Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
30. August 1902 - 30. April 1979

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Porträtfoto von Paul Massing (Quelle: Westrichenkalender)

Porträtfoto von Paul Massing (Quelle: Westrichenkalender)

Der promovierte Sozialwissenschaftler Paul W. Massing (1902 – 1979) leistete in den 30er Jahren als aktives Mitglied der KPD Widerstand gegen das NS-Regime. 1933 wurde er deswegen verhaftet und verbrachte mehrere Monate in den Konzentrationslagern Columbia-Haus und Oranienburg. Nach seiner Entlassung beschäftigte er sich zeitlebens mit dem Phänomen des Antisemitismus und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute of Social Research in New York. Von 1948 bis 1967 lehrte er politische Soziologie an der Rutgers University in New Jersey. Nach schwerer Krankheit starb er in seinem Heimatort Grumbach in der Pfalz.

Von Sebastian Bödeker

Jugendzeit und Ausbildungsjahre:

Paul W. Massing kam am 30. August 1902 als viertes Kind des Katasterkontrolleurs Wilhelm Ludwig Massing (1860 – 1950) und seiner Frau Clara, geb. Fischer (1869 – 1949), in Grumbach zur Welt1.
Zunächst ging er in die Volksschule seines Heimatortes, besuchte anschließend die Lateinschule in Meisenheim und kam 1919 schließlich auf das staatliche Realgymnasium in Bad Kreuznach. Mit erfolgreich abgeschlossenem Abitur (1923) begann er eine Lehre in einer Fabrik in Köln-Nippes und besuchte die städtische Handelsschule. Bereits nach einem Jahr brach er jedoch seine begonnene Lehre ab und schrieb sich für das Wintersemester 1924 an der Handelshochschule in Frankfurt am Main ein, um dort Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu studieren. Im Februar 1926 legte er seine Prüfung als Diplom-Kaufmann ab. Bereits in den zwanziger Jahren trat Massing in die Kommunistische Partei Deutschlands ein, für die er später im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war2.
Im Anschluss an seinen ersten Abschluss ging er nach Paris an die Faculté de Droit der Sorbonne und begann dort mit Forschungsarbeiten für seine spätere Dissertation. Bereits ein Jahr später promovierte er bei Dr. W. Gerloff an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main zum Dr. rer. pol. In dieser Zeit knüpfte er bereits erste Kontakte zum Institut für Sozialforschung, für das er später in New York tätig war. Seine Dissertation beschäftigte sich mit den Strukturbedingungen des landwirtschaftlichen Sektors in Frankreich und der Agrarpolitik der sozialistischen Partei Frankreichs und trug den Titel „Die Agrarverhältnisse Frankreichs im 19. Jahrhundert und das Agrarprogramm der französischen sozialistischen Partei”. Paul Massing lebte danach eine Zeit lang in Moskau, wo er am dortigen Internationalen Agrarinstitut von 1928 bis 1931 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.

Sein Erlebnisbericht „Schutzhäftling Nr. 880“:

Der folgende Teil der Biographie stützt sich im Wesentlichen auf den von Paul Massing verfassten Erlebnisbericht „Schutzhäftling Nr. 880“, der 1935 unter seinem Pseudonym „Karl Billinger“ erstmals veröffentlicht wurde3.
Martin Knop, Hendrik Krause und Roland Schwarz merken in ihrem Artikel „Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg“ zu Recht an, dass bei der Verwendung von Erlebnisberichten immer auch die politischen und persönlichen Motive der Verfasser in die Forschung einbezogen werden sollten4. „Die Berichte [sind] nicht bloße Dokumente der Erinnerung an das Konzentrationslager Oranienburg [...]. Sie wurden ganz überwiegend von professionellen Autoren verfaßt, denen es im besten Fall gelingen konnte, durch ihr Zeugnis den internationalen Protest und den deutschen Widerstand gegen das Nazi-Regime zu stärken. Gleichzeitig mußten sie darauf bedacht sein, den braunen Machthabern nicht etwa Informationen zu liefern, die bei der weiteren Verfolgung ihrer Gegner nützlich sein konnten5.“
Vor diesem Hintergrund ist auch der Erlebnisbericht von Paul Massing zu bewerten, wenn er als Grundlage für verallgemeinerbare Aussagen über das Leben im KZ Oranienburg verwendet werden soll. Doch auch bei der Verwendung des Berichtes für die biographische Forschung sollten sein politischer Hintergrund sowie seine persönlichen Motive bedacht werden. Massing der kurz nach seiner Haftzeit zunächst in die USA emigrierte, kehrte anschließend nach Nazi-Deutschland zurück, um im Untergrund weiter gegen das NS-Regime aktiven Widerstand zu leisten. Die Vorsicht, die er gegenüber den Machthabern des Regimes walten ließ, wird nicht zuletzt durch die Verwendung von Pseudonymen für seine Mithäftlinge und sich selbst deutlich. An vielen Stellen des Berichtes lassen sich Massings politische Motive gut zwischen den Zeilen herauslesen. Paul Massing war lange Zeit davon überzeugt, dass der russische Kommunismus die einzige Alternative zur NS-Diktatur darstellen würde6. Er folgte daher der Generallinie der kommunistischen Partei7, bis es in den 30er Jahren zu einem Bruch mit dem Kommunismus kam8. Seine antifaschistische und stark von der illegalen Parteiarbeit geprägte kommunistische Einstellung wird insbesondere an den Stellen deutlich, wo er über andere Genossen und die Verantwortung gegenüber der Gruppe und der Partei schreibt9.
Vor dem Hintergrund dieser quellenkritischen Einwände ist der Bericht dennoch dazu geeignet, Massings Erlebnisse während seiner Haftzeit für seine Biographie aufzuarbeiten. Für weiterführende Forschung wäre es sicherlich fruchtbar, seinen Bericht mit anderen Erlebnisberichten zu vergleichen und daraus verallgemeinerungsfähige Thesen zu generieren. Dies wird jedoch nicht Aufgabe dieser Biographie sein10. Ich werde lediglich versuchen, an einigen Stellen, ergänzend zu den Ausführungen von Paul Massing, auf Erkenntnisse der Forschung zum KZ Oranienburg hinzuweisen; insbesondere an den Stellen, wo es mir für das Verständnis seiner Aussagen notwendig erscheint.

