden; dass es sich dabei um Ermordungen im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms handelte, war in der Nachkriegszeit bereits bekannt, für diesen Arzt jedoch offensichtlich nicht von Bedeutung. Er bildete damit leider keine Ausnahme. 

17 Die „Lehre“ der Eugenik bildete die Grundlage für das nationasozialistische Euthanasieprogramm und ist nicht weniger verachtenswert; vgl. den Glossartext zu letzterem. 

18 LABO, Nr. 13244, Blatt A 27 Rückseite (Ablehnungsbescheid). 

Soziale/Regionale Herkunft: Vater: Johann Ferdinand Hennig, Schneidermeister; Schwiebus

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Buchbinder bei der Firma Emil Bernhard in Schwiebus

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1913/1914 Mitglied der SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: ab 1933 Mitglied einer illegalen Gruppe um Ludwig Hodapp und Arthur Janell

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Oranienburg: 6. Januar 1934 – 16. Januar 1934

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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