Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
16. November 1912 – 7. September 1943

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Personenbeschreibung Kurt Gersing des KZ Oranienburg (Quelle: BLHA)

Personenbeschreibung Kurt Gersing des KZ Oranienburg (Quelle: BLHA)

Der Berliner Arbeiter Kurt Gersing wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft im KJVD 1933 verhaftet und unter anderem im KZ Oranienburg inhaftiert. Nach seiner Freilassung wurde er in den Jahren 1936 sowie 1941 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt. Obschon er bei der zweiten Anklage aufgrund eines Justizirrtums freigelassen wurde, musste Gersing eine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager erleiden und wurde schließlich im September 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Von Elisa Zenck

Kurt Karl Gersing wurde am 16. November 1912 als einziges Kind des Berliner Ehepaares Paul und Anna Gersing geboren. Über seine Jugendzeit ist nur wenig bekannt. Kurt Gersing, der seinen Lebensunterhalt als Arbeiter verdiente, trat 1929 dem KJVD bei. Im Juli 1932 wurde er unter anderem wegen „gemeinschaftlicher Sachbeschädigung“ sowie „schweren Landfriedensbruchs mit gefährlicher Körperverletzung“ zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, jedoch durch Amnestie frühzeitig entlassen1. Am 2. August 1933 wurde er, damals wohnhaft in Berlin-Schöneberg, Merseburgerstr. 64, erneut inhaftiert – wo Gersing in dieser Zeit seine Haft verbüßte, ist nicht bekannt – und am 11. Januar 1934 in das KZ Oranienburg eingeliefert2. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 2553. Im April desselben Jahres wurde er mit anderen Gefangenen an das Oranienburger Außenkommando Elisenau bei Blumberg überstellt, am 14. Juli nach dem KZ Lichtenburg „entlassen3.”

Vermutlich Mitte November 1934 kam Kurt Gersing vorübergehend frei. In Berlin nahm er erneut Kontakt zu illegalen Gruppen auf, wurde jedoch durch einen Haftbefehl des Amtsgerichtes vom 14. Dezember 1934 in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit gesperrt4. Er wurde wieder freigelassen und war erneut im politischen Untergrund aktiv. Gegen ihn und die anderen Mitglieder seiner Gruppe, Alfred Grün, Paul Dumont, Otto Moritz (den Gersing im KZ Oranienburg kennen gelernt hatte), Erwin Nöldner und Heinz Radünz wurde am 6. März 1936 durch das Berliner Kammergericht Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ erhoben. Gersing wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt5. Wo er diese verbüßte, ist nicht bekannt, wohl aber dass er am 20. Juni 1939 entlassen wurde6.

Nach seiner Freilassung gelang es dem jungen Kommunisten Kontakt zu einer Gruppe von älteren Mitgliedern der KPD, unter anderem Herbert Bochow und Afred Schmidt-Sas, aufzunehmen. Sie brachten das Flugblatt „Das freie Wort“ heraus. Anfang 1941 stellten sie die Produktion aufgrund der zunehmenden Gefahr ein. Dennoch wurde Kurt Gersing, nunmehr wohnhaft in der Manteuffelstr. 72 in Berlin-Kreuzberg, am 26. August 1941 erneut festgenommen7. Auch gegen die anderen Mitglieder wurden Haftbefehle erlassen. Bernhard Sikorski und Hans Günther gelang es, dem Gericht glaubhaft zu vermitteln, Gersing sei nicht in der Gruppe aktiv gewesen. Das Gericht hielt fest: „Zu einer Zusammenarbeit ist es jedoch nicht gekommen, da sich kein gegenseitiges Vertrauensverhältnis bildete8.“ So wurde der Haftbefehl gegen Gersing am 20. September 1941 aufgehoben und jener „mangels dringenden Tatverdachts“ entlassen9. Gegen die Anderen wurde vom Volksgerichtshof am 26. Mai 1942 Anklage erhoben, alle wurden zum Tode verurteilt10.

Kurt Gersing wurde nach seiner „Freilassung“ im KZ Mauthausen inhaftiert. Mit Bekanntwerden seiner wichtigen Rolle in der Gruppe um Sikorski etc. wurde am 12. Juni 1942 erneut Haftbefehl gegen ihn erhoben. Da er für transportunfähig erklärt wurde, blieb er jedoch zunächst in Mauthausen und wurde am 9. November 1942 in das KZ Dachau eingeliefert. Von dort wurde er im Mai 1943 zur Verurteilung wegen erneuter „Vorbereitung zum Hochverrat“ nach Berlin transportiert. Der 30-jährige Kurt Gersing erhielt sein Todesurteil am 23. Juli 194311, das am 7. September desselben Jahres in Plötzensee vollstreckt wurde12. Eine Gedenktafel im Kreuzberger Rathaus in der Yorckstr.10/11 erinnert an seinen Mut und sein Leid.

1 Vgl. BArch, NJ 5660, S. 10 (Anklageschrift gegen Alfred Grün u.a.). 

2 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/2, Bl. 33.  

3 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/8 Bl. 699. 

4 Vgl. BArch, NJ 5660, Bl. 4, S. 2. 

5 Vgl. ebd., Bl. 7, S. 2. 

6 Vgl. Jahnke, Karl-Heinz: Jugend im Widerstand. 1933-1945, Frankfurt/Main 1985, S. 78. 

7 Vgl. ebd., S. 78 f. 

8 BArch, NJ 1705, Band 1, S. 20 (Anklageschrift gegen Hans Günther u.a.). 

9 BArch, NJ 1705 Band 2, Bl. 35 S. 2 sowie Bl. 42 (Strafsache des Amtsgerichts Berlin). 

10 Vgl. Jahnke: Jugend im Widerstand, S. 79. 

11 Vgl. ebd. 

12 Vgl. BArch, Mordregister II, 2558/43. 

Soziale/Regionale Herkunft: Vater: Paul Gersing; Mutter: Anna, geb. Kaiser; Letzter Wohnort vor Verhaftung: Merseburgerstr. 64, Berlin-Schöneberg (1933); Manteuffelstr. 72, Berlin-Kreuzberg (1941)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Arbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine Angaben

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1929 Mitglied des KJVD (Literatur-Obmann)

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: ab 1933 illegale KJVD-Gruppe Görlitzer Str. um Alfred Grün und Paul Dumont; deren Verbindungsmann zur „Roten Jungfront“; 1941 illegale Gruppe um Bernhard Sikorski

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Gefängnis: Juli 1932 - ?; KZ Oranienburg: 11. Januar 1934 – April 1934; Außenkommando Elisenau bei Blumberg: April 1934 – 14. Juli 1934; KZ Lichtenburg: 14. Juli 1934 – November 1934; Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit: 14. Dezember 1934 - ?; Zuchthaus: ? - 20. Juni 1939; KZ Mauthausen: Juni 1942; KZ Dachau: ? - Mai 1943

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Gedenktafel im Rathaus Berlin-Kreuzberg, Yorckstr. 10/11

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