Illegale Tätigkeit und Verhaftung:

„Hundertmal hatte ich mir die Szene meiner Verhaftung vorgestellt, und mich gefragt, wie ich sie bestehen würde. Es war ganz einfach. Einen Augenblick nur zuckte es mir vor den Augen, alles sei gar nicht wahr und wirklich11.“

1931 kehrte Paul W. Massing aus Moskau zurück nach Deutschland und lebte fortan in Berlin. Dort war er von 1931 bis zu seiner Verhaftung 1933 als Mitarbeiter der KPD in Berlin gegen das NS-Regime tätig. Aus seinem Erinnerungsbericht „Schutzhäftling Nr. 88012“, den er 1935 unter dem Pseudonym „Karl Billinger“ veröffentlichte, geht hervor, dass er in führender Position an der illegalen Arbeit der KPD gegen das NS-Regime beteiligt war. So gibt Massing u.a. an, dass er kurz vor seiner Verhaftung wichtige Dokumente über die illegale Arbeit der KPD im Zimmerofen verbrannt habe und spricht außerdem über eine „als Milchrechnung chiffrierte Liste von Kursusteilnehmern13“, die sich in der Küche befand. Des Weiteren verfügte er über eine Liste von „180 Kampfbund-Genossen14“, zu denen er Kontakt hielt. Diese Informationen lassen vermuten, dass Paul Massing in leitender Funktion an der illegalen Widerstandsarbeit beteiligt war.

Am 17. Juli 1933 wurde Massing von zwei Gestapo-Beamten in seiner Wohnung in Berlin aufgesucht und verhaftet. Bei der Befragung an seiner Haustür leugnete er, in der Kommunistischen Partei illegal gearbeitet zu haben, woraufhin die Beamten seine gesamte Wohnung durchsuchten:
„Die Bullen durchsuchten zwei Stunden lang die Wohnung, durchschnüffelten die Bibliothek, schraubten die Klosettbrille ab, siebten die Asche des Küchenherdes, leerten Abfalleimer aus und liessen eine Tüte Salz in einen Topf laufen15.“
Sie konnten nichts Auffälliges finden. Paul Massing wurde dennoch verhaftet und per U-Bahn in die Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht, wo sich das Hauptquartier der Gestapo befand16. Er berichtete, auf dem Weg dorthin sei ihm eingefallen, dass er noch eine Adresse von einer Genossin in seiner Uhr versteckt hatte, die er daraufhin herausholte, in kleine Teile riss und verschluckte. In der Prinz-Albrecht-Straße angekommen, musste sich Paul Massing einem ersten Verhör unterziehen, bei dem er jedoch lediglich angab, keine besonderen Funktionen in der Partei gehabt und sich ausschließlich mit theoretischen Fragen beschäftigt zu haben. Nach diesem Verhör wurde er zu den Räumen der SS-Wache geführt und musste dort zusammen mit anderen Verhafteten in einer Reihe warten:
„So standen wir bis abends 7 Uhr, manche seit 4 Uhr nachts, ununterbrochen in ‘strammer Haltung’, Knie durchgedrückt, Hacken zusammen, den Blick stier auf die weisse Kalkwand gerichtet. Um nicht schwindlig zu werden, suchte ich mir einen kleinen schwarzen Punkt aus, an dem sich meine Augen festhalten konnten. Ohne sehen zu können, was hinter uns vorging, erlebten wir so die ersten Erziehungsmassnahmen des Dritten Reiches17.“
Nach dieser Tortur wurde Massing zusammen mit anderen Gefangenen in einen Polizeilastwagen gesperrt und abtransportiert.

Als Schutzhäftling Nr. 880 im Columbia-Haus:

„Niemals hatte ich soviel Qual, Todesangst, Verzweiflung und Leid gesehen. Niemals hätte ich Menschen solcher Scheusslichkeiten fähig gehalten. Es schien kein Ende zu geben. [...] Die primitivsten Rechte des kriminellen Verbrechers waren uns entzogen. Draussen feierte das Neue Deutschland ein Fest nach dem anderen18.“

