Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

„Am Sonnabend vor der Wahl: Deutsche Volksgenossen!, am Montag nach der Wahl: Ihr Schweine . . .”

„Niemand schreibt Euch vor, wie ihr abstimmen sollt. Ihr habt eben morgen Gelegenheit zu zeigen ob Ihr die Konzentrationslager noch nötig habt oder nicht.“

Bei den Reichstagswahlen am 12. November 1933 gaben auch die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg ihre Stimme ab. Wie in anderen Lagern, so war der Anteil an Ja-Stimmen auch hier auffällig hoch ( von 368 Stimmen waren allein 338 Ja-Stimmen). Zwar warteten am Wahltag Wahlkabinen und -urnen auf die Wähler im Lager, doch wurde großer Druck auf die Häftlinge ausgeübt, mit „Ja“ zu stimmen. Im Hintergrund stand die Drohung, mit der falschen Wahl den eigenen Aufenthalt zu verlängern. Ein Wahlergebnis mit besonders hohem Anteil an Ja-Stimmen schien den Häftlingen eine Möglichkeit zu sein, Hinweise auf die realen Umstände ihrer Wahl geben zu können. Für Seger zeigte sich die wahre Wahlfreiheit an zwei Ansprachen, welche Sturmbannführer Maue vor den Häftlingen in der Blumberger Zweigstelle des Konzentrationslagers Oranienburg vor und nach den Wahlen hielt. Sprach er seine Zuhörer noch vor der Wahl als „Deutsche Volksgenossen“ an, redete er sie zwei Tage später dann mit „Ihr Schweine“ an, da man in Blumberg eine geringfügig niedrigere Zustimmungsrate als im Konzentrationslager erzielt hatte.

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* Mit dankenswerter Genehmigung durch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entnommen aus: Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945, CD-ROM, Systema 2004.