Die Fahrt der „grünen Minna“, des Polizeilastwagens der Gestapo, endete in unmittelbarer Nähe des Tempelhofer Flugfeldes in der Columbiastrasse. Hier befand sich eine Militärstrafanstalt, die von der SS „zu einem ihrer Folterhäuser“ gemacht worden war19.
Im so genannten „Columbia-Haus“ erlebte Paul Massing gleich zu Beginn sein zweites Verhör, bei dem er unter Schlägen und Tritten den Namen des Leiters seiner politischen Abteilung preisgeben sollte. Nachdem er mehrfach zusammengeschlagen wurde, ließ die SS ihn zunächst gehen. Nach dem Verhör musste er wieder stundenlang in einem Gang warten, bis er zusammen mit den anderen Häftlingen unter Schlägen und Tritten der SS-Wachen als Häftling Nr. 880 in seine Zelle gebracht wurde:
„Die SS benutzte die Gelegenheit wieder, uns zu prügeln. Die hinter uns gehenden traten mit den schweren Stiefeln, so dass wir vorwärts drängten. Die vor uns gehenden schlugen uns mit der Faust und mit Lederpeitschen ins Gesicht20.“
Von nun an sollte Paul Massing für 28 Tage den Demütigungen und Folterungen der SS ausgeliefert sein. Er beschreibt in seinem Erinnerungsbericht zahlreiche Vorfälle, die er entweder mit ansah oder am eigenen Leib erfahren musste. An einem seiner ersten Abende öffnete eine SS-Wache seine Zellentür und trat ein. Paul Massing stand auf, wusste jedoch nicht, dass er beim Öffnen der Zelle sofort Namen und Nummer sowie den Grund seiner Verhaftung zu melden hatte. Daraufhin ließ der SS-Mann Paul Massing im Dauerlauf den Zellengang auf- und ablaufen:
„Ich lief den Flur hinunter. Am Ende des Ganges sass der Schliesser auf dem Fensterbrett. Ich stoppte und wartete auf einen neuen Befehl. Der Schliesser holte aus und schlug mir den schweren Schlüsselbund ins Gesicht: ‘Zurück, marsch, marsch!’ So lief ich zwischen Wache und Schliesser auf und ab, jeder empfing mich mit einem Faustschlag und trat mir beim Umdrehen mit dem Stiefel in den Rücken21.“
Am Nachmittag des vierten Tages wurde er schließlich vor den „Untersuchungsrichter“ geführt, der ihn, nach einigen kurzen Fragen zu seiner politischen Tätigkeit, zu 50 Peitschenhieben „verurteilte“.
„Beim ersten Hieb glaubte ich an die Decke zu fliegen, der ganze Körper krampfte sich zusammen. [...] Dann kam der zweite, der dritte, der vierte Hieb. Nicht schnell, immer in Abstand, so dass ich nicht die Besinnung verlor [...]. Ich hatte nur noch eine brennende Sucht: tot zu sein, nur tot, nur tot, Schluss, Schluss. Mein Körper wurde mir fremd, ich empfand die Hiebe nur noch als dumpfe Detonation in meinem Kopf22.“
In seinem Erinnerungsbericht berichtet Paul Massing an mehreren Stellen über die täglichen Folterungen und beschreibt die Systematik, mit der einzelne SS-Wachen Gefangene misshandelten und quälten:
„Noch qualvoller als die Misshandlungen selbst waren die Ankündigungen neuer Bestialitäten. Ein Bayer in der SS hatte sich ein wahres System daraus gemacht. Wenn er Wache schob, liess er die Kameraden, die er aus irgend einem Grund besonders hasste, vortreten, schätzte sie ein, wie der Metzger ein Stück Vieh auf seine Schlachtfähigkeit, und vermerkte in seinem Notizbuch:
‘Nr. 524 – übermorgen.
Nr. 578 – nächsten Dienstag.
Nr. 619 – heute Nacht.’
‘Eintreten.’
Dann warteten die Gefangenen in der Gewissheit, dass der Bayer seine Drohung wahrmachte [...]. Unerschrockene Arbeiter, tapfere Intellektuelle brachen unter diesem bestialischen Terror zusammen23.“
Neben den vielen Misshandlungen, Tritten, Schlägen und Peitschenhieben berichtet Paul Massing auch von der Solidarität eines ehemaligen Genossen, den er aus der illegalen Arbeit kannte und der nach einigen Tagen in seine Zelle verlegt wurde. In seinem Erinnerungsbericht nennt er ihn „Hans“. „Hans“ half ihm bei allen erdenklichen Dingen, organisierte einen Strohsack und Decken für Paul Massing und erklärte ihm, wie er die Hausordnung einzuhalten habe. Rückblickend schreibt Massing über ihn:
„Ich weiss nicht, was ohne Hans aus mir geworden wäre. Er nahm der Hölle einen Teil ihrer Schrecken, indem er mir ihren Mechanismus erklärte24.“
Paul Massing beschreibt auch, wie selbst noch unter den Bedingungen der Haft im Columbia-Haus Streitigkeiten zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten entstehen konnten. So berichtet er über eine Auseinandersetzung zwischen „Hans“ und einem sozialdemokratischen Zellengenossen, in der es um das Verhalten gegenüber den Nationalsozialisten vor der Machtübernahme ging. „Hans“ und der Sozialdemokrat Richard M. hätten sich minutenlang beschimpft, sich ansonsten angeschwiegen und sich keines Blickes gewürdigt:
„In Feindseligkeit und Hass litten sie in einer Zelle, beide Arbeiter, beide Opfer der faschistischen Henker25.“

Nach 28 Tagen Haft im Columbiahaus wurde Paul Massing mitten in der Nacht aus seiner Zelle geholt und in einem nächtlichen Transport in das Gefängnis Plötzensee gebracht, von wo aus er nach drei Tagen, am 15. August 1933, mit 127 anderen Verhafteten in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht wurde.

Einlieferung in das Konzentrationslager Oranienburg:

„Die SS des Lagers unterschied sich auf den ersten Blick von dem Sturm im Columbia-Haus. [...] Was ihnen aber an Finessen abging, ersetzten sie redlich durch bäuerliche Brutalität26.“

Am Bahnhof von Oranienburg wurde Massing zusammen mit anderen Häftlingen von der SA-Standarte 208 in Empfang genommen und unter strenger Bewachung zum Lager gebracht. Er beschreibt, wie die Gefangenen gleich zu Beginn ihrer Inhaftierung im Innenhof des Lagers von den Wachmannschaften gemustert wurden, die danach schauten, ob sie nicht Häftlinge finden würden, die sie aus früheren politischen oder privaten Streitigkeiten kannten27.
Anschließend musste Massing im Laufschritt über den Hof zur Schreibstube hetzen, wo seine Personalien und Fingerabdrücke aufgenommen wurden. Während des gesamten Prozesses wurde er von den herumstehenden Wachleuten schikaniert. Außerdem wurde sein Gewicht notiert, wozu er in seinem Erinnerungsbericht ironisch bemerkte:
„Es ist mir kein Fall bekannt, dass Häftlinge im Lager diesen offiziellen Ausweisen nach an Gewicht verloren hätten28.“
Während der Abfertigung der anderen Häftlinge lernte Massing auf dem Innenhof zum ersten Mal die „militärischen Geländeübungen“ kennen, bei denen sich die Häftlinge oftmals stundenlang in den Schlamm werfen mussten und auf dem Bauch herumkrochen. Dies alles wurde von Tritten und Schlägen der Wachmannschaften begleitet29.
Nachdem alle Häftlinge die Prozedur in der Schreibstube durchlaufen hatten, wurden sie auf die Schlafsäle verteilt. Paul Massing kam in die achte Kompanie:
„Mein ‘Bett’ bestand aus einem Holzkasten mit Strohsack und einer Decke. Zum ersten Mal seit vier Wochen konnte ich meine stinkende Unterwäsche ausziehen. Draussen tastete ein Scheinwerfer die Gebäude ab. Ich zog mir die Decke über den Kopf und fiel sofort in Schlaf30.“
Paul Massing wurde anfänglich dem Außenkommando „Deich II“ einer Arbeitskolonne zugeteilt. Durch die Hilfe eines befreundeten Genossen, den er während seiner Widerstandstätigkeit kennen gelernt hatte, wurde er in eine andere Kolonne aufgenommen. Fortan arbeitete er zusammen mit seinem befreundeten Genossen in einem Arbeitskommando, das sowohl unter den Häftlingen als auch unter den Wachmannschaften einen besonders guten Ruf hatte und daher besondere Privilegien genoss.
Der Arbeitstag begann von nun an immer mit einem zweistündigen Marsch zur Arbeitsstelle. Massing erwähnt nicht, wozu er genau eingeteilt war, spricht aber davon, dass er körperliche Arbeit zu verrichten hatte, die anfangs ungewohnt für ihn war31.
Nach einer Stunde Arbeit machten die Häftlinge die erste Pause und um 13.00 Uhr die zweite. Sie konnten jeweils eine Stulle mit Schmalz zu sich nehmen. Um 15.30 machten sie sich wieder auf den Marsch zurück ins Lager, wo anschließend der Abendappell stattfand.

Die „Hindenburgspende“:

„Alles ist leichter, wenn die erste Frage gestellt ist. Dann beginnt ein Kampf im Konkreten, in dem der Gummiknüppel nicht mehr allmächtig ist32.“

Drei Wochen nach seiner Einlieferung in das KZ Oranienburg kam Paul Massing zum Verhör in die Polizeiabteilung des Lagers. Die Prozedur eines solchen Verhörs, Paul Massing nannte den Vorgang auch „Hindenburgspende“, musste jeder Lagerinsasse durchlaufen, gleichgültig, ob gegen ihn etwas vorlag oder nicht. Die „Gleichschaltung“ der Häftlinge gehörte mit zu den „Erziehungsmaßnahmen“ des Lagersystems.
Massing musste morgens um 6.30 vor dem Verwaltungsgebäude antreten und bis 6 Uhr abends warten. Das Warten gehörte mit zur Zermürbungstaktik der SA. Nachdem zuvor einige andere Häftlinge verhört und anschließend in den „Bunker“ gebracht wurden, kam Massing nach endlosen Warten an die Reihe. Er konnte sich nicht sicher sein, ob inzwischen etwas gegen ihn vorlag, ob man Dokumente gefunden oder andere Parteimitglieder Aussagen über ihn gemacht hatten.
„ ‘Du hast in der Küstriner Reichswehr Zersetzungsarbeit geleistet!’ Mir fiel ein Stein von der Brust. Die Genossen, mit denen ich zusammengearbeitet hatte, waren nicht hochgegangen oder hatten nicht ausgesagt33.“
Die SA war offensichtlich auf einer falschen Fährte. Massing bestritt die Anschuldigung, woraufhin der mit dem Verhör beauftragte „Offizier“ ihm mit der Faust unter das Kinn schlug. Zwei SA-Männer packten ihn zudem und prügelten mit dem Gummiknüppel auf Kopf, Gesicht und Körper ein. Nachdem sie mit ihm fertig waren, so berichtet Massing, öffneten die beiden SA-Männer die Tür und traten ihn die Treppe hinunter, so dass dieser sich die Knie blutig schlug34. Damit war seine „Gleichschaltung“ beendet. Die Folgen der Misshandlungen bekam Paul Massing noch in der gleichen Nacht zu spüren:
„ In der Nacht schwollen die geschlagenen Körperstellen stark an, unter den Achseln bildeten sich Hautsäcke, und ich hatte kaum noch Kontrolle über die Bein- und Rückennerven35.“
Am nächsten Morgen kümmerten sich seine Genossen um ihn, rieben ihn mit Schmalz von ihren Stullen ein und schleppten ihn mit zur Arbeit.

Die Wahlen im KZ:

„‘Ich weiss’, sagte er, ‘dass die Mehrzahl von Euch anständige Kerle sind, die ehrlich für ein besseres Deutschland gekämpft haben. Aber ihr seid die Opfer von verantwortungslosen Elementen, von Juden und Marxisten. Eure Verführer haben sich schleunigst aus dem Staub gemacht, wie es brenzlich roch. Die Burschen sitzen jetzt im Ausland und spritzen weiter ihr Gift gegen unser Vaterland und unseren Führer. Und Ihr müsst es ausfressen36.‘“
(Ansprache des Lagerkommandanten)

Die Wahlen zum Reichstag waren von den Nationalsozialisten für den 12. November 1933 festgesetzt worden. Massing berichtet, zunächst hätten er und seine Mithäftlinge lange Zeit nicht daran geglaubt, dass sie überhaupt würden wählen dürfen. Erst am 10. November erfuhren sie von einem SA-Mann der Schreibstube, dass Wahlscheine für die Häftlinge angekommen seien37. Am gleichen Abend noch hielt der Lagerkommandant eine politische Ansprache vor den Insassen, in der er probierte, auf sie Einfluss zu nehmen, indem er Parteifunktionäre von SPD und KPD als Verräter der eigenen Sache zu denunzieren versuchte. Die Rede übte auf die meisten Häftlinge jedoch wenig Einfluss aus.
Für die Gefangenen blieb nur noch wenig Zeit, um sich miteinander abzusprechen und ein gemeinsames Vorgehen zu planen. In diesem Zusammenhang nahm Massing am Abend des 11. November an einem Treffen von KPD-Mitgliedern teil, die auf der Latrine zur Beratung zusammen gekommen waren. Die Meinungen der Versammelten gingen auseinander, und es wurde hart darüber diskutiert, ob mit „Ja“ oder mit „Nein“ zu stimmen sei. Die unterschiedlichsten Argumente wurden vorgetragen und kommentiert. Am Ende konnte man sich nicht einig werden und ging ohne Ergebnis auseinander. Paul Massing erwähnt, dass er bei dieser Versammlung für die Fraktion derer gesprochen hätte, die für eine „Nein“-Stimme eintraten38.
Am nächsten Sonntag morgen ließ Scharführer Meisel die Häftlinge weitestgehend in Ruhe, so dass sie sich im Speisesaal versammelten, wo die Aussprache des Vorabends im größeren Kreis fortgesetzt wurde. In diesem Kreis gewannen die „Ja-Stimmer“ schnell an Boden. Wie Massing beschreibt, war es aufgrund der Angst vieler Häftlinge und der Arbeit der „Spitzel“ im Lager für ihn und andere fast unmöglich, ihre Argumente wirksam vorzubringen39.
Von zehn Uhr bis nachmittags um drei fanden die Wahlen in der Schreibstube unter Aufsicht der SA statt. Es wurde kompanieweise und in alphabetische Reihenfolge an einem offen stehenden Tisch gewählt. Am Abend vor dem Schlafengehen bekamen die Häftlinge die Ergebnisse mitgeteilt. Massing berichtet, dass die „Ja“-Stimmen bei weitem überwogen, 13 Prozent hätten mit „Nein“ gestimmt und 22 Prozent leere Zettel abgegeben40.
Als bekannt wurde, dass die Resultate in anderen Konzentrationslagern für die Nazis weitaus günstiger ausfielen, wurde die Stimmung im Lager unangenehmer:
„Die Spitzel denunzierten Genossen, sie hätten mit ‘Nein’ gestimmt und andere in gleichem Sinne beeinflusst. Es wurde viel geschlagen. Die Bunker waren voll41.“

Begnadigung und Entlassung:

„Wir gingen durch die kleine Tür an der SS-Wache vorbei ins Freie. Keiner sah sich um. Keiner sprach ein Wort. Ueber der kleinen Stadt lag noch die Stille der Feiertage. Ein paar dienstfreie SS-Leute von der Lagerwache flanierten durch die Strassen. Am Bahnhof verabschiedeten wir uns. Jeder fuhr seiner Wege42.“

Aus der Zeitung erfuhr Massing, so schreibt er, von einer Gnadenaktion. Fortan habe sich nahezu jede Unterhaltung unter den Häftlingen um die bevorstehende Amnestie gedreht. Gerüchte über die Details der Gnadenaktion machten die Runde und jeder Häftling hoffte darauf, in Kürze entlassen zu werden43.
Zur Enttäuschung der Inhaftierten blieb es jedoch nach der Ankündigung wochenlang still.
Einige Wochen später las Paul Massing in der Zeitung, dass sich die Gnadenaktion auf etwa 5000 Schutzhaftgefangene erstrecken solle und in einigen Lagern die Amnestie bereits begonnen hatte. Massing beschreibt die enorm anwachsende Unruhe unter den Häftlingen in Oranienburg, als dort bekannt geworden sei, dass 46 Entlassungsorders schon seit zwei Wochen in der Lagerverwaltung lagen:
„ [...] die Gefangenen waren über die Willkür der Lagerverwaltung erbitterter, als über die Gesetzlosigkeit der ganzen Schutzhaft. Mit der Schutzhaft musste man sich unter den gegebenen Umständen abfinden, es war überflüssig, ein Wort darüber zu verlieren. Dass aber eine untergeordnete Behörde den Anweisungen des Ministeriums nicht nachkam, erregte die Kumpels bis aufs Blut44.“
Wenigstens durften die Häftlinge Besuch von ihren Frauen und Verwandten empfangen und sich eine halbe Stunde mit ihnen im Speisesaal treffen. Eine Freundin von Paul Massing, die er „Anna“ nennt, gab sich als seine Lebenspartnerin aus und besuchte ihn im Lager. Sie brachte ihm etwas zu Essen, Grüße von seiner Mutter und einen Brief seiner Lebensgefährtin, die sich nach Paris abgesetzt hatte45. Außerdem erzählte sie ihm, dass sie alles Verdächtige aus seiner Wohnung entfernen konnte und sogar seine Möbel gerettet hatte, bevor die Wohnung weitervermietet wurde. Nach einer halben Stunde mussten alle Besucher den Saal verlassen und die Häftlinge gingen zurück in ihre Schlafsäle46.
Paul Massing berichtet, einige Tage später habe der Kommandant alle Häftlinge im Hof antreten lassen. Sein Adjutant verlas die Namen derer, die aufgrund der Gnadenaktion am nächsten Tag entlassen werden sollten. Es waren 58 Namen, darunter auch der von Paul W. Massing.
Am Abend verschenkten viele der entlassenen Häftlinge ihre mitgebrachten Nahrungsmittel und verteilten sie unter denen, die weiterhin im KZ bleiben mussten. Am nächsten Morgen durchlief Paul Massing die übliche Entlassungsprozedur. Er wurde gewogen, „Jeder hatte zugenommen47“, und musste seine Entlassungspapiere unterschreiben. Hierbei verpflichtete er sich, nie wieder gegen die nationalsozialistische Regierung zu arbeiten und jegliche Ansprüche auf Ersatz von Schäden oder Verlusten, die er während der Schutzhaft erlitten hatte, fallen zu lassen. Anschließend verließ er nach fünfmonatiger Haftzeit das Konzentrationslager Oranienburg.

Zurück in Berlin:

„ Eine seltsame Vorstellung, wieder frei zu sein. In meinem Nacken spürte ich immer noch die Augen der SS-Wache und instinktiv nahm ich wieder die Gewohnheit aus der illegalen Zeit an48.“

Nach seiner Entlassung fuhr Paul Massing, wie er in seinem Bericht schreibt, mit dem Zug von Oranienburg nach Berlin, stieg am Bahnhof Friedrichstraße aus und schlenderte durch die Stadt. Nachdem er in einer Arbeiterkneipe eingekehrt war, um seine Sachen abzulegen und ein Bier zu trinken, machte er sich anschließend auf den Weg zur Wohnung von „Georg“ und „Anna“. Beides waren gute Freunde, die er aus der Partei kannte. Bei ihnen konnte er zunächst eine Weile unterkommen. „Anna“ hatte außerdem seinen Haushalt aufgelöst und seine Möbel verkauft. Massing bekam nun die Einnahmen daraus.
Er hatte sich nach seiner Entlassung täglich bei der Polizeibehörde zu melden und ging gleich am nächsten morgen los, um seine Pflicht zu erfüllen und nicht weiter auffällig zu werden49.
Massing berichtet, er habe sich dennoch bereits einen Tag nach seiner Entlassung mit einem alten Bekannten aus der Partei („Hans“) getroffen, um wieder in die illegale Arbeit einzusteigen. Er schreibt außerdem, noch im KZ habe er dem „Schieber“ seiner Kolonne versprochen, ihm bei der Flucht zu helfen. Nun bereitete er, zusammen mit „Hans“, alles Notwendige vor. Befreundete Sozialdemokraten sollten den „Schieber“ an einem vereinbarten Treffpunkt abholen und zu den beiden bringen, die am Bahnhof Alexanderplatz auf ihn warteten50. Wie Paul Massing berichtet, kam nach einigen Stunden der „Schieber“ aus dem Bahnhof und wurde von ihm und „Hans“ in Empfang genommen. Sie hatten ein Auto aufgetrieben, mit dem sie ihn über die Grenze bringen wollten. Die drei fuhren zusammen bis ca. 50 km vor die Grenze und quartierten sich nachts in einem Winterkurort ein. Am anderen Morgen brachten Massing und „Hans“ den „Schieber“ zu einem Skigelände, wo sie sich mit anderen Genossen verabredet hatten. Dort übergaben sie laut Massings Angaben den „Schieber“ an einen Kollegen, der ihn sicher über die Grenze bringen sollte. Am Nachmittag brachen beide gemeinsam Richtung Grenze auf.

Emigration und Wiederaufnahme seiner wissenschaftlichen Laufbahn:

Bereits kurz nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager begann Massing mit der Niederschrift seines autobiographischen Romans „Schutzhäftling 880“, den er 1935 veröffentlichte.
Von neuer Verhaftung bedroht, floh Paul Massing über Paris in die USA, wo er ein Besuchervisum erhielt51. 1936 heiratete er seine erste Ehefrau Hede Gumpertz Eisler (geb. Tune52).
Bald darauf kehrte Paul Massing zeitweilig nach Europa zurück, um weiterhin im Untergrund gegen das NS-Regime aktiv zu sein. Er bemühte sich zunächst nicht um ein Einwanderungsvisum für die USA. In Europa arbeitete Massing zusammen mit seiner Frau Hede im Auftrag der sowjetischen Spionagedienste. Welche Aufgaben er in diesem Zusammenhang genau erfüllte, ist nicht bekannt.
Einige Zeit später kam es zum Bruch Paul Massings mit der KPD. Auslöser waren die „Moskauer Prozesse“ der Jahre 1936-38. Damals wurden hohe russische Parteifunktionäre wegen angeblichen staatsfeindlichen Aktivitäten in öffentlichen Schauprozessen angeklagt und anschließend von der stalinistischen Justiz umgebracht – unter ihnen u.a. Leo Trotzki. Nach dieser Enttäuschung über die „Stalinisierung“ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion emigrierte Massing endgültig in die USA53.

Paul Massing machte es sich von nun an zur Aufgabe, über die Taten des NS-Regimes aufzuklären und publizierte 1939 sein Buch „Hitler is no Fool“, das sich an eine breite US-amerikanische Öffentlichkeit richtete. Hierin belegte er mit Zitaten aus Hitlers „Mein Kampf“, dass der deutsche Diktator kein „Idiot“ war, sondern dass die Bedrohung, die durch seine Regierung entstanden war, ernst zu nehmen sei. Massing wollte somit auf die Gefahr, die von Nazi-Deutschland ausging, aufmerksam machen.
In den ersten zwei Jahren nach seiner Rückkehr in die USA zog Paul Massing sich aufs Land zurück und richtete sich dort in einem alten Bauernhaus in Pennsylvania ein, das er selbst renoviert hatte54. Von dort aus erneuerte er den Kontakt zum ehemaligen Institut für Sozialforschung um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die inzwischen mit großen Teilen des ehemaligen Frankfurter Instituts an der Columbia University Exil gefunden hatten. 1942 ging Paul W. Massing nach New York, um dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institute of Social Research tätig zu sein.

Die Jahre am Institute of Social Research:

Paul Massing arbeitete fortan von 1942 bis 1948 für das Institut in New York. Hier war er im Rahmen des Antisemitismus-Projekts des Instituts beschäftigt und arbeitete an unterschiedlichen Studien und Veröffentlichungen mit. Das Antisemitismus-Projekt wurde vom „American Jewish Commitee“ (AJC) finanziert. Paul Massing war bereits bei den Verhandlungen über die Finanzierung des Projektes dabei, die insbesondere von Franz Neumann in Absprache mit Max Horkheimer geführt wurden. Nach der Bewilligung der Projektgelder arbeitete Massing zusammen mit Friedrich Pollock, Robert MacIver, Leo Löwenthal und Arkadij Gurland an einem der beiden Hauptbereiche des Projektes „The totalitarian type and its political functions55“. Das Antisemitismus-Projekt des Instituts entstand zur gleichen Zeit, in der Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam an der „Dialektik der Aufklärung“ arbeiteten. Angeregt durch die Finanzierung durch das AJC begannen nun auch Horkheimer und Adorno, die Beschäftigung mit Antisemitismus für ihre Arbeiten am Dialektik-Projekt zu nutzen. Viele der in den Studien von Massing und anderen entstandenen Forschungsergebnisse ließen sie als Fragmente in das 5. Kapitel „Elemente des Antisemitismus“ einfließen56. Im Sommer 1943 beteiligte sich Massing an einer von drei Inhaltsanalysen der Reden und Artikel antisemitischer Agitatoren57. Ab Juni 1944 arbeitete er an den Erhebungen und Auswertungen zum „Project on Anti-Semitism and Labor“, in dem es um die Erforschung antisemitischer Einstellungen unter amerikanischen Arbeitern ging. In diesem Zusammenhang lernte Massing auch seine zweite Ehefrau Herta Herzog-Massing kennen, die er 1954 heiratete. Während seiner weiteren Tätigkeit für das Institut arbeitete Massing an verschiedenen Teilprojekten über Antisemitismus58.
Im Zusammenhang mit seinen Untersuchungen lernte Massing auch Gerhart Seger kennen, der von Horkheimer und Adorno eingeladen worden war, an der Studie über Antisemitismus in der Arbeiterschaft mitzuwirken. Horkheimer veranlasste Paul Massing, mit Seger Kontakt aufzunehmen59.
Das Verhältnis Massings zu den beiden Hauptprotagonisten des Instituts Theodor W. Adorno und Max Horkheimer war recht unterschiedlich. Während er mit Adorno ein sehr freundschaftliches Verhältnis pflegte und sich auch über Privatangelegenheiten mit ihm austauschte, war die Beziehung zu Horkheimer weitaus distanzierter und meist auf berufliche Themen beschränkt.
Massings Hauptwerk, das aus seiner jahrelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Antisemitismusforschung hervorging, erschien 1949 als einer der Bände der „Studies in Prejudice“ des Instituts für Sozialforschung unter dem Titel „Rehearsal for Destruction. A Study of Political Anti-Semitism in Imperial Germany“. Es handelte sich um eine Studie über die Vorgeschichte des politischen Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich. 1959 erschien das Buch unter dem Titel „Vorgeschichte des Politischen Antisemitismus“ mit einem Vorwort von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in deutscher Sprache. Insbesondere Adorno war von der Beweiskraft und Bedeutung des Buches überaus überzeugt. So schrieb er 1960 an Massing:
„Lieber Paul,
ich habe das Bedürfnis, Dir zu dem offenbar außerordentlich großen Erfolg Deines Buches zu gratulieren. Wir gaben ja sonst auf Erfolg nichts; aber in dieser Situation will es doch etwas besagen, weil es sich dabei nicht rein um die geistige Leistung handelt, die einer Bestätigung weiß Gott nicht bedarf, sondern um den Beweis dessen, daß die Sache ihre Funktion erfüllt, von deren Wichtigkeit wir uns, als wir zur deutschen Publikation uns entschlossen, noch keine Vorstellung machen konnten60.“

Seine Zeit an der Rutgers University und die späte Rückkehr nach Deutschland:

Zur Zeit der Veröffentlichung seiner Studie in den USA war Paul Massing bereits einer Berufung an die Rutgers University in New Jersey gefolgt, wo er von 1948 bis 1967 politische Soziologie lehrte. Seine Kontakte zum Institut für Sozialforschung hielt er in diesen Jahren weiterhin aufrecht, wie seine zahlreichen Briefwechsel mit Horkheimer, Adorno und anderen Institutsmitarbeitern belegen. Eines seiner größeren Forschungsprojekte in dieser Zeit war eine Arbeit über Reaktionen auf die amerikanische Radiosendung „Voice of America“, die von den Amerikanern in den sowjetischen Gebieten zu Propagandazwecken während des Kalten Krieges ausgestrahlt wurde61.
In diesen Jahren litt Massing bereits unter den Auswirkungen seiner Parkinson-Erkrankung, die ihn schwer belastete. Im Jahr seiner Emeritierung wurde er von den Studenten der Universität zum „Mann des Jahres“ gewählt und erhielt hierfür eine Auszeichnung.

1971 kehrte Paul Massing zusammen mit seiner zweiten Ehefrau in das elterliche Haus nach Grumbach in der Pfalz zurück, wo er seine letzten Jahre verbrachte, die stark von seiner Erkrankung geprägt waren. Dort arbeitete er an einer Studie zur Sozialstruktur seines Heimatortes, die er jedoch nicht mehr fertig stellen konnte62.

Schwer erkrankt kam er 1977 für mehrere Monate ins Krankenhaus in Meisenheim und von dort aus 1978 in ein Altersheim nach Tübingen. Am 30. April 1979 verstarb Paul W. Massing an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung und wurde anschließend auf dem Friedhof seines Heimatortes Grumbach beigesetzt63.

1 Vgl. Paul, Roland: Der Soziologe Paul W. Massing aus Grumbach (1902-1979), in: Westrichkalender Kusel 1995, S. 103 f.  

2 Vgl. Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften, Band 18, Briefwechsel 1949-1973, Frankfurt am Main 1987, S. 976.  

3 Vgl. Billinger, Karl: Schutzhäftling Nr. 880. Aus einem deutschen Konzentrationslager, Reprint der Originalausgabe von 1935, München 1978. 

4 Vgl. Knop, Martin/Krause, Hendrik/Schwarz, Roland: Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, in: Morsch, Günter (Hrsg.), Konzentrationslager Oranienburg, Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Nr. 3, Oranienburg 1994, S. 47-66, hier: S. 57. 

5 Ebd. 

6 Vgl. Herzog- Massing, Herta: Zur Biographie des Autors, in: Massing, Paul W.: Vorgeschichte des Politischen Antisemitismus, Frankfurt am Main 1986, S. 227. 

7 Vgl. hierzu auch die Einschätzungen in: Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte – Theoretische Entwicklung – Politische Bedeutung, München 2001, 6. Auflage, S. 47. 

8 Gegenüber Max Horkheimer äußerte Massing 1956 sogar, dass er sich für seine kommunistische Vergangenheit schäme. Vgl. hierzu den Briefwechsel zwischen Max Horkheimer und Margot von Mendelssohn vom 25.11.1956 in: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Band 18, Briefwechsel 1949-1973, Frankfurt am Main 1987, S. 371.  

9 Vgl. etwa Billinger: Schutzhäftling Nr. 880, S. 12: „Nur der Gedanke an die Liste von 180 Kampfbund-Genossen in meiner Wohnung lag mir schwer auf dem Herzen.“ oder ebd., S. 29: „Was mich in diesen Stunden vom Selbstmord abhielt, war weder Mut noch Feigheit, weder der Gedanke an meine Frau noch an meine Mutter. Es war das Bewusstsein, dass in denselben Mauern fünfhundert Genossen das gleiche Schicksal mit mir teilten, es war das Gefühl der Verbundenheit mit den treuen Parteiarbeitern.“ 

10 Ansätze hierzu, die jedoch die Biographie Massings unberücksichtigt lassen, finden sich z.B. bei: Knop/Krause/Schwarz: Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg. 

11 Billinger: Schutzhäftling Nr. 880, S. 10. 

12 Billinger: Schutzhäftling Nr. 880. 

13 Ebd., S. 11. 

14 Ebd., S. 12. 

15 Ebd., S. 10 f. 

16 In seinem Erinnerungsbericht schreibt Massing, dass man ihn in die Prinz-Albrecht-Straße 18 gebracht hätte. Er schreibt jedoch auch, dass es das Geheime-Staatspolizei-Amt gewesen sei, was vermuten lässt, dass er die Hausnummer falsch angegeben hat. Vgl. ebd., S. 11. 

17 Ebd., S. 17.  

18 Ebd., S. 39. 

19 Ebd., S. 18. 

20 Ebd., S. 19. 

21 Ebd., S. 25. 

22 Ebd., S. 29. 

23 Ebd., S. 38. 

24 Ebd., S. 39. 

25 Ebd., S. 36. 

26 Ebd., S. 46. Paul Massing spricht in seinem gesamten Erinnerungsbericht von der SS und SS-Wachen. Zur Zeit seiner Schutzhaft wurde das KZ Oranienburg jedoch von der SA geführt. Erst im Juli 1934 wurde die SA von den SS-Truppen Heinrich Himmlers entwaffnet, die daraufhin die Kontrolle über das Konzentrationslager ausübten. Ich werde daher in meinen eigenen Ausführungen von der SA sprechen.  

27 Vgl. ebd. 

28 Ebd. S. 48. 

29 Vgl. ebd. 

30 Ebd., S. 49. 

31 Vgl. ebd., S. 59. 

32 Ebd., S. 97. 

33 Ebd., S. 97f. 

34 Vgl. ebd., S. 98f. 

35 Ebd., S. 99. 

36 Ebd., S. 145. 

37 Vgl. ebd. 

38 Vgl. ebd., S. 150. 

39 Vgl. ebd., S. 151. 

40 Klaus Drobisch spricht in seinem Artikel davon, dass von 450 zur Wahl zugelassenen Häftlingen 390 mit „Ja“ gestimmt hätten. Vgl. Drobisch, Klaus: Oranienburg – eines der ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager, in: Morsch, Günter (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg, Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Nr. 3, Oranienburg 1994, S. 13-22, hier: S. 19. 

41 Billinger: Schutzhäftling Nr. 880, S. 152. 

42 Ebd., S. 176. 

43 Vgl. ebd., S. 153. 

44 Ebd., S. 166. 

45 Vgl. ebd., S. 168. 

46 Vgl. ebd., S. 168ff. 

47 Ebd., S. 175. 

48 Ebd. S. 177. 

49 Vgl. ebd., S. 177ff. 

50 Der „Schieber“ war der von den Häftlingen einvernehmlich akzeptierte Vertrauensmann einer Arbeitskolonne. Dieser konnte, wenn er geschickt genug war, mit den Wachen besondere Bedingungen und Konditionen verhandeln.  

51 Vgl. Herzog-Massing, Herta: Zur Biographie des Autors, S. 227. 

52 Vgl. Horkheimer: Briefwechsel 1949-1973, S. 976. 

53 Vgl. Herzog-Massing, Herta: Zur Biographie des Autors, S. 227. 

54 Vgl. ebd. 

55 Vgl. Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule, S. 397. 

56 Vgl. ebd. 

57 Vgl. ebd., S. 399. 

58 Vgl. ebd., S. 422. 

59 Vgl. Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften, Band 17, Briefwechsel 1941-1948, Frankfurt am Main 1987, S. 562. 

60 Vgl. Brief vom 3.3.1960, Walter Benjamin Archiv, Sign. 983/16.  

61 Vgl. Herzog-Massing, Herta: Zur Biographie des Autors, S. 227. 

62 Vgl. ebd. 

63 Vgl. ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Viertes Kind des Katasterkontrolleurs Wilhelm Ludwig Massing und seiner Frau Clara, geb. Fischer; Grumbach (Pfalz)

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1923: Abschluss am Realgymnasium; 1923/24: Lehre in einer Fabrik; 1926: Abschluss als Diplom-Kaufmann an der Handelshochschule in Frankfurt am Main; 1928: Promotion zum Dr. rer. pol. in Frankfurter; 1928-31: Mitarbeiter am Internationalen Agrarinstitut in Moskau; 1942-48: Wissenschaftl. Mitarbeiter am „Institute of Social Research“ in New York; ab 1948: Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Rutgers University in New Jersey

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: Widerstandstätigkeit für die illegale KPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 17. Juni 1933 – 12. August 1933: KZ Columbia-Haus; 12. August 1933 – 15. August 1933: Gefängnis Plötzensee; 15. August 1933 – 27. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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